Wer bringt Großmutter über die Straße – Conference Championship 2017/18 Review

Nachklapp zu einem Championship-Sunday, an den man sich lange erinnern wird.

New England Patriots 24, Jacksonville Jaguars 20

Ein hervorragendes AFC-Finale: Spannend, von beiden Seiten interessant gecoacht, mit einigen exzellenten Plays und dramatischer Schlussphase. Kannste dich nicht darüber beklagen, auch wenn viele lieber einen anderen, „frischen“ Sieger gesehen hätten anstelle der Patriots, die nun zum 8ten Mal in der Ära Belichick/Brady in die Super Bowl einziehen.

Die Partie verlief in mehreren Phasen – mit eingestreuten Episoden:

  1. Jacksonville mit exzellentem Start. OC Hackett designte die Läufe mit RB Fournette über die Mitte und machte New England mit den eingestreuten Play-Action Fakes Kopfzerbrechen. Q2 2:23 NE 3, JAX 14.
  2. Kurz vor der Pause dann eine mit-entscheidende Sequenz: Erster Bock der Jaguars-Offense, deren 3rd-Down Completion zurückgenommen wird, weil die Play-Clock ausgelaufen war – nach einem Timeout der Jaguars-Offense! Offense kommt wieder aufs Feld, incomplete, Punt. Und New England übernimmt den Ball, Brady treibt die Offense von 46yds Strafen gegen die Defense runter zum Touchdown – ein teuer erkaufter TD, da TE Gronkowski mit Gehirnerschütterung runter muss und den Rest der Partie verpasst. Jacksonville kriegt mit 55 sek auf der Uhr noch einmal den Ball – und Doug Marrone lässt John-Fox like abknien. Halbzeit NE 10, JAX 14.
  3. Ein drittes Viertel der Adjustments: Patriots-Defense bekommt nun deutlich mehr Zugriff dank eingestreuter Blitzes, aber a) verwertet Bortles trotzdem das eine oder andere 3rd Down und b) kommt Jacksonville nach zwei längeren Drives zu zwei langen (54 und 43 Yards) Fieldgoals um die Führung zu erhöhen. Was auffällt: Jacksonville spielt extrem konservativ, aber die mittigen Fournette-Läufe bringen nun schon deutlich weniger Raumgewinn, was zu langen 2nd und 3rd Downs führt. Patriots-Offense mit deutlich erkennbaren Versuchen, die No-Huddle Offense wieder einzuführen, aber aggressive Jacksonville-Defense lässt keine längeren Plays zu. Q4 14:52 NE 10, JAX 20.
  4. Patriots packen die Trickkiste auf und schicken Lewis nach Double-Pass über Amendola das Spielfeld runter – Jags-Defense komplett überrascht, aber LB Jack reißt sie mit einem erzwungenen Fumble heraus. Der Spielzug wird sofort abgepfiffen, was Jacks potenziellen Touchdown-Return abwürgt, aber JAX-Offense übernimmt den Ball. Vier Plays später verzichtet Marrone auf das Ausspielen eines 4th&1 und nagelt New England lieber hinten an die NE 15 rein. Q4 12:03 NE 10, JAX 20.
  5. Das rächt sich. New England bestraft die vollen Hosen mit einem 85-yds Drive in 199 Sekunden. Erster Monster-Play: Brady zu Amendola für 20yds bei 3rd&18 – ein sensationeller Play – gefolgt von einem weiteren Flea-Flicker, diesmal für WR Dorsett. Abschluss durch Amendolas ersten TD. Q4 8:44 NE 17, JAX 20.
  6. Austausch von Punts für die nächsten Minuten, aber mit klar erkennbaren Tendenzen: Jacksonville hyperkonservativ, New England erzwingt eine weitere 36yds-DPI von CB Ramsey vs Cooks, nagelt Jacksonville hinten rein, erzwingt den schnellen Punt und kommt nach exzellentem Punt-Return von Amendola an der JAX 30 an den Ball. Q4 4:58 NE 17, JAX 20.
  7. Artistischer TD-Catch vom heimlichen Matchwinner Amendola mit 178 Sekunden auf der Uhr. Erste Patriots-Führung seit dem ersten Viertel. Q4 2:58 NE 24, JAX 20.
  8. Letzter Jacksonville-Drive wird mit fantastischer Pass-Defense von CB Gilmore gegen WR Westbrook Ein nur leicht unterworfener Ball von QB Bortles. New England übernimmt den Ball, Jacksonville mit 3 Timeouts. Q4 1:48 NE 24, JAX 20.
  9. Patriots laufen mit RB Lewis bei 3rd&10 über die linke Flanke und Lewis macht das entscheidende 1st Down. Patriots knien zum Sieg ab.

