New York Giants in der Sezierstunde

2017 war kein gutes Jahr bei den New York Giants: Als potenzieller Playoff-Kandidat mit großen Hoffnungen gestartet, gestrandet bei 3-13 inklusive hausinterner Revolte gegen den Chefcoach und Sägespäne am Stuhl des Franchise-QBs – und anschließendes Hausreinemachen im Jänner.

In den nun über 15 Jahren, in denen ich die NFL verfolge, waren die Giants nie ein Chaosladen. Zu hart war die Hand von Headcoach Tom Coughlin stets gewesen, zu besonnen hatten die GMs Accorsi und Reese die Geschicke gelenkt. Doch letztes Jahr entglitt den Protagonisten die Situation: Es hagelte eine knappe Niederlage nach der anderen, Headcoach McAdoo wurde spätestens in der zweiten Saisonhälfte mehr oder minder täglich aus der eigenen Umkleidekabine heraus medial angeschossen und Reese wurde in Woche 13 nach über zehn Jahren am Ruder und zwei Superbowl-Siegen im Gepäck gefeuert.

Als Nachfolger wurde mit GM Dave Gettleman ein harter Hund eingestellt – und Gettleman verpflichtete mit Pat Shurmur einen bekannten Offensiv-Coordinator als neuen Headcoach. Kulturwandel oder „back to the roots“ ist angesagt: Die Spieler sollen wieder Respekt vor den Autoritäten haben.

Der neue GM

Gettleman hat sich in Carolina einen Namen gemacht als knallharter Verhandlungspartner, der die Salary-Cap sanierte, aber es sich auch mit einem Star nach dem anderen verscherzte. In New York war in den ersten vier Monaten aber eher Geberlaune angesagt: Hohe Draftpicks für unbedeutende Positionen, Rekordverträge für Offensive Tackles.

New York erlebt nun also eine neue Seite Gettlemans – die des Dinosauriers in einer Liga, die längst in einem neuen Zeitalter operiert. Gettleman draftete mit dem #2-Pick im Draft den Penn-State RB Saquon Barkley, unbestritten einen der besten Athleten des Jahrgangs – aber eben ein Runningback. Es ist zur Genüge bewiesen, dass es sich in der zeitgenössischen NFL nicht mehr lohnt, massive Ressourcen in einen Back zu investieren.

Und wer die letzten Jahre als Gegenargument anführt:

Gurley 2015 als #10 nach St Louis? 2016, als die Rams keinen Quarterback hatten, machte Gurley 3.3yds/Carry. Ein Jahr später, mit neuem Coach und Entwicklungssprung beim QB, mutierte Gurley zu einem der erfolgreichsten Offensivspieler. Aber wie viel hängt davon am Coach, und wieviel an Gurley?

Elliott 2016 als #4 nach Dallas? Weithin als großer Erfolg gefeiert, doch lass mich das ABER einwerfen und Elliott mit seinen Backups Morris/Smith vergleichen:

Elliott 2017 = 242 Rushes, 4.1 yds/Carry, SR 57%
Backups 2017 =  170 Rushes, 4.6 yds/Carry, SR 54%

Wieviel ist davon den 4th-Quarter Runs zuzuschreiben, bei denen Zekes Effizienz leidet? Ein Blick auf das Dallas-Laufspiel ohne 4th-Quarter Runs:

Elliott 2017 = 173 Rushes, 4.0 yds/Carry, SR 52%
Backups 2017 =  147 Rushes, 4.3 yds/Carry, SR 55%

Fazit: Das Stat-Sheet gibt nicht wieder, dass Elliott auch nur etwas effizienter als seine Backups ist – und bestimmt nicht, dass er wesentlich effizienter ist. Im Gegenteil: Der effizienteste Läufer in Dallas ist QB Dak Prescott (43 Rushes, 7.2 yds/Carry, 72% SR).

