Vor der NFL-Combine 2018

Diese Woche ist in die NFL-Combine in Indianapolis angesagt.

Combine?

Combine = Sichtungstraining unter standardisierten Voraussetzungen für ca. 300 eingeladenen Draft-Prospects. Sie besteht aus medizinischen und athletischen Tests sowie der Möglichkeit von Interviews mit Mannschaftsdelegationen und Medienvertretern. Über Ablauf und Trainingseinheiten der Combine habe ich die letzten Jahre ausführlich geschrieben:

Oft gehört, wahrscheinlich wahr: Als wichtigste Informationen für die Teams gelten die offiziellen Abnahmen der Körpermaße, die hie und da einige Zentimeter und Kilos von den am College gemessenen Werten abweichen, sowie der Medizincheck, wo immer mal wieder ein bis dato unentdecktes Risiko aufgedeckt wird.

Für die Zuschauer interessanter: Die Trainingseinheiten am Platz. Sie werden live im NFL-Network (über Gamepass) übertragen. Folgende Mannschaftsteile sind an folgenden Tagen eingeteilt:

  • Fr 02.03.: RB, OL, K, ST
  • Sa 03.03.: QB, WR, TE
  • So 04.03.: DL, LB
  • Mo 05.03.: DB

Nachfolgend ein kurzer Überblick über die aussichtsreichsten Prospects.

Quarterbacks

Quarterback ist die Leuchtturm-Position in der NFL – so auch im NFL Draft. Die Klasse von 2018 ist eine der spektakulärsten, an die ich mich erinnern kann: Vier bis sechs Prospects gelten als mögliche 1st-Rounder – mit der zusätzlichen Komponente, dass man sich alles andere als einig ist über die Reihenfolge der QBs.

Am weitesten vorne sieht man aktuell zwei QBs, die ihre College-Karriere im sehr „lauten“ Markt von Los Angeles absolviert haben: USCs Sam Darnold und UCLAs Josh Rosen. Darnold hat die prototypischen NFL-Gardemaße und einen guten Arm, war aber am College eine Turnover-Maschine (35 Turnovers in eineinhalb Jahren) und lässt den letzten Fetzen „Geilheit“ in seinen Würfen vermissen. Rosen ist der gefinkeltere Werfer, aber etwas schmächtig gebaut und schon etliche Spiele mit Verletzungen verpasst.

Buzzdetail am Rande: Rosen ist Jude – und wie der Zufall es will, sind beide New Yorker Teams, Giants (an #2) und Jets (an #6) in der Verlosung um einen künftigen Franchise-QB. Kannst du dir den Hype vorstellen, den ein jüdischer Quarterback im Big Apple auslösen würde?

Wo Rosen ein eher exponierter Typ ist, gilt Darnold mehr als Frauenschwarm ohne sonderliche charakterliche Angriffspunkte. Darnold ist auch kein aufregender Spielertyp – höchstens solide auf allen Ebenen. Bei den vielen Turnovers, die er fabriziert hat, wird man einiges Augenmaß auf die Größe seiner Hände legen – zu kleine Hände gelten oft als Risiko in der NFL. Sollte Darnold rechte Hand kleiner als 9 Inch sein, weißt du, was die nächsten zwei Monate gesabbert wird.

Oklahomas Baker Mayfield punktet als aktueller Heisman-Trophy Besitzer und einnehmender „Gewinner-Typ“, ist aber mit 1m83 etwas klein gebaut für einen Quarterback und gilt mit dem einen oder anderen Skandälchen am College als möglicher Störfaktor. Trotzdem sehen einige Mock-Drafts Mayfield momentan in den Top-10 gehen.

Ebenso Top-10 Bewertungen soll in einigen Kreisen Brad Allen von Wyoming bekommen. Allen ist typisches „QB-Hype Material“: Hat den mächtigsten Wurfarm der Klasse, aber die Präzision einer Schrotflinte. Solche QBs floppen in der NFL fast immer – trotzdem werden sie Jahr für Jahr nicht nur nach oben gehypt – sondern Jahr für Jahr auch hoch gedraftet.

Manche Mock-Drafts sehen Mason Rudolph (Oklahoma State) oder Luke Falk (Washington State) als weitere mögliche 1st Rounder.

Umstritten sind aktuell noch die Profi-Aussichten von Louisvilles QB Lamar Jackson, dem aufregendsten College-QB seit Jahren und Heisman-Trophy Sieger 2016. Jackson ist Michael Vick 2.0 – nur vielleicht noch explosiver. Er ist theoretisch ein guter Werfer und hat gute Game-Awareness, aber trotzdem nur 57% completion-Rate am College und wenig Erfahrung mit Snaps direkt unterm Center.

