Samstagsvorschauer: Großes Coaching-Duell in der Fiesta Bowl

Vorletzter Tag dieses Jahres und vorletzter Tag der Bowl-Season 2017/18. Heute gibt es einige Blickpunkte, für die man sich die Eier reiben kann. Wir sehen unter anderem zwei New Year’s Six Bowls, zudem eine wunderschöne Mid-Major Offense – und natürlich den Hauptpreis: Die beiden fulminantesten Offensivspieler im College Football – QB Lamar Jackson und RB Saquon Barkley.

Vorschau auf die großen Semifinals vom Neujahrstag habe ich schon gestern geschrieben. Verweisen möchte ich auch auf den Sportradio360-Podcast mit Christian Schimmel, Jan Weckwerth und Nicolas Martin zur Bowl-Season. Weil wir schon beim Thema sind: Christian Schimmel hat sich natürlich auch wieder heute meinen Fragen gestellt.

Das Programm von heute – alles im ESPN Player. Die Liberty Bowl ab 18h30 gibt es bei SPORT1. Fiesta Bowl und Orange Bowl werden bei SPORT1 US übertragen:

  • 18h: #23 Mississippi State Bulldogs – Louisville Cardinals (Taxslayer Bowl)
  • 18h30: #20 Memphis Tigers – Iowa State Cyclones (Liberty Bowl)
  • 22h: #9 Penn State Nittany Lions – #11 Washington Huskies (Fiesta Bowl)
  • 02h: #6 Wisconsin Badgers – #10 Miami Hurricanes (Orange Bowl)

Thomas: Vier attraktive Paarungen. In welcher Reihenfolge würdest du die heutigen Bowls nach “Watchability” ranken?

Christian: Zunächst kommt es darauf an, was man sehen will. Im Sinne von Spannung und gutem Football würde ich so ranken:

1 Fiesta Bowl: Penn State – Washington
2 Liberty Bowl: Memphis – Iowa State
3 Orange Bowl: Wisconsin – Miami
4 Taxslayer Bowl: Mississippi State – Louisville

Wenn Washington einen guten Tag hat, können sie das Spiel gegen Penn State eng halten, dazu gibt’s mit Barkley und Gaskin zwei sehr gute Running Backs. Memphis gegen Iowa State wird vermutlich ohne Pass Defense stattfinden und ziemlich unterhaltsam werden. Wisconsin und Miami werden vermutlich keine 20 Pässe werfen, aber die Athletik in den jeweiligen Lines ist beeindruckend. Mississippi State gegen Louisville wäre besser, wenn nicht Bulldogs-QB Nick Fitzgerald ausfallen würde. So hat man immerhin Lamar Jackson.

Taxslayer Bowl

Thomas: Hand aufs Herz: Würdest du Louisville-QB Lamar Jackson lieber noch ein Jahr als College-Footballer sehen oder bist du bereits heiß darauf, was die NFL mit diesem einzigartigen Talent anstellen wird?

Christian: Für ihn wäre es vermutlich besser, noch ein Jahr am College zu bleiben. Ich bin ja kein großer Fan von Head Coach Bobby Petrino, aber Jackson hat sich in diesem Jahr als Passer klar verbessert, ist ruhiger geworden, macht weniger mit seinen Beinen. Ich würde ihn gerne allein aus dem Grund noch ein Jahr am College sehen, auch wenn ich nicht glaube, dass er mit den Cardinals nächstes Jahr eine große Chance auf einen ACC-Titel, oder gar mehr, hätte.

Liberty Bowl

Thomas: Die Memphis Tigers waren einer der besten Mid-Majors des Jahres (10-2 Bilanz, #30 im SRS). Wie lange wird es dauern, bis Head Coach Mike Norvell einen Power-5 Trainerposten angeboten bekommt?

