Los Angeles Rams 2017: Sleeper?

Die Los Angeles Rams beendeten die Saison 2016 mit 4-12 Record, aber das war nur die halbe Geschichte. #32 nach Power Ranking, #30 nach DVOA, #32 nach Pythagorean, #31 nach SRS, #32 nach ESPN FPI. Die schlechteste Offense der Liga, die neuntmeisten kassierten Punkte in der Defense.

Trotzdem gibt es Anzeichen dafür, dass die Rams als ein dark horse in die neue Saison 2017 gehen könnten.


Das wichtigste davon: Der neue Defensive Coordinator ist Wade Phillips. Phillips, ein eigenartig kauziger Typ und mittlerweile fast 70 Jahre alt, hat in der NFL bislang neunmal in Coordinator- oder Cheftrainerposition den Job gewechselt. Nur ein einziges Mal hat er nicht schon im ersten Jahr eine massive Verbesserung der Defense erwirkt. Und dieses eine Mal liegt über 30 Jahre zurück.

Nehmen wir mal die DVOA-Verbesserungen von Phillips in meiner Zeit als Football-Fan her:

  • 2002 Falcons: von #26 auf #12
  • 2004 Chargers: von #30 auf #13
  • 2007 Cowboys: von #14 auf #9
  • 2011 Texans: von #31 auf #6
  • 2015 Broncos: von #4 auf #1

Bemerkenswert dabei ist auch, dass bei vier dieser Defenses mit Phillips eine Systemumstellung auf 3-4 einherging (Dallas spielte 3-4 schon vorher). Was normalerweise für 1-2 Jahre Bauchschmerzen sorgt, scheint in Phillips‘ Mannschaften keine Probleme zu bereiten.

Als Gründe dafür gelten die sehr aggressive Herangehensweise von Phillips sowie ein völliger Fokus auf Details. Markenzeichen: Seine Defenses spielen „1-Gap“ mit Zug zum Quarterback, und sie verpassen wenige Tackles. Phillips ist kein Typ, der seine Mannschaften mit extrem komplexen Schemen zudröhnt. Er ist vielmehr bekannt dafür, seine Spielpläne simpel zu halten und bestmöglich auf das für ihn verfügbare Spielermaterial zu nutzen.

In Los Angeles ist dieses Spielermaterial nahezu exzellent. Die Defensive Line ist mit Leuten wie Aaron Donald (vorausgesetzt, man einigt sich vertraglich bis Saisonstart) oder Michael Brockers, die besten Edge Rusher sind Robert Quinn und Neuzugang Connor Barwin, auf Linebacker gibt es Leute wie Alec Ogletree oder Mark Barron und im Defensive Backfield hast du Manndecker wie Trumaine Johnson oder Kayvon Webster gepaart mit Play-Makern wie den von mir vergötterten CB/FS Lamarcus Joyner.

Die Rams besitzen also auf fast jeder Position hervorragende Einzelkönner, und im Gegensatz zu z.B. der extrem guten Broncos-Defense, die Phillips 2015 zum Superbowl-Champ coachte, können die Rams auch Run-Defense spielen (#6 Run-Defense nach DVOA 2016). Letztes Jahr war Los Angeles #15 nach DVOA overall, und #14 nach meinen Metriken (Power-Ranking).

Für 2017 sind Verbesserungen in fast allen Kategorien zu erwarten, wenn Phillips dort weitermacht, wo er seit fast 40 Jahren brilliert.


Ein anderer Grund für den Glaube an eine Verbesserung bei den Rams: Regression zur Mitte in der Offense. Los Angeles stellte 2017 die mit Abstand schlechteste Offense der NFL, um Welten schlechter als andere Graupen-Units wie Houston, Jets, Cleveland oder Jacksonville.

Das lag nicht nur, aber auch am völlig vermurksten Einstand von QB Jared Goff, der in 205 Wurfversuchen nur 3.7 NY/A, 54% Completion-Rate und 3.4% INT-Quote fabrizierte. Das ist zwei Latten unter Tebow-Zone – und ich muss nicht weiter ausführen, wie schlimm so eine Aussage ist. Aber es war nicht Goff allein, denn schon bevor Goff unter Druck von Fans und Medien eingewechselt wurde, wurstelte sich der ewige Backup Case Keenum zu 5.9 NY/A und ebenso 3.4% INT-Quote.

