Fußball-WM 2018: Achtelfinal-Vorschauer

Es gibt eine Ausscheidungsrunde, gegen die die NFL-Playoffs keine Chance haben. Heute beginnt sie.

Wir haben bei dieser WM zwei Brackets, die jeweils einen WM-Finalisten fabrizieren werden. Wir haben einmal Frankreich/Argentinien, Uruguay/Portugal, Belgien/Japan und Brasilien/Mexiko. Und dann haben wir Spanien/Russland, Kroatien/Dänemark, Schweiz/Schweden und Kolumbien/England.

Sieben Europäer und Kolumbien in der gemeinhin als einfacher angesehenen „unteren“ Hälfte. Und die meisten Favoriten in der „oberen“. Das ist der Grund, weshalb England am Donnerstag so gern die Belgier gewinnen ließ.

Doch wir denken schon zu weit. Lass uns erstmal aufs Achtelfinale schauen. Viermal ist der Favoritenstatus klar. Zweimal ist er murky (beide Male am heutigen Samstag). Und am Dienstag schließen wir mit zwei Münzwürfen ab.

Frankreich – Argentinien

Samstag, 16h

Ein nomineller Kracher zum Playoff-Auftakt. Man könnte hinter der Fassade dieser klangvollen Ansetzung aber auch zwei Krisenkinder ausmachen. Argentinien ist bekannt: Vogelwilder WM-Auftakt hin zu Palastrevolte gegen den Coach, ehe man sich zusammenraufte und um fünf vor 12 dann doch noch die Wende schaffte.

Argentinien deutete gegen Nigeria sogar zum ersten Mal taktische Flexibilität an und wirkt als Team zwar noch nicht kohärent, aber wenigstens geeint. Nun kriegt man es mit einer Mannschaft zu tun, deren Vorgänger ähnliches schon einmal mitgemacht haben: 2006, als Zidane und Co. nach einer absurden Gruppenphase in der KO-Runde plötzlich zum Leben erwachten und sich am Ende im Finale einen Kopfstoß vom Titel entfernt wiederfanden.

Das Frankreich von heute bleibt ein Phantom. Ein optisches Debakel und nach dem Gijon gegen Dänemark eigentlich reif für die Abmeldung aus dem Turnier. Es mag sein, dass Deschamps‘ Mannschaft ganz einfach Kräfte gespart hat – die WM wird nicht in der Vorrunde entschieden. Doch wie oft hast du probiert, aus Standgas in den dritten Gang zu schalten?

Gegen das Argentinien der ersten beiden Spiele wäre das zwar nicht notwendig. Aber gegen ein zumindest gefasstes Argentinien ist es wahrscheinlich, dass die Franzosen aus ihrer Haut kommen müssen. Argentinien hat mit seiner verwaisten Mittelfeldzentrale um den Frührentner Mascherano seine ganz brutale Sollbruchstelle, doch auch die französische Schaltzentrale mit Pogba/Kantè hat noch nicht viel gezeigt.

Vor allem: Frankreichs Offensiv-Quartett war bislang „Hauch von nichts“. Was ist mit Griezmann, dem furiosen Stürmer von 2016, passiert? Schatten alter Tage ist noch gütlich beschrieben. Und dass ein Dembele in der Form über auch nur 10 Mio. wert sein soll, spottet jeder Beschreibung. Diese Offensive trifft heute auf defensive Problemkinder – und sie muss zum ersten Mal im Turnier liefern.

Fragen des Spiels: Wachen die Franzosen nun auf? Müssen sie überhaupt aufwachen? Ich hätte nie geglaubt, dass ich folgenden Satz jemals schreiben würde. Aber: Vamos Argentina. Tipp: Argentinien.

Uruguay – Portugal

Samstag, 20h

Das Duell der Ebenbilder: Zwei Teams, taktisch gefinkelt und sich exzellent auf den Gegner einzustellen vermögend und schwer zu bespielen. Beide begehen kaum Eigenfehler, die den Gegner zum Toreschießen einladen. Und beide sind mit hinreichend Weltklasse im Sturm gesegnet um ein Spiel mit einer Einzelaktion zu entscheiden.

Nicht auszuschließen, dass der erste Treffer entscheidet, da der Gegner zu limitiert ist um ein echtes Angriffsspiel zum Ausgleich aufzuziehen. Ein doch wahrscheinliches Szenario ist demnach Elfmeterschießen. Portugal, die Katze mit sieben Leben, hat seinen letzten Kampf noch nicht geschlagen. Tipp: Portugal.

