Vor dem WM-Finalwochenende 2018

Das WM-Finale 2018 steht fest: Frankreich vs. Kroatien. Für Frankreich ist es das dritte WM-Finale nach 1998 (Kopfball Zidane) und 2006 (Kopfstoß Zidane). Kroatien steht zum ersten Mal im Finale und ist nach Uruguay das bevölkerungsärmste Land mit WM-Finalteilnahme im CV.

Frankreich – Kroatien gab es in der WM-Historie schon einmal: 1998 im Halbfinale, eines der unvergesslichsten Matches: Frankreich zuhause mit Euphoriewelle vor dem allerersten Endspiel und einer markanten Mannschaft gegen den Upstart Kroatien, wenige Jahre nach Staatsgründung, gespickt mit einer Vielzahl an internationalen Stars, die Jahre zuvor noch für das verhasste Jugoslawien aufgelaufen waren.

Halbzeit 0:0. Wiederanpfiff, und dann vergehen keine 10 Ballberührungen und Suker setzt einen überfallartigen Angriff unter Barthez hindurch in die Maschen. Die Sensation zum Greifen – doch noch bevor die Wiederholungen durch sind und die Kroaten den Speichel vom Mund gewischt haben, gleicht Lilian Thuram im direkten Gegenstoß aus. Selbiger Thuram macht 20 Minuten darauf per Fernschuss das 2:1 und sichert Frankreichs Finaleinzug. Rechtsverteidiger Thuram schoss in seiner gesamten Länderspielkarriere zwei Tore – beide in jenem denkwürdigen Spiel.

Frankreich holt wenige Tage später mit dem heutigen Chefcoach Deschamps als Kapitän und mit seiner Multi-Kulti Truppe seinen ersten WM-Titel und das ganze Land feiert seine erfolgreiche Integrationsparty. Seither haben sich die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen natürlich geändert. Fußballerisch hat sich eine Sache nicht geändert: Frankreichs etatmäßiger Mittelstürmer geht torlos ins Finale. Damals war es Guivarch, heute ist es Giroud.


Aber das ist ein Detail. Frankreich hat 2018 trotz Girouds Torlosigkeit eine potente Offensive, weit potenter als 1998, als mangels Durchschlagskraft der Vorderen Recken wie Blanc oder eben Thuram die (wenigen) Playoff-Tore machten. Doch damals war nicht mehr möglich. Diesmal wäre das Potenzial da. Es wird bloß fast nie gezeigt. In lichten Momenten wirkt die französische Offensive wie eine Dampfwalze, die alles an die Wand spielt – nur um im nächsten Augenblick in Lethargie zu verfallen und sich für den Rest des Spiels auf Zerstörung des gegnerischen Angriffsspiels zu konzentrieren.

Das ist einerseits schade. Und andererseits ärgerlich bis hin zu einem Punkt, an dem man Deschamps einen weiteren WM-Finalsieg nicht vergönnen mag.

Trotzdem: Wenn im Finale nicht noch ein Wunder passiert, wird Frankreich am Sonntag seinen zweiten Titel holen – als Team, an das man sich bei so viel Potenzial mit Grausen erinnern wird: Mausetote Vorrunde inklusive eines abmahnungspflichtigen Auftritts gegen Dänemark (dem einzigen 0:0 des Turniers), gefolgt von einem Achtelfinale mit nur 10 Minuten spektakulärem Angriffsfußball. Dann ein langweiliges Viertelfinale gegen Uruguay und ein in der zweiten Halbzeit absurdes Semifinale gegen Belgien.

30-50 positive Minuten der Offense um Griezmann und Mbappe gegenüber gut 500 Minuten an unansehnlicher Destruktion: Eine Diskussion um die Qualität der Mannschaft ist nicht notwendig. Wohl aber um den Ekel erregenden Spielstil.


Die Kroaten wirken neben den mächtigen Franzosen bestenfalls wie Halblinge und gehen entsprechend als krasser Außenseiter ins Spiel. Sie haben drei mäßig überzeugende Playoff-Auftritte und drei Verlängerungen hinter sich. Aber immerhin: Dreimal weitergekommen. Das unterscheidet dieses Kroatien von jenen der Jahre 2008 oder 2016, als man nach Hurra-Vorrunde das Nervenflattern bekam und ohne Gegenwehr one and done rausflog.

