Super Bowl 2018 Preview: New England Patriots in der Kommunikationsgesellschaft

Achte Superbowl seit Gründung dieses Blogs – und zum vierten Mal sind die New England Patriots dabei. Die alljährliche Philosophie-Vorstellung der beiden NFL-Finalisten könnte langsam langweilig werden – aber zum Glück liefern die Patriots uns immer Anschauungsmaterial für weitere Vertiefung.

In den letzten Jahren haben wir als Vorbereitung auf die Super Bowls bereits auf die Funktionsweise der Patriots-Franchise geblickt. Die Zusammenfassung an dieser Stelle – die Verlinkung auf die alten Artikel zur Vertiefung:

New England Patriots – Von kraftlos zum Kraftzentrum

2012 vor Super Bowl 46

Herrmann zeigte vor mittlerweile sechs Jahren den Weg der Patriots von einer grauen Maus zur dominierenden NFL-Franchise auf. Alles begann, als der Bostoner Sportfan Robert Kraft Mitte der 1990er Jahre die dahinsiechende Patriots-Franchise aufkaufte um sie nicht an das bezirzende St Louis zu verlieren. Kraft motzte die Patriots sofort mit der Anstellung des legendären Cheftrainers Bill Parcells auf, setzte sich Jahre später mit der Verpflichtung des nicht unumstrittenen Bill Belichick als neuen Head Coach durch – und nachdem den Patriots im Draft 2000 der QB Tom Brady in den Schoß gefallen war und sich der teure, eigentliche Franchise-QB Drew Bledsoe schwer verletzte, ist der Rest Geschichte.

Ode an Bill Belichick

2015 vor Super Bowl 49

Vor drei Jahren versuchte ich zu erklären, was den nach außen häufig so wortkargen Belichick so besonders macht: Seine Philosophie, seine konstante Selbstverwandlung, der Teamgedanke, sein in-Game Management und seine Erscheinung in der Öffentlichkeit.

Das System New England: Do Your Job

2017 vor Super Bowl 51

Und schließlich letztes Jahr die Beleuchtung der meiner Meinung nach fünf wichtigsten Faktoren im “System Belichick”: Der Coach schafft die Rahmenbedingungen, Vision und Kommunikation nach innen und unten, Meritokratie, Kommunikation nach oben und Risikomanagement. Was sich wie Business-Bullshit Bingo anhört, habe ich versucht zur typischen Patriots-„Kultur“ zusammenzufassen.


In das Seelenleben der Patriots im Jahre 2018 blickte Anfang Jänner auch der weithin geschätzte ESPN-Kolumnist Seth Wickersham – und kam zum Schluss, dass es gewaltig knatscht im Gebälk von Foxboro: For Kraft, Brady and Belichick, is this the beginning of the end? Wickersham rückte Brdy in die Nähe eines Kults, der einem Schwindler von Personalcoach aufgesessen sei und damit die Chemie in Foxboro soweit zu spalten drohte, dass Owner Bob Kraft dem Cheftrainer Belichick befahl, Bradys Backup Garoppolo nach San Francisco zu traden. Wickersham stellte in dem Zug die These auf, dass Belichicks Ära sich in Foxboro dem Ende neigen könnte.

New Englands Reaktion hätte typischer nicht sein können: Ein kurzes verneinendes Statement („wir wissen von nichts“) und zwei Playoffsiege zum Einzug in die achte Superbowl unter dem unvergleichlichen Triumvirat ließen allen potenziellen Wirbel im Keim ersticken. Niemand ist so gut darin, aus viel Staub Langeweile zu machen und aus dem Nichts einen Wirbel zu veranstalten um alle abzulenken wie die Patriots. Oder anders: Der Griesgram hat Methode.

Chamäleon und Evolution

Doch Belichick ist nicht nur die zentrale Figur der Patriots-Leitkultur. Er ist bei allem fehlenden Charisma auch die Lichtgestalt unter den aktuellen NFL-Coaches. Es gibt vermutlich keine NFL-Mannschaft, die nicht per sofort ihren kompletten Trainerstab entsorgen würde, hätte es die Chance, Belichick von heute auf morgen einzustellen.

