NFL 2017 – Woche 4 in der Rückblende

Nachwehen des vierten NFL-Spieltags 2017/18.


NEW ENGLAND PATRIOTS – die Patriots sind nach vier Spielen nur 2-2. Als Hauptschuldige wurde dabei natürlich die streckenweise absurde Defense ausgemacht, die zuletzt sogar von der bislang so toten Panthers-Offense 444 Yards in 60 Spielzügen (7.4yds/Play), 28 First Downs und 33 Punkte eingeschenkt bekam. New Englands Defense sah in den ersten vier Wochen mit Kansas City und New Orleans zwei Top-Offenses, mit Houston und Carolina zwei zumindest „potenziell“ gut aufgestellte Offenses (auch wenn beide durchaus mäßige Effizienz-Stats haben) – aber dass die Patriots in 8.6 NY/A gegen den Pass aufgeben (#32 der Liga mit Abstand), 5.1 YPC gegen den Lauf (#31) und dreimal über 30 Punkte zulassen, muss als überraschend schlecht gewertet werden.

Besorgnis erregend ist dabei noch nichtmal die Front-Seven, die sich nach dem schwachen Auftakt gegen Kansas City halbwegs erfangen hat. Es gibt zwar in LB Hightower und DE Flowers nur zwei vernünftige mögliche Passrusher, aber hie und da ist die Unit als Einheit durchaus in der Lage, für Druck zu sorgen. Es ist vielmehr die streckenweise komplett desorientierte Secondary, sie für Sorgenfalten sorgt. Was sich das so namhafte Trio McCourty / Gilmore / Butler leistet, sind reihenweise kollabierte Coverages. Abstimmungsprobleme galore.

Es gab bislang in noch jedem Saisonspiel drei, vier krasse Coverage-Zusammenbrüche, die entweder zu Touchdowns oder großen Big-Plays führten. Im Regelfall agieren Coaches bei solchen Kommunikationsproblemen mit der Vereinfachung von Play-Calls, aber die Kommentare der Spieler nach dem Panthers-Spiel gingen eher in die Richtung „die Calls sind bereits so einfach, sie können nicht weiter simplifiziert werden“.

Ich finde es im Sinne der Spannung in der NFL durchaus begrüßenswert, wenn die Patriots nicht über alles und jeden drüberfahren. In den letzten Jahren war New England meistens erst ab den Playoffs interessant. Jetzt haben wir wenigstens schon im Oktober eine zu verfolgende Storyline.

Ist es ein Pluspunkt, dass die wesentlichen Schwierigkeiten der Patriots-Abwehr aktuell mehr mit Kommunikationsproblemen zu tun haben als mit physischer Unterlegenheit? Ich würde behaupten ja. Abstimmungsprobleme kannst du mit Coaching beheben. Und nur wenige haben bessere Coaches als die Patriots – zumindest geht man heute noch davon aus.

Ich würde die Patriots-Defense deshalb noch nicht abschreiben. Gepaart mit einer Turbo-Offense (trotz der bereits 13 kassierten Sacks von QB Tom Brady) traue ich Headcoach Belichick und DefCoord Matt Patricia durchaus zu, die gröbsten Probleme soweit zu fixen, dass New England eine Macht in der AFC bleibt. Vielleicht gehen die Patriots wieder über zu der bend but don’t break Version der Jahre um 2010-2012. Vielleicht kriegen es die Masterminds auch anders gebacken. Stell dir mal vor, um wieviel besser eine Mannschaft ist, wenn ihre Deckung nicht auf Schülerniveau, sondern – sagen wir – auf #25 in der NFL Niveau agiert.


HOUSTON TEXANS – Wer dieses Blog schon etwas länger verfolgt und dabei auch die College-Abschnitte gelesen hat, der dürfte ahnen, wie sehr mich der positive Einstand von Texans-Rookie QB Deshaun Watson freut. Watson war schon am College neben Tebow, Cam Newton, RG3 und vielleicht noch Lamar Jackson der phänomenalste Quarterback, den ich gesehen habe. Er war der Mann, der zweimal die Defense, die der NFL am nächsten kommt – Alabama – an die Wand gespielt hat und mit den Clemson Tigers einen Landesmeistertitel gewonnen hat, der (neben Headcoach Swinney natürlich) vor allem seinen Namen trägt.

Wie ich schon einmal auf diesem Blog schrieb: Zu den „nervigsten“ Dingen im Zuge des Draft-Prozesses gehört die Tendenz der Scouts, großartige College-Spieler in ihre Einzelteile zu zerlegen und ein Monster-Talent wie Watson zu einem marginalen NFL-Prospect herunterzuschreiben.

