NFC Championship 2017/18 Preview – Philadelphia Eagles vs Minnesota Vikings

Das zweite Conference-Finale wird heute Nacht, 0h40 angepfiffen: Philadelphia Eagles vs Minnesota Vikings, die #1 der NFC gegen die #2. Übertragen wird der Showdown im NFL Gamepass, bei ran.de und DAZN im Stream, sowie bei ProSieben und PULS4 im TV.

Die Ausgangslage

Die Philadelphia Eagles und Minnesota Vikings sind zwei Traditionsmannschaften mit jahrzehntelanger Geschichte in der NFL, vereint durch ungestilltes Verlangen nach einer Superbowl-Trophäe. Die Eagles verloren zwei Superbowls und stehen in „meiner“ NFL-Zeit zum jetzt sechsten Mal im NFC-Finale, aber der ganz große Wurf ist noch nie gelungen. Immer war eine Kleinigkeit dazwischen: Die Kurt-Warner Offense, Ronde Barber, die Carolina Panthers, Patriots oder Larry Fitzgerald.

Doch Eagles-Leid ist relativ im Vergleich zu Vikings-Leid. Minnesotas größte Zeit liegt länger zurück, aber noch eine Stufe dramatisch. Man verlor in den 1970er Jahren gleich vier Superbowls. Doch auch die jüngere Purple-Historie ist „gespickt“ mit unzähligen Playoff-Dramen, von Interceptions zu dümmsten Zeitpunkten bis verschossenen Fieldgoals hat die gebeutelte Fan-Seele in den Twin-Cities alles gesehen. So muss sich der unfassbare Sieg letzte Woche gegen die Saints wie eine Befreiung von alten Dämonen angefühlt haben, von denen noch Kinder ihren Enkeln erzählen werden.

Jetzt kommt der Downer: Es geht ins eiskalte Lincoln Financial Field nach Philadelphia, wo nach dem Passfeuerwerk der Saints eine furztrockene Defense mit harten Hits auf gefrorenem Boden wartet.Es heißt, die Konzentration zu wahren.

Die große Storyline ist natürlich das Duell der Quarterbacks: Philadelphias Nick Foles, in Woche 16 nach der Verletzung des Franchise-QBs Carson Wentz eingewechselt, gegen Minnesotas Case Keenum, in Woche 2 nach der Verletzung des etatmäßigen Starters Sam Bradford zur #1 befördert. Foles und Keenum eint, dass sie nie als #1-Pick gedraftet wurden, sondern sich in den Niederungen der NFL durch Practice-Squads und Backup-Team Reps hocharbeiten mussten. So kreuzten sich ihre Wege nach Aufenthalten in Philadelphia und Houston vor zwei Jahren in St Louis – als Quarterbacks unter dem oft verschmähten Head Coaches Jeff Fisher:

Foles und Keenum sind damit wie in der AFC Bortles die Antithesen zum Quarterback-Wahnsinn, der die NFL in den letzten Jahren erfasst hat. Sie zeigen, dass es unter perfekten Umständen – vollständiger Kader und exzellentes Coaching – auch heute noch möglich ist, einem Gegner mit Star-QB zu begegnen ohne schon mit Kickoff zu wissen, aus dem Stadion geschossen zu werden.

Wenn die Eagles den Ball haben

Wobei: Philadelphias Offense unter Foles als mehr als „brauchbar“ zu bezeichnen, wäre eine glatte Übertreibung. Das Viertelfinalspiel gegen Atlanta zeigte aber immerhin den Best-Case für eine Foles-Offense auf: Ein Gameplan mit fast ausschließlich kurzen Routen, für schnelle Entscheidungen und quicke Pässe, mit eingestreuten Run/Pass Options, damit der Quarterback nur einen schnellen Read des Linebackers machen muss und dann sofort den Slant raushauen kann. Ein Gameplan, der vom Quarterback keine Wunderdinge erwartet – außer hie und da ein kurzes 3rd Down zu verwerten.

Gegen Atlanta klappte Headcoach Doug Pedersons Match-Plan, weil das Laufspiel zwar keine wundersamen Werte (32 Carries für 96yds), aber eine akzeptable von Success-Rate von 45% erzielte und Foles nach anfänglichen Schmetterlingen die schnellen Pässe rausbrachte. Das reichte für Verwertung etlicher kurzer 3rd Downs.

