Jacksonville Jaguars in der Sezierstunde

Die womöglich größte Enttäuschung der Saison 2016 – die Jacksonville Jaguars, die mit hohen Erwartungen auf den Durchbruch gestartet waren und bei 3-13 wie ein zahnloses Kätzchen geendet sind.

Nach der Saison wurde trotz der Entlassung von Headcoach Gus Bradley kein völliger Umbruch durchgezogen. Die offensichtlichste Neuerung ist die Installation von Tom Coughlin als Team-Direktor. Coughlin, der mittlerweile über 70-jährige Superbowl-Coach der New York Giants, ist in Jacksonville kein Unbekannter: Er war der erste Headcoach der Jaguars, als diese Mitte der 1990er Jahre als Expansion-Team für Furore sorgten.

Coughlin übernimmt eine Bizarro-Position im Front Office, da er dem GM Dave Caldwell quasi gleich- oder sogar überstellt ist und die große Strategie vorgibt. Ist das so schlecht? Mit Caldwell habe ich ohnehin meine Probleme. Es heißt zwar immer wieder, dass die Jaguars unter Caldwell eine „analytics Organisation“ sind, aber entweder ist das gelogen oder die Analytiker versagen seit Jahren komplett – oder Caldwell hört ihnen schlicht nicht zu. Fakt: Kaum ein Team agiert instinktiver und weniger analytisch als die Jaguars, wenn es um Teammanagement geht.

Zweite Neuerung: Als Headcoach wurde die interne Lösung mit Doug Marrone durchgezogen. Marrone war letztes Jahr Assistenz-Headcoach. Er galt vor wenigen Jahren noch als heißer Scheiß, ehe er überraschend seinen Cheftrainersessel in Buffalo kündigte, in der Hoffnung, eine bessere Stelle in der NFL zu finden. Er bekam keine. Vielmehr galt er seither als Raffzahn. Wenn man sich aber anschaut, wie in Buffalo gemanagt wird, kann man recht schnell viel mehr Verständnis für Marrones Denkensweise vorbringen.

Marrone stellte seinen Trainerstab nur ganz dezent um, feuerte DefCoord Bob Babich. Der neue DefCoord ist eine interne Lösung: Todd Wash. Auf der Offense-Seite durfte Nate Hackett die Coordinator-Position behalten. Die wichtigste Neuerung ist die Einstellung von QB-Coach Scott Milanovich, der in den letzten Jahren in der Canadian Football League unterwegs war, aber seit dem überraschenden Titelgewinn mit Toronto vor vier Jahren nicht mehr viel aufgesteckt hat. Milanovich wird vielleicht die entscheidende Aufgabe für die mittelfristige Zukunft der Jaguars zuteil: Bieg QB Blake Bortles zurecht.

Quarterback

Bortles geht in sein viertes NFL-Jahr. 2014 war er überraschend von Caldwell mit einem hohen Draftpick einberufen worden. 2015 schien er einen Durchbruch geschafft zu haben, als er 35 Touchdowns fabrizierte, aber ich war nicht allein, als ich auf die vielen Garbage-Time TD-Pässe bei Bortles hinwies. 2016 der Rückfall in schlimmste Zeiten, mit vielen verdrehten Pässen und einer Orgie an Pick-Sixes.

Einige sagen, dass Bortles irreparabel geschädigt ist und sofort ausgetauscht gehört. Coughlin denkt anders: Er zog bei Bortles die „5th Year Option“, die ihn über 2017 hinaus in Jacksonville hält. Die Mannschaft ist also erstmal an Bortles gebunden. Was neben der klammen Hoffnung auf eine Verbesserung beim Quarterback bleibt, ist die Investition in etliche Positionen abseits des QB.

Offense

Via Draft holten sich die Jaguars mit dem #4-Pick den RB Leonard Fournette, der das Laufspiel auf ein neues Level heben soll. Meine Probleme mit Fournette habe ich schon in den letzten Tagen dokumentiert. Ich halte Runningback nicht für die richtige Position um in der Offense einen Umbau zu beginnen, aber spielen wir mal Teufels Advokat: Was hätten die Jaguars auch anderes machen sollen? Schon wieder nach drei Jahren einen QB ziehen? Einen weiteren Wide Receiver? Offense Line in einem anerkannt schlechten Jahrgang? Noch mehr Pass Rusher?

Safety wäre eine Option gewesen, doch dazu kommen wir gleich. So wurde es Fournette. Er muss nun hinter einer eher mauen Offensive Line agieren. Diese wurde personell in der Offseason ziemlich heftig umgebaut:

  • Abgänge: OT Luke Joeckel nach Seattle, OT Kelvin Beachum nach New York
  • Zugänge: OT Branden Albert aus Miami, OT/OG Cam Robinson via Draft, OT/OG Watford aus Arizona

Joeckels Abgang gilt nicht wirklich als Schwächung. Das Problem: Sein angedachter Ersatzmann Albert, der via Trade aus Miami kommt, denkt momentan nicht darüber nach, unter seinem aktuellen Vertrag für Jacksonville aufzulaufen. Der via Draft geholte Robinson ist für viele eher ein rechter Tackle als ein linker. Und so wirklich sexy liest sich eine Line Albert/Robinson – Omameh/Poutasi – Linder – Cann – Parnell/Robinson nicht.

