Tennessee Titans in der Sezierstunde

Die Tennessee Titans sind eine der interessanten Mannschaften im Jahr 2018: Sie feuerten trotz überraschender Playoff-Qualifikation nebst noch überraschenderem Playoffsieg ihren Head Coach und zogen danach in der Personalpolitik konsequent eine Linie durch.


Ich hatte es oft betont: Kein Headcoach diesseits von Clevelands Hue Jackson schrie derart nach „Entlasse! Entlasse!“ wie Mike Mularkey in Tennessee. Das lag nicht unbedingt an den sportlichen Ergebnissen: Eine 9-7 Bilanz mit Playoff-Qualifikation ist kein Weltuntergang. Wohl aber war die Art und Weise ein Weltuntergang: Denn Tennessee spielte unter Mularkey eine grausame, inspirationslose Offense, in der der 2015 mit Pauken und Trompeten gedraftete Franchise-QB Marcus Mariota sich komplett in die falsche Richtung entwickelte.

Mariota war 2015 mit nur 6.4 NY/A bei 13 TD und 15 INT eine herbe Enttäuschung, weil eine abstrus schlechte Stat-Line für einen Quarterback von Mariotas Format. Schlimmer noch: Mariota wusste oft selbst nicht, wie ihm geschah. Er hatte keine Idee, was er am Feld zu machen hatte. Die Nicht-Entwicklung des Gesichts der Franchise bewog schließlich Titans-GM Jon Robinson, Mularkey trotz Erreichen der sportlichen Ziele und trotz des sensationellen Wildcard-Siegs in Kansas City zu entlassen.

Nachfolger wurde Houstons DefCoord Mike Vrabel, ein Neuling. Ich schrieb bereits über Vrabel und was ihn zum Chefcoach qualifiziert bzw. wo die Risiken mit dem einstigen Patriots-Linebacker liegen. Vrabels wichtigster Move war die Bestellung von Matt LaFleur zum Offensive Coordinator. LaFleur ist einer der bekanntesten jungen Offensivgeister in der NFL. Er war 2017 der OffCoord der Rams, nachdem er zuvor in Atlanta die Quarterbacks gecoacht hatte…

Huch? Von OffCoord in Los Angeles zum OffCoord in Nashville? Die Erklärung ist einfach: LaFleur hat in Tennessee die volle Kontrolle über Gameplanning und Play-Calling in der Offense – das, was der Shanahan-Schüler in Los Angeles unter Sean McVay nicht gehabt hätte.

Wie viel Vertrauen Robinson & Vrabel in LaFleur setzen, ist an den Roster-Moves der Offseason abzulesen: Tennessee holte in RB Dion Lewis (aus New England) genau einen Neuling in der Offense dazu, während man in Free Agency und Draft (mit zwei Trades nach oben!) eigentlich nur Abwehrspieler verpflichtete. Die Ansage ist klar: „Wir sind überzeugt, dass unsere Einkäufe der letzten Jahre im Angriff locker ausreichen um mit qualifiziertem Coaching eine Top-Offense auf das Feld zu schicken“. Anders: Mularkey war die Vollniete.

Die Offense Line blieb unangetastet und ist flankiert von LT Lewan und RT Conklin eine der besten, was Run-Blocking angeht. Dahinter soll Mariota einen modernen Angriff führen und womöglich auch mehr Laufen als in Vergangenheit. Auf Wide Receiver vertraut man darauf, dass sich die jungen Corey Davis (1st Rounder 2017) und Tayqwan Taylor (3rd Rounder 2017) entwickeln bzw. Davis nach vielen Fußverletzungsproblemen endlich gesundet. Auf Tight End hat man in Walker eine dynamische Waffe.

Im Backfield könnte Lewis die Stammrolle vom einstigen Heisman-Trophy Sieger Derrick Henry übernehmen. Henry ist zu eindimensional, hat nicht genügend Antritt um in der Titans-Offense im Alleingang für Wirbel zu sorgen. Dazu ist der bewegliche Lewis der deutlich bessere Ballfänger und somit eine veritable Waffe auch im Passspiel. LaFleur kennt sowas wie Lewis aus Atlanta (Freeman/Coleman) oder Los Angeles (Gurley). Aber zu beachten: Lewis funktionierte bislang „nur“ in New England. Dort funktionieren viele Backs. Lewis wäre nicht der erste Runningback, der fern von Foxboro plötzlich zum Flop mutiert.


Anyhow – Die Botschaft ist klar. Das neue Scheme ist für den geplanten Offense-Aufschwung verantwortlich, nicht neues Spielermaterial. Mit dieser Prämisse im Kopf fokussierte sich Robinson auf Roster-Moves in der Defense. Auch dort gibt es so nebenbei einen neuen Coordinator – Dean Pees, ehemaliger DefCoord der Patriots und Ravens und ein Vertrauter Vrabels.

