Die Chaos-Agenten im CL-Finale 2018

Ein bisschen Einstimmung auf das heutige Champions-League Finale zwischen dem FC Liverpool und Real Madrid.

Mein Fokus liegt dabei weniger auf Madrid, mit denen ich nicht warm werde. Drei CL-Titel in vier Jahren, und geweckt haben sie bei mir… ein Schulterzucken. Ronaldo ist ein einzigartiger Stürmer, Modric/Kroos sind das beste Mittelfeld-Duo seit der Blütezeit von Xavi/Iniesta (wenn auch auf andere Art und Weise), auch Marcelo ist super-spektakulär – aber ich finde an dieser Mannschaft nichts, mit dem ich mich identifizieren könnte.

Liverpool ist anders. Die Reds haben nicht nur einen meiner All-Timer geliefert, als sie in Istanbul das verhasste Berlusconi-Milan versenkten (Dudek, du Halbgott!), sondern bieten auch drumherum eine gute Geschichte. Der Ballesterer hat vor einigen Monaten ein Porträt über den Club geschrieben, der trotz fünf Meistercup-Siegen und einem 1980er-Ruf wie Donnerhall immer im Schatten des noch größeren, glamouröseren Manchester United gestanden hat – wie die verarmte Stadt Liverpool selbst: Die Rote Republik.

Die 1970er und 1980er Jahre, als der Liverpool FC die beste Mannschaft in England und auf dem Kontinent war, wirken wie ferne Träume. Der Klub ist tief gefallen. Ein Abend in Brüssel, ein Nachmittag in Sheffield und die Umwälzungen im englischen Fußball und der Gesellschaft haben den Verein gezwungen, sich neu zu erfinden. „Der Klub hat sich stark verändert, aber er bedeutet uns noch immer unglaublich viel“, sagt George Sephton. Das Gefühl der Unbesiegbarkeit aus der Vergangenheit ist längst geschwunden, am Tisch der Großklubs der Premier League nimmt Liverpool trotz des Aufschwungs der letzten Jahre einen Platz am Rand ein.

Quelle: Ballesterer

Eine der interessanten Komponenten an der heutigen Partie ist, dass Real Madrid gemessen an der bezahlten Ablösesumme heutige mutmaßlich (zumindest, wenn Bale wie erwartet nicht in der Startelf steht) die billigere Mannschaft (!) der beiden stellt. Trotzdem ist es Liverpool, das in den letzten Jahren verstärkt auf Analytics setzen musste, da es in der ultrareichen Premier League trotz vieler investierter Millionen nicht ganz an die Finanzkraft von Chelsea, City, United oder Arsenal heranreichen kann – dass Superstars wie Torres, Suarez oder Coutinho sich ohne Verabschiedung davon machten, als die Superreichen anklopften, spricht Bände.

Also haben sie Analytics genutzt, wie Five Thirty Eight in einem interessanten Artikel aufzeichnet:

  • Firmino (2014/15), Mane (2015/16) und der famose Mo Salah (2016/17) waren jeweils nicht billig, aber in Zeiten explodierender Marktpreise waren alle drei – vor allem Salah – echte Schnäppchen und zeugen davon, dass Liverpool im Scouting auf Kennzahlen wie Expected Goals gesetzt hat.
  • Klopp hat seinen Vollgas-Fußball in der laufenden Saison zumindest soweit stabilisieren können, dass Liverpool auch gegen bessere Mannschaften variieren kann, auch mal runter vom Pedal gehen kann.

Und sie hatten Losglück: Porto, City und Roma waren einfachere Lose als der bestialische Weg Madrids, das PSG, Juve und Bayern ausschalten musste. Trotzdem ist es ein Finale, in dem recht offensichtlich nicht die zwei aktuell besten Clubmannschaften der Welt stehen.

In lichten Momenten ist Liverpool die aufregendste Mannschaft, die Europas Spitzenfußball seit Jahren gesehen hat. Sie sind die erste Mannschaft seit Juve 1997/98, die mit mehr als drei Halbfinal-Gegentoren das Endspiel erreicht hat – aber das Semifinale gegen Roma war dennoch bezeichnend: 5-0 geführt und doch noch fast ausgeschieden.

