Die furchtlose Superbowl-Vorschau 2018: New England Patriots – Philadelphia Eagles

Am Sonntag ist bekanntlich Showtime: Die New England Patriots (AFC-Champion, 15-3 Record) versuchen in Super Bowl XLII in Minneapolis gen die Philadelphia Eagles (NFC-Sieger, 15-3 Record), ihre einzigartige Dynastie um ein weiteres Kapitel zu bereichern und ihren sechsten NFL-Titel zu holen, wohingegen die Eagles, lovable losers, auf der Jagd nach ihrem ersten Ring sind. Eine ausführliche Vorschau auf das Endspiel der NFL-Saison 2017/18.

Super Bowl XLII ist in den Medien ein Duell „Tom Brady gegen einen Backup-QB“, weswegen viele in den USA die Eagles für chancenlos gegen die mächtigen Patriots halten. Aber nicht nur die Advanced-Stats geben den Eagles eine gute Chance auf eine Überraschung – bei genauem Hinsehen kann man durchaus ein Duell auf Augenhöhe erwarten.

Beide Mannschaften sind breit aufgestellt und werden von exzellenten Coaches angeführt, die es verstehen, einen Match-Plan exakt auf den nächsten Gegner abzustimmen. Beide Offenses sind bekannt für ihre vielschichtigen Formationen und für hervorragendes Play-Calling. Beide Offenses sind um dynamische Tight Ends und fangstarke Runningbacks gebaut.

Beide Mannschaften sind geil darauf, den Ball zu halten, spielen mit die meisten Snaps der Liga. Beide mussten schwere Verletzungen verkraften – die Eagles unter anderen LT Peters, RB Sproles und TE Hicks, die Patriots WR Edelman, WR Mitchell und LB Hightower. Und beide konnten diese Probleme kaschieren und je ein knappes und ein klares Playoffspiel auf dem Weg in die Twin-Cities für sich entscheiden.

Wenn New England den Ball hat

Die Unit, um die sich in dieser Partie die meisten Mythen ranken, ist die Offense der New England Patriots, die es seit nunmehr fast eineinhalb Jahrzehnten versteht, sich mit konstanter Selbstverwandlung unter den besten Offenses in der NFL zu halten.

Zentrale Figur ist dabei natürlich QB Tom Brady, den viele für den besten Quarterback aller Zeiten halten. Sicher ist: Brady ist mit fünf Superbowl-Titeln der erfolgreichste von allen, und für ihn gilt mittlerweile nicht bloß: Trau keinem über Dreißig! Sondern nach seinem Vorwahlwechsel im letzten August vielmehr: Trau keinem über Vierzig!

Dass Brady noch nicht zum alten Eisen zu zählen ist, hat er in der abgelaufenen Saison noch einmal eindrucksvoll bewiesen: In einer Offense, die plötzlich nicht mehr auf altbekanntes Kurzpassgewichse baute, spielte Brady zum x-ten Mal eine MVP-reife Saison als Orchestrator einer deep ball Offense.

Die Offense der Patriots zeichnet sich durch ungewohnt viel Einsatz von 21-Personnel (2 RB, 1 TE, 2 WR) aus: Wo die durchschnittliche NFL heute nur noch in 7% der Snaps diese Formation einsetzt, schickt OffCoord Josh McDaniels seine Jungs in 25% der Fälle in dieser als relativ altmodisch verschrienen Formation aufs Feld. Doch welches Personal auch immer spielt: New England ist berühmt dafür, sich mit identischem Personal im Huddle in extrem vielen verschiedenen Formationen aufstellen zu können. Das führt für gegnerische Defenses häufig zu Verwirrung in den Assignments, vor allem, wenn Brady kurz vor dem Snap via Audible auf ein komplett neues Konzept umstellt.

Die Funktionsweise der Patriots-Offense habe ich vor ein paar Tagen bereits im Detail erklärt. Wirklich kompliziert sind die vielen Spielzüge für sich betrachtet alle nicht, aber in Verbund mit den ständig wechselnden Aufstellungen wird die Offense nie ausrechenbar für den Gegner. Das liegt auch daran, dass New England für gewöhnlich keine Trennung zwischen „1st/2nd Down“ und „3rd Down Spielzügen“ vornimmt. Die Pass-Konzepte sind häufig dieselben und sorgen in Verbindung mit aggressivem Play-Calling dafür, dass die Offense bereits vor dem dritten Down ihre Angriffsserie verlängert hat (280 Conversions in den ersten beiden Downs sind Spitzenwert, die #2 hatte 251).