Das Beste, was man über Kroatien 2018 also sagen kann: Das Team ist zynisch und macht das Beste aus seinen Möglichkeiten. Hoffnung für ein Upset: Grundsätzlich braucht es Zyniker und keine Naivlinge wie etwa England um gegen Frankreich zu bestehen. Es braucht eine Mannschaft, die sich nicht zu schade für Drecksarbeit ist, wenn sie dem Gegner qualitativ nicht auf Augenhöhe begegnen kann.

Gelingt es den Kroaten im Finale also, die Bleus auf ihr Niveau herunterzuziehen? Gelingt es dem in den Playoffs zum „Grinder“ mutierten Modric, sich der Umklammerung von Kantè zu entziehen?

Oder schlagen eklatante Mismatches wie zum Beispiel Vida gegen Mbappe durch und wir erleben den höchsten Endspielsieg der WM-Geschichte?

Oder – passendste Option nach diesem Turnierverlauf: Wird es ein standesgemäßer französischer 1:0-Kantersieg mit 3:1 Torschüssen und 6:0 Ecken in der Nachspielzeit?

Die Ausgeschiedenen

Belgien ist für die Weltmeisterschaft 2018 das, was Holland 1998 oder Deutschland 2010 war: Die Mannschaft, die in kollektiver Erinnerung in 20 Jahren zuerst beim Gedanken an „Russland 2018“ aufpoppen wird. Potenzial abgerufen, sich was beim Matchplan gedacht und spektakuläre Offensive gezeigt.

England? Ich scheine der einzige zu sein, der Englands Turnier 2018 für eine Enttäuschung hält: Viele Standard-Tore, aber spielerisch war das weit weniger als erhofft und Pressing war bestenfalls mau. Gegen Tunesien die ganze 2te Halbzeit ohne Ideen. Panama war kein Gradmesser. Gegen Belgien absichtlich verloren. Gegen Kolumbien eine 1:0-Führung nur noch passiv verwaltet und am Ende fast bestraft. Gegen Schweden glanzlos. Gegen Kroatien eine 1:0-Führung nur noch verwaltet und finally bestraft. Als Sterling am Mittwoch ging, wurde jegliches Spielen eingestellt und man wurde die letzten 60 Minuten von einer weiß Gott nicht überragenden kroatischen Mannschaft – „dominiert“ wäre zu heftig – aber locker kontrolliert.

Der größte Unterschied zwischen Belgien und England? Die Belgier hatten weniger Scheu vor dem harten Weg und wissen nach drei Playoff-Krachern um ihre Stärke. Es war Deutschland 2010 reloaded: Sich mit einem Vorrunden 1-0 über Ghana für den steinigen Weg entschieden, England und Argentinien an die Wand gespielt und das als Startpunkt für den „Weltmeister-Swagger“ genutzt. England weiß nach drei wenig überzeugenden Auftritten gegen die Mittelklassetruppen Kolumbien, Schweden und Kroatien noch nicht, woran es ist.

Ich halte sämtliche Lobeshymnen daher nach dieser Weltmeisterschaft für verfrüht: Frankreich und Belgien haben gegen bessere Gegner weit mehr gezeigt und sind ohnehin im Kader besser aufgestellt. Damit England wirklich zu den Titelfavoriten 2020 oder 2022 gezählt werden kann, braucht es zusätzliche Qualitätsschübe im Roster.

Was möchte ich nun sehen?

Am Samstag einen belgischen Kantersieg über England. Und am Sonntag entweder einen überzeugenden französischen Offensivauftritt oder einen völlig unverdienten kroatischen Titel im Elfmeterschießen.

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Ein Kommentar zu “Vor dem WM-Finalwochenende 2018

  1. England ist kein direkter Favorit für die nächsten Turniere, aber es war die Wiedergeburt einer Mannschaft.
    Also eher vergleichbar mit Deutschland 2006 als mit 2010.
    Die Entwicklung braucht da im bestfall noch ein paar Jahre aber da ist das Gefühl das wieder was geht.

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