Trainerkarussell 2018: Baby Belichicks

Der Trainermarkt 2018 in der NFL ist so bizarr wie selten. Bei den Offensive Coordinators erleben wir eine schier unheimliche Serie an uninspirierten Oldie-Einstellungen, während auf Headcoach der Markt von „Baby Belichicks“ überflutet wird – Coaches, die mehr oder weniger direkt aus dem Stammbaum der New England Patriots kommen. Ein weiterer Zwischenstand.


Indianapolis Colts – Noch ist nichts offiziell, aber es läuft auf Patriots-OffCoord Josh McDaniels als neuen Headcoach der Colts hinaus. McDaniels ist eine nicht unumstrittene Figur. In New England hat er seit Jahren die besten – und vor allem wandelbarsten – Offenses unter seinen Fittichen, aber es ist unmöglich, „seinen“ Anteil von dem des QBs Tom Brady zu trennen. Ebenso schwierig: McDaniels von Bill Belichicks Einfluss zu separieren.

McDaniels wird nicht zum ersten Mal Head Coach: Schon 2009 heuerte er bei den Denver Broncos an, als damals 32-jähriger Jungspund. Die Anstellung lieferte Anschauungsunterricht, wie man es nicht machen sollte:

  • Frischling McDaniels bekam volle Kontrolle über Gameplanning, Training und Kaderzusammenstellung
  • Frischling McDaniels zerstritt sich noch im allerersten Monat mit Franchise-QB Cutler und etlichen alteingesessenen Coaches wie DC Nolan
  • Frischling McDaniels verkaufte Cutler für den ewigen QB Kyle Orton und erkaufte sich später teuer im Draft QB Tebow.
  • Frischling McDaniels verkaufte einen „future 1st Round“ für einen „current 2nd Round“, draftete CB Alphonso Smith, der nur ein Jahr später gefeuert wurde
  • McDaniels zerkrachte sich nach einer missratenen zweiten Saison mit jedem Einflussträger in der Broncos-Franchise inklusive Owner Pat Bowlen und wurde mitten in der laufenden zweiten Saison mit 3-9 Record entlassen.

Die desaströse McDaniels-Zeit in Denver hängt bei mir bis heute nach. Gibt es einen schlechteren Headcoach-Aufenthalt in den letzten 15 Jahren? Jim Zorn, Art Shell, Hue Jackson, vielleicht? Aber sonst?

McDaniels hing 2011 ein Jahr als OffCoord im „System“ Jeff Fisher herum, wo er (wie so viele andere) null Erfolg hatte. Erst mit seiner Rückkehr nach New England kratzte seine noch immer junge Trainerkarriere noch einmal die Kurve. Aber: New England ist auch Brady und Belichick – und die Offense funktionierte dort auch ohne McDaniels – teilweise sogar brillant.

Das Positive bei McDaniels: Er wurde von Belichick geschätzt und designte erfolgreiche Offenses. Die Risiken: Seine Denver-Zeit und genannte Faktoren Brady/Belichick. Die Hoffnung: Dass er aus seiner Katastrophen-Zeit bei den Broncos gelernt hat. Erster Wink: In Indianapolis wird GM Chris Ballard das letzte Wort über die Kaderzusammenstellung behalten – McDaniels verzichtet offensichtlich freiwillig darauf, mit dem Hinweis, sich auf das Coachen konzentrieren zu wollen.

Zwei Faktoren werden für McDaniels von wesentlicher Bedeutung sein: Der Gesundheitszustand von QB Andrew Luck sowie die Qualität des neuen DefCoords Matt Eberflus. Luck ist das, was keiner der Mini-Belichicks in der Vergangenheit je hatte – ein Franchise-QB von Format. Eberflus ist ein No-Name als DefCoord, gilt aber als aufgehender Stern unter den Defense-Coaches. Ein Mann, der allerlei Arten von Defenses gecoacht hat und sehr gut darin sein soll, sein Spielermaterial entsprechend einzusetzen.


Detroit Lions – Auch hier: Nicht offiziell, aber die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Die Lions werden den „anderen“ Coordinator in New England als neuen Cheftrainer anstellen: Matt Patricia. Mit ihm werde ich mich erst nach der Superbowl näher auseinandersetzen.


