Black Monday 2018: Das NFL-Trainerkarussell

Black Monday hat seine ersten Opfer gefordert.

In Chicago wurde Headcoach John Fox gefeuert. GM Ryan Pace bekommt eine Vertragsverlängerung bis 2021 und soll nun einen offensivorientierten neuen Coach holen um den jungen QB Mitchell Trubisky zu entwickeln. Insofern eine verständliche Entscheidung, weil Fox in seinen 16 Jahren als NFL-Headcoach nicht einen einzigen Quarterback von Format entwickeln konnte – seine größte Leistung auf diesem Gebiet war, sich in der Ära Peyton Mannings in Denver rauszuhalten und Manning einfach machen zu lassen. Aber: Fox-Mannschaften waren stets bekannt dafür, die Basics drauf zu haben und nie schlampigen Football zu spielen.


Die Detroit Lions feuerten wie erwartet Jim Caldwell. Ich werde dazu vielleicht noch was schreiben. Als Nachfolger ist derzeit vor allem Patriots-DefCoord Matt Patricia im Gespräch. Auch ex-Pats Spieler Mike Vrabel soll ein Kandidat sein – Vrabel war zuletzt co-DefCoord in Houston. Unklar ist noch, ob der Trainerstab hinter dem Headcoach bleiben soll – nur O-Line Coach Ron Prince wurde ebenso gefeuert.

Die Coach-Suche in Detroit soll von QB Bob Quinn (das aus dem Patriots-Stab kam) und Team-President Rod Wood im Tandem geführt werden. Sollten die Lions Patricia verpflichten, gibt es Fragezeichen ob des Offensive-Coordinators: Letztes Jahr soll Patricia bei diesem Punkt keine gute Figur in den Vorstellungsgesprächen hinterlassen haben und ergo keinen HC-Job bekommen haben.


In Indianapolis wurde der unglückselige Chuck Pagano gefeuert. Von Pagano wird neben seinem „Chuckstrong“-Jahr, als Indy ohne den leukämiekranken Pagano 2012 in die Playoffs stürmte, vor allem der sensationell schlechte Griff-Whalen Trick-Play in Erinnerung bleiben – quasi als Symbol für sechs verschenkte Jahre von QB Andrew Luck.

Die Coach-Suche bei den Colts wird von GM Chris Ballard geführt. Man scheint eine „offensive“ Lösung zu favorisieren.


Bei den Oakland Raiders wurde Chefcoach Jack Del Rio gefeuert. Del Rio hat in den drei Jahren bei den Raiders ziemlich genau das gemacht, was ich vor drei Jahren geschrieben habe: Er hat das Team aus tiefsten Tiefen ins Liga-Mittelfeld geführt. Damit hat Del Rio den wichtigsten Teil des Jobs erledigt. Man vergisst heute nur zu schnell, wie schlecht Oakland über zehn Jahre lang war. Del Rio hat einen Trümmerhaufen übernommen und daraus ein zumindest respektables Team gemacht. Für den superben Raiders-Draft von 2014 konnte er nix, aber er hat aus dem Kern um OLB Khalil Mack und QB Derek Carr ein Team geformt, dessen Puzzleteile heute zusammenpassen.

Del Rio sehe ich als Opfer seines Erfolgs 2016, als Oakland durch eine Latte an knappen Siegen 12-4 ging. Es war letztes Jahr keine populäre Meinung, aber: Oakland war maximal 8-9 Siegen „wert“. Das Team war dank 8-1 Bilanz in knappen Spielen völlig überbewertet. 2017 der Absturz auf eine 6-10 Bilanz. Sechs Spiele Einbruch. Das klingt horrend, aber nehmen wir den Pythagorean her, haben sich die Raiders nur von 8.8 Siegen auf 6.0 Siege. Also rund drei Spiele Einbruch nach Leistung.

Als Nachfolger ist der ewige Jon Gruden im Gespräch. Gruden ist den meisten jüngeren Zuschauern nur noch als ESPN-Kommentator bei Monday-Night Spielen bekannt, aber in der Zeit vor ESPN war Gruden jahrelang Headcoach in Tampa Bay und… Oakland. Gruden hatte zwischen 1998 und 2001 in Oakland eine erfolgreiche, häufig knapp scheiternde Mannschaft unter seinen Fittichen – Stichwort Tuck Game.