Ähnliche Plays – und so gibt es auch keine klaren Tendenzen bei den einzelnen Anspielstationen:

  • 1st Down: Brandin Cooks 48 Anspiele, Gronkowski 40, James White 22, Chris Hogan 21, Danny Amendola 19
  • 2nd Down: Cooks 37, Amendola 36, Gronkowski 35, White 22, Hogan 18
  • 3rd Down: Amendola 29, White 26, Gronkowski 26, Cooks 25, Hogan 20

Ein wesentlicher Grund dafür ist die ständige Anpassung der Offense an den Gegner. Die große Stärke der Patriots: Sie spielen ohne Ego. Es gibt keine Basis-Idee, die man dem Gegner aufoktroyieren will. Vielmehr passen McDaniels und Brady ihre Plays genau an das an, was der Gegner anbietet. Spielen die Cornerbacks zum Beispiel „Off-Coverage“, wird Brady auf Out-Routen und underneath gehen und geduldig die 7-Yards Pässe nehmen, bis man auf der anderen Seitenlinie umgedacht hat.

Spielt der Gegner Manndeckung, hagelt es tiefe Crossing-Routen und Shallow-Crosses, Rub-Routes, Screenpässe für Runningbacks und Play-Action mit 5-Step Drops. Wechselt er in Cover-3 Zonendeckung, wird das Personal auf Spread-Formation umgestellt und über Seam (TE #87 Rob Gronkowski) und Hitch-Routen (Receiver gegen Cornerback) angespielt. Sieht Brady eine Cover-2, sind Umschalten in den Slot oder Audible auf Laufspiel angesagt – oder aber es wird die brandgefährliche Wheel-Route für die Runningbacks ausgepackt. Das sind dann die Momente, in denen der gegnerische Pass-Rush besser schnell auf Brady heranrauscht, will er nicht komplett verbrannt werden.


Das Stichwort „Pass Rush“ bringt uns auf die andere Seite der Anspiellinie – zur Verteidigung der Philadelphia Eagles. Die wird von DefCoord Jim Schwartz gecoacht, dessen NFL-Karriere einst als Belichicks Laufbursche in Cleveland begann. Unter Schwartz spielt Philadelphia überwiegend eine Cover-3 Defense mit einem tiefstehenden Safety und relativ tief stehenden Cornerbacks Mills/Darby – eine Art von Zonendeckung, die für Brady als weitgehend gefundenes Fressen gilt…

…sofern Brady zumindest etwas Zeit zum Operieren in der Pocket bekommt. Und das ist ein Punkt, der im Vorfeld der Partie bis zur Vergasung diskutiert wird: Blaupause, einen Brady zu stoppen, ist die Power der gegnerischen Front-Seven, ohne Verstärkung durch Blitzes Druck auf den Quarterback auszuüben. Das ist by the way die Blaupause gegen alle Quarterbacks in der NFL.

Doch Philadelphias Kader ist in der Tat so gut geeignet zur Umsetzung des Plans wie kaum jemand anders: Mit DT #91 Fletcher Cox hat man einen der besten inside-Rusher der Liga, und über die Flanken rauschen DE #55 Brandon Graham und die Rotations-Spieler #56 Chris Long, #96 Derek Barnett heran. Gefürchtet ist vor allem die 3rd-Down-Packung mit Cox und Graham über die Mitte, dem direktesten Weg Richtung QB.

Diese Front-Four hat physische Vorteile gegenüber der Patriots-Offense Line: LT #77 Nate Solder, LG #62 Joe Thuney, C #60 David Andrews, RG #69 Shaq Mason und RT #71 Cameron Fleming haben sich zu einer brauchbaren Unit entwickelt, aber sie können die Eagles nicht ewig aufhalten – es wird für Brady Druck geben, vor allem, wenn die Schwachstellen Thuney und Fleming attackiert werden.