Bei den Passfängern gibt es kaum Änderungen. TE Julius Thomas wurde nach Miami verkauft, während man bei Allen Robinson nach einem schwachen Jahr 2016 hofft, dass er seinen Groove von 2015 wiederfinden kann.

Defense

Die Defense soll wie schon in der Vergangenheit im 4-3 Modus agieren, aber dezent anders gepolt als noch unter Bradley. Wichtigstes Indiz dafür ist die Verpflichtung von Calais Campbell aus Arizona. Campbell ist eine Kombination aus DE und DT, hat in Arizona aber eher 3-4 Defense gespielt. Er soll in der Stammformation in Jacksonville vor allem den Part des Ends übernehmen und dann in klaren Pass-Situationen nach innen auf DT wechseln.

Jacksonville hat damit in der Stammformation mit NT Abry Jones, DT Malik Jackson, Rookie-DT Dawuane Smoot (3te Runde) sowie DT Sheldon Day und DT Goodman eine potenziell sehr tiefe Rotation. An den Flanken kann man aus dem Trio Campbell, Dante Fowler (#3 overall Pick 2015) und Yannick Ngakoue (Top-Rookie 2016) greifen. In 3rd Downs wechselt Campbell dann nach innen. Diese Besetzung ist durchaus hochwertig, auch wenn der mittlerweile 30-jährige Campbell vielleicht nicht die Idealbesetzung für die Stellenausschreibung des 4-3 Defensive Ends ist.

Auf Linebacker hat man sich überhaupt nicht bewegt. Hier hofft man, dass Paul Poluszny seine Form halten kann und dass der junge LB Myles Jack in der Lage sein wird, in 3rd Downs als „Weakside Linebacker“ auf dem Feld zu bleiben, dann sollten die Jaguars diesbezüglich übern Berg sein.

Im Defensive Backfield hat man FS Jonathan Cyprien ziehen gelassen und ihn durch Barry Church ersetzt. Damit hat man nun ein heterogenes Safety-Pärchen mit dem Coverage-lastigen Tashaun Gipson und dem sehr guten Run-Defender Church, der anders als Cyprien (dem ich übrigens sehr gerne zuschaute) weit tiefer als nur als Box-Safety eingesetzt werden kann.

Die viel wichtigere personelle Änderung aber ist der Einkauf von CB A.J. Bouye aus Houston. Bouye hatte seine Breakout-Saison 2016 und diese nunmal gleich in einen heftigen Free-Agent Vertrag umgemünzt. Nun schreiben alle, dass das CB-Duo Ramsey (der eine superbe Rookiesaison gespielt hat) und Bouye vielleicht das beste Manndecker-Duo in der Liga sei. Ich wäre da vorsichtig, denn nur allzu gefährlich ist bei Bouye das Phänomen „Regression zur Mitte“.

Ausblick

Aber sonst stimmt schon: Die Moves sehen auf dem Papier sinnvoll aus. Das mit dem „Papier“ hatten wir leider auch schon in den letzten Jahren, und da ist nicht viel weitergegangen. Seit Jack Del Rio die Jaguars nach der 2011er Saison verlassen musste, haben die Jaguars in fünf Jahren eine fassungslos schlechte 17-63 Bilanz hingeknallt. Das ist eine 21% Siegquote. Zum Vergleich: Die Detroit Lions haben in den Millen-Jahren eine 24%-Siegquote eingefahren, und dabei habe ich Millen die kompletten 16 Niederlagen der 2008er Saison angeschrieben. So schlecht war Jacksonville in den letzten Jahren.

(Man könnte in dem Zug auch einmal darüber nachdenken, ob Jack Del Rio nicht ein viel besserer Coach war & ist als wir immer gedacht haben)

Anyhow: Ähnlich wie bei den Edmonton Oilers in der NHL sind die Jaguars mit ihrem nicht enden wollenden Strom an hohen Draftpicks eines dieser Teams, bei denen der Knoten gefühlt früher oder später platzen „muss“. Bei so vielen Top-Picks und so viel Cap-Space kannst du gar nicht so häufig daneben liegen – möchte man meinen. Aber: 2011 Gabbert, 2012 Blackmon, 2013 Joeckel, 2014 Bortles, 2015 Fowler, 2016 Ramsey – in dieser Liste sind mehr 1st Round Flops als Glücksgriffe, und da haben wir auch schon den Hauptgrund für die langjährige Misere gefunden.