Nach Ende der 2001er Saison wurde Gruden von Raiders-Owner Al Davis für etliche Draftpicks und – für die USA ungewöhnlich – Cash nach Tampa verschifft, wo Gruden im ersten Jahr eine Super Bowl gewann… gegen Oakland im Finale natürlich.

Gruden galt zu Raiders-Zeiten als Offensiv-Genie, aber davon war in Tampa ehrlicherweise nie viel zu sehen. Grudens extrem kompliziertes Offensiv-Playbook überforderte sämtliche jungen QBs, die Tampa draftete, von Matt Simms angefangen, hin zu Luke McCown. Nur mit dem ollen Jeff Garcia, der die West Coast Offense bereits verinnerlicht hatte, lief es einigermaßen. So gewann Gruden nach der Super Bowl in sechs Jahren nicht einziges Playoffspiel mehr und verlor mehr Spiele als er gewann.

Gruden ist eine interessante Persönlichkeit. Er gilt als Workaholic, der nachts im Büro schläft um sich die Fahrtzeit zu sparen. Er gilt als extrem intensiv, was ihm einst den Spitznamen „Chucky“ einbrachte, bekannt nach Chucky, der Mörderpuppe. Er ist noch immer erst 54. Sein ältester Sohn ist nun ausgeschult, weswegen er sich wieder um Coaching kümmern möchte.

Raiders-QB Carr ist 26, also nicht mehr ganz ein Frischling. Für Gruden, dessen einzige Erfolge auf Quarterback bislang in Rich Gannon, Brad Johnson und Jeff Garcia steinalte QBs waren, eine Herausforderung. Gannon soll nun als QB-Coach im Gespräch sein, womit die Raiders zwei aktuelle Co-Kommentatoren abziehen würden.


Cincinnati war nach dem Rücktritt von Marvin Lewis bereits offene Trainerstelle, wie auch die New York Giants nach der Entlassung von Pornoschnäuzer Ben McAdoo Anfang Dezember. In Arizona trat zudem gestern Bruce Arians zurück.

In New York soll Jim Schwartz Favorit auf die Nachfolge von McAdoo sein. Über Jim Schwartz habe ich oft geschrieben. Schwartz war „mein“ Favorit. Er war für mich die Chance, die Detroit Lions aus dem tiefsten aller Täler herauszuführen. In Detroit scheiterte Schwartz schließlich nach fünf Jahren am Ruder – ich gebe zu, es ist schwierig, Schwartz vor allem nach den letzten beiden Jahren bei den Lions zu verteidigen. Vor allem hat man in Detroit immer weniger von Schwartz’s einst gepriesenen Analytics-Fähigkeiten gesehen.

Schwartz konnte als DefCoord in Buffalo in Philadelphia seither seinen Ruf wieder aufpolieren. Vielleicht hat er aus seiner Zeit in Detroit die richtigen Schlüsse gezogen und ist nun ein besserer, reiferer Head Coach. Die ersten drei Jahre in Detroit waren auf alle Fälle vielversprechend. Wenn er daran anknüpfen kann und seine Böcke aus den letzten beiden Jahren ausmerzen kann, eine potenziell tolle Einstellung für die Giants (so sie denn zustande kommt).


Bei den Jets bekamen Headcoach Bowles und GM Maccagnan bereits Ende letzter Woche Vertragsverlängerungen.

In Tampa wurde Dirk Koetter als Cheftrainer bestätigt.

In Cleveland zumindest bis dato keine Entlassung des 1-31 Headcoaches Hue Jackson.

Bei den Texans ist Bill O’Brien noch Headcoach. Allgemein wird erwartet, dass O’Brien bleiben darf, aber ganz sicher soll sich Owner Bob McNair noch nicht sein. O’Brien soll sich komplett mit GM Rick Smith verstritten haben – Smith zieht sich nun vorerst aus dem Tagesgeschäft zurück, weil er sich um seine krebskranke Frau kümmern möchte. Was für Smith persönlich eine tragische Geschichte ist, könnte sich für die Texans positiv auswirken, da O’Brien wohl nun ohne Störgeräusche weiterarbeiten kann.

In Denver wurde Vance Joseph bestätigt. Es werden aber tiefer greifende Änderungen im Trainerstab erwartet. Ohnehin müssen die Broncos auf der wichtigsten Position endlich einen Treffer landen: Quarterback. Hier ist der für Draft und Free Agency zuständige Teamchef Elway gefordert.