Kommt ihm die Entwicklung Richtung Shotgun-Offenses in der NFL entgegen? Oder wird man ihn in den nächsten Wochen zum Wide-Receiver Prospect zerreden? Wenn man sich eine Allen-vs-Jackson Debatte anschaut, wundert man sich auf jeden Fall jetzt schon, dass Lamar und Allen in derselben Sphäre gerankt werden.

Die anderen Positionen

Quarterback gilt als große Stärke des Drafts. Dahinter sieht man weithin exzellente Runningback– und Cornerback-Klassen, während man in Sachen Offensive Line nur die Guards als qualitativ und quantitativ stark besetzt sieht. Auf Wide Receiver geht der Klasse der große, klare „Star-WR“ ab, aber es sollte einen ganzen Haufen „1B-Talente“ geben, die zwischen Ende Runde 1 und Ende Runde 3 vom Tablett gehen.

Wo Receiver und Cornerbacks als eher gute Positionen gelten, sieht man in Tight End und Safety die Schwächen der Klasse. Tendenziell mittelmäßig sollen Defensive Line und Linebacker besetzt sein.

Also Acht geben auf die Runningbacks. Saquon Barkley von Penn State gilt als der Superstar der Klasse. Er wird aktuell nach oben gehypt wie zuletzt noch nichtmal Gurley oder Fournette. Er ist aber auch ein vielseitigerer Spielertyp als ein Fournette: Barkley ist ein exzellenter Ballfänger und als Ballträger so wendig, dass er vielen Tackles aussteigen wird. Der Hype um Barkley geht soweit, dass einige Offizielle von einer Top-5 Einberufung ausgehen.

Weitere hohe Picks auf RB: Fournettes früherer Backup bei LSU, Derrius Guice, der explosive, „schwebende“ Ronald Jones von USC, Royce Freeman aus Oregon, Georgias Double-Header Sony Michel/Nick Chubb oder Auburns Kerryon Johnson. Gespannt sein darf man auf Mark Walton von den Miami Hurricanes: Walton hatte zuletzt schwere Verletzung, aber Spielertypen von seinem Profil haben in der NFL häufig eingeschlagen.

Weitere Prospects, die aktuell als Jahrhunderttalente durch den Äther gejagt werden:

  • OG Quenton Nelson von Notre Dame, der alle Gegenspieler aus dem Weg räumt
  • DB Minkah Fitzpatrick von Alabama, ebenso vielseitiger Passverteidiger wie Interception-Jäger
  • DE Bradley Chubb von NC State, Sack-Maschine am College

Bei Nelson wird der Case-Study wie hoch der Wert von Guards im Jahr 2018 ist. 2013 gingen zwei Guards in den Top-10 (Jon Cooper und Chance Warmack), beide floppten, und seither geschah die Rückkehr zu altem Glauben: Nur Offensive Tackles sind die ganz hohen Picks wert, Center und Guard gibt es nur ab zweite Hälfte der 1ten Runde.

Fitzpatrick kämpft gegen das Stigma der Alabama-DBs, die in den letzten Jahren regelmäßig in der NFL eher enttäuschten. Chubb ist bei aller Produktivität ein optisch eher unterwältigender Passrusher – gilt aber als sehr kompletter Spieler.


Ein interessanter Defensive Back ist Denzel Ward von Ohio State. Ward galt als Superspieler, ist mit aktuell bekannten 5’10 aber etwas klein – sollte sich dieses Maß in der Combine bestätigen, riskiert Ward, durch die 1te Runde durchgereicht zu werden.

Wichtige Spieler beim Medizincheck sind LB Shaun Dion Hamilton von Alabama (Knieverletzung 2016, dann erneut Knieverletzung in der Sugar Bowl 2018) sowie die beiden FSU-Verteidiger DE Joshua Sweat (mehrere Knieverletzungen an der Highschool, Meniskusverletzung 2016) und FS Derwin James, der nach seiner Meniskusverletzung in der letzten Saison deutlich weniger explosiv aussah als gewohnt.

Die spannenden Teams

Hier die Spieler, dort die Mannschaften. Wo Kansas City und Houston ohne 1st-Round Picks wohl eher geruhsame Draftwochen erleben, haben drei Mannschaften mehr Munition als alle anderen – und werden entsprechend besonders aufmerksam zuschauen.

Es sollte sich herumgesprochen haben, dass die Cleveland Browns mit einer sensationellen Latte an Picks in den Draft gehen: Als Beispiel in der 1ten Runde #1 und #4 (von den Texans), danach drei 2nd Rounder (#33, #35 und #64) und einen 3rd Rounder (#65) – sechs Picks in den ersten 65 Versuchen. Sechs Toptalente, die von Hue Jackson in Grund und Boden gecoacht werden können.

