Akademische Viertelstunde – Woche 10: Nach der Vorentscheidung ist vor der Entscheidung

Rückschau auf Spieltag 10 im College Football. November hat bereits zugeschlagen… aber das war eh klar.

Vor allem die Big Ten Conference wurde eine Woche nach der Vorentscheidung ordentlich durchgeschüttelt. Zwei Upsets an einem Wochenende haben alles geändert: Plötzlich haben wir zwei „logische“ Playoffkandidaten weniger, aber einen neuen Conference-Titelanwärter. Es hat sich alles geändert, weil Penn State und Ohio State, die erst letzte Woche das Spiel des Jahres geliefert hatten, eine Woche nach dem Knaller gedemütigt wurden. Es hat sich alles geändert, weil beide nach der zweiten Saisonpleite quasi vor dem Ende der Playoffträume stehen. Es hat sich alles geändert, weil mit Michigan State plötzlich ein völlig neuer Player am im Rennen um das Big-Ten Finale aufgetaucht.


Den Knaller des Wochenende lieferten die ungedrankten Iowa Hawkeyes, die die #6 Ohio State Buckeyes sensationell hoch mit 55-24 rösteten. Upsets gehören zum College Football. Das macht diesen Sport aus. Aber dass ein ungeranktes Team ein Top-5 Team, noch dazu die unisono in fast allen menschlichen und mathematischen Rankings als einen der Topfavoriten ausgewiesenen Ohio State Buckeyes mit 31 Punkten Differenz schlägt? Ungesehen. Und in einer wilden Saison vielleicht das krasseste Ergebnis bislang.

Iowa hatte in den letzten 20 Jahren einen einzigen Sieg gegen Ohio State gefeiert. Es hatte nie mehr als 50 Punkte gegen die Buckeyes gescort. Ohio State hat nur viermal in seiner 120-jährigen Geschichte mehr Punkte kassiert. Buckeye-Headcoach Urban Meyer, einer der Guru-Coaches schlechthin, hat noch nie so viele Punkte kassiert. Das, um die Dimensionen dieses fassungslosen Upsets zu erfassen.

Ohio States QB J.T. Barrett, letzte Woche im famosen Heimsieg gegen Penn State noch der Hero, hatte wieder eine dieser laxen Performances, die er scheinbar immer nach solchen emotionalen Highlights wieder einstreut: 4 Turnovers von Barrett. Außerdem auffällig: Ohio States Runningbacks nur mit 15 Rushing-Plays. Das ist selbst in Anbetracht eines Spiels, in dem man einem Rückstand nachlief, extrem wenig. Zumal für die Spread/RPO Maschine Ohio State. Diese Anzahl an Rushing-Plays erinnerte frappierend an ein weiteres Ohio-State Upset: Vor zwei Jahren zuhause gegen Michigan State, als Ezekiel Elliott und Co. fast nie laufen durften und die Buckeyes die sicher geglaubte Conference-Meisterschaft wegwarfen.

Iowa dominierte die Partie aber nicht nur mit Defense, sondern auch und vor allem mit Offense. Turnovers helfen immer, aber wenn deine Offense Drives mit 90, 80, 78, 63, 60 und 48 Yards das Feld hinuntertreibt, kannst du nicht mehr von Zufallssieg sprechen. Noch dazu gegen eine der Top-5 Defenses im Lande.


Der zweite Kracher in der Big Ten: #24 Michigan State putzt #7 Penn State mit 27-24. Die Partie war vor allem im Schlussviertel ein Knüller: Penn State bei Gleichstand im letzten Drive mit einem gedroppten 4th Down auf dem Weg zum Sieg, dann mit einem Defensive-Personal Foul beim finalen Konter der Spartans – die mit auslaufender Uhr zum Heimsieg einschießen. Bei Penn State kamen wie schon letzte Woche eklatante Blocking-Probleme zum Vorschein: RB Barkley meist schon im Backfield von drei Mann verfolgt. Letzte Woche schoben wir es noch auf die massierte Front Seven von Ohio State.

Hat Michigan State auch eine solche? Ist Michigan State tatsächlich gut genug um nächste Woche auch bei Ohio State zu gewinnen? Immerhin ist es das vermeintliche Play-in für das Big Ten Conference Finale: OSU und MSU stehen beide mit 5-1 Record in der Eastern Division. Der Sieger hat eine exzellente Endspielchance.

Unter Berücksichtigung der Cluster, die wir am Freitag diskutiert hatten, hier nachfolgend eine kurze Diskussion der Auswirkungen des Wochenendes.