Ich bin nicht überzeugt, dass Liverpool das Mittelfeld hat um Madrid in Zaum zu halten. Henderson und vor allem Milner haben deutlich zu wenig Speed um mit Kroos und Modric in Bestform mitzuhalten – wenn sie nicht anderweitig Zugriff auf das Duo bekommen, kann das schnell in einem 0:4 enden.

Liverpools Hoffnung liegt in Madrids Schwäche gegen druckvolles Umschaltspiel. Liverpools größte Stärke ist Klopp-typisches Kreieren von Chaos, das zuletzt City und Rom in Einzelteile zerlegte:

I think Liverpool will adopt a very similar approach in that they will be happy to concede possession in order to press intelligently as a collective and pounce once the aforementioned chaotic moments ensue. Madrid’s overall system is offensive and adventurous which adequately represents a team of their stature, but Liverpool should be licking their lips at such a prospect due to how that style compliments their own. (Quelle: Anfield Index)

Größter Trumpf bleibt aber trotz Ramadan Salah. Es bestehen kaum Zweifel, dass Salah der würdige Weltfußballer des Jahres wäre – aber um die Big Names wie Ronaldo und Messi auszustechen, wird Salah heute einen epischen Abend brauchen. Es wäre ihm zuzutrauen – wie auch der Liverpooler Offense als Gesamtkonstrukt, Madrid auseinanderzulegen. Damit sind die wesentlichen Bausteine für ein offensives Endspiel, eines der furioseren der letzten 20 Jahre, auch schon gelegt.

Als bekennender Fanboy des Kloppschen Fußball wünsche ich mir natürlich einen Liverpooler Sieg – und sei es schon, weil es dann nach den gesichtslosen Madrider Titeln der letzten Jahre mal wieder einen Champion gibt, an den man sich erinnern wird.

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9 Kommentare zu “Die Chaos-Agenten im CL-Finale 2018

  1. Danke für diesen Eintrag. Ich kann mich noch gut an die 80er (und Ende 70er) erinnern, an die famose Atmosphäre in Anfield und anderen englischen Stadien. Nach Heysel wurde alles anders, spätestens nach Hillsborough. Was ich immer faszinierend empfand, war die Leidenschaft mit der englische (britische) Teams in den europäischen Wettbewerben an ihre Aufgaben herangegangen sind. Heute abend weht ein leichter Hauch dieser Jahre durch Kiev, das aktuelle Liverpool spielt mit (fast) solcher Leidenschaft, allerdings sind Mittelfeld und (teilweise) Abwehr zu langsam bzw. anfällig (gerade bei Standards). In diesem Sinne #YNWA

  2. Sergio Ramos ist der Ndamukong Suh des Fußballs. Was man sich an asozialen versteckten Fouls vorstellen kann, das macht er.

  3. Wenn Ramos in einem „kleineren“ Team spielen würde, würde jeder Sagen, dass das legitim ist und er lediglich ein sehr harter Spieler ist. Natürlich ist das häufig an der Grenze zum Unerlaubten und das bringt es mit sich, dass diese Grenze auch einmal überschritten wird, aber er (und auch Casemiro) sind Spieler, die Madrid eben nicht zur reinen Schönspielertruppe verkommen lassen.

    Absicht, seinen Gegner verletzten zu wollen oder dies in Kauf zu nehmen, würde ich ihm aber nicht unterstellen. Eher einen Gedankengang der Marke: „Du gehst hart und mit deinem Körper in den Zweikampf? Dann mache ich das halt auch und wir sehen dann, wie häufig du das noch in diesem Spiel versuchen willst.“

    Liverpool war bis zum Zeitpunkt des Fouls das spielbestimmendere Team, das haben auch die Jungs aus Madrid gemerkt. Bei anderen Mannschaften und Spielern würde man sagen, jetzt müsse man „auch mal dagegenhalten“. Ramos hat das gemacht, wenn auch mit unschönen Folgen für Salah.
    Wenn er ihn aber absichtlich aus dem Spiel nehmen wollen, gäbe es einfachere Fouls als den Arm von Salah, der sich ja auch selbst eingeharkt und den Körperkontakt gesucht hat, nicht mehr loszulassen.