Tennessee Titans – Der dritte „kleine Belichick“ im Bunde: Mike Vrabel. Vrabel hat zwar nie unter Belichick gecoacht. Aber er galt zu Spielerzeiten als Lieblingsschüler Belichicks und arbeitete sich als Coach unter Belichick-Kumpel Urban Meyer an seiner Alma-Mater Ohio State sowie unter den anderen Belichick-Jüngern Bill O’Brien (Nachfolger und Vorgänger von McDaniels als Pats-OffCoord) und Romeo Crennel (DefCoord der Pats bei den ersten drei Superbowl-Siegen) bei den Houston Texans hoch.

Vrabel war einer der Spieler, von denen Belichick in seinen feuchten Träumen geträumt hat: Ein Linebacker, der alle verschiedenen Aufgaben übernehmen konnte und der sich auch nicht vor einer Tight-End Rolle in der Offense scheute. Vrabel wurde häufig als Endzone-TE eingesetzt und scorte dabei 10 TD – u.a. je einen in den Superbowls gegen Carolina und Philadelphia. Das zuzüglich zu 57 Sacks, 11 Interceptions und 19 Forced-Fumbles in der Defense.

Vrabels Anstellung ist natürlich nicht ohne Risiko: Er hat ein einziges Jahr als DefCoord hinter sich – und das brachte keine guten Ergebnisse: #31 nach DVOA. Entschuldigen kann man das u.a. mit einer Orgie an Verletzungen. Trotzdem: Nur ein Jahr. Und keine überzeugenden Resultate.

Da kommt natürlich schnell der Verdacht der Vetternwirtschaft auf, der Vrabels gutes Verhältnis zu Titans-GM Jon Robinson – *pling*, ehemaliger Angestellter der Patriots – als Hauptfaktor für die Anstellung ausmacht. Drei Faktoren sprechen für meinen Geschmack aber für Vrabel:

  • Die anderen verbliebenen Kandidaten auf dem Markt waren auch eher mau.
  • Vrabels Idee von Offense ist kongruent mit den Talenten von QB Marcus Mariota.
  • Und Vrabel ist ein selbstkritischer Typ, dem durchaus zuzutrauen ist, besonnen zu agieren.

Punkt 1: Shurmur, Wilks, Schwartz, seriously? Wir haben nun wochenlang über den ausgelutschten Trainermarkt gelästert.

Zum letzten Punkt: Vrabel wollte Ryan Day als OffCoord anstellen. Dey steht für Spread-Offense, kommt aus dem Oregon-Stab… Oregon? Mariota? War da was? Dey sagte zwar letztlich ab, aber allein der Versuch, Dey zu holen, zeigt, dass Vrabel in die richtige Richtung denkt. Damit sollte er auf Linie mit GM Robinson sein, der Mularkey feuerte, weil der keinen Grund sah, an den Stellschrauben in der Offense zu drehen.

Der vorletzte Punkt ist schwer greifbar. Aber wenn ich McDaniels, Patricia und Vrabel nebeneinanderstelle, habe ich bei Vrabel am ehesten das Gefühl, dass ich seine Personalie, seine Idee, greifen kann. Und ja. Um Vergleich zu einem McDaniels würde ich ihn vom Typ her deutlich eher als „Headcoach-Material“ einschätzen.


Zwei weitere Anstellungen mit kulturell anderem Hintergrund in New York und Arizona.

New York Giants – Neuer Head Coach: Pat Shurmur. Eine wenig inspirierende Wahl, auch wenn Shurmurs abgelaufene Saison 2017 unter Case Keenum als exzellent galt. Aber viele lange Jahre Shurmur sprechen eher gegen die Qualitäten des Mannes als für sie. Nach langen Jahren als QB-Coach von Donovan McNabb unter QB-Guru Andy Reid stank Shurmur als OffCoord der Rams und dann Headcoach der Browns böse ab. Im Anschluss arbeitete er als OffCoord der Eagles unter Chip Kelly – die Offense wurde als nicht anpassungsfähig beschrieben.

Shurmur soll bestenfalls die zweite, vielleicht nur die dritte Wahl der Giants gewesen sein. Er übernimmt eine Mannschaft, die sich letzte Saison wie ein Haufen pubertärer Halbstarker aufführte, mit öffentlich aufgeführten Kleinkriegen über die sozialen Netzwerke. Aber er übernimmt auch einen talentierten Kader, der 2018 etliche Verletzte zurück heißt und der durchaus Potenzial auf einen Playoff-Run hat.