Im Prinzip „fühlte“ sich Jacksonville drei Viertel lang wie die dominierende Macht in dem Spiel an – wobei schon im dritten Viertel immer deutlicher wurde, dass New England in Offense und Defense die richtigen Adjustments implementierte um die Kontrolle an sich zu reißen. Jacksonvilles Offense wurde schließlich im Schlussviertel immer einfallsloser, vorhersehbarer. OffCoord Hackett gingen die Plays aus und als Pats-DC Patricia die Play-Action Pässe aus dem Spiel nahm, war Jacksonvilles Offense als König ohne Kleider enttarnt.

Beispiele gefällig? Ab dem Zeitpunkt, als Jacksonville mit 20-10 Führung den Fumble von den Patriots eroberte, machte die Offense in vier aufeinanderfolgenden 1st Downs jeweils Läufe aus der Shotgun-Formation für 2, 1, 1, und -1 Yards. Auf jeden dieser Läufe folgte ein tiefer Pass mit Anspielstationen jenseits der Line of Scrimmage von 20, 20, 35 und 17 Yards. Nur einer der Pässe war komplett.

In den restlichen Downs ließen die Jaguars nie die Uhr auf 1-2 Sekunden runtertickern, sondern snappten 9, 13 usw. Sekunden vor Ablauf der Play-Clock. Das sind die Eigenfehler, für die dich New England bestrafen wird.

Den Rest erledigte die Patriots-Offense um den in der Crunch-Time einmal mehr rattenscharfen QB Brady sowie dem versteckten Matchwinner Amendola (2 TD, superber Catch bei 3rd&18, Punt Return). Gronkowski mit Gehirnerschütterung runter und damit mit 11-Personnel ungünstig gegen Jacksonvilles Cover-3 unterwegs? Scheißegal. Es waren wieder die typischen Patriots, die auch mit dem „Game on the Line“ kein Anzeichen von Nervosität verprühten und exakt so viele Plays machten wie notwendig um diese exzellente Partie für sich zu entscheiden.

Ein Teil der US-Öffentlichkeit hängt sich nun an den Schiedsrichter-Entscheidungen auf, die New England angeblich wieder bevorteilt hätten: Die DPI gegen CB Buoye vor der Pause (vs WR Cooks) kann man tatsächlich als Geschenk werten, aber wer schon Haarspalterei betreiben will, kann auch auf die eklatante, nicht gepfiffene DPI von Bouye gegen Cooks nach der Pause hinweisen. Und der sehr schnell abgepfiffene Fumble-Return von LB Jack, der möglicherweise in einem Return-TD geendet hätte, war zumindest nach Football-Zebras eine korrekte Entscheidung der Refs.


New England feierte den Sieg so euphorisch wie selten und geht nun als klarer Favorit in die Super Bowl. Jacksonville kann sich ärgern, das Endspiel verpasst zu haben, aber muss sich nicht grämen. Die Jaguars haben eine hervorragende Saison über den Erwartungen gespielt und haben in den Playoffs gezeigt, wo der Hammer hängt: Buffalo keine Chance gelassen, Pittsburgh in deren Stadion dominiert, New England bis zum Äußersten gefordert – denn dass Belichick im Schlussviertel nicht einen, sondern gleich zwei, Trickspielzüge aus dem Ärmel schüttelt, ist nahezu ungesehen.

Die Defense ist jung und hat noch Potenzial zum Reifen, bevor in einigen Jahren die Rookieverträge auslaufen und die Monsterverträge kommen. Das Coaching unter Marrone war dieses Jahr hervorragend. Bleibt die Gretchenfrage auf Quarterback: Bortles ja oder nein. Die Playoffs lieferten mit einem Turnover-losen Bortles ebenso viele Argumente pro Bortles als dass das Play-Calling in New England als Breitseite gegen Bortles verwendet werden kann. Der Trainerstab hätte Bortles wohl nicht mal zugetraut, Großmütterchen unfallfrei über die andere Straßenseite zu chauffieren.

Bortles war 2017/18 besser als die Erwartungen – wobei: Die Erwartungen waren so niedrig, dass er sie nur übertreffen konnte. Er ist der Grund, wieso Quarterback als letzter fehlender Baustein in dieser Mannschaft gesehen wird. Und Vorsicht: Die AFC South wird 2018 umkämpfter sein: In Indianapolis kehrt wohl Andrew Luck zurück. In Houston Deshaun Watson nebst J.J. Watt. Und in Tennessee besteht Hoffnung auf besseres Coaching für Marcus Mariota.

Jacksonville muss sich also entscheiden, Bortles unter der 19-Mio 5th-Year Tag zu behalten, mit ihm gar zu verlängern oder die Zusammenarbeit mit ihm gar zu beenden. Optionen wie Kirk Cousins, Eli Manning oder Alex Smith dürften zu haben sein. Das sind jedoch angenehme Fragen nach einer Saison, vor der man ihnen wegen des QB-Problems keine 5 Siege zugetraut hatte.

