Los Angeles Rams in der Sezierstunde

Erfolgreiches Debütjahr für Head Coach Sean McVay in seinem ersten Jahr bei den Rams in 2017: 11-5 Bilanz und überraschende Playoff-Qualifikation. Jetzt geht man „all in“.

15 Jahre lang waren die Rams eine der Liga-Bodensatztruppen gewesen, in den letzten Jahren unter Jeff Fisher zur Lachnummer der NFL verkommen – obwohl man jedes Jahr hoch draftete, sprang nie mehr heraus als die berüchtigte 7-9 Bilanz, mit gelegentlichen Abstürzen auf 4-12 oder gar 2-14 und 1-15.

Dann kam Sean McVay im Jänner 2017, bog den völlig verunsicherten QB Jared Goff (#1-Pick im Draft 2016) und machte die Rams quasi über Nacht zu seinem Top-10 Team in der NFL, inklusive Divisionssieg in der NFC West und zeitweisem Prädikat eines attraktiven Offensiv-Teams.


Anstatt sich nun auf den Lorbeeren des Erfolgs auszuruhen, haben McVay und GM Les Snead in der Offseason in den „Win Now“ Modus geschaltet und massiv investiert um die letzten zwei „cost-controlled“ Vertragsjahre Goffs zu nutzen, ehe man wie so viele andere Topmannschaften einen Quarterback mit Marktwert bezahlen muss.

Da kannst du mal auf die Situation der Top-Stars schauen:

  • DT Aaron Donald: Klasse von 2014, spielt unter der 5th-Year Tag. Wird eine massive Vertragsaufbesserung bekommen, aber dank Verhandlungsmacht der Rams („Wenn du nicht nachgibst, stülpen wir dir die Franchise-Tag über“) wird Donald billiger als gewöhnlich zu haben sein.
  • RB Todd Gurley: Klasse von 2015, spielt noch eine Saison unter Rookievertrag, bekommt dann nächstes Jahr die „5th-Year Tag“ bzw. eine entsprechend gedrückte Vertragsverlängerung. Bekäme die Rookie-Tag eines Top-10 Picks.
  • QB Jared Goff: Klasse von 2016, spielt noch bis 2019 unter dem billigen Rookievertrag, dann 2020 die „5th-Year Tag“.
  • WR Brandin Cooks: Klasse von 2014, spielt 2018 unter der „5th-Year Tag“, ist dann Free Agent. Bonus für Cook: Seine Rookie-Tag ist nicht so teuer wie die eines Top-10 Picks.
  • CB Marcus Peters: Klasse von 2015 (Chiefs), spielt 2019 unter der „5th Year Tag“.

Der große Zahltag steht kurz bevor. So viele billige Verträge zugleich hat man nur noch jetzt.

Was haben die Rams in dieser Offseason also gemacht?

Eingekauft. Dem famosen Defensive Back Lamarcus Joyner stülpte man die Franchise-Tag über, kaufte via Trade CB Aqib Talib aus Denver, CB Marcus Peters aus Kansas City und WR Brandin Cooks aus New England ein. Wesentlichste Free-Agent Verpflichtung ist DT Ndamukong Suh, der einen Einjahresvertrag für rund 14 Mio unterschrieb und mit den Kollegen Donald & Brockers ein DT-Trio wie ein Donnerhall formen wird.

Dafür wurden teure Stars wie WR Sammy Watkins (viele tiefe Anspiele, aber geringe Success-Rate) oder CB Trumaine Johnson ziehen gelassen bzw. im Falle von LB Alec Ogletree oder DE Robert Quinn via Trade verkauft. Watkins kostete die Rams im letzten Sommer einen 2nd Round Pick plus CB Gaines, aber man hatte nicht die Kohle um dem Free-Agent Watkins 16 Mio/Jahr zu bezahlen wie es die Chiefs gemacht haben.

Was höchstens kitzelt, nicht richtig schmerzt, denn: Watkins ist zwar ein erstklassiger Wide Receiver, aber im System McVays nicht zwingend notwendig. McVay stellt meist viele Receiver auf, aber nicht in Spread-Formation, sondern relativ bevölkert um die Offense Line herum – um dann die Routen/Crosses entsprechend Richtung Seitenlinien zu designen. Ergo: Superstar-WRs sind gar nicht „benötigt“ um die Offense zum Laufen zu kriegen. Das Design steht über dem Individuum. Noch besser: Für den teuren Watkins sollte man zumindest noch einen Compensations-Pick in 3ter oder 4ter Runde 2019 bekommen.

