NFL-Draft 2018 für den Gelegenheitszuschauer

Nächste Woche, Donnerstag 26.04. bis Samstag 28.04. findet der NFL Draft 2018 statt. Austragungsort ist in diesem Jahr das Dallas Cowboys Stadion in Arlington/TX. Beginn der Übertragungen ist um 2h nachts von Donnerstag auf Freitag mit der 1ten Runde.

Worin liegt die Faszination Draft?

Der Traum von einer besseren Zukunft. Der letzte Snap liegt Monate zurück, der nächste Monate in der Zukunft – jetzt ist die Zeit des Träumens: Findet mein Loser-Team nach Zillionen Fehlschlägen diesmal den erhofften Messias?

Die Auseinandersetzung mit dem Einzelnen: NFL-Saison ist Teamsport. Draft ist Fokus auf dem einzelnen Spieler.

Die Aufbereitung. Der Draft ist der Beweis, dass man aus banalem Zettelvorlesen von Namen eine dreitägige Unterhaltungsshow aufziehen kann, mit wochenlangem Aufwärmprogramm und schamloser Meinungsmache.

Wo liegen die starken Positionen im Draft?

2018 gilt als Jahr des Quarterbacks mit bis zu fünf oder sechs möglichen 1st-Round Picks. Großartig besetzt sind auch Linebacker und Guard, sowie in Spitze und Tiefe die lange Jahre verwaiste Position der Runningbacks.

Und die schwachen?

Offensive Tackle. Trotz ligaweit blanker Not werden nur maximal zwei oder drei 1st Rounder vom Tablett gehen. Darüber hinaus gelten Safety in der Breite und Tight End in Spitze und Breite als eher schwach besetzt.

Irgendwelche Geschichten für den Kaffeeklatsch?

QB Josh Rosen – Top-Quarterback und Lautsprecher, ein Typ, der sich s’Maul nicht verbieten lässt und deswegen die meiste Aufmerksamkeit auf sich zieht.

DE Shaquill Griffin – der erste Prospect, der versucht mit einer Armprothese eine Profikarriere zu spielen.

QB Baker Mayfield – der Ungehobelte. Amtierender Heisman-Trophy Gewinner, der keine bizarren Momente scheut-.

QB Lamar Jackson – Der neue Michael Vick. Spektakulärstes Prospect 2018 und Heisman-Trophy Gewinner 2016.

Die Edmunds-Brüder – Linebacker Tremaine und Safety Terrell Edmunds gehen als Brüder in den NFL Draft und wollen ihrem Bruder Trey (Saints) folgen. Sie alle sind Söhne von Ferrell Edmunds, der Anfang der 1900er ebenso in der NFL spielte. Tremaine gilt als möglicher Top-10 Pick.

Equanimeous St. Brown – Prospect mit deutscher Mutter, die in den 80ern in die USA auswanderte und einen Bodybuilder heiratete. Die Familie ist offensichtlich Fan des Alten Ägyptens: Equanimeous‘ zweiter Name ist der des Pharao Imhotep, die Brüder heißen Osiris und Amon-Ra.

Hayden Hurst – vor Jahren in die Baseball-Liga MLB gedraftet, nun doch wieder zurück auf dem Football-Trip, möchte es als Tight End in die NFL schaffen.

Chad Thomas – Defensive End und Musikproduzent, der angeblich neun Instrumente spielen kann und mit großen Labels aufgenommen hat, u.a. mit Rick Ross.

Michael Joseph – von der Division III in die NFL: Ein schwieriges Unterfangen, das nur wenige schaffen. Joseph gilt als möglicher Draftpick, nachdem er nicht ein einziges Stipendium nach seiner Highschool-Zeit bekommen hatte.

Was sind die versteckten Geheimnisse im Draft?

Passspiel > Laufspiel. Dieses Wissen allein mag heutzutage nicht mehr so Aufsehen erregend sein wie beispielsweise noch 2011, als ich zum ersten Mal bloggend den Draft begleitete. Trotzdem gibt es auf diesem Gebiet noch eine Markt-Ineffizienz auszuschlachten: Untersetzte, aber extrem schnelle Linebacker wie Deion Jones gehen noch immer zu niedrig, weil sie gegen das Laufspiel als zu leicht empfunden werden.

Dabei hat Passspiel im Vergleich zum Laufspiel einen immer größer werdenden Wettbewerbsvorteil, der mit den neuen Regelauslegungen im Tackling und beim Ballfangen (Catch-Regelung v.2018) nur noch größer werden wird.

