Los Angeles Chargers in der Sezierstunde

Heute der Blick auf die ewig Enttäuschten – die Los Angeles Chargers.

Kaum eine Franchise ist in der NFL derart stigmatisiert als semi-relevante Franchise, die über Jahrzehnte einige der wesentlichen Innovationen („Air Coryell“) hervorgebracht hat, aber trotzdem als Superbowl-lose Mannschaft im Konzert der Großen nicht ernst genommen wird. Kaum eine Mannschaft hat in den 15 Jahren „meiner“ NFL-Zeit derart häufig angeklopft, aber nie etwas abgestaubt.

Die LA Chargers – der FC Arsenal der NFL. Groß, aber nicht ganz groß. 2017 war symptomatisch: Phasenweise super gespielt, aber gegen Gurkentruppen wie Buffalo und Tennessee in einer unterirdischen AFC die Playoffs trotzdem verpasst. Was katastrophal für 2017 war, macht jedoch auch Hoffnung für 2018: Die Chargers waren zwar nur 9-7, aber wir können sie ohne mit der Wimper zu zucken als großen Sleeper für 2018 hinausposaunen. Die Gründe sind einfach:

  • Pythagorean von 10.5 Siegen, d.h. LA hat um 1.5 Siege „underperformt“.
  • Platz 5 in meinem finalen Power-Ranking mit der #6 Offense und #10 Defense.
  • Kaum Abgänge für 2018, dafür Verstärkung der Defense

Headcoach Anthony Lynn hat dem Team keinen „Stempel“ aufgedrückt im Sinne einer markanten Spielweise, da er OffCoord Whisenhunt und DefCoord Gus Bradley recht autonom arbeiten lässt. Aber Los Angeles spielte im ersten Jahr unter Lynn „sauberer“ als in Vergangenheit. Die Eigenfehlerquote wurde gesenkt, der Selbstzerstörungsbutton nur noch selten gedrückt.

Jetzt kommt die schwere Aufgabe: Nicht mehr bloß aufhören, aktiv Spiele zu verlieren. Sondern beginnen, aktiv Spiele zu gewinnen. Den Sack zumachen.

Der Ewige…

TE Antonio Gates wird den Weg nicht mehr mitgehen. Gates, das Epitom eines modernen Tight Ends, muss nach 15 großartigen Jahren den Verein verlassen. Er war einer der prägenden Footballer unserer Zeit: Ein Blocker wie eine Pussy, aber Fanghände vor dem Herrn. Gates war eindimensional, aber seine Doppelspitze mit QB Philip Rivers war Footballästhetik für den Feinschmecker.

Gates wird insofern fehlen. Rein sportlich aber steht Gates‘ Nachfolger schon bereit und kommt von einer famosen Einstandssaison: TE Hunter Henry. Vergleichen wir mal Gates und Henry in der abgelaufenen Saison:

  • Henry: 81/115, 63 1st Downs, 9.2 Y/A, 12 TD, 0 INT, QB-Rate 134.0, SR 64%
  • Gates: 83/145, 51 1st Downs, 6.0 Y/A, 10 TD, 5 INT, QB-Rate 83.2, SR 50%

Und das, obwohl Henry zwei Spiele verletzungsbedingt verpasste. Gates erzielte in der letzten Saison in nur noch 8 Spielen mehr als 50% der Offense-Snaps. Die Wachablöse hat also bereits stattgefunden. Allenfalls als veritable Redzone-Waffe wird er abgehen – aber dafür haben die Chargers letztes Jahr auch den WR-Hünen Mike Williams gedraftet.

Das Positive aus Chargers-Sicht: Gates ist der einzige nennenswerte personelle Verlust der Offense. Der restliche Kader sieht schick aus und verspricht sogar, im Vergleich zu 2017 noch eine Schippe draufzulegen:

  • QB Rivers ist war 37, zeigt aber in den letzten fünf Jahren nicht das geringste Zeichen von Alterserscheinungen. Im Gegensatz: Unter Whisenhunt blühte Rivers wieder auf. 2017 mit 7.4 NY/A bei 28 TD und nur 10 INT einer der besten Quarterbacks.
  • RB Gordon hat sich zu einem Double-Threat entwickelt – ein guter Läufer, aber noch gefährlicher als Receiver, wenn er Mitte oder halbrechts angespielt wird (über 50% Erfolgsquote).
  • WR Keenan Allen ist in fittem Zustand locker ein Top-10 Receiver, und er wird ergänzt durch die WRs Tyrell Williams und Benjamin sowie WR Mike Williams, der in seiner Rookiesaison 2017 verletzungsbedingt nur 23 Anspiele und 11 Catches, keinen davon tief, hatte.
  • TE Henry kennen wir bereits von oben. Sein Backup TE Virgil Green hat Potenzial angedeutet, Gates‘ Zahlen annähernd replizieren zu können.
  • Offensive Line ist mit LT Okung, LG Feeney, C Pouncey (kommt aus Miami), RG Lamp (2nd Rounder 2017) und RT Barksdale für NFL-Verhältnisse mehr als brauchbar besetzt und ist gut aufgestellt um die Monster-Passrusher der AFC West um Mack (Raiders), Miller (Broncos) und Houston (Chiefs) zu kontrollieren.