Als Hauptgrund für die QB-Schwierigkeiten machte man stets drei Dinge aus: Eine bodenlos schwache Offense Line, ein übler Receiving-Corp und ein ideenloses Play-Calling. Alle drei Dinge riechen dieses Jahr nach Verbesserung.

Als neuer Headcoach wurde Sean McVay eingestellt – keine risikolose Wahl, denn McVay ist erst 31 Jahre als und somit der jüngste Headcoach aller Zeiten. Aber McVay kommt von der Offense-Seite. Und noch wichtiger: Er heißt nicht Jeff Fisher. Sein Bewerbungsschreiben liest darüber hinaus u.a. die Verbesserung vom ehemaligen Mid-Round Pick QB Kirk Cousins zum respektablen NFL-Starter. McVay gilt als Mann, dem die Wichtigkeit von Offense Lines sehr bewusst ist.

Die Offense Line wurde mit LT Andrew Whitworth und C John Sullivan ge-upgraded, der Tackle-Bust Greg Robinson wurde nach Detroit verkauft. Natürlich ist damit nicht alles gelöst: Whitworth ist schon 35 und Sullivan ist kein All-Pro Kaliber, aber sie dürften zwei der übelsten Positionslöcher NFL-weit zumindest nahe dem Durchschnitt heben.

Eine Offense Line, die zumindest zwei Zehntel mehr Zeit dem Quarterback und 1 Yard mehr Raum dem Runningback geben kann, kann in der NFL extrem viel ausmachen, selbst wenn sie nicht die allerbeste ist. Manchmal reicht es aus, nicht ein tödlich-wunder Punkt zu sein.

Bessere Offense Line wird auch dem Laufspiel helfen, wo in RB Todd Gurley einer der besten jungen Offensivspieler in der NFL antritt. Gurley war 2015 der Rookie des Jahres, bevor er letztes Jahr verletzungsgeplagt und gekillt von jener unterirdischen Line auf ganz schwache 3.2yds/Carry und nur 34% Success-Quote (#29 unter Starting-RB) abschmierte.

Ein (angenommen) besseres Laufspiel ist im Umkehrschluss auch wieder Entlastung und Hilfe für einen jungen Quarterback.

Ebenso große Hilfe: Der WR-Corp, der mit Robert Woods und vor allem Sammy Watkins aufgebolstert wurde. Watkins ist wegen seiner Verletzungsprobleme keine sichere Bank und wegen auslaufendem Vertrag vielleicht in Kürze schon wieder weg, aber der aggressive Einkauf von Watkins zeigt Eier in Los Angeles: Gib deinem jungen QB die Waffen, damit er erfolgreich sein kann. Die Rams haben so viel für Goff investiert, dass es fahrlässig wäre, ihn komplett den Haien vorzuwerfen. Und so kann Watkins ein Gold-Einkauf werden.

Natürlich schmerzt der Verkauf vom durchaus unterschätzten Kenny Britt etwas. Aber mit Watkins, Woods und dem Slot-Receiver Tavon Austin gibt es ein WR-Trio von durchaus Format. Ganz was anderes als in den letzten Jahren Quick, Toon, Bailey und wie sie alle hießen.

Diese Faktoren kombiniert geben dem QB Goff schon mal ein besseres Ambiente. Vielleicht ist Goff wirklich der Vollflop, den er 2016 andeutete, aber nachdem praktisch jeder Quarterback seit Marc Bulger in dieser Offense abschmierte, ist der Gedanke nicht weit, die Schuld für das Versagen auch an anderen Stellen zu suchen.

Da wäre zum Beispiel der Common-Sense, der noch vor einem Jahr war: Goff braucht ein Jahr für den Wechsel von der Air-Raid Offense am College zum NFL-System. Bitte nicht zu schnell einwechseln. Ergebnis: Natürlich wurde Goff entgegen aller ursprünglichen Empfehlungen (zu?) schnell eingewechselt und wurde nicht vorbereitet verbrannt.