CB Johnson? Hätte 14 Mio/Jahr aufwärts gekostet. Talib & Peters kosten zusammen keine 13 Mio für dieses Jahr und sind überdies bessere Spieler. Und nochmal Watkins: Kostet die Chiefs 16 Mio/Jahr. Cooks kostet 2017 nur 8.5 Mio und kann Ende Jahr für lau gehen.

Depth-Chart

  • QB Goff
  • RB Gurley
  • WR Cooks, WR Woods, WR Thomas, WR Kupp, TE Higbee, TE Everett
  • LT Whitworth, LG Saffold, C Sullivan, RG Brown, RT Havenstein

Die Offense ist personell im Vergleich zum Vorjahr relativ unverändert: Im Prinzip ersetzt Cooks den abgegebenen Watkins. Damit soll das tiefe Passspiel verbessert werden: Watkins wurde dort 24x angespielt, hatte aber nur 25% Success-Rate – zu wenig um sein fürstliches Gehalt zu rechtfertigen. Cooks war in New England und New Orleans ein zuverlässiger deep threat, der fast immer über 50% Erfolgsquote brachte. Cooks gegen Watkins bedeutet auch: Die Grundeinstellung der Rams bleibt unverändert: 81% 11-Personnel (keine andere Mannschaft spielt mehr als 73% in dieser Formation), hohe Pass-Quote und viel Kurzpassspiel auf die Runningbacks.

Offensive Line bleibt unangetastet. Was besser klingt als es vielleicht ist, vor allem hinsichtlich der Tiefe. Denn die Rams waren 2017 in der Offense erstaunlich gesund: Nur 3.6 verpasste Stars nach AGL (adjusted games lost) – 2.7 davon kamen durch Watkins. Die Offense Line machte von 80 möglichen Starts (5 x 16 = 80) exakt 79. Gurley spielte immer durch, bis er am letzten Spieltag geschont wurde.

Dass sich dieses Glück noch einmal wiederholt, ist unwahrscheinlich. Was passiert nun, wenn Gurley das eine oder andere Spiel ausfällt? Was, wenn bei ihm nach seinem phänomenalen Jahr ganz einfach Regression zur Mitte einsetzt? Wer ersetzt eventuelle Verletzungsausfälle in der Offense Line, die nach dem Starter-Quintett äußerst dünn besetzt ist? Ganz zu schweigen davon, dass LT Whitworth mittlerweile 37 ist und sein vielleicht bestes Karrierejahr hinter sich hat. Was, wenn Withworth abbaut, pro Snap die eine Zehntelsekunde früher eingeht, dass Goff unter der Last der Passrusher begraben wird?

Gegenhalten kann man mit der Hoffnung, dass sich Goff im zweiten Jahr im System McVay noch wohler fühlt. Dass Cooks sich als verlässlicher im Vergleich zum oft wechselhaften Watkins herausstellt. Dass Kupp & Woods mit einem Jahr Erfahrung noch besser in die Offense passen werden.


  • DT Donald, DE Brockers, NT Suh, DT Easley, DT Westbrook
  • ED Longacre, ED Ebukam, ED Okoronkwo
  • LB Barron, LB Hager
  • CB Peters, CB Talib, CB Robey-Coleman
  • FS Joyner, SS Johnson

Die Defense ist in ihrem ersten Anzug die vermutlich bestbesetzte der NFL. Nehmen wir nur die Defensive Line, können wir das „vermutlich“ durch ein „100%ig“ ersetzen – und sowohl Donald als auch Suh und Brockers sind erstaunlich zäh und verpassen kaum Snaps.

Aber: Diese Line muss dominieren, denn in Edge-Rush und auf Linebacker wird es schnell dünn. Viel Pass Rush wird von diesen Positionen im Alleingang nicht kommen. Dafür ist die Secondary mit All-Pro würdigen Spielern wie dem Interception-Jäger Peters, dem Hünen Talib sowie dem freelancenden Irrwisch Joyner auf dem Blatt nicht weniger als fulminant besetzt. Zündet vorne der Pass Rush, kann die Secondary sogar den einen oder anderen Ausfall kompensieren.

