Verachtung für den angehenden Weltmeister

Aus für den belgischen Traum. Frankreich gewinnt 1:0 und geht als turmhoher Favorit ins WM-Endspiel gegen Kroatien oder England.

Die Partie war äußerst interessant in der 1ten Halbzeit: Belgien kam anders als gegen Brasilien aus einer 4-2-3-1 Formation mit Dembele in der Startformation, der defensiv für Stabilität sorgte. Dembeles Nebenmann in der Mittelfeldzentrale war Witsel, während Fellaini etwas offensiver agiert und Chadli diesmal als rechter Außenverteidiger agierte. Belgien erspielte sich aus dieser Formation eine Reihe an guten Chancen – der letzte Tacken Ballglück hie und da ging ab.

Dabei hätte ein belgisches Tor dem Spiel so gut getan! Das wurde umso offensichtlicher, als kurz nach der Pause Umtiti zum 1:0 einköpfte. Frankreich spielte danach noch fünf Minuten auf der Suche nach dem KO-Schlag und stellte hernach komplett das Spielen ein, verwaltete nur noch die Führung mit einzigartigem Zeitspiel ab der 80ten: Allein Matuidi konnte fünf Minuten herausschinden, und in der 6-minütigen Nachspielzeit hatten die Belgier eine einzige Strafraumaktion.

Kurzum: Für Belgien war es zu wenig. Lukaku war vorne komplett abgemeldet, De Bruyne und auch Hazard wirkten zu wenig – ich würde den Ausdruck bringen – „eingebunden“: Es war im Prinzip keine mannschaftlich geschlossene Offensivleistung mehr erkennbar. Zu viel Abhängigkeit von Individualaktionen der Superstars – die diesmal nicht durchkamen. Mit der Einwechslung von Mertens kam ein paar Minuten ein Hauch von „neuem Element“ auf: Flanken. Aber auch hier: Fast alles wirkungslos verpufft.

Was uns zum angehenden Weltmeister Frankreich bringt: Man mag das Spiel gegen den Ball der Franzosen „abgezockt“ oder abgewichst bezeichnen. Die letzten 25 Minuten waren mit das brutalste an Defensivfußball, was man seit längerer Zeit zu sehen bekommen hat: Die Mitte komplett zugestellt, Spiel verschleppt, Mehltau über einen Gegner, der nicht wusste wie ihm geschah und ehe er sich besann war die Partie zu Ende und Frankreich im Finale.

Alles legal und gut – es noch nichtmal Gefühl der „Abwehrschlacht“, dafür wurde Belgien zu früh abgewürgt. Offensiv war das von den Franzosen bestenfalls ein Aufblitzen – mehr nicht. So sind nach dieser Partie auch nicht mehr Hazard und Mbappe die Favoriten auf den WM-MVP, sondern Varane und Lloris.

Bei aller Stärke der Franzosen: Es ist eine Schande, wie Deschamps diesen potenziell so brillanten Kader eingebremst hat – und eine noch größere Schande, dass diese unansehnliche Spielweise zum Titel reichen wird. Frankreich ist souverän, macht das, was es machen muss – totale Ergebnisorientierung. Aber so langweilig, dass ich nichts anderes als Verachtung für diese Mannschaft aufbringen kann.

Es wird also aller Voraussicht ein Weltmeister, den man nach zwei Wochen für alle Ewigkeiten aus dem Gedächtnis gestrichen haben wird. Es bleibt die Hoffnung auf zwei weitere kroatische Siege im Elfmeterschießen. Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Satz auf diesem Blog jemals fallen wird, aber: Forza Modric.

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11 Kommentare zu “Verachtung für den angehenden Weltmeister

  1. https://www.tagesspiegel.de/sport/fussball-wm-2018-kroatien-und-der-umgang-mit-der-faschistischen-vergangenheit/22733884.html

    Wenn man sowas liest, fällt es einem schon schwerer, den Kroaten die Daumen zu drücken.

    Zu Frankreichs Spielweise: Vielleicht gebührt Deschamps gerade dafür Respekt, mit diesem hochangelegten Kader kein Harakiri zu spielen. Er hat eine effektive Mannschaft geformt, die zwar selten begeistert (gegen Argentinien zB) und sehr oppoturnistisch auftritt, aber auch das kann beeindruckend sein. Alleine zu sehen, wie Kanté die hochveranlagten Belgier abwürgt, macht auf eine gewisse Art und Weise Spaß.

  2. „Wat wollen Se? Wollen Se ‘ne erfolgreiche WM oder sollen wa wieder ausscheiden – äh – und haben schön gespielt?“ Schönes spielen bringt dich halt nicht weiter, haben wir 2014 doch gelernt 😉

  3. Naja, wenn du ein Land anfeuern willst, dass aufgeschlossen mit seiner dunklen Vergangenheit umgeht, dann mal viel Glück.