Sie mögen alle Recht gehabt haben damit, dass Watson nicht den besten Arm der Welt besitzt. Sie mögen alle Recht gehabt haben, dass Watson nicht die typischen NFL-Gardemaße und die typische NFL-Offense gespielt hat. Aber wenn man sieht, wie Pfeifen wie Bortles oder Gabbert mit Pauken und Trompeten in die NFL geschickt werden und gleichzeitig ein unbestritten großartiger College-QB wie Watson in Grund und Boden geschrieben wird, freut dich als gemeinem College-Fan ein NFL-Einstand wie jener Watsons umso mehr.


WASHINGTON REDSKINS – knappe 20-29 Niederlage der Washington Redskins am Montag bei den noch ungeschlagenen Chiefs. Die Redskins dabei das nach Yards und Ballbesitz deutlich unterlegene Team, aber mit den explosiveren Plays. Washington mit einem Drive in den letzten zwei Minuten Richtung gegnerische Endzone, ist schon an der Redzone mit der Chance auf das Fieldgoal zum 20-20 Ausgleich.

Und dann verbrennt Headcoach Jay Gruden ein Timeout mit 47 Sekunden auf der Uhr! Das, Momente nachdem Big-Brother John bei ESPN dazu rät, bloß ausreichend Zeit runterlaufen zu lassen um den Chiefs keine Chance mehr auf den Sieg in der regulären Spielzeit zu geben.

Die Story danach ist simpel: Washington scheitert beim Versuch zum TD in die Endzone hinein, schießt zum Ausgleich ein, Kansas City nutzt die geschenkte Zeit zum siegbringenden Fieldgoal zum 23-20 mit vier Sekunden auf der Uhr und erhöht mit einem Return-TD mit auslaufender Uhr auf 29-20 Endstand.

Grudens Timeout ist natürlich extrem bitter. Coaches arbeiten Tag und Nacht, im Frühling, Herbst, Sommer und Winter, und suchen bis spätnachts auf Tape nach kleinsten Vorteilen um ihre Siegchancen in dieser so engen NFL zu verbessern. Und dann vergeigen sie Basics wie ein Timeout-Management, das jeder Madden-Schüler nach zwei Monaten an der Konsole kapiert. Advanced-Metrics mögen verpönt sein, aber wenn du eine 48% Chance, die du bei 20-20 Ausgleich mit 20 Sekunden auf der Uhr eintauschst (Overtime ist 50%, aber Chiefs hätten noch einen kurzen Ballbesitz gehabt) gegen eine 76% Chance, das Spiel mit 20-20 Ausgleich und 47 Sekunden auf der Uhr zu verlieren – dann hast du deine Siegchance so behandelt:

  • Von 48% auf 24% verkleinert.

Oder anders: Halbiert. Gruden mag ein super Talentevaluator sein und sein Team top entwickelt haben, aber mit einer unüberlegten Aktion hat er seine Redskins am Montag in Kansas City ohne Not ins Verderben gecoacht.

Weitere Gedanken zum Spieltag:

  • Tampa Bay ist 2-1, hat aber nur 1 Sack in drei Spielen fabriziert.
  • Lions-Defense mit bereits 11 Turnovers nach vier Spielen, nachdem sie im kompletten Jahr 2016 nur 14 hatten. Regression zur Mitte, ick hör dir trappsen…
  • Rams-Offense mit 8.9 NY/A nach vier Spielen, nachdem für QB Jared Goff letztes Jahr die Tebow-Zone ein Erfolg gewesen wäre. Coaching matters.
  • Vikes-Headcoach Mike Zimmer tut mir leid. Zimmer galt sehr viele lange Jahre als Headcoach-Kandidat, der in Bewerbungsgesprächen letztlich immer unten durch fiel. Kommt zu den Vikings und macht aus der Minnesota-Defense ein landesweites Kaliber. Und dann, kurz vor dem Durchbruch zur NFL-Macht, verletzt sich ein Schlüsselspieler nach dem nächsten. Erst war es QB Teddy Bridgewater, dann QB Sam Bradford, jetzt fällt Rookie-RB Dalvin Cook mit Kreuzbandriss aus.
  • Chargers sind 0-4 mit einem Punktverhältnis von -21. Die Niederlagen waren -3, -2, -14 und -2 Punkte. Drei Siege wären eine Möglichkeit, aber Chargers waren schon letztes Jahr 1-8 und vorletztes Jahr 3-8 in Spielen innerhalb eines Scores. Da hat jemand entweder absurdes Pech oder schlicht ein Talent, knappe Spiele zu verlieren.
  • Der Aufreger des Spieltags war der Trevathan-Hit gegen Packers-WR Devonte Adams. Gerade in einer Woche, in der erstmals Hoffnung besteht, dass CTE bei lebendigem Leibe diagnostiziert werden kann, sollte eigentlich das Bewusstsein für den Zusammenhang von Football und Gehirnschäden im Fokus stehen. Ich mag Football, aber ich hasse solche Hits. Trevathan ist ein Vollidiot. Zwei Spiele Sperre sind ein Witz. Ich hätte ihn für den Rest der Saison aus dem Verkehr gezogen ohne mit der Wimper zu zucken.
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11 Kommentare zu “NFL 2017 – Woche 4 in der Rückblende