Bloß: Ist ein profilloser Mann vom Schlage Shurmurs der Richtige, die Giants in der Übergangszeit von Eli Manning in die Zukunft zu führen? Es gibt immer positive Überraschungen, aber Stand heute ist eher Zeit für Skepsis.


Arizona Cardinals – Der Neue am Ruder: Steve Wilks, letztes Jahr DefCoord der Carolina Panthers. Wilks war bis vor wenigen Wochen nur Insidern bekannt. Wilks ist der einzige neue schwarze Headcoach des Jahres. Er gilt als extrem guter Defensive-Backs Coach, der u.a. in langen Jahren bei den Panthers aus wenigen Ressourcen exzellente Secondaries gemacht hat. In Arizona hat er nicht wirklich mit „billiger“ Secondary zu tun: CB Peterson, S Baker, DB Mathieu oder LB/S Bucannon sind schon heute Stars.

Was bei Wilks kritisch stimmt: Er hat wie ein Vrabel nur ein einziges Jahr Erfahrung als Coach, obwohl er bereit auf die 50 zugeht. Auf der anderen Seite sang Ron Rivera, sein Lehrer seit 2009, hymnische Lieder auf Wilks ab. Wilks coachte zuletzt nur 4-3 Defense, gilt aber als flexibel genug um eine 3-4 wie sie Arizona praktizierte zu designen.

Einigermaßen fraglich ist die Anstellung des OffCoords: Es wurde Mike McCoy, der nicht wirklich einen guten „Track Record“ hat. McCoys Offenses brillierten, als sie von QB-Superstars wie Peyton Manning oder Philip Rivers angeführt wurden, aber sowas kann salopp gesagt jeder liefern. McCoy hat es in Arizona aber fast sicher nicht mit einem Superstar zu tun: Palmer trat vor wenigen Wochen zurück. Es wird also entweder ein Rookie zum Entwickeln oder ein durchschnittlicher Free-Agent QB. Dafür, dass McCoy auch nur in Ansätzen einen QB entwickeln kann, gibt es nur dünne Beweislage.

Coordinators

Wie schon eingangs angedeutet: Bizarro-Markt bei den OffCoords. Norv Turner nach Carolina hatten wir schon beim letzten Update. Turners Anstellung bei den Panthers wurde in der Zwischenzeit von Brian Schottenheimer (Seattle Seahawks) unterboten. Russell Wilson tut mir leid.


Eine interessante Personalie bei den Coordinators ist Mike Pettine als neuer DefCoord der Packers. Pettine war seit seiner Entlassung als Headcoach der Browns weg vom Fenster. Pettine war jahrelang Assistenzcoach unter Rex Ryan bei den Jets. Sein Abschied aus New York war nicht geräuschlos – doch Pettine hatte in der Zeit seither bedeutend mehr Erfolg als Rex himself: In Buffalo coachte er eine Monster-Defense. Dann ging er als Headcoach nach Cleveland – ein Todesurteil für jede Karriere.

Pettines Defense gilt als einigermaßen kompliziert. Ihre Wurzeln liegen in einer 3-4, aber mit vielen Zone-Exchanges und vielen verschiedenen Aufstellungen. Für die junge Packers-Defense könnte das anfangs harzig werden, aber mit heutigem Wissen ist Pettine ein deutliches Upgrade gegenüber Vorgänger Capers, dessen Defense als eher überholt galt.

17 Kommentare zu “Trainerkarussell 2018: Baby Belichicks

  1. Scheint so als würde Jim Schwartz als möglicher HC einer NFL-Franchise für nächste Saison damit übrig bleiben, oder?

  2. Nach McDaniels und Tebow kamen in Denver allerdings Peyton Manning, John Elway und nachdem Fox durch Kubiak ersetzt wurde 2 SuperBowls und ein Sieg bei raus.
    Ohne McDaniels wäre es wohl anders gelaufen und wohl kaum besser.
    Mag sein, dass er ein schlechter HC war, aber es hat Denver nicht nur geschadet.