Doch egal, wer in den beiden Spielen weiterkommt: Das erste Viertelfinale setzt sich aus zwei dieser vier Teams zusammen. Es wären Hammerpartien: Uruguay vs Argentinien ist ein Gemetzel um Leben oder Tod. Uruguay vs Frankreich die Revanche für 2002 und 2010. Frankreich vs Portugal die Revanche für das EM-Finale 2016. Und Portugal vs Argentinien ist Ronaldo gegen Messi.

Spanien – Russland

Sonntag, 16h

Der erste von zwei gigantischen „Mis-Matches“ am Sonntag. Die Spanier sind trotz großer Namen defensiv nicht sattelfest und auch nicht die direkteste Mannschaft der WM und sie können für ganze Phasen von ihrem Passgewichse einschlummern, aber wer ernsthaft glaubt, dass die spielerisch inexistenten Russen den Titelkandidaten auch nur kitzeln können, muss einen kräftigen Schluck Optimismus aufbringen.

Die Russen setzten von Anfang an auf „Platz 2 in der Gruppe“: Das Luschniki-Stadion war im Spielplan nicht für den Sieger von Gruppe A reserviert, sondern für den Zweiten – eben Russland. Dort begann die WM, dort wird sie für Russland enden. Tipp: Spanien.

Kroatien – Dänemark

Samstag, 20h

Trotz der Skepsis gegen die kroatischen Playoff-Vorstellungen der letzten Jahre: Alles andere als ein lockerer kroatischer Sieg gegen das biedere Gähnemark (©Rasenfunk) wäre eine handfeste Sensation. Tipp: Kroatien.

Brasilien – Mexiko

Montag, 16h

Ein Duell alter Bekannter. Brasilien erreichte das Achtelfinale letztlich souverän im Stile einer selbstbewussten Klassemannschaft. Mexiko qualifizierte sich im Stile von… Mexiko. Gut gestartet, gute Ausgangslage fast noch verschissen. Nun droht das 7te (!) Achtelfinalaus en suite.

Brasiliens größte Stärke ist die bombensichere Defense um den gigantischen Thiago Silva herum. Beide Außenverteidiger Marcelo und Danilo sind fraglich, was den defensiv auf den Flügeln nicht stabilen Mexikanern entgegen kommen sollte und potenzielle Konterangriffe über die Flanken ermöglichen könnte. Doch das ist dann auch schon die beste Chance für die Tri: Schnelle Gegenstöße über Lozano.

Brasilien ist zwei Klassen besser als noch zur letzten Weltmeisterschaft. Nicht bloß ist das Team schwer zu überwinden, es spielt auch schnell und direkt nach vorne. Wenn du keine Tore bekommst, reicht vorne auch nur ein einziges. Und das ist mit Personalien wie Neymar, Coutinho der Gabriel Jesus immer denkbar. Tipp: Brazil.

Belgien – Japan

Montag, 20h

Japan hat seine Erwartungen schon übertroffen und ist bereits quo Karma-Prinzip schon mit Kickoff erledigt. Belgien kommt mit Verve und dem Wissen um die eigenen Stärken. Man ist defensiv verwundbar, aber von nicht von Japan. Wenn nicht die Pferde zum Kotzen beginnen, sehen wir am nächsten Wochenende ein belgisches Viertelfinale gegen Brasilien oder Mexiko. Tipp: Belgien.

Schweden – Schweiz

Dienstag, 16h

Überraschende Partie – und eine, die förmlich nach Elfmeterschießen nach torlosem Remis klingt. Ist das zu unfair? Zu sehr noch unter Eindruck der unterirdischen Schweiz-Ukraine Partie von 2006? Oder können wir hoffen, dass jetzt, nachdem beide ihr Turnierziel erreicht haben, ohne Druck ein doch besseres Spiel als befürchtet herauskommt? Schließlich haben beide die Chance auf ein relativ „billiges“ WM-Viertelfinalticket.

Theoretisch sind die Schweizer mit den besseren Waffen nach vorne ausgestattet. Doch die schwedische Defensive steht wie Beton, und nach vorne ist man mit primitivsten Mitteln wirkungsvoll – die Schweizer Sperren in der Defensive (RV Lichtsteiner, IV Schär) könnten wehtun. Tipp: Schweden.