Das einzige andere Team mit zwei 1st Roundern 2018: Buffalo, das #21 und #22 hält. Die Bills haben dazu noch zwei 2nd Rounder. Die Jets halten neben ihrem #6 overall Pick noch zwei 2nd Rounder.

Parallel dazu: Der Transfermarkt

Der Transfermarkt ist noch relativ ruhig, bis auf die Quarterback- und Cornerback-Positionen. Auf QB wurde schon im Jänner bekannt, dass Washington für Chiefs-QB Alex Smith tradet und somit Kirk Cousins ziehen lässt. Die Chiefs gehen damit in den Rebuild-Modus, starten 2018 mit QB Patrick Mahomes. In dem Zug ließen sie letztens auch gleich CB Marcus Peters gen Rams ziehen. Die Chiefs kassieren für ihren Problem-CB zwei Draftpicks: 4th Round 2018 und 2nd Roun 2019. Peters-Ersatz wird CB Kendall Fuller sein, der im Zuge des Smith-Trades von den Redskins kommt. Bei den Rams dürfte damit CB Trumaine Johnson auf den Markt gespült werden.

Alles geht davon aus, dass Drew Brees in New Orleans verlängern wird. Top-QB am Markt ist damit Cousins. Letztens sollen die bereits sehr komplett besetzten Vikings an Cousins dran gewesen sein – Minnesota hat momentan gleich drei Free Agents auf QB: Bradford (könnte nach Arizona wechseln), Bridgewater und Keenum.

Jacksonville ist aus dem QB-Rennen, nachdem man mit QB Bortles für 3 Jahre und 26.5 Mio guaranteed verlängert hat. Verlängerung und 26.5 Mio – WTF?

Den Deal muss man unter folgender Prämisse betrachten: Bortles war vor kurzem an der Hand operiert worden. Die 5th-Year Option ist für den Fall einer Verletzung „guaranteed“ – ergo wäre die Option Mitte März mit hoher Wahrscheinlichkeit sowieso garantiertes Gehalt geworden. Insofern befanden sich die Jaguars in der unguten Situation, 2018 mit einem QB Bortles mit 19 Mio Cap-Space zu bestreiten. Mit der Vertragsverlängerung hat man Bortles Cap-Hit für 2018 nahezu halbiert und sein Fixgehalt auf drei Jahre verteilt.

Best Case für Jacksonville damit: Bortles entwickelt sich zu einem halbwegs brauchbaren QB und Jacksonville kann den gewonnenen Cap-Space nutzen um weitere Lücken im Kader zu schließen. Worst Case: Bortles floppt, und Jacksonville hat anstelle von 19 Mio nun 26,5 Mio Dead-Money angeschrieben.

So oder so: Der Bock wurde bereits letztes Jahr geschossen, als man Bortles ohne Not die 5th-Year Option und damit alle Verhandlungsmacht gab.

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6 Kommentare zu “Vor der NFL-Combine 2018

  1. Für wie wahrscheinlich hälst du nen Eli Manning Trade? Ich seh die Giants nicht in der Lage in den nächsten 2 Jahren zum SB-Kanidaten zu werden, zusätzliche Picks könnten den Neuaufbau beschleunigen. Nachteil wäre das der 1st Rounder direkt den vollen Druck der Öffentlichkeit ausgesetzt wird der in New York mit Sicherheit nicht klein ist. Ich würde an deren Stelle Eli vermutlich noch ein Jahr halten um den Druck vom Neuen ein wenig fernzuhalten und die O-Line zu stärken

  2. Lamar Jackson ist kaum zu vergleichen mit Michael Vick, Vick war zur damaliger zeit der schnellste QB den die NFL je hatte.
    Wer weis was aus diesem super QB geworden wäre wenn er ein guten Coach hätte. Hab mir paar spiele von jackson angesehen und sehe ihn nicht als Nachfolger von vick. Es ist doch so das heutzutage die schwarzen mobile QB die in die NFL kommen schnell zum Wide-Receiver gemacht werden weil die Befürchtung ist das sie keine gute passer sind und nur aus Laufspiel zu setzen für viele Teams ein Risiko ist.

  3. Vielleicht versuchen die Jags einen jungen QB zu draften um ihn hinter Bortles aufzubauen. Wäre jedenfalls das einzige, was für mich Sinn machen würde. Denke, mehr als ihn „eng“ zu coachen, ist nicht mehr drin.

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