Natürlich ist ein grottenschlechter Einstand wie Goff ihn hatte, nie ideal. Nicht für das Selbstvertrauen des Spielers, auch nicht für den Glaube der Fans. Fast alle besseren NFL-Quarterbacks haben in ihrer Rookiesaison zumindest Anständiges fabriziert. Aber es wäre auch nicht völlig beispiellos, dass ein junger QB nach deprimierendem Einstand doch noch zu NFL-Tauglichkeit reift – Alex Smith, Troy Aikman, Vinny Testaverde oder zu einem geringeren Grad Eli Manning haben ihrer Karrieren ganz schwach begonnen und sind im Lauf der Zeit noch zu gut bis großartig gereift.

Goff mag ein Fiasko bleiben. Die Möglichkeit besteht. Aber immerhin geben ihm die Rams nun die Instrumente und die Hilfe, dass er zumindest die Chance bekommt, sich als erfolgreicher Quarterback in der NFL zu beweisen. Als ehemaliger Top-Draftpick sollte er zumindest die Anlagen dafür haben.

Aufzupassen aber: Er muss sich allerdings auch beweisen, denn auch wenn die Rams in dieser Offseason viel richtig gemacht haben um das Team in allen genannten Bereichen auf bessere Beine zu stellen, so wirkt das Gerüst trotz des Nucleus um Goff, Gurley und Co. langfristig nicht so stabil. Zu wenige Draftpicks sind in den letzten Jahren gekommen, zu viele Spieler sind entweder alt (Withworth) oder bald wieder weg (Watkins?).


Andere versteckte Faktoren wie Turnover-Quote (letztes Jahr: -11, #28 der Liga) oder der Schedule (letztes Jahr #8, dieses Jahr erwartet ESPN FPI die #22), man man heuer die AFC South bespielen darf, kann man noch zusätzlich in den Topf werfen, wenn man argumentieren möchte, dass die Rams vielleicht eines der am meisten übersehenen Teams mit Potenzial auf eine Überraschungssaison sind.

Ich will nicht die Playoffs verschreien. Aber wundere dich nicht zu sehr, wenn die Rams mit, sagen wir, 8-8 oder besser abschließen. Du kannst jetzt mit diesem Fachwissen in deinen Kreisen angeben!

7 Kommentare zu “Los Angeles Rams 2017: Sleeper?

  1. Großartiger Artikel. Vielen Dank dafür. Ich denke für Tavon Austin könnte es mit Blick auf die anstehenden Vertragsverlängerungen von Donald, Barron und Watkins eng werden, insbesondere dann wenn sich noch ein adäquater Ersatz in den Special Teams findet.
    Ansonsten sollte man bei aller Kritik der letzten Jahre auch mal das Front Office loben. Gerade die Mid-Round-Picks des vergangenen Drafts scheinen allesamt Volltreffer zu sein.
    Endlich hat man wieder Spaß beim Zuschauen der Rams… und Hoffnung. 🙂

  2. Danke für die Einschätzung, ich hatte gar nicht so präsent, daß Wade Phillips SO GUT ist. Ein Top DC ja, aber bei den Hymnen ist man fast fast geneigt sich zu fragen wieso DEN ihn hat gehen lassen bzw. wie so jemand so viele Stationen haben kann wenn er doch als „Players Coach“ gilt und auch noch so viel Erfolg hat. Merkwürdig..

    @nau13al7: Das Front Office loben mag in Ordnung sein ,aber man darf auch nicht vergessen daß 2017 schon das große Jahr bei den Rams ist, weil LT ist schon 35 und viele auslaufende Verträge zusammenkommen: Trumaine, Joyner, Ogletree, Barwin, Sullivan, Watkins. Wenn der Donald Deal erstmal durch ist haben die Rams kaum genügend Cap Space um diese Spieler zu halten und sich auf eine Zeit vorzubereiten wo Gurley und evtl auch Goff noch unter den Cap zu bringen sind.

    Außerdem hat man wegen Goff einige hohe und doch noch eher billige Picks weggegeben. Bin da nicht so optimistisch, auch wenn die letzten Einkäufe einschlagen.

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