Doch nun kommt die Vikings-Defense, weithin als beste der NFL geltend: #1 nach Power-Ranking, #4 nach zugelassenen Yards pro Drive, #2 nach zugelassenen Punkten/Drive. Laufspiel gegen die athletische Front-Seven ist schwer, Passspiel gegen die fast perfekte Secondary ist schwerer. Es ist eine Defense ohne echten Schwachpunkt.

Die Matchups sehen nicht wirklich vielversprechend für die Eagles aus. LT #72 Vaitai gegen den gefinkelten DE #97 Griffen ist eine potenzielle Sollbruchstelle, WR #17 Jeffery trifft in CB #29 Rhodes auf einen mutmaßlichen Top-3 Manndecker, die Tight Ends sind bei LB #54 Kendricks oder SS #22 Harrison Smith gut aufgehoben und Kurzpassspiel auf die Runningbacks ist nicht so wirklich eine Eagles-Stärke.

Die große Hoffnung für die Eagles bleibt die Verletzung von Safety #34 Sendejo, der sich letzte Woche gegen New Orleans eine Gehirnerschütterung zuzog und dessen Einsatz heute gefährdet ist (Stand: 2 Tage alt). Ein fitter Sendejo wäre integraler Bestandteil der Vikings-Defense, da Mike Zimmer nur dann seine komplexen, erst im Laufe des Snaps sich offenbarenden Coverages auspacken kann. Es war sicher nicht nur Zufall, dass die Saints-Offense genau dann in Schwung kam, als Sendejo letzten Sonntag runtermusste.

Wo Atlantas Defense eine Schwäche gegen Kurzpassspiel hatte, ist die Verteidigung von schnellen Pässen eine absolute Stärke der Vikings: Nur 76 Catches für 489 Yards (#3 der Liga) erlaubt. Pederson wird auch #36 Ajayi / #29 Blount nicht mehr 30x über die Mitte schicken können: Zu dominant ist die interior-Line mit DT #92 Johnson und DT #98 Joseph. Über außen? LB #55 Barr und LB #54 Kendricks sind exzellente Edge-Setter.

Fazit: Es riecht nach einer Grabenschlacht, aus der Philly nur ausbrechen kann, wenn Foles irgendwann tief geht. Ein erneutes Spiel mit durchschnittlichen „Air-Yards“ von 5.2yds/Wurf (schlechtester QB über die Saison: Flacco mit 6.9 Air-Yards/Wurf) wie gegen Atlanta wird heute zu etlichen schnell gestoppten Drives führen. Kriegt Foles die eine oder andere Completion downfield (vielleicht für #82 Torrey Smith?) an, hat Philadelphia die Chance, Punkte abzustauben. Wirft Foles wie so oft zwei Meter daneben, muss die Eagles-Defense es richten.

Wenn die Vikings den Ball haben

Und die ist keine schlechte. Philly machte diese Saison nicht überaus viele Sacks, ist aber unter DefCoord Jim Schwartz extrem aggressiv gegen Lauf und Pass (#1 nach QB-Pressure-Rate). Minnesota hat kein beständiges Laufspiel, mit dem allein man Drives am Leben erhalten kann, weswegen relativ häufig QB #7 Keenum in den Brennpunkt rücken wird.

Ziel der Vikes-Offense wird sein, nicht zu viele lange 3rd Downs gegen das gefürchtete Nickel-Package der Eagles spielen zu müssen (Eagles-Defense: #3 bei 3rd Donws). Dann nämlich hat Minnesota mit seiner Offense Line das Nachsehen gegen einen interior-Rush mit DT #91 Cox und DT #55 Graham, die dann jeweils von 3-tech geschickt werden und von denen nur einen doppeln kannst.

Vikings-OffCoord Shurmur experimentierte schon letzte Woche damit, den etatmäßigen RT #74 Remmers auf Left-Guard zu schieben um idealst mögliche Pass-Protection über die Mitte zu bekommen – ein Plan, der auf insofern aufging, dass Keenum weniger Druck über die Mitte. Knackpunkt jedoch: Die von RT #69 Rashod Hill bewachte rechte Flanke wackelte bedrohlich.

Ein Keenum unter Druck ist eine Fehlerquelle. Kriegt Keenum aber etwas Luft zum Atmen, ist er ein durchaus funktionaler QB. Er gilt auch als guter Improvisator, je länger er die Entwicklung des Downs mit seinem Pocket-Movement hinauszögern kann.