Belichick ist mittlerweile 65. Er tingelt seit den 1970er Jahren durch die Footballwelt, doch seine Wurzeln liegen noch tiefer. Belichick ist Sohn des legendären Scouts Steve Belichick, der in Zeiten lange vor All-22 und Coaches Tape die Talentevaluierung revolutionierte und seinen Sohn bereits in vorpubertären Jahren zum Football-Junkie erzog.

Belichick galt bereits zu Studienzeiten als Praktikant bei Ted Marchibrodas Baltimore Colts als Footballhistoriker von Format, der problemlos alle Entwicklungen des Sports aufzeigen und erklären konnte. In jungen Jahren wurde Belichick zum Defensive Coordinator bei den New York Giants, die unter seiner Führung mit furchterregenden Verteidigungen aufwartete und zwei Superbowls gewann – sein Gameplan in Superbowl 25 gegen die rekordträchtige Offense der Buffalo Bills ist Stoff für Legenden und als Lehrstück in der Pro Football Hall of Fame verewigt.

Belichick hatte immer seine Favoriten (erzkonservative 3-4 Defense in Cover-2), ließ sich aber mit zunehmender Erfahrung immer weniger auf ein spezielles Defense-System fixieren. Er versuchte vielmehr, über die Jahre ein Arsenal an verschiedensten Ideen zu sammeln um Woche für Woche eine Unit auf das Feld schicken zu können, die jeder noch so verschiedenen Offense begegnen konnte.

So stellte Belichick zum Beispiel in der Super Bowl gegen die Eagles vor nunmehr 13 Jahren mitten im Spiel plötzlich auf 4-3 Front um und verwirrte die bis dahin groß aufspielenden Iggles lange genug, dass New England die entscheidenden 10 Punkte davonziehen konnte. Für mich, damals im Frühstadium von NFL-Football befindlich, ein einschneidendes Erlebnis. In Madden konntest du vor allem zwischen 4-3 und 3-4 entscheiden – aber vor dem Spiel. Nicht mittendrin.

Die Offense-Metamorphose

Doch während Belichicks erste drei Superbowls mit den Patriots eher seiner Paradedisziplin, der Defense, zuzuschreiben waren, so ist seine Mannschaft spätestens mit der Transformation zur Spread-Offense von 2007 vor allem eine Yards- und Punktemaschine im Angriff. Angesichts von Koordinatorenwechseln, Free Agency und Salary-Cap ist es nichts anderes als faszinierend, wie konstant sich New Englands Offense seither ganz oben hält:

  • 2007: #1 Yards/Drive, #1 Punkte/Drive
  • 2008: #4 Yards/Drive, #3 Punkte/Drive
  • 2009: #1 Yards/Drive, #5 Punkte/Drive
  • 2010: #1 Yards/Drive, #2 Punkte/Drive
  • 2011: #2 Yards/Drive, #3 Punkte/Drive
  • 2012: #1 Yards/Drive, #1 Punkte/Drive
  • 2013: #7 Yards/Drive, #6 Punkte/Drive
  • 2014: #10 Yards/Drive, #3 Punkte/Drive
  • 2015: #9 Yards/Drive, #3 Punkte/Drive
  • 2016: #7 Yards/Drive, #5 Punkte/Drive
  • 2017: #1 Yards/Drive, #1 Punkte/Drive

Im Detail ist bis auf die hohen Rankings die einzige Konstante in dieser Offense der Wandel. Aber es gibt ein grundsätzliches Konzept Belichicks, das man als Basis für die Funktionsweise der Patriots-Offense verstehen muss: Belichick hat die Grundphilosophie der Erhardt/Perkins Offense angenommen und sie auf das moderne Passspiel übertragen.

Die ausführliche Geschichte hat Chris B. Brown (Smart Football) schon vor Jahren bei Grantland gezeichnet: Speak my language. Der Artikel ist noch immer unverändert wahr. Die kurze Fassung geht so: Die zeitgenössische NFL kennt im Prinzip drei wesentliche Systeme: Die auf Kurzpassspiel basierende West Coast Offense. Die mit vornehmlich tiefen Passrouten operierende Air Coryell Offense. Und die Erhardt/Perkins Offense.