2017 wirkt wie ein Jahr der letzten Chance für GM Caldwell und vielleicht auch schon Marrone, der aktuell wie eine Übergangslösung aussieht. Aus diesem Spielerpool muss selbst dann, wenn sich Bortles nicht mehr entwickeln sollte, mehr rausgeholt werden als 3-13. Es muss selbst mit einem schlechten Bortles nahe an 8-8 sein.

Aber vielleicht biegen sie Bortles ja wider Erwarten doch noch zurecht, und Jacksonville, das letztes Jahr 2-8 in engen Spielen war mit der Pythagoreischen Erwartung eines 6-10 Teams, wird 2017 die große Überraschung und erreicht endlich mal wieder die Playoffs.

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13 Kommentare zu “Jacksonville Jaguars in der Sezierstunde

  1. Guter Beitrag über die Jaguar.

    Marrone habe ich bisschen verfolgt, weil er bei der Frankfurt Galaxy und New Orleans Saints Trainer war und wäre er nicht wieder HC geworden, hätten ihn die Saints gerne wieder genommen.
    Er hatte sich damals für Buffalo entschieden, weil hier die Struktur Ownership und GM für ihn passte. Das hat sich ja durch den Verkauf geändert und er hat logischerweise gekündigt. In meinen Augen ist sehr konsequent und nicht nur monetär bedingt. Ich kann mich aber auch täuschen.
    Del Rio gestand ein, dass er bei den Jaguars noch zusehr Trainerkumpel sein wollte und dabei nicht das Optimum rausgeholt hat. In Oakland ist er vielmehr HeadCoach.

  2. Ich weiß nicht ob ein über 70jähriger coughlin wirklich eine gute Entscheidung ist.

  3. Das Alter würde mir keine Sorgen machen, das ungeklärte Machtverhältnis zwischen ihm und Caldwell schon eher.
    Das kann eigentlich nicht funktionieren.

  4. Ich persönlich hatte mir auch viel mehr erhofft von den Jaguars im letzten Jahr. Wie Korsakoff sagt, liest sich das Jahr für Jahr auf dem Papier nicht schlecht, wird aber dann doch nicht so gut. Anmerkung zur Jags Defense: Da wurde LB Telvin Smith vergessen, der 2016 auf der Player’s Top100 Liste war und mir persönlich sehr gut gefällt.

    Noch meine Meinung zum Jags Draft: Wenn an #4 ein Safety auf dem Tablett liegt, der als einer der besten und komplettesten Safeties der letzten Jahre angepriesen wird, dann hole ich mir doch so ein Talent. Zumal man heutzutage immer öfter 5 DBs auf dem Feld stehen hat und hinter Ramsay, Gibson, Church und Bouye wird’s schon wieder dünn. Aus dieser Sichtweise wäre Jamal Adams ein richtig geiler Fit gewesen, wenn man dann Big Nickel spielen kann mit ihm, Church und Gipson (als tiefen Safety). Nur meine Meinung hier…
    – In einer Liga, in der die Running Back Position personell austauschbar erscheint („Jonas Gray Effekt“) und man mit Chris Ivory schon einen „big back“ im Roster hat, kann ich den Fournette-Pick dann einfach nicht nachvollziehen.

  5. An sich ein guter Beitrag. Aber man muss auch die spezielle Ausgangslage der Jaguars sehen und dann macht 4nette an 4 Stelle der Draft Sinn. Der Druck der auf Bortles lasstet war nicht okay. Das Laufspiel war so grottenschlecht das man ständig 3rd Down and 7 der mehr hatte. Das ist für keine QB der NFL einfach.

    Das du Cyprien gern zugesehen hast, kann nur daran liegen das du für Indianapolis, Tennessee oder Houston sein musst ;-). Cyprien wurde fast von jedem Gegner als Schwachstelle ausgemacht. Der war weder Fisch noch Fleisch was die Laufverteidigung und auch die Passverteidigung anbelangt. Ich bin froh das der jetzt woanders spielt…

    Ich glaube die Jaguar werden nicht mehr als eine 6-10 Bilanz erzielen können. Der Grund ist für mich klar: die O-Line. Die ist grottenschlecht. Eine der schlechteste der NFL. 4nette ist ein genialer RB wird es aber dadurch nicht leicht haben. Für Bortles der wirklich einige ungenaue Pässe und schlechte Entscheidung trifft, wird es auch nicht einfacher hinter einer so schwachen O-Line. Hinter dieser O-Line hätte sogar GOAT Brady Probleme gut auszusehen…

    Die Defense ist eine der Top 5 in der NFL. Myles Jack wird übrigens durchgehend als MLB, das wurde ganz klar kommuniziert.

  6. hallo wie sieht es mit der Berichterstattung für die neue season,also TV Übertragungen.

  7. Vor einigen Tagen deutete Korsakoff auf Twitter an dass es weitergehen soll. Aber die lange Ruhe macht mir langsam Sorgen…

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