Gegen Philadelphias Cover-3 Zone-Defense kann das wichtig werden, wenn Shurmur die Routen wieder so kombiniert, dass sie genau die Nahtstellen zwischen den Zonen attackieren. Mit #14 Diggs und #19 Thielen hat er die entsprechend präzisen Routenläufer, die sich durch diese Zonen fräsen können; in TE #82 Rudolph (gegen FS #27 Malcolm Jenkins) hat er einen verlässlichen Notnagel, der zwar kein Matchup-Problem wie ein Gronkowski darstellt, aber für 3-4 Nadelstiche zu rund 50 Yards pro Spiel locker gut ist.

Ausblick

Es riecht insgesamt nach einer Abwehrschlacht. Beide Front-Seven Units haben theoretische Vorteile gegenüber der gegnerischen Offensive Line. Foles und Keenum sind imstande, innerhalb eines klar definierten Konzepts effizient zu operieren, aber insbesondere in Foles‘ Fall kann das mit „Ketten bewegen“ (im Footballdeutsch: Yards machen und Drives am Leben erhalten) schnell den Bach runtergehen, wenn sich Phillys Offense nur 10 Yards um die Anspiellinie herum bewegt. Wenn Foles keine Big Plays aus dem Ärmel schütteln kann, ist schwer vorstellbar, dass Philadelphia ohne Unterstützung von Turnovers und Special-Teams (Feldposition!) mehr als 10-13 Punkte aufs Tablett legen kann.

Keenum ist mehr „Play-Maker“ als Foles. Ihm sind eher längere Drives zuzutrauen. Er hat die besseren WR-Matchups gegen Philadelphias Defense als Foles gegen die Vikings-Defense. Aber auch das kann schnell bitter werden, wenn Philly die Line of Scrimmage dominiert und Keenum komplett keine Zeit zum Atmen gibt.

Die Vorteile würde ich also insgesamt bei Minnesota sehen, wo Zimmer die einmalige Chance hat, nach 35 Jahren Trainerkarriere in der NFL zum ersten Mal als Head Coach in die Super Bowl einzuziehen. Für gefährlich halte ich einen emotionalen Einbruch der Vikings, eine Woche nach dem adrenalingeschwängerten Finish gegen die Saints – zu oft sind solche Teams danach unkonzentriert aus der Kabine gekommen und haben sind mit schon 10 Punkten Rückstand im dritten Viertel aufgewacht. Philly kann ein Lied davon singen – 2004 schied man eine Woche nach dem 4th&26 sang- und klanglos mit nur 3 Punkten Offense gegen die Carolina Panthers aus.

Zimmer hat dagegen eine Trumpfkarte: Die Chance auf die Heim-Superbowl. Das sollte ausreichen, dass die Minnesota Vikings heute heiß aus der Kabine kommen und über 60 Minuten letztendlich ihre kleinen, aber doch zahlreichen Vorteile in den einzelnen Matchups für eine fünfte Superbowl-Qualifikation nutzen können.

5 Kommentare zu “NFC Championship 2017/18 Preview – Philadelphia Eagles vs Minnesota Vikings

  1. Vielleicht auch für den ein oder anderen interessant: DAZN überträgt die Spiele neute zusätzlich mit Original US Kommentar

  2. wie alle scharf auf die Original Kommentatoren sind,da wird oft genauso schlecht kommentiert wie die Amateure von pro7.

  3. a) sind die ommentatoren von Pro7 keine Amateure – die bekommen sicherlich ganz gut Geld für das was sie tun
    b) Qualitativ ist sicherlich der ein oder andere Amikommentator was den Inhalt angeht kaum besser als die Deutschen Kollegen; das kommt aber immer darauf an
    c) In vielen Belangen ist die US-Übertragung aber proffessoneller – Regelkenntnis ist da – samt Regelexperten,Spielzüge werden erkannt und richtig angesprochen, auch sind die Kommentatoren toppn gebrieft, was Infos anbelangt etc.. und die Amis haben sicherlich ein vielfaches an Football gesehen, was man manches mal auch merkt…
    d) bei den Amis sitzt die Regie, die Kommantar und Bild symbiotisch zusammenbringt – in dtl kommt das tape an und wird neu besprochen – manchmal ist auch das ein qualitätsunterschied
    e) für viele gehört es sicherlich auch einfach zum flair dieser sportart den Kommentar auf englisch zu hören und eben eine amerikanische stimmodulation zu erleben…

    es bleibt sicherlich eine persönliche entscheidung, aber ich bin froh den Orginalkommentar zu haben

  4. Pingback: NFC-Finale 2017/18 live: Philadelphia Eagles – Minnesota Vikings | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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