Trend gen Spielfeldmitte. Passspiel wird dominanter, und wenn es im Passspiel für sich eine Ineffizienz auszuschlachten gilt, ist es die Spielfeldmitte, die verglichen mit der Häufigkeit der Plays, die dorthin designt werden, zu wenig attackiert wird. Schlaue Teams werden nach Talenten Ausschau halten, die man verstärkt über die Mitte einsetzen kann – und können diese für billigere Kohle bekommen, solange man der Konkurrenz einen Schritt voraus ist.

Ein weiterer Trend wird Pass Rusher betreffen: Durch das immer quicker werdende Passspiel mit Würfen innerhalb der ersten 2 Sekunden nach Snap wird der erste Antritt der Passrusher noch bedeutender als früher. Wer nicht sofort im gegnerischen Backfield für Tumult sorgt, kommt zu spät und verliert massiv an Wert. Dafür dürften Outside Linebacker mit besseren Coverage-Skills an Wert gewinnen.

Was ist bereits im Vorfeld passiert?

Einiges. Bills, Browns und Jets waren hyperaktiv in ihren Versuchen, die Zukunft aktiv mitzugestalten.

Die „Sashi Browns“ hatten ein Gazillion an Draftpicks gehortet um dieses Jahr auf Großangriff zu gehen. Zu Beginn der Offseason jedoch verkaufte das neue Regime um GM Dorsey im Wesentlichen einen 3rd Rounder (für QB Tyrod Taylor) und 4th Rounder (für WR Jarvis Landry). Dennoch bleiben den Browns folgende Picks erhalten: #1, #4, #33, #35 und #64. Fünf Picks in den ersten beiden Runden. Zuletzt hatten die Washington Redskins 2000 gleich zwei Top-5 Picks im selben Draft.

Die Bills sind ein weiteres Team, das seit über einem Jahr auf den Großangriff 2018 hinarbeitete. Nach etlichen Trades hält Buffalo mit den 1st Roundern an #12 und #22 sowie 3nd Roundern #53, #56 und 3rd Roundern #65 und #96 ausreichend Munition um am Draft-Wochenende noch einen Großangriff auf die Quarterback-Position zu machen und 20 Jahre nach dem Abgang von Jim Kelly wieder einen Franchise-QB zu holen.

Den haben die Jets schon hinter sich: Sie haben vor einigen Wochen ihren 1st Rounder (#6) und gleich drei (!) 2nd Rounder (#37, #49 und 2019) an die Colts verscherbelt um sich das Draft-Recht an #3 zu sichern und relativ sicher einen der Top-QB Prospects zu bekommen.

Ebenso mit zwei 1st Roundern für einen eventuellen Großangriff ausgestattet: Die New England Patriots mit #31 und den von den Rams erstandenen 1st Rounder an #23.

Was wir noch passieren?

Vermutlich vieles. 2018 ist eine der interessantesten Draft-Klassen – und sie kommt just zu einer Zeit, in der man sich nicht mehr sicher ist, ob der Draft der richtige Weg ist um ein Team schnell und effizient zu bauen. Teams haben Studien gemacht und herausgefunden, dass man im alten CBA (vor 2011) gleich dreimal so viel Trainingslager durchführen konnte um junge Spieler zu entwickeln als heute. Anders: Was du früher einem Jungprofi in einem Jahr beibringen konntest, dauert nun drei Jahre.

Dazu kommt die Jammerei ob vieler immer weniger für die NFL-Spielsysteme ausgebildeten jungen Spieler. Auf der anderen Seite: Nie waren Rookies so billig, und seit Seahawks, Eagles oder Rams die NFL mit billigen, weil jungen, und trotzdem guten Quarterbacks überrollten, setzt in der NFL die Denkensweise ein, dass ein brauchbarer Quarterback unter Rookievertrag der beste Weg für schnellen Erfolg ist.

Zumindest Eagles und Rams agierten in dieser Offseason nach diesem Prinzip. Nicht klar ist, was die Patriots machen. Aber sicher ist, dass es mit rund fünf 1st-Round würdigen Quarterbacks eine der besten QB-Klassen der letzten 20 Jahre ist – und nächstes Jahr wird voraussichtlich QB-Ebbe herrschen.

Der Draft bringt zu schleifende Rohdiamanten. Wenig Zeit um diese Spieler zu entwickeln. Dafür eine starke Quarterback-Klasse: Ein guter Mix für ein aufregendes Draft-Wochenende.