In Dallas darf Jason Garrett wohl bleiben.

In Green Bay gibt es auch keine Änderung am Trainerposten, aber im Front-Office soll sich GM Ted Thompson aus dem Tagesgeschäft zurückziehen und eine eher strategische Rolle übernehmen.

(edit) Jonas merkt in den Kommentaren richtigerweise an, dass auch DefCoord Dom Capers bei den Packers gefeuert wurde. Viele Fans sagen „endlich“.(/edit)

Noch offen ist die Trainersituation in Seattle, wo der 66-jährige Pete Carroll intern zumindest mit Rücktrittsgedanken spekuliert haben soll. Seattles legendärer Kader scheint am Ende seiner Halbwertszeit angekommen zu sein. Der exzellente, unter der Ägide von Star-Scout Scot McCloughan zusammengestellte Kader ist mittlerweile ausgedünnt und es könnte sein, dass sich Carroll keinen Umbruch mehr antun will.

19 Kommentare zu “Black Monday 2018: Das NFL-Trainerkarussell

  1. Als GB-Fan sage ich zu beiden Entscheidungen „endlich“.
    Und hoffentlich darf der neue GM frei schalten und walten auch wenn der „Alte“ noch da ist. Ich tippe aber ohnehin auf eine in-house Lösung, entweder Wolf oder Gutekunst. Alles andere wäre eine noch größere Überraschung als der Abgang an sich.

  2. Allzu früh würde ich die Lanze nicht über Capers brechen wollen – viele Ressourcen wurden ja nicht unbedingt in die Defense gesteckt und auch die Draftees waren eher mäßig… andererseits kann man schon hinterfragen, warum Clay MAttheuws Karriere so mäßig läuft…(nicht optimal eingesetzt?)

  3. Lewis ist doch noch nicht zurückgetreten, oder hab ich das falsch in Erinnerung?
    Stand jetzt will er laut einigen Berichten sogar weitermachen.

  4. Genau genommen wollte Lewis seinen auslaufenden Vertrag nicht verlängern. Hauptgrund war Owner Mike Browns Geiz bei den Gehältern der Assistenzcoaches. Mag sein, dass Lewis noch einmal Meinung wechselt.

  5. Marv ist eine Katze mit sieben Leben.

    Aber spätestens seit Lewis nach Ende der Saison 2010 eine Vertragsverlängerung bekam, überrascht mich in Cincinnati nichts mehr: https://sidelinereporter.wordpress.com/2010/11/26/in-cincy-geht-die-sonne-unter/

    Finde den Move aber beruhigend. In einer Liga, in der die halbe Liga nach zwei Jahren die Geduld verliert, setzt immerhin eine Mannschaft auf Kontinuität. Und Lewis hat nicht die schlechteste Bilanz – selbst ohne Playoffsieg. Vor allem gemessen an den Rahmenbedingungen in Cincinnati. Ginge sicher besser, aber auch bedeutend schlechter.

    Cincinnati ist nicht länger das hässliche Entlein.

  6. @korsakoff: Ich denke, dass Lewis ein hervorragender Mann ist, um ein Team zu formen und aus dem Bodensatz herauszucoachen.
    Ich glaube aber einfach nicht, dass er die Bengals jemals zu einem echten Superbowl Contender coachen wird. Er steht nicht ohne Grund auch nach 15 Jahren Bengals immer noch komplett ohne Playoff-Sieg da.
    Es war halt die Entscheidung, ob man mit dem altbekannten Dümpeln rund um das NFL-Mittelmaß weitermacht und zufrieden ist, oder ob man etwas Neues probiert und tatsächlich versucht, auch mal „mehr“ herauszuholen (mit dem Risiko auf einen Absturz). Man hat sich für erstere Variante entschieden.

  7. @JoffreyG: 15 Jahre ohne Playoff-Sieg ist enttäuschend, aber Lewis hatte die Bengals auf der anderen Seite auch 7x in den Playoffs. Zweimal extremes Verletzungspech zur Wildcard-Runde: 2005 die Carson-Palmer Verletzung und Palmer war danach nie mhr der gleiche. 2015 das Drama um Andy Dalton. Beide Male hatte Cincinnati komplette Teams beisammen. Beide Male mit Backup-QB knapp gegen einen starken Gegner ausgeschieden.