West Coast und Coryell Angriffssysteme dominierten über zwei Jahrzehnte die NFL, aber mit zunehmender Komplexität auf beiden Seiten des Balls hatten diese beiden Systeme immer stärker mit ausschweifenden Play-Calls zu kämpfen, die nicht bloß schwer in den Huddle kommunizierbar waren, sondern vor allem den Quarterback vor immer schwerer zu greifende Spielzüge stellte. Oft hatten Plays mit ähnlicher bis gleicher Grundausrichtung völlig unterschiedliche Namen.


Die Erhardt/Perkins-Offense funktioniert anders: Sie baut ihre Terminologie nicht auf die Addition der einzelnen Routen auf, sondern auf die Kombination von Routen in Paketen. Die Routen-Kombination auf der linken Spielfeldseite bekommt einen Kosename (zum Beispiel „Schatzi“), jene auf der rechten einen anderen (zum Beispiel „Mausi“). Je nachdem auf welcher Seite welche Kombination gelaufen wird, werden Schatzi und Mausi direkt als Begrifflichkeit im Playcall verwendet. Haben sich die einzelnen Spieler einmal ein Bild zu jedem Übernamen gemacht (und dabei wird klar, dass „Schatzi“ und „Mausi“ sehr schlechte Beispiele für die Bezeichnungen wären) und sich die Kombinationen eingeprägt, fügt sich die Offense sehr schnell zu einem simplen Puzzle zusammen.

Brown hat das mit dieser Grafik sehr deutlich veranschaulicht: Das Ghost-Konzept (tiefe Route des äußersten WR, Out-Route nach 8 Yards vom mittleren und Flat-Route des innersten) und das Tosser-Konzept (zwei quicke Slants nach innen) vereinheitlicht zu insgesamt vier Spielzügen mit minimal unterschiedlichen Spielzug-Bezeichnungen, mit bloß spiegelverkehrten Routen und der Möglichkeit, völlig unterschiedliche Spieler die immerselben Routen laufen zu lassen:

Die Erhardt/Perkins-Offense galt in ihrer Urform als Smashmouth-Run Offense, mit der ein Mike Mularkey seine hellste Freude gehabt haben dürfte. Belichicks große Innovation war, die wichtigste Idee dieser Offense – das Organisieren und Benennen der Spielzüge – auf modernes Passspiel umzumünzen.

Und an dieser Stelle sind wir beim Prinzip der Wandelbarkeit. Grundprinzip und Benennung der Routen-Kombinationen erlauben, mit simplen Calls („Oregon“ anstatt von „Ghost“) dieselben Plays ad hoc zu spiegeln oder gar eine ganze Hälfte des Spielfeldes auszutauschen. Somit bleibt man stets schwer auszurechnen. Als Basis-Anforderung stellt New England dabei allerdings Vielseitigkeit an sein Spielerpersonal. Ein jeder Back kann per sofort zum Outside-WR mutieren, und Sekunden später zurück in einen Draw verwandelt werden.

Der letzte große Vorteil der schnellen Kommunikation: Er erlaubt angezogenes Tempo der eigenen Offense – und hier brillieren die Patriots im Gegensatz zu allen gegenwärtigen Konkurrenten: No-Huddle Offense. Keine Mannschaft ist in der Lage, eine derart krasse Hurry-Up Offense wie Bradys Patriots zu spielen – dank extrem einfacher Playcalls und behaftet mit mehreren Vorteilen für die Offense:

  1. Der Gegner kann nicht wechseln…
  2. …oder nur wechseln und mangels Zeit rudimentär kommunizieren…
  3. …was zu vergleichsweise einfachen Coverages für QB Brady führt.

New England jagt nur noch selten über mehr als eine Handvoll Drives seine 2-Minute Offense das Feld runter, aber wenn sie eingestreut wird, ist sie tödlich. Und im Angesicht dieser Ausführungen wird auch klar, warum Belichicks Fokus so stark auf vielseitigen Athleten liegt: Ein Runningback, der problemlos auf die linke Flanke wechseln kann, ist von unschätzbarem Wert für die Offense. So hat Belichick zum Beispiel auch 2017 nur einen einzigen von 1150 Offensiv-Snaps ohne Runningback in der Aufstellung betritten – und bringt so häufig wie kein anderes Team gleich zwei Backs in 21-Personnel aufs Feld (25%).