Traue keiner Information, die du nicht selbst verdreht hast?

April ist die Blütezeit der Täuschung und Tarnung – jene Gerüchteküche, die im NFL-Jargon „unnamed sources“ getauft wurde. Keine Story ist absurd genug um nicht erzählt zu werden.

In der Essenz war über die Prospects das Entscheidende schon bis Ende März erzählt. April ist die Zeit, in der sich Teams und Medien immer fester in das Sezieren der Schwachstellen versteifen und riskieren, den Blick für das Wesentliche zu verlieren.

Dazu gesellen sich eine Unzahl an Scouts und Halbwissenden, die gezielt Fehlinformationen streuen um für Verunsicherung zu sorgen, im Versuch Trade-Werte zu steigern oder zu senken.

Aktuell heißestes Gerücht ist das ultimative „Cleveland Browning“: Der riskante QB Josh Allen an #1 zu der Franchise, die wie keine andere QB-Talente in den Abgrund jagt. Was dran ist? Abwarten und Tee trinken.

Welche sind die besten Quellen?

Greg Cosell in Podcasts, Mike Tanier auf Bleacher Report oder Matt Waldman im Rookie-Scouting Portfolio. Dazu der Ringer mit seiner Berichterstattung, Pro Football Focus als unerschöpfliche Datenquelle – und in deutschen Gefilden der mittlerweile unerreichte Christian Schimmel, der gemeinsam mit dem Kollegen Maschemist auf Der-Draft.de eine unfassbar aufwändige Podcasting-Arbeit leistet.

Was bedeutet Draftnerding für mich?

Eher wenig. Ich habe nie „gescoutet“. Ich habe mir in den besten Jahren, in denen ich Zeit und Muße dafür fand, meine Notizen zu den wichtigsten Prospects gemacht. Aber mehr nie. Alles, was es auf diesem Blog jemals zum Draft zu lesen gab, war eine Summary der wesentlichen mir zur Verfügung stehenden Quellen, gepaart mit meinen Erfahrungen die ich mit der NFL über die Jahre gemacht habe.

Einen meiner Lieblings-Einträge auf diesem Blog – Die Quarterbacks von 2013 – kannst du heute zerkrümeln und den Fischen zum Fraß verstreuen, denn kein Prospect hatte ansatzweise nennenswerten positiven Impact auf die NFL.

Die Rechnung ist banal. Aber: Im Draft-Umfeld geistern zwischen 200 und 400 Namen durch die Lande. Die NFL hat rund 1700 Spieler gleichzeitig unter Vertrag. Wie viele davon sind besser als Durchschnitt? Rund 800. Teil diese auf durch ca. 5-8 Jahrgänge, und du kommst auf rund 100-120 brauchbare Spieler. Von denen du dich auf 50% nie mehr erinnern wirst, weil sie als Reserve-Offense Liner in Arizona versauern. Die NFL hat vielleicht 100 richtige Stars. Vielleicht 15 von ihnen werden in diesem Draft gezogen.

Sich dafür über Wochen auseinanderzusetzen, bedeutet auch, sich mit vielen Dingen zu befassen, die keine Auswirkung haben werden. Für mich unvorstellbar – das Big Picture reicht mir in Sachen Draft meist aus. Aber ich kann entfernt die Faszination von Draftniking greifen und verstehen, wieso man sich auf Wochen hinter Tapes vergräbt.

Was wäre mein Traum-Draft 2018?

Josh Rosen und Baker Mayfield nach New York.

Lamar Jackson zu den Patriots.

Quenton Nelson zu den Colts.

Roquan Smith zu den Lions.

Und Derwin James in den Top 10.

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3 Kommentare zu “NFL-Draft 2018 für den Gelegenheitszuschauer

  1. Sehr schöne Zusammenfassung.
    Macht immer wieder Spaß zu lesen!
    Kleiner Fehler: „.. der Anfang der 1900er ebenso in der NFL spielte.“

  2. Lamar Jackson zu den Patriots wäre der absolute Wahnsinn. 1 Jahr einlernen hinter Brady (und vllt seine angeblich unsaubere Werftechnik verbessern) und in den letzten 2-3 Saisonspielen vllt 2-3 Drives spielen lassen. Dann Brady mit 42 Jahren in Rente schicken und Jackson ans Ruder lassen. Das wäre ein Traumszenario für mich.

  3. Pingback: Vor dem NFL-Draft 2018 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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