    Lewis mag nicht der beste Coach der NFL sein, aber er operiert in einer Franchise, die kein Geld für Assistenzcoaches auszugeben bereit ist und so gut wie nie in der Free Agency aktiv wird. Lewis muss alles Talent der Welt „in-house“ entwickeln, was u.a. auch dazu führt, dass er zu Charakter-Risiken greifen muss (Bsp. Burfict, Pacman Jones), die wiederum allerlei sonstige Probleme bereiten.

    Wenn man zudem bedenkt in welch desaströsem Zustand das Team war als Marv es übernommen hat, halte ich den Job weiterhin für nicht so schlecht. Sicher hätte man eine Luftveränderung vertragen können, aber das war 2010 auch schon so und direkt im Anschluss baute Lewis einen jahrelangen Playoff-Contender aus dem Nichts auf obwohl der Franchise-QB überraschend in den Ruhestand trat.

  8. Re: Packers

    Umbau geht weiter. Nach DC Capers wurden nun die Defense-Assistenten McCurley (LB) und Trgovac (DL) entlassen. Trgovac ist der Coach, der vor Jahren die Monster-DL der Carolina Panthers gebaut hatte. In der Offense müssen OffCoord Bennett + QB Coach Van Pelt gehen.
    – Headcoach McCarthy bekam eine Vertragsverlängerung um 1 Jahr bis 2019. Das ist die Pseudo-Verlängerung, die zuletzt auch Detroit Caldwell bekam. Was sie nutzt? Sie sorgt zumindest für 12 Monate für relative Ruhe, ist aber bei Entlassung nächstes Jahr nicht so teuer wie eine ernsthafte Verlängerung. Wirklich an McCarthy scheinen die Packers nicht mehr zu glauben.
    – GM Thompson wurde nun zum Senior-Consultant für Football-Operations ernannt, wird sich aus dem Tagesgeschäft eher raushalten.
    – Scouting-Chef Highsmith wurde nach Cleveland ziehen gelassen.
    – Favorit auf den GM scheint Eliot Wolf zu sein, ein Sprössling der Front-Office Legende Ron Wolf, der jahrelang bei den Packers arbeitete und Superbowl-Mannschaften aufbaute.

  9. Also jetzt wissen wir es, laut Adam Shefter: Jon Gruden bekommt einen 100mio$ schweren10jahres-Vertrag von den Raiders, wow. …Jemand der seit 2008 nicht gecoacht hat und 2002 mit dem Superbowl-win sein letztes Playoff-Spiel gewonnen hat… ich bin gespannt! Jonathan Jones hat dazu einen interessanten Kommentar abgegeben: https://twitter.com/jjones9/status/949349301846724608

  10. Grudens Karriere als Trainer fällt in eine Zeit, in der ich die NFL noch nicht verfolgt habe. Aber war er damals wirklich eine größere Nummer als zB Holmgren in Seattle oder Dungy bei den Colts? Beide haben entweder vorher oder in großer Nähe zu Gruden „ihren“ SB gewonnen und sind von den Stats ähnlich. Dazu scheinen die Bucs 2002 ein ziemlich komplettes Team gewesen zu sein, ohne Aufbauarbeit von Gruden (womit wir wieder bei Vorgänger Dungy wären). 10 Jahre und 100mio* klingt jetzt eher, als würde Davis versuchen Belichik nach Las Vegas zu locken und nicht nach einem Coach, der auf dem Papier nicht wesentlich spannender aussieht als einige seiner zeitgleich aktiven Kollegen. Gibt es da mehr um seinen Ruf zu begründen?

    Re: Packers
    Großes Aufräumen… vllt musste das Team tatsächlich mal sehen dass ohne Rodgers im Moment eher wenig Positives zu finden ist.

    *falls es denn stimmt und die Summe bzw die Laufzeit überhaupt garantiert ist…

  11. Chicago hat Matt Nagy als Head Coach eingestellt:

    Nagy war zuletzt OffCoord bei den Chiefs. Gilt als Coach, der viele neue Konzepte in die Offenses einbaut, u.a. Run/Pass Options, die mit QB Trubisky und RB Howard ein Thema in Chicago sein werden.

    DefCoord ist noch ein offener Punkt. Der aktuelle DC Fangio hat noch einige wenige Tage Vertrag. Verlängerung nicht ausgeschlossen.

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