Und ab diesem Moment wird die Super Bowl zu einem Schachspiel. Denn kriegt Brady erst einmal Druck, verlässt die Offense ihre Comfort-Zone, kann McDaniels keine Routen-Kombinationen mehr auspacken, die die Schwachstellen der Zone-Defense ausgucken und je mehr Zeit Brady in der Pocket bekommt, desto eher von einem Amendola verbrannt werden.

Freilich ist auch einem Bill Belichick bekannt, was jedes Greenhorn weiß – und Belichick wird seine Mannschaft darauf einstellen. Die naheliegendste Option ist jene, um die herum Belichick in den letzten Jahren seine Offense umgebaut hat: Der Pass auf den Runningback. Er kontert den Pass Rush aus und ermüdet die ins Leere laufenden Rusher mit zunehmendem Spielverlauf. Belichick hat seit den Superbowl-Pleiten gegen die Giants seine Offense immer besser auf Screenpassspiel über seine Backs ausgerichtet – das äußert sich in dieser Saison in erstaunlichen Zahlen:

  • #33 Dion Lewis macht 6.5yds/Catch mit 59% Success-Rate
  • #28 James White macht 7.7yds/Catch mit 58% Success-Rate

Gepaart mit #34 Rex Burkhead und dem eventuell noch nichtmal eingesetzten #35 Gillislee hat New England ballfangende Backs wie Sand am Meer – eine Stärke, die eventuell als „krasses Mis-Match“ zu bezeichnen ist, wenn man bedenkt, dass die Eagles ligaweit #29 (oder 4t-Letzter) gegen diese Typologie Spielzug sind.

So viel geschrieben, und die vermeintlichen Top-Waffen im Angriff nur am Rande erwähnt: #14 Brandin Cooks, der am liebsten tief geschickt wird, und vor allem Gronkowski, für den Philadelphia keine überzeugende Antwort hat. Cooks gilt als zu wendig um von den etwas hüftsteifen CBs Mills/Darby komplett ausgeschaltet zu werden – und Gronkowski hat 15 cm Größenvorteil gegenüber seinem vermeintlichen direkten Gegenspieler, #27 Malcolm Jenkins. Jenkins ist kein schlechter, aber er sah gegen diese Typologie Tight End in der Vergangenheit oft schlecht aus – er kann nur hoffen, dass Gronkowski zwei Wochen nach seiner Gehirnerschütterung im Halbfinale noch nicht wieder bei 100% ist.

Wenn Philadelphia den Ball hat

Auch die Eagles-Offense glänzt mit einem breit aufgestellten Arsenal. Im Gegensatz zum Patriots-Angriff ist der Iggle-Angriff eher auf einem sehr vielseitigen Laufspiel begründet, das hinter einer wuchtigen Offensive Line Zone-Running ebenso gut kann wie Pull/Power Konzepte. Das immer mal wieder einen Toss über die Flanken oder den berüchtigten Wham-Play mit einem Tight End als Vorblocker gegen den Defensive Tackle einstreut – welcher Spielzug als nächstes kommt, ist analog zur Patriots-Offense schwer einzuschätzen, da auch die Eagles aus ähnlichen Aufstellung völlig unterschiedliche Plays ansagen.

Schon in der Regular Season mit dem regulären Starting-QB Carson Wentz war die Offense in normalen Spielsituationen (one score Situationen) nie mehr als eine 55/45 Pass/Run Offense, und auch nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Wentz hat man die Offense nicht wesentlich umgestellt.

Der Eagles-Stab um Headcoach Pederson und OffCoord Frank Reich hat es geschafft, um den Backup-QB #9 Nick Foles herum in Windeseile einen NFL-tauglichen Angriff zu zimmern.

Foles ist ein Quarterback, der unter perfekten Bedingungen mit seinem massiven Arm großartig aufzuspielen vermag (wie zuletzt im NFC-Finale bewiesen wurde), aber Foles in nicht in Wentz‘ Klasse, wenn es darum geht, dem Pass Rush auszuweichen, zu improvisieren und Pässe mit Verve in engste Deckungen zu feuern. Wenn die Situation um ihn herum NFL-typischer wird – bevölkerte Pocket, im Timing gestörte Wide Receivers, lange 3rd Downs – mutiert er zu einem risikoaversen QB, dessen oberste Priorität es ist, nur ja nicht den Ball zu verschenken. Das geht auf Kosten der Effizienz.

