Akademische Viertelstunde – Die Würfel sind gefallen

 

College Football präsentierte sich am Championship-Samstag als recht Chaos-resistent: Die Favoriten gewannen durch die Bank.

#1 Clemson plättete die Miami Hurricanes, die sich noch nichtmal als laues Lüftchen erwiesen, 38-3 und gewann den dritten ACC-Titel in Serie. #3 Oklahoma gewann gegen #11 TCU locker 41-17. Als Einordnung: In den 11 Spielen gegen andere Gegner ließ TCU im Schnitt 13 Punkte zu. Oklahoma scorte 38 und 41, und das waren noch schmeichelhafte Resultate.

Auch in SEC und Big Ten gab es Favoritensiege (nicht nach CFP-Ranking, aber nach Wettbüros): #7 Georgia machte #2 Auburn 28-7 platt. Und #8 Ohio State schlug #4 Wisconsin 27-21, ein Ergebnis, das sich letztlich als zu knapp und zu wackelig erwies um die Buckeyes noch durch die Hintertür ins Playoff zu hieven.

So entschied das Komitee: Alabama soll den 4ten Platz bekommen, obwohl es sich noch nichtmal für das SEC-Finale qualifizieren konnte. Die SEC ergattert damit just in einem Jahr, in dem die Conference nach SRS nur die fünftbeste im Lande war und ihre Dominanz verloren hat, zwei der vier Semifinalplätze, während die Big Ten, nach SRS die beste Conference des Jahres, leer ausgeht.

Wie David Neuber bereits in den Kommentaren schrieb: Die Auswahlkriterien des Komitees sind mindestens fishy. So wie letztes Jahr 50/50 zwischen Penn State und Ohio State, so hatten wir heuer 50/50 zwischen Ohio State und Alabama – mit dem einen Unterschied: Penn State hatte letztes Jahr deutlich bessere Qualitätssiege als Alabama 2017. Daher hatte auch ich deep down mit einer Einladung für Ohio State an Stelle von Alabama gerechnet.

Wurde es nicht. Und wir wissen vor allem, dass man sich als Playoffteam nicht abschlachten lassen sollte von einem durch und durch banalen Mittelklasseteam wie Iowa. Also wieder was gelernt. 2014 entschieden $$$ für Ohio State. 2016 der Qualitätssieg für Ohio State. 2017 der Record ohne Qualitätssieg für Alabama und gegen Ohio State. Ich bin schon gespannt, was das Komitee nächstes Jahr an Kriterien heranziehen wird.

Mehr über das Auswahlprozedere habe ich bereits am Sonntag geschrieben – hier sind noch einmal die vier Playoff-Teilnehmer nebst ihrem Ranking und Record:

#1 Clemson Tigers (12-1)
#2 Oklahoma Sooners (12-1)
#3 Georgia Bulldogs (12-1)
#4 Alabama Crimson Tide (11-1)

Das Ranking hat weitgehend Zustimmung hervorgerufen – selbst die Auslassung von Ohio State rief weniger Kontroverse hervor als ich angesichts des ähnlichen Leistungsnachweises gedacht hätte. Das vorliegende CFP-Ranking ist ein Ranking der Bilanz, nicht der „Stärke“ – das erkennt man auch daran, dass in den Wettbüros bereits das tiefer gerankte Alabama mit 3 Punkten gegen Clemson favorisiert ist. Alabamas Resümee ist nur das viertbeste. Aber das Team ist nach den meisten Advanced-Metrics wie SRS oder FPI das beste verbliebene. Würden wir nach „best overall“ und nicht „best record“ gehen, hätte man Teams wie Penn State und Ohio State, Topmannschaften nach SRS oder FPI, einladen müssen.

Fünf große Conferences, ein ungeschlagener Mid Major und nur vier Playoff-Plätze: Natürlich wie gemacht für eine Diskussion ob der Ausweitung des Playoff-Feldes. Die meisten Stimmen scheinen nach 8 Plätzen zu schreien. Persönlich finde ich das Feld mit vier Teams bereits äußerst attraktiver als früher die BCS. Wenn weitere Ausweitung, dann würde ich ad hoc ein Feld mit sechs Teams favorisieren: Fast jede Niederlage in der Regular Season tut weiter weh, aber der Lohn der #1 und #2 ist eine spielfreie erste Runde.

Geheilte Wunden

Georgias Finalsieg markiert auch das vorläufige Ende (oder Unterbrechung?) der Dominanz der Western Division, die seit 2009 jedes Jahr den Titel holte. Wie viel der SEC-Titel für die Fan-Base der Georgia Bulldogs bedeutet? Nun, dafür müssen wir in das Seelenleben des treuesten Fans blicken – des „Senators“ vom grandiosen Blog Get the PictureBlutarsky:

The following morning, I’m still coming to grips with the notion of Georgia winning an SEC title in the Saban era.  What this team has already accomplished and what lies ahead has left me a little numb, to be honest.  I’m a victim of sensory overload.

I’ll savor the details later.  I’ll worry about whether the selection committee treated Georgia fairly some other time — ah, hell, it’s found money, so who cares?

Fünf Jahre nach dem unfassbaren Drama um Aaron Murray in einem epischen Conference-Finale – dem zweitbesten Sportmoment des Jahres 2012 – holen die Bulldogs endlich und nach vielen Jahren Verpasstes nach und qualifizieren sich für die Playoffs.

