Wild Card Weekend 2017/18 – Recap

Rückschau auf ein sehenswertes Wildcard-Wochenende.

TITANS 22, CHIEFS 21. Ein großes Comeback der Tennessee Titans, die sich aus einem 3-21 Loch zur Halbzeit herausbuddeln und einen völlig überraschenden Sieg in Kansas City feiern. Es war ein Spiel der zwei Halbzeiten.

In der ersten dominierte Kansas City: 33 Offensiv-Snaps für Kansas City, darunter nur 6 Läufe über RB #27 Kareem Hunt. Alex Smith operierte eine effiziente Offense zu einer 21-3 Führung.

Die zweite Halbzeit stellte die Partie völlig auf den Kopf – und man darf zwei wesentliche fehlende Protagonisten bei den Chiefs nicht vergessen: TE Kelce verabschiedete sich kurz vor der Pause mit Gehirnerschütterung vom Spiel, und auch DT #95 Chris Jones musste runter.

Tennessee spielte plötzlich effiziente Offense. Die Offensive Line blockte dem RB #22 Henry plötzlich große Löcher auf und QB Marcus Mariota verwertete ein kritisches 3rd Down nach dem anderen mit seinen Scrambling-Künsten:

Das ist eine extreme Bilanz. Die Chiefs-Offense kam fast gar nicht mehr zum Zug. Ein kritischer Drop bei 3rd/2 sowie ein verschossenes Fieldgoal aus 48 Yards kosteten Zeit und Raum – und nachdem Tennessee die 22-21 Führung übernommen hatte, waren die Chiefs schon in kritischem Zustand. Der letzte Verzweiflungspass Smiths downfield für #12 Albert Wilson war etwas zu hoch geworfen und Wilson konnte den Ball nicht festhalten.

Ein merkwürdiger Sieg der Titans. Tennessee hatte einige Freak-Dinger für sich laufen: Ein bizarrer Referee-Bolzen, als ein klarer Sack/Fumble gegen Mariota nicht nur nicht gegeben wurde, sondern nicht mal gechallenged werden konnte – er kostete die Chiefs nicht nur einen sicheren Fumble-Return zum Touchdown und 21-0 Führung, sondern brachte den Titans ihre einzigen 3 Punkte vor der Pause.

Dazu der Mariota TD-Catch, ein FG-Kick an die Stange und der Drop des Chiefs-TE in der zweiten Halbzeit. Die Chiefs führten klar, Führung wurde immer knapper weil die eigene Offense nie auf dem Feld stand, aber es fühlte sich nie besorgniserregend an, und plötzlich liegst du kurz vor Schluss mit einem Punkt hinten und die eigene Offense verpasst ohne den wichtigsten Spieler (#87 Kelce) den KO-Schlag im letzten Drive und verlierst ein Spiel und weißt nicht warum. So haben zuletzt die Carolina Panthers 2003 ihre Spiele gewonnen.

Naturgemäß hagelt es nun Kritik an Chiefs-Headcoach Andy Reid, dessen maue Playoff-Bilanz nun verstärkt hervorgekramt wird. Reid ist 11-13 in den Playoffs, inklusive fünf Auftaktniederlagen. Die Kritik hangelt sich fest am Play-Calling, weil RB Hunt nur 5x in der zweiten Halbzeit den Ball bekam.

Ich halte die Kritik für übertrieben. Kansas City hatte nur 3-4 echte Drives nach der Pause, und mit nur etwas mehr Glück hätte man den einen Score gemacht, der noch notwendig war. Das Problem, das sich offenbarte: Ohne Kelce ist die Offense nur die Hälfte wert. Hill war auf sich allein gestellt völlig ineffizient und #84 Harris hatte mehr Drops als Catches.

Das Spiel markiert nun wohl das Ende der Ära Alex Smith bei den Chiefs. Smith kostet nächstes Jahr 20 Mio. gegen die Salary-Cap und in einem Team, das eh schon kaum Cap-Space hat und in dem ein junger QB wie Mahomes in der Hinterhand wartet, ist vermutlich kein Platz mehr für Smith: Trade oder Entlassung wahrscheinlich.

Letzter Punkt der Partie: In den USA wird heftig über die Schiedsrichterleistung diskutiert – und wenn sogar Mike Pereira die Refs in den Senkel stellt, kannst du dir ungefähr ausmalen wie schlecht die Vorstellung der Crew um Jeff Triplette war:

Triplette tritt nun zurück. Er war der Seuchenvogel unter den NFL-Refs – der nicht gegebene Fumble gegen Mariota war nur der letzte Tiefpunkt einer durchwachsenen Zebrakarriere. Mit Triplettes Abgang ist das Problem bei den NFL-Schiedsrichtern aber nicht gelöst. Es fällt auf, dass etliche der Herren an die 55, 60 Jahre alt sind und ganz einfach nicht mehr mit dem Tempo auf dem Spielfeld mitgehen können. Das zweite Problem war schon beim Lockout vor einigen Jahren bekannt: Es gibt keine Backup-Teams und keine Profischiedsrichter. Es ist kaum zu glauben, dass die NFL mit all ihren Milliarden in der Hinterhand nicht imstande ist, gegen die Schiedsrichter-Gewerkschaft anzukommen und ein vernünftiges, fitte Schiedsrichterwesen aufzubauen.