Pederson und Reich reagierten darauf mit verstärktem Einsatz von Run/Pass Options, die Foles das Leben erleichtern und ihm klare Reads definieren: Ist die Box zugestellt, wird die Sicherheitsoption angeworfen. Steht der Gegner eher tief, wird gelaufen. Als zusätzliche Option haben die Eagles in den Playoffs verstärkt kurze Pässe für die fangstarken Runningbacks #36 Jay Ajayi und #30 Clemens eingebaut – ein Element, das man in der Regular Season nur selten gesehen hatte.


Gegen Minnesota im Conference-Finale spielte man damit eine der besten Defenses im Lande an die Wand. New Englands Defense ist vor allem athletisch nicht ganz ein Kaliber vom Schlag der Vikings, aber die zu Saisonbeginn so horrende Unit hat sich mit zunehmendem Saisonverlauf trotz einiger kritischer Verletzungsausfälle immer weiter gesteigert. Zu verdanken hat man das Belichicks und DefCoord Matt Patricias Anpassungen.

New England glänzt nicht mit furchteinflößenden Passrushern, sondern vielmehr mit einer Myriade an verschiedenen Formationen in der Front Seven sowie mit disziplinierter Spielweise, die darauf bedacht ist, keine großen Raumgewinne aufzugeben. Sie zwingt den Gegner dazu, konstant und über viele aufeinanderfolgende Snaps die kleinen Raumgewinne zu nehmen. Die Vokabel bend but don’t break wurde als Beschreibung bereits ad nauseum verwendet.

Selten, dass Patricia Blitzes schickt– aber wenn, dann sind sie meist erfolgreich, da der Gegner aufgrund der vielen Optionen schwer abschätzen kann, von wo der Defensive Back einschlägt. Und: In den Playoffs verstärkter Einsatz von Blitzes.

In der Deckung spielen die Patriots mehr Man-Coverage als Zone, wobei Patricia sehr darauf bedacht ist, den Gegner ob der Strategie so lange wie möglich im Dunkeln zu lassen. Zu den Schwierigkeiten im Attackieren der Patriots-Defense zählt besagte Vielfalt an Aufstellungen: Mal stehen vier Verteidiger an der Anspiellinie in einer Base 4-3, mal sind es nur 3, dann wieder 2. Einen Blocker auf einen speziellen Gegenspieler einzustellen, bringt wenig, da Patricia sein Personal durchrotiert wie Cleveland seine Quarterbacks.

Ein DE #98 Flowers mag kein Athlet vom Schlage eines Fletcher Cox sein, aber er ist deswegen eine Herausforderung, da er mit seinen langen Armen ein komplett anderer Gegner ist als ein DT #90 Malcom Brown, der eher wie ein Grady Jarrett für Arme unter dich hindurchtaucht. Das ist in Abtausch mit frischen Rushern von der Bank wie #94 Jean-Francois, #55 Lee oder #93 Guy, die oft Sekunden vor dem Snap noch einmal Positionen wechseln, fast genau so schwierig zu verteidigen als wenn 50x im Spiel ein Brandon Graham auf dich zuläuft.


Haben die Eagles erst einmal ihr Laufspiel in Gang gebracht und Foles die Zeit gegeben, über Play-Action Pässe zu operieren, kommt die Königsdiziplin: Pässe komplettieren. Das gestaltet sich gegen die ebenso athletische wie physische Secondary der Patriots nicht immer einfach.

New England scheut sich nicht davor, seine Base-Defense am Seitenrand zu lassen und fünf (Nickel), sechs (Dime), ja manchmal sieben, Defensive Backs auf das Feld zu stellen (sieben ist dann die „Dollar-Coverage“) um die wesentlichen gegnerischen Pass-Fänger zu kontrollieren. Nur mal so als Hausnummer: Die Patriots spielen fast 10 Snaps pro Spiel in Dollar-Coverage; kein anderes Team hat mehr als 3/Spiel.

Im Falle der Eagles, die häufig mit drei Wide Receivern plus TE #86 Zach Ertz spielen, bedeutet das: Viel Einsatz von Nickel-Formationen mit CB #25 Eric Rowe (gegen #82 Torrey Smith oder Slot-WR #13 Agholor) oder „Big Nickel“ mit Patrick Chung oder #32 Devin McCourty gegen den Tight End und einem tief patroullierenden Safety #30 Harmon – und je nach Situation auch Chung, Harmon und Rowe als Unterstützung für das Top-CB Duo #24 Gilmore / #21 Butler im Double-Teaming.