Christian: Da bin ich auch extrem gespannt. Norvell hat erst vor kurzem eine Vertragsverlängerung über $13M und fünf Jahre unterschrieben. Dazu hat er erst zwei Saisons als Head Coach von Memphis hinter sich. Ich kann mir gut vorstellen, dass er da erstmal etwas aufbauen will. Die American Conference scheint im Moment ohnehin etwas im Aufbruch, auch wenn man bei UCF abwarten muss, wie sich der Abgang von Scott Frost auswirkt. Norvell wird Angebote bekommen, aber er kann es sich leisten, auf das richtige zu warten. Er muss nicht irgendeinen Job annehmen, nur im in einer Power 5 Liga zu coachen.

Thomas: Iowa State war in der ersten Saisonhälfte eine große Geschichte, als die Cyclones nacheinander Oklahoma und TCU fällten. Danach reichte es doch nicht ganz zum Durchbruch. Warum? War man überschätzt oder doch letztlich zu dünn besetzt?

Christian: Iowa State ist rein vom Talent leider in der BIG12 so ziemlich das Schlusslicht, die Tatsache, dass sie erst so spät in der Bowl Season antreten und sieben Spiele gewonnen haben, ist eine Sensation.

Iowa State und Kansas waren vor dem Antritt von Matt Campbell die Fußabtreter der Conference. Ich bin gespannt, ob er im wenig talentreichen mittleren Westen dem Team eine Identität geben, ähnlich wie Bill Snyder bei Kansas State. Noch fehlen Tiefe und Qualität im Kader und das hat dann auch den Ausschlag für das leicht enttäuschende Saisonende gegeben. Kann Campbell halbwegs recruiten, dann wird ISU in den nächsten Jahren respektabel sein, vielleicht sogar mehr.

Fiesta Bowl

Thomas: Fiesta Bowl ab 22h mit #9 Penn State und #11 Washington. Ein Duell zweier offensivorientierter Head Coaches: James Franklin vs Chris Petersen. Was zeichnet die Arbeit dieser Coaches an den jeweiligen Universitäten für dich aus?

Christian: An dieser Stelle könnte man vermutlich seitenlang über die Qualität beider Trainer schreiben. James Franklin hat bei Vanderbilt einen herausragenden Job gemacht und kam mit hohen Erwartungen zur PSU, jedoch war das erste Jahr ein mittleres Desaster, was wohl auch an der schwierigen Beziehung zwischen Franklin und Quarterback Christian Hackenberg (mittlerweile Jets) lag. In den letzten beiden Jahren gab es zweistellige Siege – und das bei einem Programm, das sich noch immer nicht von den Sanktionen um den Sandusky Skandal erholt hat. Franklin hatte immer gute Koordinatoren, auch wenn er jetzt Joe Morehead als Head Coach zu Mississippi State wird ziehen lassen müssen. Dazu hat er bewiesen, dass er die Qualitäten seiner besten Spieler gut zur Geltung bringen kann.

Zu Chris Petersen findet man auf diesem Blog einige Texte, von daher möchte ich das kurz halten. Was mir bei ihm ungemein imponiert, sind seine Konstanz und die Treue gegenüber den Programmen bei denen er gearbeitet hat. Sechs Jahre Oregon, 13 Jahre Boise State und nun Washington. Ich glaube, dass er auch dort eine ganze Zeit bleiben wird. Der Nordwesten der USA ist zu seiner Heimat geworden. Peterson ist vermutlich einer der besten Schemer und Innovatoren im Football. Auch versteht er es, seine besten Spieler exzellent zur Geltung zu bringen, doch glaube ich, dass er verglichen mit Franklin im Game Planning und im In Game Management nochmal eine Stufe höher steht. Ich freue mich sehr auf das Matchup dieser beiden tollen Coaches.

Anm. korsakoff: Ode an Chris Petersen von vor vier Jahren.

Thomas: Welcher Spieler ist wichtiger für die Offense von Penn State: RB #26 Saquon Barkley oder QB # Trace McSorley?

Christian: McSorley ohne Zweifel. Die Begründung ist simpel. Saquon Barkley ist unglaublich konstant in dem, was er tut. Man wird ihn nie völlig ausschalten können, auch wenn Ohio State dies in der zweiten Halbzeit gegen PSU schon nahezu perfekt gemacht hat. McSorley ist inkonstant und macht nach wie vor eine Menge Fehler. Wenn der Gegner acht oder neun Spieler in die Box stellen kann, wird es auch für Barkley ein Ding der Unmöglichkeit, dauerhaft Erfolg zu haben. Insofern muss der PSU-Spielmacher schon zu Beginn zeigen, dass er Washington auch mit seinen Pässen wehtun kann.