FALCONS 26, RAMS 13. Ich hatte vor der Falcons-Defense gewarnt – und Atlanta bestätigte den starken Aufwärtstrend der letzten Wochen. Es war eine „Grinder“-Partie mit ganz wenigen Big Plays. Es war ein ständiges Warten auf den Moment, in dem die Rams-Offense zünden würde – aber der Moment kam nie.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass eine High-Scoring Offense wie es die Rams heuer waren (30pts/Spiel) im allerersten Playoffspiel Probleme hat. Atlanta stellte die Laufwege ganz ordentlich zu, obwohl RB Gurley trotzdem seine Yards machte, und Atlanta brachte ausreichend Druck in Richtung QB Jared Goff, dass die Rams-Offense immer wieder Timing-Probleme hatte – und schließlich muss man natürlich auch die fantastische Arbeit des CB-Pärchens #21 Trufant / #23 Alford hervorheben, die die Wide Receiver über weite Strecken neutralisierten, wenn auch manchmal (und nicht gepfiffen!) hart an der Grenze des Legalen.

In solchen Momenten hatten die Rams in der Regular Season oft das Glück, dass sie kurze Screens und Swing-Pässe für RB Gurley werfen können, aber das grandiose LB-Paar #45 Jones und #59 Campbell hielt Gurley im Passspiel auf geradezu lachhaften 10 Yards in 10 Anspielen.

Die Rams-Offense ist wegen dieses einen Ausrutschers kein Flop. Man wird sich überlegen müssen, ob bzw. zu welchen Konditionen man mit WR #12 Sammy Watkins verlängern will; Watkins war diese Saison ein wichtiger, aber kein wesentlicher Bestandteil der Pass-Offense. Das tiefe Passspiel über seine Routen zündete nie wirklich – manchmal war es knapp dran. Watkins fühlt sich nicht wie der #1-WR in dieser Offense an, wenn sie denn überhaupt einen hat oder braucht. Dazu kann man auf den Reifeprozess von QB Goff hoffen, muss sich aber Gedanken auf der Left-Tackle Position machen, wo Whitworth nächstes Jahr 36 ist.

Die Rams-Defense war exzellent im Pass Rush, hatte aber Probleme mit WR Jones (wer hat sie nicht?) und in der Verteidigung der exzellenten Runningbacks #24 Freeman und #26 Coleman, die Atlantas Offense in dieser Partie trugen.

Schließlich und endlich darf man auch nicht unterschlagen, dass in dieser Partie zwei brutale Fumbles der Rams-Special Teams eine mitentscheidende Rolle gespielt haben, Los Angeles schnell in ein tiefes Loch zu graben. Und Atlanta verwertete Kicks aus 54 und 51 Yards, was auch nicht alle Tage passiert.

Ein kaum diskutierter Punkt, der für meinen Geschmack aber zu einem Drama hochgejazzt werden sollte: Dan Quinn entschied sich Mitte des Schlussviertels gegen eine 2pts-Conversion, als seine Falcons den TD zum 25-13 machten und ließ auf 26-13 kicken. Es hatte letztlich keine Auswirkung, aber wenn die Rams bei 4th&Goal den TD machen und auf 26-20 stellen, hätte ganz Amerika gemerkt, was für einen Bock Quinn da auf Game-Management Ebene geschossen hat.

Ich frage mich immer wieder, was Coaches in solchen Momenten denken. Haben sie den Spielstand nicht vor Augen? Denken sie überhaupt nicht über situatives Game-Management nach? Oder sind sie einfach stur und wenn ja, warum?

Dan Quinn hat mit der Falcons-Defense einen erstklassigen Job gemacht, aber es war nicht das erste Mal, dass Quinn in haarigen Momenten bizarre Entscheidungen trifft. Es hatte keine Auswirkung, aber hoffentlich lernt Quinn aus diesem Anfängerfehler.


JAGUARS 10, BILLS 3. Vieles habe ich schon im Liveblog geschrieben. Ich bin nicht der Meinung, dass der niedrige Score zwingend allein die Arbeit guter Defense war – denn vor allem Blake Bortles hatte einige wirklich horrende Würfe über kurze Distanzen, die eines NFL-QBs nicht würdig sind. Tony Romo schob in der Übertragung vieles auf den Wind, aber damit kann eine derart bodenlose Vorstellung nicht erklärt werden.