Gesichert ist nur: Der physische Gilmore wird gegen den WR-Hünen #17 Alshon Jeffery auflaufen, während der schmächtige Butler entweder Smith oder Agholor bearbeitet. Dahinter ist alles offen – Belichick/Patricia entscheiden je nach Situation, wer wann wo und gegen wen aufgestellt wird.


Als sicher auch darf gelten, dass die Eagles den Ball bewegen werden – die Frage ist, ob sie ihn erfolgreich bewegen können. „Erfolgreich“ hieße: Touchdowns und Field Goals. Die Drives zu Ende spielen. Lohn für die Mühen abstauben. Das klingt banal – aber die Patriots lassen die fünfmeisten Yards/Drive zu. Und die 6t-wenigsten Punkte.

Sprich: Wird das Spielfeld kürzer, werden die Patriots aggressiver, trauen sich aus ihrem Schneckenhaus. Bringen Blitzes. Doppeln Ertz oder Jeffery – manch einer erwartet, dass sie hie und da beide im selben Spielzug doppeln werden um Foles zu zwingen, sie anderweitig zu schlagen.

Die kritischen Faktoren

Somit sind die Rahmenbedingungen, unter denen diese Super Bowl abläuft, gesteckt. Dass dieses Duell weit mehr ist als Tom Brady und Nick Foles, sollte nun klar sein. Schauen wir nun etwas tiefer in die Glaskugel – wer suchet, der findet kritische Faktoren, die dieses Spiel über die offensichtlichen Phasen – zu denen natürlich auch die ewigen Footballbegleiter Turnovers und Special Teams gehören – hinweg entscheiden.

New Englands Trainerstab und New Englands Defense mögen in den letzten Wochen Lobeshymnen abgestaubt haben. Und Belichick mag ein Defense-Genie von Gottes Gnaden sein.

Eagles-Lauf aus 11-Personnel

Aber seine Defense hat Schwachpunkte. Der offensichtlichste von ihnen ist das Verteidigen von Laufspiel gegen 11-Personnel der Eagles. Philadelphia läuft häufig mit diesem Personal – in rund 2/3 der Run-Plays. In 72% dieser Fälle laufen sie aus Shotgun-Formation – besonders über den explosiven Ajayi, der dann 54% Success-Rate und sensationelle 12.2yds/Carry macht.

New England ist richtig schlecht darin, solche Plays zu verteidigen. Wo die Patriots gegen jedes andere Personal nur 36% Success-Rate und 3.3yds/Carry kassieren, wird die Geschichte gegen 11-Personnel ganz anders erzählt: Die Offense ist dann in 60% der Fälle erfolgreich – und die Defense kassiert 6.6yds/Carry. Beide Werte sind #32 der Liga. Beide Werte sind nicht adjusted an den Strength-of-Schedule – und der war #30 der Liga. „Mis-Match“ ist hierfür die richtige Vokabel.

Die Eagles wären Schlamper, würden sie aus diesem Vorteil kein Kapital schlagen. Zumal New England zuletzt sogar Probleme gegen die Run/Pass Options der Jaguars hatte und nur durch absurdes Playcalling herausgerissen wurden.

Als Belichicks größter Trumpf erwies sich in den letzten Wochen der verstärkte Einsatz einer längst vergessenen, als antiquiert geltenden Abwehrformation: Der 3-3-5 „Bear-Front“. In dieser stehen drei Defense Liner Aug‘ in Aug‘ dem gegnerischen Center sowie den beiden Guards gegenüber – mit dem Ziel, double team-Blocks zu verhindern. Diese Double-Teams jedoch sind kritisch für den Erfolg der Zone-Running Plays – ergo darf man ruhig mal darauf achten, wie Belichick gegen 11-Personnel aufstellen wird.

