NFL Play-Calling in der Nussschale

In den letzten Wochen habe ich das Play-Calling der NFL unter die Lupe genommen. Heute folgt die Zusammenfassung.

Hier die Einträge zu den einzelnen Downs: 1st Down, 2nd Down, 3rd Down und 4th Down. Noch einmal sei betont, dass es sich bei dieser Studie um Play-Calling in der ersten Halbzeit handelt – ganz einfach, weil Coaches dann noch dazu tendieren, den Spielstand außer Acht zu lassen und Clock-Management („ich muss hier laufen um die Uhr zu melken“) noch wesentlich geringere Bedeutung hat.

Die erste Halbzeit ist nebenbei bemerkt auch die wichtigere Halbzeit: Wer zur Pause führt, gewinnt 77% der Spiele und diktiert das Tempo in Quarter 3. Wer auch nur mit 3 Punkten führt, gewinnt immer noch 57% der Spiele. Coaches sollten also umso mehr an der Optimierung des Play-Callings früh im Spiel arbeiten. Stichwort: Das Heft in die Hand nehmen.

Play-Calling von heute

Zu den Schussfolgerungen aus der Studie: So wie sich die aktuelle Lage präsentiert, sind NFL-Coaches…

  • …zu lauflastig im 1st & 10.
  • …zu passlastig im 2nd & kurz.
  • …zu lauflastig im 2nd & 10, getrieben von der Angst vor einer zweiten Incompletion
  • …viel zu passlastig im 3rd & kurz.
  • …zu passlastig in Situationen zwischen 3rd & 5 und 3rd & 10.
  • …zu schüchtern in 4th Downs & kurz.

Kurz gefasst: Coaches arbeiten mit ihrem Play-Calling darauf hin, im 3rd Down den Feuerwehrmann zu spielen. Dabei wäre die umgekehrte Denke effizienter: Im 1st Down vorzulegen, im 3rd Down nur noch abstauben.

Die Scheiße beginnt damit, dass die NFL im häufigsten Down der NFL, 1st & 10, viel zu konservativ ist. Das Zahlenmaterial gäbe 55% Pass-Quote anstatt 48% her. Klingt nach nicht viel Differenz? In absoluten Zahlen ist das bei 13.500 Snaps eine Differenz von 900 Snaps, die 10% bessere Erfolgschance bringen. Bei 170 Drives pro Team macht allein das einen erfolgreichen Spielzug mehr in jedem zweiten Drive.

Dem Fehlstart im 1st Down folgt nur noch Schadensbegrenzung. Da Coaches versuchen, eine prä-definierte Run/Pass-Ratio einzuhalten, kommt auf den lauflastigen Start eine passlastige Folge. So sind Coaches bei kürzeren 2nd und 3rd Downs eklatant passlastig unterwegs, wo simples Laufspiel die deutlich besseren Erfolgschancen bietet.

Sie es mal so: Du hast 2nd & short. Du hast folgende Chance auf ein neues 1st Down, wenn du ab sofort nur noch läufst:

  • 2nd Down: 70%
  • 2nd + 3rd Down: 90%
  • 2nd + 3rd + 4th Down: 97%

Fazit: Passspiel ist hier, um das Spiel schnell zu machen, die Ketten im ersten Down zu bewegen. Laufspiel ist hier, um kurze Distanzen für neue 1st Downs zu überwinden. Das ist auch der Grund, wieso ich „establishing the run“ für kompletten Bullshit halte – denn die Evidenz legt im Prinzip das Gegenteil nahe: Establish the pass, then run in short-yardage situations. Es gibt viele Spielsituationen in der NFL, in der Laufspiel die bessere Option ist – nur leider pflegen NFL-Coaches, den Lauf recht oft just in den falschen Momenten einzusetzen. Der richtige Moment wäre eine short-yardage Situation.