Ich gebe zu, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ausgerechnet Nick Sabans unscheinbarster Assistenzcoach Kirby Smart ein Team wie ein Ebenbild Nick Sabans bauen würde: Geschwindig, physisch dominant, eiskalt und trocken. Diese Sorte Teams sind nicht „begeisternd“ im Sinne von Spektakel und stundenlanger Unterhaltung unabhängig vom Endergebnis. Aber sie sind trotzdem faszinierend, weil sie in ihrer Perfektion so selten im College Football auftauchen. An Alabama haben wir uns bereits gewöhnt. Die Zeit wird zeigen, ob wir uns auch an Georgia gewöhnen müssen.

Ode an die Knights

Die UCF Knights beenden ihre Saison nach einem unterhaltsamen Conference-Finalsieg gegen die Memphis Tigers, einem 62-55 Sieg in der zweiten Overtime, als letztlich einzige ungeschlagene Mannschaft der gesamten Football Bowl Subdivision (FBS). Trotzdem hatte UCF beim CFP-Komitee nie eine realistische Playoff-Chance: Man beendete die Saison als #12, drei Plätze hinter dem vom ESPN SOR vorgeschlagenen 9ten Platz.

Für meinen Geschmack kommt UCF qualitativ zwar nicht an die ganz großen Mid-Major Superstars wie Boise State oder TCU um 2009-2011 heran, aber trotzdem wäre es schön gewesen, hätte das Komitee zumindest in Anflügen gnädig drein geschaut – insbesondere in einem Jahr, in dem es lange danach ausschaute, als würde ein 2-Loss Team eingeladen werden.

UCF scherte sich nicht um solche Diskussionen. Die Uni, die bei mir seit den Zeiten des Lügenbarons George O’Leary einen schlechten Ruf genoss, präsentierte sich als eine der großen Geschichten des Jahres. Nicht nur, dass man ungeschlagen blieb. Man legt auch einige der sehenswertesten Begegnungen der Saison hin, darunter das mögliche „Spiel des Jahres“ beim 49-42 gegen den Lokalrivalen South Florida am Black Friday.

Maßgeblich beteiligt am großen Erfolg der Knights war Head Coach Scott Frost, der sich nun nach drei Jahren in Orlando in Richtung der Big-Player verabschiedet und das 35 Millionen schwere 7-Jahresangebot seiner Stamm-Uni Nebraska akzeptierte. Und obwohl die offizielle Mitteilung Mitten im Schlussviertel des Endspiels gegen Memphis rausging, reagierten die Knights nur dankbar:

Ein Trainerwechsel ohne schmutzige Wäsche: Es gibt noch Wunder auf der Welt. Noch scheint nicht ganz klar zu sein, ob Frost noch den Lohn seiner Arbeit in Orlando abstauben und den Preis für UCFs starke Saison coachen wird – die Peach Bowl am Neujahrstrag in Atlanta, gegen #7 Auburn, den anderen gescheiterten Chaos-Agenten der letzten Wochen.

Blick voraus ins neue Jahr

Jene Peach Bowl ist trotz der guten Story nur das Vorprogramm auf die Halbfinals – die dieses Jahr umso mehr die kompletten New Year’s Six Bowls überstrahlen:

29./30.12. 02h30 #5 Ohio State – #10 USC (Cotton Bowl)
30.12. 22h00 #9 Penn State – #11 Washington (Fiesta Bowl)
30./31.12. 02h30 #10 Miami/FL – #6 Wisconsin (Orange Bowl)
01.01. 18h30 #12 UCF – #7 Auburn (Peach Bowl)
01.01. 23h #2 Georgia Oklahoma – #3 Georgia (Rose Bowl – Semifinale)
01./02.01. 02h40 #1 Clemson – #4 Alabama (Sugar Bowl – Semifinale)

Das Re-Match der letzten beiden National Championship Games, Clemson vs Alabama, ist auch ohne den Hauptprotagonisten jener beiden Kracher, QB Deshaun Watson, eine Super-Ansetzung.

Aber auch das zweite Halbfinale hat es absolut in sich: Stärke gegen Stärke, die beste Offense im Lande mit der besten Offensive Line und dem fast sicheren Heisman-Trophy Sieger QB Baker Mayfield gegen eine der schnellsten, geschwindigsten Defenses. Der gefinkelte Headcoach Lincoln Riley gegen den aufstrebenden Kirby Smart. Und auf der anderen Seite des Duells Georgias Mega-Backfield mit Freshman-QB gegen Oklahomas verwundbare Defense – ich werde die Duelle natürlich detaillierter in die Pipette hinein analysieren, wenn die Zeit reif ist. Aber jetzt ist erstmal Vorfreude angesagt.

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4 Kommentare zu “Akademische Viertelstunde – Die Würfel sind gefallen

  1. Schöne Zusammenfassung. Als Neuling im College Football, was ist die Hintergrundgeschichte zum „Lügenbaron George O’Leary“?

  2. Kleine Korrektur- am 01.01 ist das erste Semi nicht Georgia vs Georgia sondern Oklahoma vs Georgia – ansonsten ist es wie immer eine Freude von dir zu lesen!

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