Eagles-Run Defense

Doch auch die Patriots haben noch Hidden-Champs, die es auf dem Weg zum sechsten Ring auszuschlachten gilt. Laufspiel – bislang noch gar nicht beleuchtet – einer. Philadelphias Run-Defense hat einen exzellenten Ruf und exzellente Statistiken – doch der Blick hinter die Fassade bringt krass zu Tage: Der Schedule der Eagles war schwach. Laufspiel-Gurken wie Arizona oder Denver wurden abgewürgt. Aber wirklich gute Gegner hat man nicht gesehen – die besten waren Chiefs und Rams (Dallas war nur im zweiten Anzug), und jene sahen vor allem über die linke Flanke so viel Licht, dass sie fast geblendet wurden.

Die Patriots haben kein explosives Laufspiel. Aber sie haben stets eine extrem gute Success-Rate: 45% insgesamt, #1 der Liga. Wetten, dass Belichick mit Kusshand die 5-Yards Geschenke für Lewis annimmt, wenn man sie ihm anbietet?

No Huddle Offense

Der noch wesentlichere Erfolgsfaktor ist aber ein anderer – und er könnte den Eagles am Ende des Tages das Genick brechen: Die No-Huddle Offense der Patriots. Diese wurde in dieser Saison recht lange unter Verschluss gehalten, aber in den letzten Wochen immer stärker ausgepackt. Sie wird für Schwartz und seine Defense zu einer Herkulesaufgabe, denn Philly ist nicht gut darin, sie zu verteidigen. Ein Vergleich:

  • Philly-Defense vs Huddle: 43% SR (#2), 75.8 QB-Rating (#3), 6.2 Y/A (#2)
  • Philly-Defense vs No-Huddle: 57% SR (#27), 105.8 QB-Rating (#27), 8.7 Y/A (#28)

Und weiter: Die Completion Rate steigt gegen Hurry-Up Offense von 58% auf 68%. Die QB-Pressure Rate sinkt von 42% auf 36%. Total Yards/Play fallen ins Bodenlose: Von 4.8 auf 7.3. Im Prinzip ist das der Unterschied zwischen einer exzellenten Defense und einer Bottom-5 Unit. Die Probleme liegen dann überall – und nirgendwo klarer als im Aufgeben von langen Runs nach quicken Completions.

Die Situation sei schon jetzt zum Vormerken notiert: No Huddle, heavy personnel mit FB Develin am Feld, und kurz vor dem Snap bringt Brady den Audible Develin raus zu CB Darby – und mit dem besten Manndecker neutralisiert hat Brady die Wahl zwischen Amendola, Gronkowski und Lewis gegen verwirrte Gegner. Es ist so sicher wie das Amen im Gebet, dass New England seinen Gameplan um die Hurry-Up Offense aufbauen wird.

Die Soft-Facts

3.500 Wörter Vorschau mögen verlorene Liebesmüh sein in Erwartung einer taktisch und strategisch interessanten Partie, wenn einer der beiden über den Gegner drüberfährt – doch: Super Bowls der Patriots sind immer spannend. New England mag schwer in die Gänge kommen und bald in Rückstand liegen – aber die Mannschaft von Zampano Belichick hat oft bewiesen, in solchen Momenten nicht zu verzweifeln und als untoter Zombie solange am Eck zu lungern, bis dem Gegner die Ideen ausgehen, um dann eiskalt zuzuschlagen. Sie sind berühmt dafür, sich nie verrückt machen zu lassen, im Wissen, mit Brady und superiorer Ausdauer zurückkommen zu können.

Die Eagles sind Schnellstarter. 62% ihrer Punkte machten sie vor der Pause. Doch können sie ihr Tempo durchhalten und gegen die Halftime-Adjustments der Patriots bestehen?

Für die Eagles gilt demnach auch im Falle einer Führung: Nicht locker lassen. Aggressiv bleiben und weiter den eigenen Stiefel runterzuspielen – einfacher gesagt als getan. Zu viele Patriots-Gegner wurden über die Jahre mit dem großen Ziel vor Augen nervös, machten Fehler. Gingen ein. Für Pederson gilt demnach: Think different!


Und dann kommen die Schmetterlinge. Super Bowl und New England – das ist Business as usual. Für Philadelphia ist es vielmehr das Ding schlechthin. Die Fan-Base ist elektrisiert, wird vermutlich 80% der Hütte für sich einnehmen und Radau machen, nach dem emotionalen Wellental „himmelhochjauchzend“ bis Mitte Dezember über „zu Tode betrübt“ nach Wentz‘ Verletzung zurück zu Party-People nach Foles‘ gelungenen Playoffs.