  1. Sperre von Trevathan wurde sogar auf ein Spiel reduziert. Damit zeigt die NFL ganz eindrucksvoll dass ihr CTE oder allgemein Kopfverletzungen scheißegal sind und sie nichts aber auch wirklich gar nichts gelernt haben!

  2. Watson spielen zu sehen ist ein genuss,ich hoffe er entwickelt sich weiter für die texans wäre es ein segen. Ja die bills auch eine überaschung obwohl vor der season noch alle an tyrod QB zweifelten.

  3. Zur NE-Defense:
    Glaubst du den Spielern, dass die Calls schon das simpelste sind was es so gibt? Kann es sein, dass da an irgendeinem neuen Defense-Schema gebastelt wird und das gerade beim Einspielen massiv schief geht? Die Spieler stellen sich dann sicherlich doch nicht hin und sagen: „Wir versuchen gerade was komplett neues/was spezielles und das läuft noch nicht.“

    Grade den Pats-Spielern wird Bill da doch ein paar passende Antworten für die Presse rausgelegt haben 😉

  4. Ich bin im Moment auch etwas ratlos, was ich von den Coverage Breakdowns der Pats Secondary halten soll. Trotz den grottigen Auftritten in den ersten 4 Spielen besteht für mich Hoffnung… das Talent der 5-6 starting DBs ist für mich auf einem mindestens NFL-Durchnitts-Nivau: CBs Malcom Butler, Stephon Gilmore, Eric Rowe (& Backup Jonathan Jones) und Safeties Devin McCourty, Duron Harmon und Patrick Chung.
    Zwei Dinge, die ich loswerden möchte:
    1. Aus meiner Sicht, waren die Breakdowns besonders bei Bunch Formations mit Motions zu sehen. Es war bei den Funchess + Whitaker TDs klar ersichtlich, wie Rowe, D-Mac (und Gilmore) versucht haben, zu kommunizieren. Da es dann mehrmals zu breakdowns gekommen ist, kann es sich ja kaum um ein Missverständnis handeln.
    Falls doch, einfache Lösung für den Moment: Bei Bunch Formations oder Motions in eine Zonenverteidigung checken und du hast wenigstens keine Meilenweit offenen Receiver mehr.
    2. Aus mir unverständlichen Gründen spielt D-Mac dieses Jahr generell näher an der LOS. Normalerweise war er der centerfield FS, der (mit seinem CB Hintergrund) auch gut Man-Coverage spielen konnte zwischendurch. Die Rolle, die er gerade spielt, war in den letzten 2-3 Jahren eher die von Chung. –> also wie go_pats schon angesprochen hat: Vielleicht ist da ein neues Scheme im Einsatz, an dem die Spieler scheitern :-/

  5. Zum Chargers-Talent knappe Spiele zu verlieren: Aus Eagles-Sicht war es schon desaströs mit anzusehen, wie hilflos die Chargers im letzten Drive waren. Die Eagles starteten mit 2 Punkten Vorsprung und 7 MInuten auf der Uhr. Da rechnet sich doch jedes Team noch einen Ballbesitz mit FG-Chance aus… Die Chargers anscheinend nicht, denn die Eagles konnten die Zeit ohne wirkliche Probleme einfach runterspielen. Ob 3rd&1 oder 3rd&2 – da erwartet man doch, dass da eine Betonmauer die Mitte zu macht. Stattdessen war es bestenfalls ne Pressspanplatte, über die Blount, Smallwood und Clement ihre 2-3 Yards holten.

  6. @patpicksix: Bei Bunch/motion in eine Zone checken klappt ein Quarter lang, dann weiss der gegnerische QB Bescheid. Müsste also definitiv komplexer geplant sein. Ansonsten stimme ich zu: Belichick und Patricia wissen, was sie tun und sind fähig Gametape zu analysieren. Die Secondary ist auf dem Papier spitze. Wird nicht lang dauern bis die sich eingespielt haben.
    OT: Brandon Weeden? Nee, is klar.

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