England – Kolumbien

Dienstag, 20h

Ein nomineller Leckerbissen zum Abschluss. Oder täuschen die Namen, weil beide nur in bestimmten Momenten auf der Höhe sind? Kolumbien ist im besten Fall schaumgebremst und hat nur eine gute Halbzeit zu bieten. Englands Gegner waren zu schwach um ernsthafte Schlüsse zu ziehen.

Kolumbiens Offensivgeist lautet James, der leider an Wadenproblemen laboriert und gegen den Senegal erneut ausgewechselt werden musste. Ohne James waren die Vorstellungen zäh – Lichtjahre entfernt von dem begeisternden Kick der Kolumbianer noch bei der letzten WM.

Englands in seinem 3-4-2-1 wird wohl wieder zum alten Offensiv-Trio um Lingard/Sterling/Kane zurückkehren. Die Schwachpunkte in Kolumbiens Defensive sind offensichtlich: Ein Torwart Ospina, der eine von drei Flanken unterläuft – Eckballtreffer, ick hör dir trappsen, ein rechter Verteidiger, der sich mehr als Mittelfeldzentrale sieht und daher Cuadrado so häufig nach hinten zieht, und zweimal Sanchez in IV und ZM (gute Athleten, aber manchmal stupide): Gareth Southgate weiß, welche Stellen er attackieren muss um zum Erfolg zu kommen. Tipp: England.

12 Kommentare zu “Fußball-WM 2018: Achtelfinal-Vorschauer

  1. Es gibt eine Ausscheidungsrunde, gegen die die NFL-Playoffs keine Chance haben. Heute beginnt sie.

    Was soll das heißen das die NFL playoffs mit der Ausscheidungsrunde der Fußball WM nicht mithalten können.
    Auch bei den WM playoffs werden langweilige spiele gespielt.

  2. nfl playoffs sind jedes jahr, wm playoffs nur alle vier.
    das ist der einzige aber wahre grund 🙂

    schöne knackige vorschau

  3. Wm ist fuer mehr Menschen mehr emotion. Vllt auch, weil noch mehr Zufall dabei :-). (faustformel: je mehr Treffer pro Spiel, desto weniger zufallsabhaengig…)

  4. Immerhin setzte sich Kroatien noch hauchdünn durch, sonst wären korsakoffs Tipps der ersten vier Spiele ALLE falsch gewesen. Das zeigt wohl, dass es schon jetzt die WM des Favoritensterbens ist.

    Mit FRA-ARG war ein Knaller dabei, die beiden Spiele am Sonntag waren aber grösstenteils zum Gähnen.

  5. @retroman: Ja, wobei im ersten Spiel nach Common-sense schon deutlicher Favoritenstatus für Frankreich auszumachen war und Game 2 mehr oder weniger ein Münzwurf war. Ich hatte gehofft, dass Frankreich entweder explodiert oder für sein Nichtstun abgestraft wird. Frankreich ist explodiert, wenn auch nur für wenige Minuten – aber das reichte locker.
    Ich reklamiere aber den kroatischen Playoff-Schlendrian für mich. Unterirdische Vorstellung sowohl von Kroatien als auch von Spanien gegen bestenfalls limitierte Gegner.
    Insofern bislang eine krasse Sensation, zweimal erwartbar und einmal 50/50. Ich fühle mich noch nicht wie 2002.

  6. es gibt immer noch Brasilien England und eben Frankreich,um zu verhindern das das finale Russland gegen Uruguay lautet.

  7. Die Kroaten bekommen gegen die Russen nochmal einen ähnlich defensiven Gegner. Da sind sie trotzdem zu favorisieren.
    Halbfinale gegen Belgien/Brasilien wird man sehen, ob sie reif sind.

  8. Falls die Kroaten in das Halbfinale einziehen, wovon ich allerdings ausgehe, werden sie nicht, wie von „Napoleon“ geschrieben, gegen den Sieger der Partie Brasilien/Belgien antreten, sondern vielmehr gegen Schweden, Schweiz, Kolumbien oder England. Die vier letztgenannten Mannschaften sind wie Kroatien alle nicht besonders angsteinflößend, sodass ich davon ausgehe, dass der Sieger der diesjährigen WM aus der anderen Häfte des Turnierbaums kommen wird. Dennoch drücke ich England die Daumen.

  9. Pingback: Fußball-WM 2018 | Achtelfinale im Rückspiegel | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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