Kann der erfahrene, aber nicht Super-Bowl erprobte Eagles-Trainerstab den Fokus halten und Ruhe bewahren?

Und wer wird nun gewinnen?

Für Philadelphia ist es jetzt schon eine grandiose Saison, die Boden genährt hat für Aufbruch zu neuen Ufern – doch sie wäre ungekrönt ohne das Tüpfelchen auf dem i. Und sie haben eine große Chance, den lang ersehnten Titel zu holen – trotz Backup auf QB: Philadelphia hat Vorteile auf beiden Seiten der Anspiellinie – hat die bessere Offensive Line und die bessere Defensive Line als die New England Patriots. Sie haben die Vorteile im Laufspiel gegen klein gewachsene Gegner. Sie haben einen der besten, aggressivsten Coaches der Liga.

Und doch riecht es danach, dass es wieder nur zum „Weltmeister der Herzen“ reicht. Zu mächtig sind die Patriots, wenn sie die No-Huddle Offense auspacken und über Gronkowski, White und Cooks eine Eagles-Defense ausspielen, deren Pass Rush zu oft ins Leere laufen wird und deren Secondary nicht genügend Waffen gegen Bradys Armada hat. Zu oft wird Patricias Defense genau das eine Play machen um Philly am Touchdown zu hindern. Und wenn alle Stricke reißen, werden die famosen Special-Teams einen Return auspacken, der die Feldposition entscheidend verändert um die Kohlen aus dem Feuer zu holen.

So lautet mein Tipp: Die Trauben hängen noch zu hoch für Philadelphia. Die New England Patriots werden gewinnen und sich den ersten Ring am Daumen des zweiten Fingers gießen.

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12 Kommentare zu “Die furchtlose Superbowl-Vorschau 2018: New England Patriots – Philadelphia Eagles

  1. Vielen Dank für die tolle Einstimmung auf die Super Bowl! Wieder einmal schön zu lesen und dabei auch alles gesagt.

  2. Was wird eigentlich passieren wenn foles die Eagles zum Superbowl Sieg führt,wird er Starter in der neuen season oder wird ein superbowl QB wieder zum backup degradiert. Ich mein wentz hat die Vorarbeit geleistet und foles schmückt sich jetzt mit dem Titel.

  3. @cam
    die frage stellt sich nicht. wentz ist ihr franchise QB.
    selbst wenn foles 5 td wirft und mvp wird, ändert sich daran nichts.

  4. Wow, großartige Preview mit vielen Infos die ich nicht auf dem Schirm hatte. Wo kriegst du die vielen Informationen her? Nur selber gescoutet oder Database oder andere Seiten? Hat mir auf alle Fälle das Match Up schmackhafter gemacht als ich vorher dachte („schon wieder die Pats…“).

    Mir kommt die Pats Defense aber trotz der Kritik noch zu gut weg, sie wirkt nicht nur kraftlos sondern gibt auch noch immer viele Plays auf. Die Eagles werden nicht wie JAX aufhören zu spielen und ich traue ihnen zu die light Formations mit den 7 DB per Laufspiel zu knacken.

    Zu Wentz: Die Chance, dass Foles in Philly zum regulären Starter wird, ist 0%.

  5. das wäre halt so als ob barca ins Champions leage Halbfinale kommt,und dann verletzen sich die Hälfte der Stamm Spieler und im finale gewinnen dann die Ersatzspieler den Titel.

  6. Pingback: Ergänzende Notizen zur furchtlosen Superbowl-Vorschau | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  7. Erschwerdend zum Pats Comeback Style im vierten Quarter kommt hinzu, dass Philly dann am schlechtesten spielt. In den ersten drei Quarters: Jeweils Top 5 nach DVOA, in Qtr 4 dann nur noch No. 14. Komme immer mehr zum Schluss, dass Philly vom Talent Level mit den Pats mithalten kann, aber der Faktor QB und Coaching am Ende entscheidet die Partie zu Gunsten der Pats.

  8. Könnte der Wert für Q4 daher rühren, dass die Spiele dann oft schon entschieden waren? Das erscheint mir genauso logisch, wie das eine gute Mannschaft die Mehrzahl ihrer Punkte in der 1. HZ erzielt.

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