Wentz Wagon

Seit seinem plötzlichen Auftauchen auf der Landkarte der US-Quarterbacks vor nunmehr 22 Monaten ist Carson Wentz eines der Phänomene der NFL-Szene. So phänomenal, dass er mittlerweile zu den MVP-Kandidaten für die laufende Saison gezählt wird.

Zur Erinnerung: Wentz spielte College Football nicht in der FBS, sondern eine Stufe drunter, in der zweitklassigen FCS beim Premium-Programm der „zweiten Liga“, den North Dakota State Bison. Anfang Jänner 2016 führte er den Seriensieger Bison zu einem weiteren Titelgewinn – und war plötzlich in aller Munde. Ich erinnere mich allzu gut: Als ich Wentz das erste Mal noch ganz unbedarft sah, dachte ich intuitiv sofort „Cam Newton“.

Dennoch war natürlich Vorsicht geboten: Der Sprung von der FCS in die NFL ist ein großer, und Wentz war mit fast 24 ein relativ „altes“ Prospect, spielte nur ein einziges Jahr als Starter – und so weiter. Die Liste der „Red-Flags“ war lang. Sie unterschied sich keine Lichtjahre von dem, was auch Prospects wie Gabbert oder Bortles „ausgezeichnet“ hatte.

Und die NFL schien bei allem Enthusiasmus im Scouting-Prozess auch ähnliche Bedenken zu haben: Als die Rams Haus und Hof verkauften um sich Monate vor dem Draft die #1-Selektion zu sichern, griffen sie zu Kontrahent Jared Goff. Wentz landete schließlich als #2 in Philadelphia – wo die Eagles aber ebenso eine Unzahl an Picks an die Cleveland Browns abgaben um sich die Rechte an Wentz zu sichern.

Wentz’s Einstand in der NFL war dank einiger Eagles-Kantersiege famos und kreierte schnell die Wortschöpfung des „Wentz Wagon“. Von dem sprangen aber alsbald wieder alle ab, denn mit zunehmendem Saisonverlauf rannte Wentz immer mehr gegen die Rookie-Wall, schloss das Jahr eher banal mit 16/14 TD/INT Ratio und weniger als 6 NY/A ab.

Trotzdem blieben einige – zumindest bei mir – geschätzte Experten wie ex-Redskins GM Scot McCloughan optimistisch und bezeichneten in der Offseason Wentz immer noch als bestes QB-Prospect seit Jahren. Sie scheinen jetzt bestätigt zu werden, denn mal ehrlich: Es ist schon phasenweise eine Augenweide, der Philly-Offense zuzuschauen.

Wentz ist nicht perfekt auf tiefen Pässen, aber im Vergleich zu 2016 gibt es zwei Fortschritte: Er versucht sie nun überhaupt, und er bringt etliche davon auch an. Wentz macht 7.0 NY/A in diesen ersten Wochen. Er ist der Quarterbacks mit den 2t-meisten Pässen in enge Deckungen: 25.9% seiner Pässe gehen auf Receiver, in deren Umfeld von 1 Yard sich mindesten ein Defensive Back aufhält. Sein durchschnittlicher Pass fliegt 10.5yds downfield, #1. Seine durchschnittliche Completion geht für 8.2yds bis zum Catch, #1 der Liga. Trotzdem hat Wentz bislang erst 4 INTs bei 17 Touchdowns geworfen.

Und dann erst das Scrambling! Spätestens seit dem Redskins-Spiel am Montag hätte Wentz mit seinem „Eli-Manning-Moment“ auch veritables Highlight-Tape für eine eventuelle MVP-Prämierung in der Dämmerung vor der Super Bowl.

Auf der anderen Seite krebsen die Cleveland Browns, Verkäufer im nun verspotteten Tauschgeschäft, auch eineinhalb Jahre nach dem Wentz-Trade am Liga-Bodensatz herum. Oder anders: Sie haben seitdem genau ein (in Zahlen: 1) Spiel (bei 22 Niederlagen) gewonnen. Ihre Quarterbacks bringen dieses Jahr 5.1 NY/A im Passspiel an den Mann, haben eine desaströse INT-Ratio von 6.2%. Diese Misere ist nicht neu: In Woche 1 wurde Ben Roethlisberger der Quarterback mit den meisten Siegen im nunmehr fast 20 Jahre alten Cleveland Browns Stadium. Roethlisberger ist Quarterback der rivalisierten Pittsburgh Steelers!

Der Verzicht auf Wentz – wie auch der Verzicht auf QB Deshaun Watson in diesem Frühjahr 2017 – sorgt nun für ausufernde Verbalprügel auf der US-Medien in Richtung Front Office der Browns. Wie kannst du auf solche genialen Quarterbacks wie Wentz oder Watson verzichten, wo doch alle Welt sieht dass es sich um die neuen Rodgers und Brady handelt? Und: Baseballtypen und Computernerds verstehen nichts von Football!

Ein Beißreflex wie dieser dominiert die US-Sportwelt, seit ich sie vor kenne. Er greift aus meiner Sicht vor allem in diesem Fall zu kurz. Denn lass uns mal schauen, was die Browns vor allem im Fall von Wentz bekommen haben:

  • QB Deshone Kizer – wackeliger Einstand als Starter in 2017, ein- und wieder ausgewechselt und teilweise richtig neben den Hufen, aber Kizer ist gerade 21 in einer blutjungen Offense.
  • QB Cody Kessler – momentaner Backup-QB, der immer wieder als Notnagel eingewechselt wird. Wird in der NFL als Kärtchenhalter auf Jahre überleben, gilt aber nicht als Typ für eine Jackson-Offense.
  • WR Corey Coleman – hat heuer erst 6 Catches, aber auch nur zweimal durchgespielt. Hat zum zweiten Mal die Hand gebrochen, könnte aber ab Mitte November zurückkehren und sieht in fittem Zustand wie der beste Browns-WR aus.
  • WR Ricardo Louis – Receiver mit den meisten Catches in 2017: 25 Stück. Ist nach Verletzungen für Coleman und Formschwäche bei Britt mittlerweile Starter.
  • WR Jordan Payton – entlassen.
  • RT Shon Coleman – Starter auf der rechten Tackle-Flanke. Bekommt halbwegs solide Kritiken, vor allem im Run-Blocking, gilt aber noch als zu unverlässlicher Pass-Blocker.
  • LT Spencer Drago – bislang Backup-OT, wird nun wohl nach dem Ausfall von Joe Thomas die linke Flanke Offensive Line übernehmen.
  • SS Derrick Kindred – Starting-Safety in einer besser werdenden Defense.
  • FS Jabrill Peppers – Starting Safety, Kick und Punt Returner. Gilt als noch nicht angekommen in der NFL. Peppers und Kindred haben zusammen nur eine INT gefangen – aber Hoffnung: Auch die besten Defensive Backs brauchen häufig 1-2 Jahre um in der NFL richtig Fuß zu fassen.
  • 1st Rounder Texans in 2018
  • 2nd Rounder Eagles in 2018

Zwischen vier und sechs der Draftees sind momentan Starter in Cleveland. Auch wenn es in einer immer noch talentarmen Mannschaft wie den Browns nicht der steilste Berg ist, den ein potenzieller „Starter“ bis zu seinem Glück erklimmen muss: Das Browns-Team besteht in beträchtlichen Teilen aus den Bestandteilen, die sie im Zug des Wentz-Trades und aller folgenden Tauschgeschäfte mit diesen Picks ergattert haben. Und sie haben noch einen 1st und 2nd Rounder im Petto.

Würdest du das alles gegen Wentz eintauschen?

Würdest du das alles eintauschen, wenn du siehst, wie ein QB-Prospect nach dem anderen im giftigen Umfeld von Cleveland verbrannt wird, weil die Rahmenbedingungen mit wackeligen Blockern, inkompetenten Wide Receivern und streitsüchtigen Beamter im Front Office nicht stimmen?

Wo gerade noch vor neun Monaten die letztlich banale Rookiesaison von Carson Wentz damit entschuldigt wurde, dass dessen rechter Tackle Lane Johnson monatelang gesperrt ausfiel und der dessen WR Agholor als komplett unbrauchbarer Flop galt? Und Philly hatte abseits von Johnson und Agholor ein bedeutend stabileres Korsett, in das sich Frischling Wentz einfügen konnte.

Wentz ist nun in seinem zweiten Jahr. Die Offensive Line war in den ersten Wochen komplett (wie es ab sofort ohne den „season out“ LT Peters aussieht, müssen wir abwarten). Ihm wurden in WR #17 Alshon Jeffery und #82 Torrey Smith zwei neue Top-WRs eingekauft, mit vielen Jahren Erfahrung eine Offense zu tragen. Er hat in TE Ertz einen seit Jahren erprobten Pass-Catcher als Notnagel. Ihm wurde in Legarrette Blount ein RB-Bulldozer als Entlastung zur Seite gestellt. Er hat eine entsprechend stabile Defense, auf die man sich im Notfall verlassen kann, anstelle auf Druck ein neues 1st Down zu erzwingen lieber den Punt nehmen.

Das alles hätte Wentz in Cleveland nicht bekommen. Er hätte ein Torso vorgefunden, ohne die vielen Picks von oben noch nichtmal diese oben genannten Athleten als Offense-Stamm um sich herum gehabt. Es hebe der die Hand, der ernsthaft glaubt, dass anstelle der Picks ein einzelner Carson Wentz unter diesen Umständen für die Browns die bessere Alternative gewesen wäre. Und dass er in Cleveland den gleichen schnellen Erfolg gefunden hätte wie in Philadelphia.

Ich sehe es nicht. Ich sehe bei den Cleveland Browns einen Weg, der eingeschlagen wurde, der bislang zumindest konsequent durchgezogen wurde. Die ersten Früchte reifen gerade in Offense und vor allem Defense. Nur weil es auf Quarterback derzeit wie komplettes Brachland aussieht, sind Hopfen und Malz nicht verloren.

Es werden zumindest zwei weitere hohe Draftpicks kommen in Klassen, die weithin als tief besetzt bei QBs gelten. Einer dieser Prospects – oder vielleicht sogar der erst 21-jährige Kizer – wird sich in ein dann gereiftes Gefüge in Cleveland einreihen und bekommt das Umfeld, das momentan Carson Wentz in Philadelphia genießt – und damit offensichtlich zu großen Höhenflügen ansetzt.

Höhenflüge, von denen die Browns freilich noch entfernt sind. Doch wenn sie kommen, werden die vielen Choleriker auf Snapface und Instachat ihre Worte von heute längst vergessen haben.

Advertisements

Ein Kommentar zu “Wentz Wagon

  1. Hier ein guter Artikel zum Thema Wentz und Scouting Evaluation.
    http://insidethepylon.com/nfl/2017/10/25/dont-care-grade-wentz/

    Man kann nicht immer Recht haben in seiner Bewertung für die Zukunft, man kann nur versuchen, auch schlechte Erfahrungen für die Zukunft bestmöglich zu nutzen.

    Das, weil Wentz hier schon mehrmals in einem Atemzug mit Bortles genannt wurde, weil er zum Zeitpunkt des Drafts ähnliche Upsides und Risiken geboten hat. Der eine entwickelt sich so, der andere anders. Man kann es nicht immer vorhersagen und die Rahmenbedingungen wie schon mi Artikel angedeutet sind zu unterschiedlich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.