Machen wir uns nichts vor: Kaum eine Offense ist derart potent aufgestellt: 2017 war sie die #4 nach explosiven Pass-Plays über 15 Yards Raumgewinn. Sie war die #5 nach Yards/Drive mit 35.4yds/Drive, aber nur die #12 nach Punkten/Drive – der Hauptgrund: Nur zwei Mannschaften hatten durchschnittlich schlechtere Starting-Fieldposition als Los Angeles, das im Vergleich zum Leader auf dem Gebiet, Baltimore, fast 6 Yards/Drive Feldpositionsnachteile hatte.

Moves der Offseason

Unter diesen Umständen hatte man sich Bewegungen in den Special-Teams erwartet, die 2017 an #31 gerankt die größte Schwachstelle stellten. In Keith Burns wurde ein neuer Assistenzcoach für die Special-Teams geholt, aber wie positiv das ist, steht in den Sternen: Burns‘ letzte Anstellung war 2013, als er mit der Qualifikation als Mike Shanahans Buddy in Washington als Special-Teams Coordinator angestellt war und die Redskins auf #32 der Liga coachte… Immerhin: Mit Caleb Sturgis wurde ein neuer Kicker geholt. Kein Team hat in den letzten Jahren so viele Spiele durch schlechte Kicker verloren wie Los Angeles. Nicht einmal Tampa mit Aguayo – der nun by the way ebenso bei den Chargers angeheuert hat.


In Free Agency blieb Los Angeles ansonsten relativ untätig – aber dafür nahmen die Bolts im Draft einige große Namen auf wichtigen Defense-Positionen mit:

  • Safety Derwin James an #17 in der 1ten Runde
  • Linebacker/Edge Rusher Uchenna Nwosu an #48 in der 2ten Runde
  • Defensive Tackle Justin Jones an #84 in der 3ten Runde
  • Safety Kyzir White an #119 in der 4ten Runde

Alle vier bringen mindestens Tiefe in eine letztes Jahr bereits überzeugende Defense – James könnte sogar sofort zum Starter werden. Erfüllt er die Erwartungen, spielt er als Freelancer tiefe Patrouille, mit gelegentlichen Einsätzen als Run-Supporter in der Box. Damit passt er ideal in das Konzept von DefCoord Bradley.

Dessen Spielsystem sollte in Jahr 2 und mit verbesserter Kadertiefe eher noch besser als schlechter greifen. Pass Rush ist dank Leuten wie DE Bosa, DE Ingram oder DT Liuget gesettet, auch wenn Letzterer ein Saisonviertel mit Dopingsperre verpassen wird – dafür sollte Rookie Jones bald zum Einsatz kommen. In der Secondary ist bekam CB Hayward nach zwei Pro-Bowls und einer All-Pro Saison eine lange verdiente Vertragsverlängerung – und hinter Hayward ist man mit Verrett (wenn fit!), Williams und King exzellent besetzt.

Fragezeichen ist vermutlich die Run-Defense, 2017 mit 13% aufgegeben Runs über 10 Yards eine echte Problemstelle (u.a. Pleiten gegen Eagles und 2x Chiefs waren darauf zurückzuführen). Der „Clogger“, DT Mebane, wird mit 33 nicht jünger, und die Linebackers um Perryman sind auch nach der Einberufung von Nwosu etwas bescheiden. Pass-Defense ist jedoch wichtiger als Run-Defense – und hier ist Los Angeles fabulös besetzt.

Ausblick

I know – Stigma der Chargers und so, aber wie vermessen ist es, Los Angeles als Superbowl-Kandidat anzupreisen? Sehen wir es mal so: In der AFC West laufen lauter Fragezeichen herum – Chiefs mit neuem QB, Denver mit Keenum und Oakland als one trick pony mit neuem Coach. New England und Pittsburgh sind wohl aktuell an #1 und #2 der AFC zu reihen, aber welche Teams aus der AFC South sind mindestens Chargers-Niveau?

Tennessee mit neuem Head Coach? Houston mit seinem Star-lastigen, aber nicht allzu tiefen Kader? Jacksonville mit Bortles auf QB? Indianapolis, das noch nicht weiß ob Andrew Luck noch einmal einen gescheiten tiefen Ball werfen kann? Alles größere Baustellen als die Chargers, die im anonymen Los Angeles und ohne die ganz „lauten“ Superstars à la Beckham noch nichtmal große mediale Störfeuer zu befürchten haben.

Los Angeles fühlt sich also auf dem Papier wie die #3 der AFC an. Playoffs sollten das Mindestziel ür 2018/19 sein.

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2 Kommentare zu “Los Angeles Chargers in der Sezierstunde

  1. Habe es auch heute früh mit Enttäuschung gelesen. Auch wenn ich kein Chargers Fan bin, wieso immer wieder die Bolts?? Ist ein herber Rückschlag aber immer noch verkraftbar.

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