Offensive Line im NFL-Draft 2018

Offensive Line ist die für Laien am schwersten zu verstehende Position im American Football: Es gibt kaum geeignete Statistiken für die Messung der Performance – und die wenigen verfügbaren machen es nahezu unmöglich, aus dem Quintett der Offense Line (2 Tackles, 2 Guards, Center) einen Einzelnen herauszupicken.

So ist es auch relativ schwierig, einen einzelnen Prospect sauber zu scouten. Zu viel hängt am Spielsystem, zu viel hängt an der Qualität der jeweiligen Nebenmänner. Außerdem ist Offense Line je nach Spielsituation eine verteidigende (Passspiel) oder auch angreifende (Laufspiel) Position.

Offensive Tackle

Offensive Tackle gilt als Position, auf der seit Jahren die Qualität der Prospects leidet, was man daran festmacht, dass viele College-Offenses auf Spread umgestellt haben – eine Aufstellung, die relativ wenig Wert auf NFL-notwendige Fertigkeiten legt. Folge: Viele Prospects kommen mit unausgegorener Technik in die NFL.

Einige Colleges, wie Notre Dame, spielen jedoch weiterhin traditionelle Blockings, und so ist es wohl auch kein Zufall, dass nicht nur einer der besten Guards (Quenton Nelson, wir kommen gleich zu ihm), sondern auch einer der besten Tackles von diesem College kommt: Mike McGlinchey. McGlinchey ist mit 6’8 ein Hüne und seine Technik ist vermutlich die ausgefeilteste im Draft, aber Problem: Er ist nicht athletisch genug um die allerbesten Edge-Rusher im 1-vs-1 verlässlich zu kontrollieren – und er ist nicht beweglich genug um im Laufblocking konstant seine Balance zu halten.

Connor Williams von Texas gilt als insgesamt besserer Athlet, aber mit seinen erst 20 Jahren schlampiger in der Technik und versehen mit Verletzungsfragezeichen. Williams ist kleiner als McGlinchey und  seine Arme haben für einen Tackle eher geringe Spannweite, weswegen ihn einige nur als Guard sehen. „Von Tackle zu Guard“ gilt in NFL-Kreisen als Downgrade – Folge: Williams‘ Wert könnte leiden.

Der mächtigste Tackle nach Körperbau ist Oklahomas Orlando Brown jr., Sohn des gleichnamigen ehemaligen NFL-Profis, der traurige Berühmtheit erlangte, als er durch einen Flaggenwurf eines Refs auf einem Auge erblindete, ehe er vor 10 Jahren starb. Brown jr. ist nun nächste Generation, und man sieht an seinen Körpermaßen, dass er NFL-Gene in sich trägt: 6’8, 345 Pfund. Viel imposanter geht nicht.

Doch ein Goliathesker Körperbau ist nicht immer nur von Vorteil – im Falle Browns fragt man sich, ob nicht seine Beweglichkeit unter all dem Gewicht leidet. Vor allem in horizontaler Achse soll Brown zu steif sein um ihn qualitativ in eine Klasse mit vergangenen Top-Tackles wie Tyron Smith zu setzen.

Brown galt monatelang als möglicher 1st Rounder, doch seine Workouts und seine Combine waren so schlecht, dass er in den letzten Wochen durch das Board gereicht zu werden schien. Einige sehen ihn nur noch als Late-Rounder – zu viel Angst hat die NFL heute vor diesen unbeweglichen Bolzen, unter denen Passrusher durchtauchen und den Quarterback plätten können.

Dafür haben sich Leute wie Kolton Miller von UCLA, Brian O’Neill von Pitt oder Jamarco Jones von Ohio State nach oben gearbeitet und gelten als mögliche Optionen ab Runde 2. Chancen auf die 1te Runde haben dem Vernehmen nach in dieser eher schwachen Tackle-Klasse aber nur Williams und McGlinchey.