Big Ten Cluster

Also: Schwarzer Tag für die Big Ten Conference. Penn State ist mit der Pleite bei Michigan State wohl aus schon endgültig aus dem Playoffrennen. Es ist zwar nicht auszuschließen zwar, dass es in diesem Jahr ein 2-Loss Team diesmal in die Playoffs schafft. Aber Penn State hat mit zwei Niederlagen und dem Fehlen eines Conference-Titels praktisch keine Argumente mehr. Im Prinzip ist damit das eingetreten, wovor ich in der Preseason gewarnt hatte: Die Nittany Lions sind wohl noch zu jung und nicht komplett genug um die absolute Spitze im College Football anzugreifen.

Ohio State kann natürlich noch die Big Ten gewinnen, aber es wäre immer bestenfalls ein 2-Loss Team mit einer katastrophalen Pleite bei Iowa. Damit nicht genug: Im Fall der Fälle könnte es für OSU zu einem Quervergleich mit z.B. Oklahoma kommen. Oklahoma ist aktuell 8-1. Die Sooners können sich – den Big 12 Titel vorausgesetzt – wohl sogar noch eine Niederlage erlauben und wären dann als 11-2 Conference Champ noch immer ein Team, das dank des gewonnen direkten Duells (noch dazu sehr deutlich und auswärts in Columbus) gegenüber Ohio State zu favorisieren wäre.

Größte Big-Ten Hoffnung bleibt damit: #9 Wisconsin. Die Badgers siegten klar 45-17 bei Indiana. Wisconsin bleibt damit ungeschlagen und hat die Endspielqualifikation in der Big Ten fast in der Tasche. Aber: Wisconsin hat bislang keine Qualitätssiege vorzuweisen (nur gegen zwei Teams mit positivem Record gewonnen, FAU und Northwestern). Wisconsin hat nun noch Iowa, Michigan und Minnesota vor der Brust, bevor es ins Conference-Finale geht. Michigan und Ohio State/Michigan State wären sehr wohl Qualitätssiege. Aber es braucht für Wisconsin wohl trotzdem eine Perfect Season, will es in die Playoffs.

SEC Cluster

#1 Georgia (9-0) gewinnt 24-10 gegen South Carolina. #2 Alabama (9-0) gewinnt locker 24-10 gegen LSU. Beide bleiben damit auf SEC-Finalkurs. #14 Auburn könnte nun natürlich noch den Spoiler spielen, denn die Tigers spielen noch gegen beide: am Samstag gegen Georgia, zu Thanksgiving gegen Alabama – und sie bekommen beide zuhause serviert!

Die Ergebnisse des Wochenendes machen es aber nur wahrscheinlicher, dass sich Alabama wie Georgia für die Playoffs qualifizieren könnten, auch wenn sie im SEC-Finale aufeinander treffen: Beide sind noch ungeschlagen. Alabama hätte im Falle einer Finalpleite die Reputation, Georgia hat den Strength of Record (siehe unten) und einen eindrucksvollen Auswärtssieg gegen Notre Dame in der Tasche.

Notre Dame

#3 Notre Dame bleibt auf Kurs: 48-37 bei Wake Forest. Ein Ergebnis Marke „geht besser“, aber für Notre Dame sind zu diesem Zeitpunkt vor allem Siege wichtig. Am Samstag geht es in einem Klassiker gegen die Miami Hurricanes – damit nächste Chance, Eindruck zu schinden: Miami ist noch ungeschlagen – mit einem Sieg stößt sich Notre Dame das Tor zu den Playoffs ganz weit auf.

ACC Cluster

Jene #10 Miami Hurricanes kommen mit breiter Brust daher: Sie gewannen 28-10 gegen #13 Virginia Tech. Eindrucksvoll dabei vor allem die Defense, die 4 Turnovers erzwang und damit eine schlampige Performance von QB Rozier (3 INT) kaschierte. Die ACC-Final-Qualifikation ist für Miami damit so gut wie fix.

Gegner dort wird wohl #4 Clemson sein, das ein spannendes Spiel gegen #20 NC State 38-31 gewann. Die Partie war lange Zeit offen. Clemson profitierte letztlich von zwei sehr langen TD – einem 90yds-Run und diesem großartigen 77yds-Puntreturn:

Der Gewinner des ACC-Finals kann nach derzeitigem Stand wohl mit einer Playoff-Einladung rechnen: Miami, weil es wohl schlimmstenfalls einen 12-1 Record hätte. Clemson, weil es selbst als 2-Loss Team noch immer Argumente anbringen könnte, über einem eventuellen 2-Loss Big Ten Champ Ohio State eingeladen zu werden.

Big 12 Cluster

Das Bedlam-Derby #5 Oklahoma Sooners @ #11 Oklahoma State Cowboys endete nach einem wilden Shootout in einem 62-52 Sieg für Oklahoma. Nur mal so als Einordnung: Halbzeitstand 38-38. Sooner-QB Baker Mayfield mit 5 TD, 2 INT und 598 (!) Pass-Yards. Oder anders: Big 12 Football in Reinkultur. Mayfield dürfte sich damit in die Pole Position in Sachen Heisman-Trophy gebombt haben.