  4. Stimmt, es gibt einfachere Fouls. Einfacher wäre zB ein Ellbogenschlag gegen den Kopf gewesen. Zum Beispiel gegen den Torwart.
    Oder Fuss gegen Kinn, No-look-Ellbogen ins Gesicht weit weg vom Ball, unzählige Schläge ins Gesicht, Umsensen von hinten, auf Gegner treten die auf dem Boden liegen, mit offener Sohle beidbeinig in Spieler wie Messi reingrätschen (mehrfach), eingesprungener Ellbogen mit Ausholen ins Gesicht, …

    Keine Absicht seinen Gegner verletzen zu wollen? Nee is klar. Ich schlage auch regelmäßig Leute mit dem Ellbogen ins Gesicht ohne sie verletzen zu wollen.

    Hat Real gestern verdient gewonnen? Ja, das muss man leider zugeben. Ich würde sogar sagen, dass sie auch ohne die Patzer von Karius gewonnen hätten. Damit habe ich auch kein Problem.

    Ich finde Ramos allerdings grob unsportlich. Was meinst Du, wie Fussball aussieht, wenn sich Jugendspieler ein Beispiel an dem Typ nehmen und in 5 Jahren ALLE so spielen wie Sergio Ramos?

  5. Ich sage nur, dass die Bewertung von Ramos massiv davon abhängt, ob ich Real-Fan bin oder nicht. Erfolgreiche Teams hatten in der Regel immer Spieler, die positiv ausgedrückt körperlich dagegenhalten. Da sind ja zwei Spieler in den Zweikampf gegangen.
    War das ein Foul? Natürlich.
    War das ein Foul, bei dem man sich normalerweise verletzt? Nein.
    Wollte Ramos ein Zeichen setzen? Sicherlich. Vermutlich hätte er sich nichtmal über eine gelbe Karte beschwert.
    Wollte Ramos Salah verletzen? Das weiß nur er selbst, aber im Zweifel für den angeklagten.

    Ich bin weiß Gott kein Real-Sympathisant, in meinen Augen war die Situation aber eher unglücklich als vorsätzlich. Zweikämpfe gehören dazu, die können auch mal robust und an der Grenze zum Erlaubten geführt werden. Wenn man das nicht möchte, muss man ganz dringend die Regeln ändern und Fouls härter bestrafen als durch Freistöße oder gelbe Karten. Fouls gehören dazu, meisten haben die Strafen außerhalb des Strafraums keine Folgen und werden somit in Kauf genommen. Verletzungen können passieren, aber die Absicht, einen Spieler zu verletzen, würde ich bei diesem Foul nicht unterstellen wollen. Jemanden zu Boden zu reißen passiert so häufig in Fußballspielen und bleibt folgenlos, als dass hier die Folgen für Salah absehbar waren. Bezeichnend auch, dass kein Liverpool-Spieler die Aktion in dieser Richtung kommentiert hat.

  6. Ich glaub, wir sind uns schon einig: der Salah-zweikampf war nicht blitzsauber, aber wie Du schon sagst, wenn ich wen verletzen will, gehe ich anders ran.
    Mir ging es eher um die immer wiederkehrenden kleinen Unsportlichkeiten, was mich massiv an Suh erinnert. Der Ellbogenschlag gegen Karius zB: Ramus wie Suh balancieren bewusst an der Grenze des Erlaubten. Das gefällt mir nicht, kann man aber eben auch als Teil des Spiels und der Spielerpersönlichkeit auffassen. Stimmt schon.
    Ich bin mal sehr gespannt, wie sich Suh in LA einfügt. Vielleicht macht er ja diese Saison den Ramos und holt mit/trotz seiner Spielweise einen Ring… 😮

  7. Karius mit Gehirnerschütterungs-Diagnose- wirft noch einmal ein anderes Licht auf die ganze Angelegenheit…

    Irgendwie finde ich es da doch positiv, dass die nfl die Möglichkeit hat Strafen gegen alle auszusprechen (auch wenn das nicht unbedingt optimal genutzt wird)

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