Thomas: Wie geht es mit den Washington Huskies weiter? QB Jake Browning hat ja doch ein eher maues Jahr gespielt, trotz höherer Completion-Rate. RB Myles Gaskin könnte das Team verlassen, ebenso wie eine Reihe Verteidiger.

Christian: Mal abwarten. Peterson hat in den vergangenen Jahren bewiesen, dass er Ausfälle recht gut kompensieren kann. Weg sind in jedem Fall zwei Spieler in der Offensive Line, Receiver Dante Pettis und vermutlich auch Gaskin. In der Defense werden D-Liner Vita Vea bald sonntags sehen, dazu einige der Linebacker. Wer in der Secondary geht, ist offen. Washingtons Recruiting-Klasse lag in den letzten beiden Jahren nach den Rankings von 247Sport auf 22 bzw. 29. Dieses Jahr haben sie bereits 9 4Star Recruits und liegen derzeit auf Rang zwölf. Gleichwohl zu vermuten es, dass es am National Signing Day noch mal ein paar Plätze runter geht, werden die Huskies erneut eine Top Klasse haben, entsprechend mache ich mir relativ wenige Sorgen um sie.

Orange Bowl

Thomas: Und ab 2h Orange Bowl aus Miami – mit dem „Heimteam“, den Miami Hurricanes, und dem unauffälligen Gast aus Wisconsin. Zwei Teams, denen man nachsagte, letztlich weder in Offense noch in Defense komplett genug gewesen zu sein um in ACC und Big Ten die Titel zu gewinnen. Obwohl: Miami hatte seine Momente dieses Jahr – bloß nicht im ACC-Finale, als man überfahren würde.

So bleibt die Frage: Wer war der größere Star der Miami Hurricanes in der abgelaufenen Saison – QB Malik Rosier oder die Turnover-Chain?

Christian: Die Turnover Chain bzw. damit die Defense der Hurricanes. Die hat ihnen die Spiele gewonnen, insbesondere den Blowout gegen Notre Dame. Es ist eine Einheit, die faktisch keine größeren Schwächen hat. Eine brachiale Defensive Line, gute Instinktive Linebacker und sehr aggressive Defensive Backs. Miami tut sich unglaublich schwer, einen Rückstand aufzuholen. Dafür ist Rosier und das gesamte Passspiel zu fehlerbehaftet. Die Defense wird es gegen Wisconsin einmal mehr richten müssen.

Thomas: Ist das, was Head Coach Mark Richt in seinen ersten beiden Jahren in Miami aufgebaut hat, nachhaltig genug, dass die Canes in den nächsten Jahren in der ACC eine Macht bleiben können?

Christian: Richt weiß zumindest, wie man ein Team aufbaut und nachhaltig Stabilität reinbringt. Das hat er bei Georgia vor allem über eine gute Defense und vielseitiges Laufspiel geschafft. Sein diesjähriges Miami hat viele Eigenschaften der letzten Georgia-Teams, die er gecoacht hat, inklusive es am Ende eben nicht in die Playoffs, oder zum Conference Titel zu schaffen.

Richt hat gute Voraussetzungen und wird in Florida auch gut recruiten können. In der Coastal Division rechne ich in den nächsten Jahren mit einer etwas härteren Konkurrenz, weil dort mittlerweile richtig viele gute Coaches unterwegs sind. Trotzdem sollte es Miamis Anspruch sein, die Division regelmäßig zu gewinnen. Ob es dann zu mehr reicht und Richt die Hurricanes zu einem nationalen Titelaspiranten macht, da bin ich noch skeptisch, aber die ersten beiden Jahre waren richtig gut.

Thomas: Und schließlich Wisconsin, das mit altbekannten Methoden punktet: Eine Offense, die fast nur läuft (über RB Jonathan Taylor) – hinter einer Offensive Line, die alles niederwalzt was sich ihr in den Weg stellt. Welche der Vorblocker bei Wisconsin haben diesmal die beste Chance, gedraftet zu werden?