    Ich bin mir auch nicht sicher wie viel guter OC/DC mit guter HC zutun hat, da es doch ein anderer Job ist.

  3. Ich bin mir sicher wenn tebow an seinem wurfarm gearbeitet hätte würde er die broncos auch zum superbowl sieg führen.
    Achtung leichter sarkasmus

  4. McDaniels hat auch nicht gerade schlecht gedraftet. 2010 und 2011 kamen durch den Draft Demaryius Thomas, Zane Beadles, Eric Decker, Von Miller, Orlando Franklin, Julius Thomas, Virgil Green und (undrafted) Chris Harris jun.

    Für zwei Drafts ist das schon ein ordentlicher Ertrag und viele der genannten Spieler waren dann eben auch für die Super Bowl Runs der Broncos zentrale Bausteine.

  5. Hört sich interessant an für die Titans, mit Dean Pees auch ein DC mit Patriots (und Ravens) Hintergrund.
    Zur Personalie Matt LaFleur, ex OC der LA Rams. Weiß nicht, ob sich jemand gut mit Rams Offense 2017 auskennt, aber für mich hat es ausgesehen wie wenn HC Sean McVay das Play-Calling übernommen hat und auch die Audibles reingegeben hat. Die Rams haben sich ja immer mit viel Zeit auf der Playclock aufgestellt, damit man noch mit Headset kommunizieren kann – bis 15sec auf der Playclock geht das, glaub ich. –> Wirkt für mich persönlich nicht so, als hätte LaFleur daran einen großen Anteil gehabt.

  6. Die Gerüchte waren begründet. Josh McDaniels hat den Colts abgesagt.

    Colts haben keine rechtliche Handhabe gegen McDaniels.

    Ist Lucks Gesundheitsstatus der Grund? Oder weiß McDaniels wann Belichick aufhören wird und will ihn beerben?

    Völlig offen, wen die Colts nun interviewen werden. Desaster auf allen Fronten. Nicht zum ersten Mal beim Thema „McDaniels und Headcoach“.

  7. Oder so:

    It seems there are three possibilities here:
    a) Everything is true about the problems in New England between Brady and Belichick, and Belichick is planning to leave when his contract ends after 2018.
    b) Belichick isn’t planning to go to another team but rather to retire after the 2018 season, making McDaniels the head coach in waiting.
    c) Andrew Luck’s shoulder is completely and totally screwed.

    Aus: http://www.footballoutsiders.com/extra-points/2018/colts-officially-hire-josh-mcdaniels

  8. Könnte alles eine Rolle spielen. Und dass McDaniels den HC-Job in NE wenn Belichick aufhört jetzt quasi in der Tasche hat klingt für mich recht glaubhaft, weil in der restlichen NFL wird er in den nächsten Jahren erstmal nicht mehr viel Vertrauensvorschuss bekommen.

  9. Eine andere Frage: Ist McDaniels nun für alle anderen Teams außer NE endgültig „verbrannt“?

  10. Nachdem es nach der Denver-„Experience“ fast 10 Jahre für eine Rehabilitierung brauchte: Vermutlich ja. Offensichtlich mündliche Zusage, Coaches wurden schon zusammengestellt, dann Absage. McDaniels hat hoffentlich (für ihn und die AFC auf lange Sicht) einen Vorvertrag auf den NE Posten.

  11. Kurzfristig würde ich sagen, „ja“. Mittelfristig: es ist genau wie bei Spielern, wenn einer gut genug ist, dann kann man über fast alles hinwegsehen. Bei Coaches ist der Charakter natürlich schon nochmal wichtiger, weil die zwischenmenschliche Komponente in viel mehr Richtungen passen muss, als bei einem einzelnen Spieler. Aber wenn sich in ein paar Jahren ein Owner dafür interessiert ihn einzustellen, wird der sehen, was McDaniels sportlich schon alles erreicht hat, dass er inzwischen reifer ist als früher und dass persönliche Animositäten mit Jim Irsay und die schwierige sportliche Situation mit Andrew Luck einzigartige Situationen gewesen sind, die seine Franchise nicht betreffen.

    Solange du niemanden umbringst oder die amerikanische Hymne beleidigst, bekommst du immer wieder Chancen in der NFL.

  12. Pingback: Tennessee Titans in der Sezierstunde | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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