Play-Calling von morgen

Der Leser merkt: Analytics ist kein Verlangen nach „mehr Passspiel“ oder „weniger Laufspiel“. Es ist vielmehr der Versuch, eine bessere Run/Pass Ratio zu finden bzw. Situationen, in denen sich Ineffizienzen aufmachen. Die klarsten Potenziale sind demnach:

  • 7-12% mehr Passspiel im 1st Down
  • 10-15% mehr Lauf in kurzen 2nd und 3rd Downs
  • Keine Angst vor aufeinanderfolgenden Incompletions in 1st und 2nd Down
  • 5%-10% mehr Lauf in 3rd Downs zwischen 5 und 10 Yards
  • 4th&short häufiger ausspielen

Ebenso: Anstelle von 1st Down = Run, 2nd Down = Pass, 3rd Down = Pass wäre folgende Faustregel zu empfehlen:

  • 1st Down = Pass
  • 2nd Down = Pass (außer in kurzen Situationen Run)
  • 3rd Down = Run bis 5 Yards, danach Pass.
  • 4th Down = 70% Lauf, 30% Pass bis 2 Yards

Ich plädiere dafür, das 1st Down als „Money Down“ zu betrachten. Es ist das wichtigste Down in der NFL, quasi die „Spieleröffnung“ des American Football. Es ist das Down, in dem die Offense das Tempo vorgibt. Offenses wie New England, Saints oder Pittsburgh beherzigen dieses Mantra seit Jahren, wenn auch noch nicht konsequent genug – es ist erstaunlich, dass so wenige nachziehen. Ein gelungenes 1st Down mag keine Lobeshymnen von wegen „clutch Eli“ und „3rd Down Spezialist“ einbringen, aber es verhindert kritische 3rd Downs und trägt somit mehr zu Sieg und Titel bei als die beste 3rd-Down Conversion Rate.

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9 Kommentare zu “NFL Play-Calling in der Nussschale

  1. Was ich vor allem aus dem Beitrag zum 3rd Down mitgenommen habe:
    Der legendäre Pass der Seahawks im Super Bowl war zwar der falsche Call (und die Zahlen bestätigen das auch nochmal), aber rein statistisch gesehen lassen so viele Coaches in dieser Situation werfen, dass es sehr wahrscheinlich war dass früher oder später jemand in einem wichtigen Spiel diese Entscheidung trifft.

    Insofern mögen die Seahawks da falsch gelegen haben, aber inkompetenter als ihre Kollegen sind sie deshalb nicht unbedingt… was in diesem Fall vielleicht mehr über die Kollegen aussagt als über die Seahawks 😉

  2. Super Zusammenfassung.
    Gibt es die Tabellen pro Team, die du für das 1st Down, auch noch für 2nd, 3rd and 4th?

  3. @milaidin:

    es ist immer eine ansichtsache… die offense lebt ja nicht in einem luftleeren raum.
    der damaligen passsituation von SEA im Superbowl war ja der Tatsache geschuldet, dass man da gerade unkonventionell sein wollte und der Lauf das sinnvollste gewesen wäre; DAS WUSSTE ABER AUCH NE.

    deshalb war die Entscheidung wohl schon ok, eben auch das unerwartete zu tun.
    als Verlierer stehst du eben immer doof da; egal was du tust

  4. @milaidin: Aua. Am Spielende kommen Punktestand und Zeitmanagement mit in die Beurteilung, das wurde auf diesem Blog garnicht besprochen.
    Nur weil man generell mehr laufen sollte bei 3&kurz heißt das nicht das jeder Pass automatisch falsch ist. Das ist genau NICHT die Lektion die du aus dieser Serie ziehen solltest. Eine klassische Fehlinterpretation der Statistik.

    Zu weiteren Details diese einen plays: https://www.sbnation.com/nfl/2018/6/5/17426540/seahawks-patriots-super-bowl-49-malcolm-butler-interception-run-the-dang-ball

  5. aber milaidin hat ja gar nicht gesagt, dass man bei 3&short nicht passen darf…

    der knackpunkt ist doch der: Seahawks wollen „unkonventionell“ sein und passen in einer Situation die statisch per run folgende erfolgsaussichten hat:
    2nd + 3rd + 4th Down: 97% SR
    Und New England hat sich mit statistik beschäftigt und weiß, dass der Pass gar nicht so unkonventionell ist und ist darauf vorbereitet.
    Spekulation, aber plausibel…

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