Christian: Zunächst muss man sich mal ansehen, was Wisconsin in den letzten Jahren in der Offensive Line in die NFL geschickt hat. Derzeit sind es alleine neun Spieler in der OLine in der NFL. Darunter die Pro Bowler Joe Thomas und Travis Frederick.

Keiner von den Vorblockern der jetzigen Offensive Line ist Senior, von daher ist es gut möglich, dass sich dieselbe Kombination auch nächstes Jahr nochmal durch die BIG TEN arbeitet. Ein Spieler, um den es Gerüchte gibt, ist der Rechte Guard, #66 Beau Benzschawel. Das wäre der Akteur, auf den ich in der Line der Badgers gegen Miami aus NFL-Sicht am ehesten achten würde.

6 Kommentare zu “Samstagsvorschauer: Großes Coaching-Duell in der Fiesta Bowl

  1. Tolle Sache, dieses Format. Da sieht man auch, dass es spannend sein kann wenn die richtigen Fragen gestellt werden. Finde es auch interessant dass Christian manchmal etwas andere Sichtweisen als die auf diesem Blog gewohnten hat, und dass du diese hier postest.

    Danke dafür. Hilft mir extrem in der College Materie, die ich nicht so intus habe wie die NFL.

  2. Bin @korsakoff Dankbar für die Vermittlung weiterer Football Insidern im deutschsprachigen Raum, gerade was den College Bereich betrifft. Ein weiterer sehr guter Mann ist @giannivanzetti auf Twitter und mit seiner Seite: https://tripleoptionblog.wordpress.com/
    Mittlerweile bin ich mehr auf College Football fokussiert wie auf die NFL, in der leider das reine Business der Spielfreude gewichen ist.

  3. @Colothani: Reines Business ist der College Football doch auch schon längst. Coaches, die 10M pro Jahr kassieren, Spieler die nur deswegen am College sind um Football zu machen und sich kein Jota um ihr Stipendium kratzen und bei der ersten Gelegenheit die Millionen in der NFL jagen, ESPN, das hunderte Millionen in die Übertragungsrechte pumpt und Bowl Verantwortliche die künstlich ein System am Leben erhalten, das ihnen Leibrenten und fixe Posten beschert.

  4. Finde es auch super, wenn hier andere Schreiber zum Zug kommen. ich vermisse ja auch Seminole und Herrmann auf diesem Blog, nichts gegen @korsakoff den besten von allen dessen Arbeit ich extrem schätze und bewundere.
    Man muss aber ehrlicherweise zugeben, dass in der Blogsphäre viele begonnen haben, aber nur der Sideline Reporter und Der Draft haben durchgehalten. Die meisten anderen haben zugemacht oder sind wie @Adriano zu einer großen Sportseite wie spox gegangen. Der Gianni Vanzetti Blog gefällt mir und danke für die Verweise in den letzten Wochen hier aber man muss abwarten wie lange die Seite durch hält, da sind leider zu viele aus verständlichen Gründen gescheitert.

  5. Hm.

    1. „Gescheitert“ ist eine unpassende Vokabel, nachdem es sich um reine Freizeitaktivitäten handelt.
    2. Auch hier gibt es gezwungenermaßen immer öfter längere Pausen. Wenn du nicht jeden Tag alles verfolgen kannst, dauert jeder einzelne Artikel länger, da man erst wieder ins Thema finden muss.
    3. Im Vergleich zu dem, was es 2010 gab, als ich hier angefangen habe, gibt es heute deutlich mehr in deutscher Sprache zu NFL und College Football zu lesen (und zu hören) – qualitativer und quantitativer Natur.

  6. @korsakoff: Ja ist auch keine Kritik an niemandem, sorry wegen der Wortwahl. Es ist halt auffällig, dass viele Blogs daherschießen und fast ebenso viele nach ein paar Wochen oder Monaten wieder verschwinden. Ist ja vielleicht gerade deshalb wichtig, dass diese Blogs bekannt gemacht werden damit die Schreiber dran bleiben 😉

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