Pittsburgh Steelers in der Sezierstunde

Die Pittsburgh Steelers gehören zu den besten Mannschaften in der NFL – allein: Sie haben in den letzten Jahren zu wenig Kapital aus ihrer Qualität geschlagen. Der letzte Titelgewinn liegt mittlerweile neun Jahre zurück, die letzte Superbowl-Qualifikation ist auch schon sieben Jahre her. In den Jahren seither qualifizierte man sich zwar fünfmal für die Playoffs – aber man erreichte nur ein einziges Mal das Conference-Finale. Meist war nach guter bis exzellenter Regular Season schon vorher Schluss.

Als Hauptgrund hat man dafür die Defense kränkelnde Defense ausgemacht, die seit dem Tebow-316 Spiel nicht mehr an glorreiche Steelers-Tradition heranreicht. Als Folge investierte man in den letzten 3-4 Jahren massiv in die Abwehrseite – noch nicht mit durchschlagendem Erfolg: Die Steelers-Defense wird NFL-weit zwar wieder als solche ernst genommen, aber dennoch war sie in einem spektakulären Divisional-Playoffspiel im Jänner gegen Jacksonville der Hauptrund für das erneut überraschende Ausscheiden der Steelers: Man verlor 42-45 gegen eine vermeintlich hilflose Blake-Bortles Offense.

Solche Debakel sind oft Ausgangspunkt von großen Umwälzungen. Nicht so in Pittsburgh. Die sportliche Leitung blieb ruhig: Im Anschluss an die erneute Enttäuschung wurde der Trainerstab unberührt gelassen und man konzentrierte sich in der Offseason darauf, den Kader punktuell an Schwachpunkten zu ergänzen. In der Free Agency blieb man nahezu tatenlos – man konzentrierte sich auf den Draft, den man nutzte um Löcher zu stopfen:

  • S Terrell Edmunds in der 1ten Runde und S Marcus Allen in der 4ten Runde als Verstärkung und Ergänzung der Secondary
  • WR James Washington in der 2ten Runde und TE/RB Jaylen Samuels in der 5ten Runde als Ergänzung im Skill-Player Corp.
  • QB Mason Rudolph in der 3ten Runde als neuen Backup-QB

Defensive Backfield, Tiefe im Skill-Corp und Backup-QB: Klarer kann eine Need-Strategie nicht aussehen. Einzig der nicht immer überzeugende Pass Rush blieb unberührt.

QB Ben Roethlisberger reagierte auf Rudolphs Einberufung hörbar verschnupft, aber in Wahrheit sollte Big Ben froh sein über jeden Versuch der Steelers, die Backup-QB Position zu verstärken. Denn zu oft fällt Ben mit dem einen oder anderen Zipperlein 2-3 Spiele aus – jene Spiele, die die Steelers in den letzten Jahren immer wieder das 1st-Round Bye oder Heimvorteil in den Playoffs gekostet haben.

Auf Wide Receiver ersetzte man im Prinzip den nach Oakland abgegebenen deep burner Bryant gegen Washington, der zwar nicht als Sprinter gilt, aber sich am College vor allem einen Namen als Route-Runner und Catcher von langen Pässen gemacht hatte. Washington als deep threat hinter dem fulminanten WR Antonio Brown und dem jungen Juju Smith-Schuster? Kannst du nehmen. Theoretisch ist er eine gute Ergänzung zur einzigen echten Schwachstelle im Steelers-Passspiel: Tiefe rechte Zone (-2% Success-Rate im Vergleich zum Liga-Schnitt).

Samuels ist nach Advanced-Stats einer der mutmaßlich besten Rushing-Prospects des Drafts. Er gilt nicht als klassischer Runningback, aber auch nicht als Tight End. Er hegt vielmehr ein Zwitterdasein – ein H-Back, Goodie für gewisse Spielsituationen. In einer Offense, deren größtes Fragezeichen der Vertragsstatus von RB LeVeon Bell ist, ist ein Play-Maker vom Schlage Samuels vielleicht noch eine echt brauchbare Ergänzung.

A propos Bell: Seine Vertragssituation wird sich nicht als großes Hindernis für Pittsburgh erweisen. Fair oder nicht – und so sehr Bell mit der Karte „Rücktritt“ droht: Bell hat schlechte Karten im Vertragspoker. Die Steelers halten den Trumpf der Franchise-Tag – sie haben vermutlich gar kein Interesse an einem langfristigen Vertrag für Bell. Steelers-Plan dürfte sein, Bells Blüte-Jahre dank der kosteneffizienten Franchise-Tag (gegen die Bell nichts unternehmen kann außer zu streiken) schamlos auszunutzen und ihn ab dem Moment, an dem erste Abnutzungserscheinungen ersichtlich sind, von dannen ziehen zu lassen.

Bell fällt damit in die Kategorie der NFL-Spieler, die ein ungünstiges Fenster für die ganz fetten Verträge haben: Er spielt Runningback, GM trifft rationale Entscheidungen, Team kann sich die Franchise-Tag leisten. Sofern man die Behauptung bei den Gehältern, die selbst billige NFL-Positionen kassieren, aufstellen kann: Bell hat Pech gehabt. Er ist der Anti-Suh.