Robinson kaufte vom Transfermarkt CB Malcolm Butler ein, in New England in Ungnade gefallen, aber richtig eingesetzt ein famoser Manndecker. „Richtig eingesetzt“ heißt: In Manndeckung gegen kleinere, wendigere Wide Receiver. Butler ist als einer der wenigen Cornerbacks imstande, auch hochkarätige Wide Receiver im Alleingang auszuschalten – solange sie ihn nicht um 1-2 Köpfe überragen. Mit ihm in der Secondary kannst du typischerweise den WR2 des Gegners isolieren und einem 1er-CB Adoree Jackson Safety-Hilfe in der Bearbeitung des WR1 geben – so zumindest die Theorie. Ob Tennessee diese Philosophie verfolgt, bleibt abzuwarten.

Via Free Agency ersetzte Robinson zudem DT Karl Klug und DT Sylvester Williams (entlassen in einem Cap-Move) durch den kleinen, aber beweglichen Nose Tackle Bennie Logan (ex-Eagles und Chiefs) und draftete danach zweimal Defense:

  • LB Rashaan Evans in Runde 1
  • ED Harold Landry in Runde 2

Robinson investierte dabei jeweils für Trade-Ups. Beide Moves machen auf dem Papier Sinn: Der dynamische Evans als Playmaker und „Off-Ball Linebacker“ mit guten Blitz-Qualitäten, Passrusher Landry als Ergänzung und künftiger Ersatz für das richtig starke Passrush-Duo Orakpo/Morgan, die beide auslaufende Verträge im Frühling 2019 haben und langsam in die Jahre kommen (Orakpo wurde 2009 gedraftet, Morgan 2010). Problem an Landry bleibt seine Verletzungsanfälligkeit, die ihn überhaupt erst in Runde 2 noch verfügbar machte. Aber „talent-wise“ galt Landry auf manchen Boards als potenzieller Top-10 Spieler.

Ausblick

Spannendes Team, auf das ich mich sehr freue. Mariota in einem modernen Offense-Scheme mit vorwärtsdenkendem OffCoord – der Wunschtraum für Football-Ästheten! Dazu eine Defense, die schon letztes Jahr nicht schlecht war, aber an einigen Stellen an individuellen Mängeln zu knabbern hatte – jetzt aufgebolstert mit dynamischen Talenten wie Butler, Landry oder Evans.

Die Risiken sind auch klar: LaFleur ist zum ersten Mal in der alleinigen Verantwortung für die gesamte Offense, aus der sich Vrabel gänzlich heraushalten wird. Und Vrabel selbst ist Headcoach-Novize – noch dazu einer mit bloß einem Jahr Coordinator-Erfahrung, als Boss der #31 Defense des Jahres.

Vrabel, Robinson, Pees, Butler, Lewis – sie alle entspringen zudem zu gewissem Grad der Patriots-Clique. Was nicht automatisch positiv oder negativ konnotiert sein muss – aber die Erfolgsrate von Belichick-Jüngern außerhalb von Foxboro ist zumindest fragwürdig. Eine solche Ballung an Patriots-Ladung wie nun in Tennessee gab es vermutlich noch nichtmal in Kansas City (um Pioli / Crennel / Cassel), New York (Mangini), Denver (McDaniels), Atlanta (Dimitroff / Pioli) oder nun Detroit (Quinn / Patricia).

So bleibt das Experiment Tennessee für 2018 und darüber hinaus zu beachten. Auf dem Blatt kann das für die Titans schnell zum Divisionssieg führen, auch wenn die Konkurrenz in Indianapolis, Jacksonville und Houston nicht schläft. Die AFC South hatten wir schon oft als „zurück von den Toten“ proklamiert – meist vorschnell. Aber mit vier potenziell konkurrenzfähigen Teams kann 2018 das Comeback-Jahr sein. Die Titans sind dafür auf alle Fälle ganz ordentlich aufgestellt.

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4 Kommentare zu “Tennessee Titans in der Sezierstunde

  1. Die Titans (und die AFC South) werden für mich nächstes Jahr zu den spannensten Geschichten in der NFL gehören

  2. Die Titans sind eines der wenigen Beispiele in der NFL, wo „The Process“ über „The Results“ gestellt wird, und sie lassen umso mehr fragen, wieso die Browns, wo Process und Resultate nicht stimmen, nicht ebenso einen Coaching-Wechsel vorgenommen haben.

    Ob es reicht, wenn Vrabel nur als Peoples Manager fungiert oder ob er auch fachlich ein guter Coach ist, steht natürlich auf einem anderen Blatt aber die Idee der Titans ist gut, einem modernen OC das Blatt in die Hand zu drücken und schauen ob er wie mit McVay in LA aus dem gegebenen Spielermaterial auch so viel mehr rausholen kann als der Vorgänger.

    Macht Tennessee für mich mit einem Schlag zu einer interessanten Franchise.

  3. Vrabel ist ein super Typ und wird die Spieler sicher schnell hinter sich bringen, dazu hat er mit Pees Rückkehr als DefCoord den Jackpot gezogen.
    Bin auf die neue O gespannt, traue den „Music City-Pats“ aber auf jeden Fall einiges zu. 😉

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