    Belgien ist grade erst dabei, sein Kolonialmuseum so umzugestalten, dass auch der Aspekt der Unterdrückung Erwähnung findet. Von einem Genozid will aber immer noch keiner reden. Als Lektüre empfehle ich Herz der Finsternis

    Frankreich hat zu seiner Kolonialgeschichte immer noch ein ambivalentes Verhalten und man findet zudem immer wieder Stimmen, die den Faschismus auch nicht so schlecht fanden.

    Ähnliches gilt für England, um mal nur die Halbfinalisten zu erwähnen. Und bei allen Ländern ist die Vergangenheit um die es hier geht wesentlich weiter weg als in Kroatien. In Deutschland gab es ja auch erst mit den 68ern einen ersten Diskurs innerhalb des Landes mit der jüngeren Vergangenheit.

    Hättest du bei der WM ein Land anfeuern sollen, dass ohne Probleme in der Vergangenheitheitsbewältigung aus kommt (und zudem noch nicht autokratisch regiert wird oder Menschenrechte nicht so ernst nimmt), wäre die Auswahl etwas eng.

    Schweiz geht natürlich immer bei sowas. Und Island, außer du findest Wale jagen doof. Dann geht Island auch nicht….

  4. @JGerde: Anständig spielen und gewinnen.

    @BlauGelb: Beeindruckend vielleicht ja, aber wenn sich die Art und Weise durchsetzt, schalte zumindest ich den Fernseher nicht mehr ein.

  5. Ich hatte mich riesig auf das Spiel gefreut und dann hab ich in der 2. Halbzeit gar nicht mehr richtig auf den Fernseher geschaut, weil es so langweilig war. So wie 90 % der WM-Spiele. Schade.

  6. Würde doch tatsächlich auch ausnahmsweise dem Grundtenor eines Artikels auf diesem Blog hier wiedersprechen. Ansprechende Offensivaktionen der Franzosen sind mir durchaus mehrere präsent, ab Mitte der 1. Halbzeit waren sie für mich das bessere Team und der verdiente Sieger.
    Aus den in der Vergangenheit nicht immer einfachen Charakteren ein so gut organisiertes Team zu formen, halte ich für eine sehr gute Trainerleistung und vor diesem Hintergund durchaus nicht für verachtenswert.
    Ergebnisorientierung und Zeitspiel haben im Endeffekt alle Mannschaften bei dieser WM gemein und macht die Franzosen nicht verachtenswerter als Andere. Kein Trainer kann ernsthaft der Attraktivität seines Spiels die erste Priorität einräumen.
    Um die Attraktivität des Spiels für den neutralen Betrachter wieder zu erhöhen, würde ich deshalb eher das Regelwerk in den Blick nehmen (z.B. autom. Netto-Uhr, Zeitstrafen etc.)

  7. Ich empfinde es als Kompliment für Frankreich, wenn man von einem Anhänger des verachtenswertestens Vereins überhaupt (aka FC Bayern München) verachtet wird. 🙂

  8. Super geschrieben Korsakoff! Spiegelt exakt meine Gefühlswelt wieder. Frankreich wird als Weltmeister wohl zugleich eine der großen Enttäuschungen des Turniers sein.
    Überhaupt war diese WM zu sehr von Taktik geprägt und fußballerisch bescheiden. Die guten Spiele des Turniers kann ich an einer Hand abzählen.
    Heute nochmal Kroatien die Daumen drücken und hoffen, dass noch was im Tank drin ist. Sonst wirds ein trauriger Sonntag!

  9. Kroatien war in der KO-Phase nun wirklich deutlich weniger attraktiv als Frankreich. Und Frankreich gegen England wäre natürlich ein absolutes Traumfinale.

    Ehrlich gesagt finde ich, dass man nicht viel Ahnung von Fussball haben kann, wenn man die Qualitäten Frankreichs nicht sieht oder schlechtredet. Frankreich konnte bisher als einziges Team in jeden Spiel fast nach belieben einen Gang höher oder tiefer schalten, wenn es nötig war. Und dafür gebührt ihnen grosser Respekt. Und von wegen ergebnisorientiert: was denn sonst? Die Saisons sind mittlerweile so lang und anstrengend, dass einem nicht viel anderes übrig bleibt, wenn man erfolgreich sein will statt in Schönheit zu sterben.

    Auf jeden wäre Frankreich ein verdienter Weltmeister, erst recht nach der letzten EM, als sie vom insgesamt deutlich schwächeren Portugal besiegt wurden.

  10. Ich habe nie geschrieben, dass ich Frankreichs Qualitäten nicht sehe. Es handelt sich um die kompletteste oder zweit-kompletteste Mannschaft des Turniers (vor oder neben Brasilien).

    Vielleicht ist die französische Art die „richtige“ Art zu spielen, weil sie damit Weltmeister werden. Vielleicht wird sie sich durchsetzen. Aber dann schaue ich mir in Zukunft die Ergebnisse im Teletext an – denn mehr als das Ergebnis ist dann nicht mehr interessant.

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