Defense

Die Steelers-Defense sieht nach Edmunds‘ und Allens Einberufung recht komplett aus. Auf Cornerback und Safety ist man damit relativ tief besetzt, die Defensive Line gilt um den Klocker DE Cam Heyward herum auch als Eckpfeiler. Einzig in der Schnittstelle zwischen Pass Rush und Linebacker sind die Aufgaben noch nicht so klar verteilt. Die Steelers hatten letztes Jahr mit 56 Sacks die meisten der Liga – allerdings nur dank 15 Sacks durch Blitzer aus der zweiten Reihe.

Die besten Individual-Passrusher im Kader sind Bud Dupree (1st Rounder 2015) und T.J. Watt (1st Rounder 2017). Ersterer ist einigermaßen unbeständig, Letzterer wird mutmaßlich künftig stärker in der Deckung eingesetzt werden, weil man dort bekanntlich auf den schwerverletzten LB Ryan Shazier verzichten muss. Shazier wird wohl nicht mehr zurückkehren. Watt ist der einzige Steelers-Linebacker, der Shaziers Coverage-Qualitäten imitieren kann – mit dem ungünstigen Effekt, dass ein Watt in Deckung nicht gleichzeitig als Watt im Passrush agieren kann.

Lass uns noch kurz auf das künftige Aufgabengebiet von Rookie-Safety Terrell Edmunds zu sprechen kommen. Er wurde vor allem eingestellt, um Runningbacks und Tight Ends zu bewachen. Gegen Passspiel auf die Runningbacks war man 2017 mit 7.2yds/Pass nur die #30 der Liga und hatte nur 52% Success-Rate.

Noch schlimmer war das Passspiel auf die Tight Ends – insbesondere das tiefe Passspiel auf die Tight Ends. Pittsburgh sah letztes Jahr 18 tiefe Pässe auf Tight Ends, für 11 Completions und 257 Yards. Allein Gronkowski fing 5/5 der tiefen Anspiele für 122 Yards gegen eine überforderte Secondary.

Fazit: Pittsburgh musste sich nicht oft gegen tiefes Passspiel auf Tight Ends verteidigen, aber wenn dorthin geworfen wurde, war es bitter. Denn man hatte keine Waffen. Der extrem athletische Edmunds ist zumindest theoretisch eine Waffe gegen Gronkowski und Kollegen – vor allem gesetzt den Fall, dass die NFL im anstehenden Herbst häufiger versucht, diese Ineffizienz zu nutzen.

Fazit

Sehr gute Offseason für die Pittsburgh Steelers: „Win-Now“ Modus, ohne ganz tief in die Tasche gegriffen zu haben und sich die nächsten Jahre zu blockieren. Die Additionen via Draft mögen durch die Bank unterwältigend geklungen haben, aber sie schließen Lücken, die durch Abgänge wie WR Bryant oder generelle Inkompetenz (Verteidigen von Tight Ends) entstanden waren.

In der AFC sehe ich Pittsburgh mindestens auf Augenhöhe mit New England (das einen wesentlich größeren Umbruch bewältigen muss) und den LA Chargers (die mit dem Stigma der Chargers leben müssen und schon den ersten Leistungsträger in TE Henry verloren haben) – und Pittsburgh bekommt diese beiden Gegner zuhause serviert. Überhaupt ist der Schedule zwar nicht einfach, aber günstig: Neben Patriots und Chargers müssen Chiefs, Falcons und Panthers nach Pittsburgh reisen – nur Saints und Jaguars sind Auswärtsspiele.

Das alles macht die Steelers erneut zu einem Top-3 Team in der AFC, das mit der einen oder anderen glücklichen Fügung den Top-Seed und Heimvorteil in den Playoffs erspielen kann – eine exzellente Voraussetzung, will man in die Super Bowl. Auf alle Fälle hat man qualitativ den Gap zu den Patriots eher geschlossen als weiter vergrößert.

6 Kommentare zu “Pittsburgh Steelers in der Sezierstunde

  1. Hi

    Zwei Anmerkungen:
    Es gab durchaus Änderungen im Trainerstab, OC Haley ist weg.

    Und ILB (Bostic hat nicht wirklich Starter Qualitäten) könnte schon noch zur Sollbruchstelle werden, evtl wird aber (mit Edmunds) auch mehr 3-Safety Packages gespielt, um das auszugleichen.

  2. Edmunds ist mMn recht sicher als $-LB eingeplant, aber ob er da wirklich eine Verstärkung sein kann, muss sich erst zeigen. Einer der absolut überraschenden Picks im Draft für mich, kannte ihn eig nur, weil er der Bruder von Tremaine ist…

  3. Wobei bei der Causa Bell anzumerken ist, dass umgekehrt seine Forderungen auch einfach unrealistisch sind.
    Er hatte letztes Jahr einen 5-Jahresvertrag über 65 Mios abgelehnt, weil ihm das Angebot in den letzten beiden Vertragsjahren zu leistungsbezogen war.
    Dass ihm das in Anbetracht von nicht geringer Verletzungsgefahr nicht schmeckt, kann man verstehen. Genau deswegen – und weil eben die Erfahrung zeigt, dass RBs vergleichsweise früh „abbauen“ – ist auch der Standpunkt der Steelers völlig verständlich.

  4. Pingback: Das waren die Sezierstunden 2018 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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