Fournette 2017 als #4 nach Jacksonville? Sagen wir so: Fournette verpasste letztes Jahr 3 Spiele. Jacksonville in den drei Spielen? 27-0 Sieg mit 188 Rush-Yards. 23-7 Sieg mit 149 Rush-Yards. 45-7 Sieg mit 138 Rush-Yards. Kann sich jeder selbst ein Bild machen ob oder ob nicht Fournette der wesentliche Sieg-Faktor für Jacksonville war.

Bleibt festzuhalten: Einen Runningback als zentralen Baustein einer NFL-Offense anzusehen, ist im Jahr 2018 nicht mehr zeitgemäß. Es war nebenbei bemerkt auch schon 2008 nicht mehr zeitgemäß. Zu gering ist der Einfluss eines Backs auf den Erfolg seiner Plays. Zu kurz ist auch die Lebensdauer eines Backs im Vergleich zu wichtigeren Positionen wie QB, Offense Line, Defense Line oder Defensive Backfield.

Gettlemans mächtigster Verkaufsargument für seine Strategie: Panthers-RB Stewart, 1st Rounder 2008, der angeblich zehn famose Jahre in der NFL gehabt habe. Eine gewagte Meinung bei einem Runningback, der in den letzten sechs Jahren nur zweimal über 4yds/Carry machte und nicht ein einziges Mal positive EPA (expected points added) zum Erfolg beitrug. Rein zufällig verpflichtete Gettleman dann auch den mittlerweile 31-jährigen Stewart, den er noch aus Carolina kennt, als 3.5 Mio/Jahr teuren Backup für Barkley.

Gettleman ging nach dem Draft sogar noch einen Schritt weiter – nicht bloß verteidigte er vehement seinen Steinzeit-Pick, nope, er verarschte auch noch offen die „Laptop-Nerds“ auf den GM-Sesseln der heutigen NFL, missachtend, dass jüngst ein paar Kilometer weiter südlich ein bekennender Analytics-Guy die Superbowl abgestaubt hat: Howie Roseman, Eagles-GM.

Oder wie schrieb ein Twitterer im Zuge des Drafts: Gettleman wird sich nächsten Jänner in seiner Strategie bestätigt fühlen, wenn Barkley in einem 5-11 Team für 1300 Yards gerannt und Bälle für 400 Yards gefangen hat. Da das Überleben in der NFL nicht von Erfolg und Misserfolg abhängt – weder hinsichtlich der Finanzen bei Ownern noch hinsichtlich Jobsicherheit von Offiziellen – wird es niemandem weh tun, außer der Anhängerschaft von Big-Blue.

Was bleibt?

Die Hoffnung, dass QB Eli Manning auf seine alten Tage (er ist 37) und nach Jahren im unteren NFL-Mittelmaß noch einmal zur Form seiner Blütezeit um 2010-2011 findet und somit die nächsten zwei Jahre ausgeschlachtet werden. Manning ist einer der faszinierenden Quarterbacks unserer Generation: 2004 als Top-Pick in die NFL gekommen, vier Jahre lang als mehr oder weniger abgestempelter Flop durch die Liga getingelt, ehe er sich in den Playoffs 2007/08 in einen Groove spielte und unterstützt von einer epischen Defensivleistung die ungeschlagenen Patriots in Superbowl 42 schlagen konnte.

Manning wiederholte das Kunststück „Titel plus Superbowl-MVP“ vier Jahre später, erneut gegen die Patriots – jedoch diesmal als kompletter QB, der seine Mannschaft auch im Alleingang tragen konnte. Von den sechs Spielzeiten seither waren dann vielleicht noch zwei auf hohem Niveau, 2017 nichts weniger als ein Totalschaden inklusive Benching. Manning gilt trotzdem als sicherer Hall of Famer – und als solchem traut man ihm noch einmal ein Comeback zu.