Im Fokus steht natürlich auch QB Brady, ohne dessen jahrelange Erfahrung und Pre-Snap Wissen um jede erdenkliche Coverage eine Offense niemals in dieser Extreme bestritten werden könnte. Doch auch in rund 20 Spielen ohne Brady funktionierte die Offense passabel genug. So liegt der Verdacht nahe, dass New Englands Erfolg vor allem auf Belichicks Grundidee an Offense basiert, die laufende Anpassung und schwere Ausrechenbarkeit erlaubt.

Es ist Belichicks Transformation der Wissens- und Kommunikationsgesellschaft auf das Footballfeld: Wer am schnellsten zu seiner Information kommt, kann am schnellsten agieren und auch am schnellsten reagieren. Und ist damit der Konkurrenz immer einen Schritt voraus.

9 Kommentare zu “Super Bowl 2018 Preview: New England Patriots in der Kommunikationsgesellschaft

  1. Danke für diesen schönen Beitrag 🙂

    Allerdings stellt sich mir schon die Frage, weshalb dieses System sich nicht kopieren lässt (natürlich relevanter Teil Brady ausgeklammert).
    Für mich liest sich das wirklich nicht nach Hexenwerk – muss also doch an der manischen Persönlichkeit BBs liegen, oder sehe ich das falsch?

  2. Ich hätte da schon einige Gründe anzubieten:

    1. Brady
    2. Belichicks Wissen und Auge, das die exzellente Einstellung auf jeden Gegner möglich macht
    3. absolute Jobsicherheit für Belichick vom Owner
    4. Bradys Vertrag: Top-5 QB für halbe Kohle gibt Möglichkeit auf 1-2 Spitzenspieler „für lau“
    5. Belichicks Trainersystem: alle auf Linie getrimmt
    6. jahrelange Erfahrung im System: es wird immer perfekter (hängt insbesondere mit Punkt 1-3 zusammen)
    7. Eier bzw. Flexibilität, einen evtl. fehlgeschlagenen Gameplan sofort über Bord zu werfen anstatt stur an einer scheiternden Idee festzuhalten
    8. Glück – etliche Patriots-Triumphe hingen am seidenen Faden.

  3. Denke auch, dass die gesamte Kultur in New England vor allem deswegen möglich ist, weil der Owner das Front Office und den Coach arbeiten lässt. Natürlich tut er dies nur, weil er weiß, dass er einen Coach hat, der genau weiß, was er macht. Aber Bob Kraft ist nach 5-11 und 0-2 Start vor Bradys Einwechslung nicht nervös geworden und der Rest ist Geschichte.

    Kann mich noch gut an die Zeiten erinnern als Belichick in Cleveland gescheitert ist, wo die Umstände eher unglücklich waren. Belichick war damals verschrien als HC der nicht mit den Players kommunizieren konnte & der generell zu autoritär agierte. Er hat sich aber hinterfragt und seinen Stil geändert sodass ihn kein Spieler liebt, aber alle querbeet respektieren. Freilich hilft auch, dass er nun einen Franchise QB hat den er in Cleveland nie hatte.

    Das mit dem Glück in Clutch Situationen ist ein guter Punkt. So großartig die Pats sind, aber Tuck Rule, die unmöglichen Vinatieri FGs, die Marlon McCree Fumble INT und die dauerschwache AFC mit Freilos ins CCG sind alles Faktoren die auch mithelfen, eine Dynasty Legende zu bilden. Aber das hatten die anderen Dynastys in der NFL auch.

  4. Ich glaube ohne Glück geht das nicht. Die Bills zB sind jetzt nicht besonders weit davon entfernt, bis zu 4 SBs in den 90ern gewonnen zu haben. 2 oder 3 davon hätten wahrscheinlich gereicht und sie wären auch eine Dynasty gewesen. So sind sie halt die nicht unsympathischen aber irgendwie doch ultimativen Choker.

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