Es war die zweite Saisonpleite für Oklahoma State, für die die ganz großen Träume damit ausgeträumt sind: Playoffs sind endgültig vorbei, und man hat nun gegen beide verbliebenen 1-Loss Big-12 Teams verloren: Oklahoma und TCU. Damit ist auch eine Qualifikation für das Conference-Finale quasi ausgeschlossen.

#7 TCU würgte Texas mit 24-7 ab und ist nun punktgleich mit Oklahoma (beide 1 Niederlage) an der Spitze der Big 12. Nächste Woche kommt es in Norman zum direkten Aufeinandertreffen, das als weiteres Playoff-Ausscheidungsspiel fungiert: Nur der Sieger hat weiterhin ernsthafte Hoffnungen auf eine Einladung in die Playoffs. Der Verlierer darf immerhin noch hoffen, sich letztlich für das Big-12 Finale zu qualifizieren – wo er als Spoiler für den jeweils „anderen“ fungieren könnte.

Pac-12 Cluster

Lockerer Sieg für #12 Washington, das den traditionellen Rivalen Oregon 38-3 niedermäht. Washington spielt nächste Woche das Pac-12 North „Finale“ um den Einzug ins Conference-Finale.

#17 USC feiert mit dem 49-35 über das zuletzt so gehypte #22 Arizona einen Prestige-Sieg. Und: Wie wir unten sehen werden, hat USC einen exzellenten Strength of Record. Nicht auszuschließen, dass ich letzte Woche USC zu früh abgeschrieben habe, nur wegen der Niederlage bei Washington State und wegen des Debakels gegen Notre Dame. USC ist fast fix im Conference-Finale. Kann es sein, dass die Trojans aus dem riesigen Markt Los Angeles als eventueller 11-2 Conference Champ doch noch durch die Hintertür eingeladen werden?

Mid Majors

#18 Central Florida bleibt mit dem 31-24 bei den SMU Mustangs ungeschlagen, hat sich mit dem etwas knappen Sieg aber keinen Gefallen getan. UCF fällt damit im SRS etwas nach unten (auf #9), weil ein knapper Sieg gegen einen mäßigen Gegner nicht ausreicht um sonderlich zu beeindrucken. Aber positiv für UCF: Die Ergebnisse der Big Ten. Genau so etwas braucht ein Mid Major in der aktuellen Welt – möglichst viele Mannschaften mit mindestens zwei Niederlagen. Dann kann es für einen ungeschlagenen Mid Major zumindest eine Diskussion geben.

Playoff-Rankings

Als Vorbereitung für das in der Nacht auf morgen erscheinende offizielle Ranking des Playoff-Komitees hier der Strength of Record von ESPN, der am Saisonende (wohlgemerkt, der SOR ändert sich recht stark jede Woche!) der beste Indikator für eine Einladung in die Playoffs darstellt. Ich bin immer noch überrascht, wie hoch Miami rausgeht. Für so massiv halte ich den bisherigen Schedule der Canes nicht – was sich natürlich noch ändert, wenn man in den nächsten Wochen gegen Notre Dame und eventuell Clemson im ACC-Finale spielt.

Alles weitere dann hoffentlich am Freitag in der „Road to Atlanta“ Ausgabe.

3 Kommentare zu “Akademische Viertelstunde – Woche 10: Nach der Vorentscheidung ist vor der Entscheidung

  1. Vielen vielen herzlichen Dank fuer die immer schoenen Analysen zum College Football. Ich bin derzeit als Intern bei Mercedes Benz USA in Atlanta, also im Herzen der Football-verrueckten Suedstaaten und verfolge zwar die NFL und especially meine Vikings seit vielen Jahren sehr intensive, College Football bzw. die Fightin Irish als mein favorisiertes Team bisher eher nur sporadisch. Hier ist alles anders. College Football ist Reglion und ich geniesse es in vollsten Zuegen.

    Kann nur jedem empfehlen der die die Moeglichkeite hat mal hier rueber zu kommen. Das Feeling ist ein komplett anders. Einfach Hammer!

    Zum Sport zurueck: Fuer ND sehe ich das Spiel am Wochenende entscheidend. Wenn der defacto direkte Konkurrent Miami geschlagen warden kann, dann stehen die Chancen auf die POs schon reichlich gut. Bama muss am Samstag noch gegen Miss State rann und Woche drauf in Auburn. Die Tide sollten auch da grundsaetzlich nicht ausrutschen, vor allem gegen Auburn halte ich es aber fuer nicht unmoeglich. Die Sonners sind ebenfalls ordentlich auf Kurs.

  2. Nicht das wichtigste Ergebnis, aber kann man durchaus ergänzen für diese Aufstellung: Army beats Navy without attempting a single pass! Sieht man 2017 eigentlich überhaupt nie mehr…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.