Er bekommt nun auf seine alten Tage noch einmal alle personelle Unterstützung für ein letztes Halali:

  • Neuer offensivorientierter Head Coach in Shurmur
  • Neuer Runningback in Barkley
  • Neuer Left Tackle in Nate Solder (70 Mio für 5 Jahre, aus New England)
  • Neuer Offense Guard in Will Hernandez (2nd Round Pick)

Dazu die Rückkehr des zuletzt verletzten WR Odell Beckham sowie ein erhoffter Leistungssprung von TE Evan Engram (1st Round Pick 2017) in seinem zweiten Jahr in der NFL. Vor allem das Upgrade vom indisponierten LT Flowers auf Solder sollte der Mannschaft extrem weiterhelfen – die Aufbesserung von „Katastrophe“ auf unteres Pro-Bowl Niveau ist kaum zu unterschätzen.

Was ist, und was sein wird

Auf dem Papier klingt die Geschichte also für 2018 so, als könnte es gut gehen. Aber die Kritik an Gettlemans Vorgehen konzentriert sich auch weniger auf dieses Jahr, sondern mehr auf die Opportunitätskosten mit Blick auf die mittelfristige Zukunft. Runningback an #2 bedeutet auch verpasste Chance auf einen Quarterback – und nachdem zumindest im nächsten Jahr eher unterwältigende QB-Optionen bereitstehen, wetten die Giants hier nun gigantisch auf ihren greisen QB, dessen Leistungskurve steil in die falsche Richtung zeigte.

Sind die Giants wirklich derart im „Win-Now“ Modus, dass die Strategie vertretbar ist?

Der Verkauf von Stamm-DE Pierre-Paul nach Tampa oder das Erstarken der Divisionskonkurrenz (Philadelphia) sowie kompromisslose „Win-Now“-Einkaufstouren quer durch die NFC von Minnesota über New Orleans hin nach Los Angeles deuten eher auf das Gegenteil hin – darauf, dass New York den Umbau hätte starten sollen um in 2-3 Jahren mit dem Auseinanderfliegen der Läden in genannten Orten bereit zu sein auf den nächsten Angriff.

Wie geschrieben: Ich bin kein überaus großer Fan der Taten Gettlemans seit dessen Amtsantritt. Im besten Fall kratzen die Giants an den Wildcard-Plätzen, im schlimmsten Fall wird es 7-9 und die bange Frage in einem Jahr, ob man dann noch ein weiteres Jahr mit Manning verlängern soll oder ob man einer Einjahres-Option wie Bradford 25 Mio in den Arsch schiebt um Gettlemans Philosophie doch noch durch die Hintertür zu rechtfertigen.

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2 Kommentare zu “New York Giants in der Sezierstunde

  1. Kann man aber nicht auch argumentieren, dass die Giants gerade weil jetzt die gesamte NFC hochrüstet, richtig lagen mit ihrer Strategie? Was bringt es, jetzt in einen Future Franchise QB zu investieren wenn dann dessen erste zwei Jahre sowieso verbraucht werden von der dominanten NFC, Stichwort gerade Rookie QB Contracts.

    Giants halten sich so ihr Fenster offen für einen etwaigen Überraschungs Run und wenn es scheitert, hat man in zwei Jahren wieder die Chance auf einen Franchise QB und hat dann eine intakte Mannschaft um den jungen QB herum.

    Will nicht sagen daß ich Gettleman zwingend goutiere, versuche aber zumindest die Denkensweise zu begreifen, denn inhaltlich bin ich schon auch der Meinung dass ein Top 2 Pick nicht für einen RB investiert werden sollte.

  2. Das blöde daran einen Top5 pick in einen RB zu investieren sind nicht nur die opportunitätskosten nicht stattdessen einen Tackle, oder QB bekommen zu haben sondern, dass dir ein ein hoch gepickter RB auch noch kein Geld spart.

    Überhaupt einen Franchisepasser zu haben ist schon das wichtigste, ob man den auf dem rookie contract hat ist nur der Bonus. Es gibt keine Garantie das man in den nächsten 5 ahren nochmal an den #2 Pick kommt.

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