Immerhin: Bortles war mit seinen Scrambles die treibende Kraft hinter den beiden Scoring-Drives der Jaguars. Und auch immerhin: Doug Marrone ließ ein 4th&Goal von der 1 ausspielen und war erfolgreich.

Buffalos QB Taylor war etwas besser als Bortles, aber nicht viel. Tiefes Passspiel war neben den Schuhen, so deutlich waren die Bälle überworfen, aber Taylor musste immerhin gegen eine famose Defense ankämpfen.

Trotz dieser großartigen Defense muss man konstatieren: Buffalo hat ein eklatantes Problem auf Wide Receiver. Vielleicht mehr als bei den Quarterbacks. Die Bills werden ziemlich sicher Taylor ziehen lassen und sich im Draft oder Free Agency einen QB holen. Aber sie sollten auch auf WR etwas unternehmen.


SAINTS 31, PANTHERS 26. Das Spiel der Woche in meinen Augen. Das meiste ist schon gesagt. Der 4th-Down Call von Sean Payton im Schlussviertel war extrem gewagt und nach Mathletics-Maßstäben ein zu großes Risiko.

Payton hatte „Glück“, dass Carolina eine Interception fing, diese Interception nicht einem Video-Replay unterzogen wurde (da sie eventuell zurückgenommen worden wäre) und die Panthers somit 16 Yards Feldposition verschenkten – die letztlich Zeit kosteten, die in der Redzone am Ende fehlte.

Gestern folgte dann der Hammer: Panthers feuern OffCoord Mike Shula und QB-Coach Ken Dorsey. Shula ist ein bisschen tragischer Fall: Er hat mit Cam Newton vieles richtig gemacht, wenn auch die Offense unter seiner Führung ineffizienter war als unter Vorgänger Chudzinski. Ich bin da durchaus bei Smart-Football:

Shula musste zur laufenden Saison seine Offense umbauen, weg von Running mit eingestreuten tiefen Bällen, hin zu mehr Kurzpasselementen über RB #22 McCaffrey. Der Umbau ist teilweise gelungen, McCaffrey ist ein integraler Bestandteil der Offense geworden (McCaffrey spielte z.B. am Sonntag in 59 von 74 Snaps, RB #28 Stewart nur noch in 24), aber trotzdem wirkte das gesamte Gebilde nie wirklich „komplett“ oder „rund“.

Newton zu einem traditionellen Pocket-Passer zu werfen, ist weder eine gute Idee, noch ist es notwendig. Shulas Nachfolger wird die Aufgabe haben, diese Offense mit ihren durchaus einzigartigen Anlagen weiterzuentwickeln, ohne auf Newtons Stärken zu verzichten. Dafür wird es auch am Personal Änderungen brauchen.

Eine davon wäre zum Beispiel, RB Stewart auszutauschen durch einen jüngeren, flinkeren Back um McCaffrey zu entlasten und stärker dort einsetzen zu können, wo er wirklich brilliert: Im Passspiel.

Zweite Baustelle der Panthers: Left Tackle. Dort ist man mit dem 55-Mio. Vertrag für LT Kalil vertraglich gebunden, aber Kalil war ein großes Problem, hatte überhaupt keinen Zugriff auf den famosen DL #94 Cameron Jordan, der letztlich die entscheidende QB-Pressure machte, als Cam Newton in der Crunch-Time den Ball wegwerfen musste und eine Intentional-Grounding kassierte.

Schließlich und endlich haben auch die Panthers ein Problem auf Wide Receiver: Funchess kriegt viel auf die Fresse, weil er den vorletzten Ball, einen möglichen TD in der Endzone, nicht fangen konnte – aber ich sehe darin noch nichtmal das Problem (die Saints-DBs schauten auch alle in eine andere Richtung). Funchess ist keine richtige #1. Clay ist kein gleichwertiger Ersatz als Tiefensprinter wie früher Ginn. Und es gibt keine physische Präsenz wie früher Benjamin. Klar ist: Benjamin war zu hölzern um in der NFL ernsthaft Fuß zu fassen. Sein Verkauf ist nachvollziehbar. Aber das heißt nicht, dass sich Carolina nicht bewegen muss.

Advertisements

3 Kommentare zu “Wild Card Weekend 2017/18 – Recap

  1. Geoff Schwartz zeigt bei Twitter noch einen weiteren klaren Referee Bolzen, das Phantom Holding, das gegen Demetrius Harri gepfiffen wurde und die Chiefs die Chance auf das entscheidende FG im 4. Quarter gekostet hat:

    Alles in allem muss man schon sagen, dass die Chiefs klar benachteiligt wurden und unter normalen Umständen das Spiel gewinnen müssen. Sicher gab es Eigenfehler, aber auch die Refs haben ihren Anteil daran, daß Andy Reid einfach kein Post Season Erfolg vergönnt ist.

    Schade dass ein so guter Coach so oft in der Post Season einfach Pech hat.

  2. Pingback: Tennessee Titans in der Sezierstunde | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.