Philadelphia Eagles 38, Minnesota Vikings 7

Nach dem Kracher der Langweiler. Philly gegen Minnesota kann man für meinen Geschmack auf letztlich drei Dinge herunterbrechen:

  1. Exzellenter Game-Plan der Eagles-Coaches
  2. Eagles gewannen in den Schützengräben
  3. Kompletter emotionaler Kollaps der Vikings

Punkt 1 macht Doug Pederson für mich zum Favoriten in der Coach-des-Jahres Frage. Denn nach einer hervorragenden Regular Season, in der QB Carson Wentz eine erstaunliche Entwicklung gemacht hatte, ließen Pederson und Konsorten fulminante Playoffs folgen. Sie limitierten die Schwächen von QB Nick Foles, indem sie ihm einen perfekten Gameplan zimmerten: Nur sichere Pässe, überwiegend Run/Pass Options mit einfachen Reads für Foles und hervorragendes situatives Laufspiel.

Punkt 2 ist klar: Philadelphia heizte QB Keenum mächtig ein, setzte ihn in 24 von 48 Drop-Backs unter Druck. Foles sah nur Druck in 11 von 34 Passversuchen. Den Vikings ging schier nichts auf: In 14 Blitzes verbrannte Foles sie für QB-Rating von 149.3, weil nicht ein einziger durchkam. Dazu Laufspiel über Ajayi und Blount, das so aussah. Und Block-Schemen, die Minnesotas beste Waffen aus dem Spiel nahmen.

Vor Punkt 3 hatte ich schon in der Vorschau gewarnt. Ich kann mich an meine ersten vollen Playoffs erinnern, 2003/04, als die Eagles in den Divisionals ihr 4&26 Wunder erlebten nur um eine Woche später in einer anämischen Partie mit 3-14 zuhause von den Carolina Panthers an die Wand gespielt zu werden. Selten habe ich seither eine deprimierendere Partie gesehen als jene. Die Eagles waren mausetot. Sie waren emotional erschöpft.

Minnesota erinnerte mich am Sonntag an jenes Spiel: Der Beginn war ordentlich, aber der Robinson-TD Return saugte alles Leben aus den Vikings. Sie waren hernach kaputt, nicht mehr in der Lage, sich noch einmal hochzureißen. Minnesota war gedanklich nicht gut auf dieses NFC-Finale vorbereitet, andernfalls hätte ein einziger Rückschlag das Team nicht dermaßen zerstört. Sie hätten aufgrund von Punkt 1 und 2 vielleicht sowieso verloren. Aber ohne Punkt 3 wäre es kein Debakel von epischen Ausmaßen geworden.

8 Kommentare zu “Wer bringt Großmutter über die Straße – Conference Championship 2017/18 Review

  1. Zitat @korsakoff: „Minnesota war gedanklich nicht gut auf dieses NFC-Finale vorbereitet“
    Exakt dies machte den Unterschied aus. Vor dem Spiel bei der Warm Up Phase die Eagles ganz anders aufgestellt und die Rolle des Underdogs dankbar angenommen. Die Vikings eventuell um den Hype des SB Heimspiels mental abgelenkt.
    Ich beobachte immer die Seitenlinie wenn die Camera dies einfängt, ob dem Teamgeist. Die Körpersprache sagt oftmals mehr aus wie die ganzen Statistiken.

  2. Bortles für 19mio??? Wenn Cousins zu haben ist? No way. Ganz nebenbei: Ich hätte diese Saison ja zu gern Kaepernick in Jacksonville gesehen. Diese Defense mit Kap als Offense captain…? Wow.

  3. Smith zu den Jags sehe ich nicht. Smith ist ein ordentlicher Lenker einer kompletten Offense. Wenn er Waffen im Backfield hat und zudem einen Coach mit dem Spielverständnisdes wie Andy Reid, dem in brisanten Situationen immer ein geeignetes Trickplay einfällt, dann funktioniert er unterm Center. Aber man darf nicht außer acht lassen, dass Smith seine beste Season hinter sich hat und auch nicht jünger wird. Zudem spielt er seit Kaepernicks Erscheinen in der Liga unter Reid bei DEN Chiefs … In einem völlig anderen System wie in Jacksonville zelebriert wird er viel vom Glanz der letzten Saison verlieren. Unter Douglas Pederson könnte ich ihn mir vorstellen, aber die Eagles haben so gesehen ja zwei super QB’s. Wenn Arians nicht ebenso die Cards verlassen hätte nach Ende der Saison hätte ich mir Smith aber sehr gerne in Arizona vorstellen können, wenn Adrian Peterson, Larry Fitzgerald und Tyran Matthew einen weiteren Griff nach den Sternen wagen. Vor allem zurück in der Division seines ehemaligen Arbeitgebers, der nun in Jimmy G seinen Future QB gefunden zu haBen scheint

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