Offensive Guard

Im Gegensatz zu den Flankenmännern auf Tackle gibt es eine Position weiter innen in diesem Jahr große Auswahl. Der beste Guard ist der bereits angesprochene Quenton Nelson von Notre Dame, bei dem einige glauben, dass er in den Top-Ten vom Tablett gehen wird, vielleicht zu den Indianapolis Colts, die ihren Franchise-QB Andrew Luck schützen müssen.

Nelson hat nicht nur den idealen Körperbau für einen Guard, sondern auch die Technik und Athletik um sowohl im Run Blocking als auch im Pass-Blocking mit den quicksten Defensive Tackles mitzuhalten. Nelson wird von vielen Scouts bereits jetzt in einer Stufe mit Steve Hutchinson gesehen – dem Guard, der einst den NFL-Transfermarkt revolutionierte. Und: Nelson hat vor eineinhalb Jahren sogar ausgiebig Erfahrung auf Left Tackle gesammelt. Er ist also flexibel.

Nun möchte man meinen, dass der Hype um Nelson vor allem der Gier nach Schlagzeilen geschuldet ist. Mag sein. Aber Punkt ist auch: Schlagzeilen machst du eher mit fetten Ankündigungen auf glamouröseren Positionen als Guard – und an Storys mangelt es dieses Jahr auf Skill Player definitiv nicht. Gut möglich also, dass Nelson tatsächlich mal einer dieser Guard-Prospects ist, für die sich ein ganz hoher Pick lohnt.

Hinter Nelson gibt es mit Georgias Isaiah Wynn und UTEPs Will Hernandez weitere mögliche 1st Rounder. Wynn war am College Tackle, aber mit 6’2 und eher kurzen Armen ist er wohl ein besserer Fit für NFL-Guard. Vorteil Wynn: Er gilt auch als erstklassiger Pass-Blocker, obwohl seine College-Offense vor allem Laufspiel durchpresste.

Hernandez ist im Vergleich zu Wynn und Nelson athletisch limitiert, aber eine gute Option für eine lauflastige Power-Offense, die ihre Gegner überlaufen möchte.

Center

Center ist die am schlechtesten bezahlte Position in der Offensive Line, obwohl immer wieder der Wert einer funktionierenden QB-Center Paarung betont wird und der Center die wesentlichen Protection-Calls macht. Auch im Draft gehen zuerst die Tackles, dann die Guards und meist erst danach die Center. Die Pouncey-Brüder in Pittsburgh & Miami, Frederick von Dallas oder Jones von Indianapolis sind die einzigen nennenswerten 1st Rounder der letzten Jahre.

In diesem Jahr kriegt am ehesten Billy Price von Ohio State Bewertungen für die hohen Runde. Price hat ein gutes Verkaufsargument: Er war Teamkollege von Pat Eflein, der letztes Jahr von den Vikings gedraftet wurde und dort voll eingeschlagen hat – und Price galt im direkten Vergleich als deutlich bessere Nummer als Eflein.

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3 Kommentare zu “Offensive Line im NFL-Draft 2018

  1. Bei dem ganzen rumgeweine über die in Spreadsystemen ausgebildeten Spieler frag ich mich ja immer wie viel davon nur am konservatismus und anpassungsunfähigkeit der Coaches liegt. Stümper wie Jeff Fisher wirds auf allen Ebenen geben.

    Bei Mike McGlinchey bin ich ein bisschen skeptisch, denn der seine ganze college Karriere and er seite von Qenten Nelson verbrachte hatte damit einer ganzen Latte weniger Probleme als alle anderen Prospects. Jedes

  2. Ich kann eine gewisse Skepsis bei McGlinchey nachvollziehen, weil er ein durchgängig solider, aber (vom run blocking bis ins 2nd level abgesehen) kein herausragender Prospect ist. Zudem seltsame Diskrepanz zwischen Körperbau und Spielweise. Allerdings hat er nicht immer neben Nelson gespielt, sondern zunächst RT (als Ronnie Stanley die LT-Position bei der Irish bemannte). Dort sah er nach Ansichten vieler Analysten auch besser aus.

  3. Pingback: Vor dem NFL-Draft 2018 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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