Ausblick

Sneads Denke ist einfach: Presse alles, was geht, unter die Salary-Cap. 1st Rounder für Cooks? Bezahle ich, denn Cooks ist bei ähnlicher Qualität 5 Mio billiger als Watkins. Für Watkins habe ich zwar erst letzten Sommer einen 2nd Rounder gezahlt, aber nächstes Jahr kriege ich dafür einen 3rd Rounder als Kompensation von der NFL zurück.

Dass die Rams nicht alle ihre (im worst case sogar nur sehr wenige) Stars längerfristig halten können? Scheißegal, denn spätestens wenn Goff seinen Vertrag laut Marktwert unterschreibt, ist das Fenster eh nur mehr einen Spalt offen. Talib ist dann sowieso zu alt, Suh und entweder Peters oder Joyner wollen wir eh nicht halten und Cooks oder Gurley vielleiht auch nicht – aber dafür haben wir im Idealfall 2018 oder 2019 die Superbowl geholt und damit glitzernde Hardware zur Einweihung des neuen Stadions zum Präsentieren.

So sehr Owner Kroenke als Typ gilt, dem Trophäen erstmal eher egal sind, solange der Cashflow stimmt – so sehr zählt in der seelenlosen Stadt von Los Angeles das Eine: Ein großes Publikum, und das sprichst du nur mit Titeln an. Ohne Erfolg bist du ein Nichts. Und so könnte es zwei Jahre vor Eröffnung der neuen Monster-Arena in Inglewood kaum einen besseren Moment geben als jetzt, die Vince Lombardi Trophy zu holen.

Es gibt natürlich Bust-Potenzial: Regression zur Mitte, NFC-Wettrüsten und die einigermaßen dünne Personaldecke in der Offense sind alles Faktoren, die die Saison 2018 für die Rams schnell zu einer großen Enttäuschung werden lassen können – gerade jetzt, wo die Erwartungen so hoch sind.

Auf der anderen Seite: Das Fenster ist da, das Spielermaterial war da, der Zeitpunkt ist ideal – warum also nicht? Eine so große Superbowl-Chance wird so schnell nicht wiederkommen für ein Team, das mit etlichen Veterans in jedem Fall spätestens 2021 auseinanderfliegen wird.

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4 Kommentare zu “Los Angeles Rams in der Sezierstunde

  1. Keine Resonanz hier, obwohl die Rams sicher eine der interessantesten Geschichten der Offseason sind. Ich freue mich auf die neue Saison, obwohl ich so ein bisschen die Befürchtung habe, dass es enttäuschend werden könnte.

  2. @ransfan

    Kann ich verstehen, erinnert mich ein wenig an die Eagles vor ein paar Jahren (ich glaube 2011), die sich das Dream in der offseason zusammengestellt haben um dann 8-8 zu gehen.
    Ich glaube es ist wichtig, dass man gut in die Saison startet, damit die Laune oben bleibt. Gerade Talib und Peters könnten sonst für ein paar Probleme im Lockerroom sorgen (sollen ja nicht die einfachsten Charactere sein). Außerdem sollte man sich mit Donald einig werden, sonst streikt er wieder wie letztes Jahr.
    Ich hab allerdings vertrauen in den Coaching Staff und glaube das es für die Rams dieses Jahr in den Playoffs weiter geht, als letztes Jahr.

  3. Bin zwar Packersfan, aber irgendwie gönne ich es den Rams, waren mir immer schon sympatisch auch wenn die in diesem Jahrzehnt immer von den 49ers und Seahawks abgehängt wurden. Die Offense war endlich mehr als ansehnlich, die Defense wird endlich so(gar besser) wahrgenommen als sie es leistungstechnisch eigentlich länger schon war. Und ST war ja schon länger eine Augenweide 🙂

  4. @Becks: Also, mit dem, was die Rams in der Offense, in der Defense und als HC haben, würde ich mich sehr wundern, wenn die 8-8 gehen. Meine Logik ist simpel: selbst wenn eine Phase (OFF, DEF, ST) komplett kollabiert (oder durch Verletzung geschwächt wird), hat man immer noch mehr als genug Star-power um das Spiel zu gewinnen: Diese Offense kann auch mit schwacher D gewinnen. Diese Defense kann einen Shutout schaffen, was eine schwache Offense entlasten würde.
    Die D-Line kann regelmäßig das Backfield zerlegen, die CBs (wenn sie sich nicht gegenseitig abstechen) machen tiefe Pässe zum russischen Roulette.
    Die Rams sind definitiv das Team, worauf ich diese Saison am meisten gespannt bin.

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