Formationen und Passspiel: Zwei Receiver sind besser als drei

Nach der Play-Calling Serie vom Frühjahr schauen wir uns heute das Passspiel aus verschiedenen Aufstellungen an.

Angeschaut habe ich mir dabei die acht häufigsten Formationen der NFL, je zwei mit einem, zwei, drei und vier Wide Receivern. Angeschaut habe ich diesmal auch alle Quarter, da es nicht mehr um „Play-Calling“ im Sinne von Pass vs. Lauf geht, sondern um „Play-Calling“ aus den verschiedenen Formationen. Dabei sollte der Spielstand weniger entscheidend sein, da die Grundsatzentscheidung über Lauf oder Pass bereits getroffen wurde. Wir haben 39.415 Spielzüge aus 2016 und 2017 als Stichprobe:

  • 1st Down: 15.306 Snaps
  • 2nd Down: 13.140 Snaps
  • 3rd Down: 10.403 Snaps
  • 4th Down: 566 Snaps

Die NFL ist in den letzten Jahren zu einer 11-Personnel Liga geworden: Getrieben von immer krasseren Regelvorteilen für die Pass-Offense stellt die NFL heute immer häufiger das 11-Personnel auf, die Formation mit 1 Runningback, 1 Tight End und 3 Wide Receivern. 59% der Snaps der letzten beiden Jahre wurden aus dieser Formation gespielt.

Dagegen sind die typischen Formationen mit 2 Wide Receivern in den letzten Jahren seltener geworden: 12-Personnel wird nur noch in 19% der Fälle gespielt, 21-Personnel nur noch in 7% der Fälle.

Typischerweise lassen NFL-Coaches aus 11-Personnel werfen: 68% der Spielzüge aus dieser Formation werden Passspiel, mehr als doppelt so häufig wie Laufspiel. Doch „nur“ 44% der Passspielzüge enden in einem „Erfolg“ – also halbe Distanz zum 1st Down in 1st und 2nd Downs respektive neues 1st Down in 3rd und 4th Downs.

Die Formationen mit 2 Wide Receivern sind erfolgreichere Passspiel-Formationen: 49% Erfolgsquote für 12-Personnel, 48% Erfolgsquote für 21-Personnel. Klingt nach nicht viel Unterschied? Sieh es so: 15.813 Spielzüge in den letzten beiden Jahren waren Pässe aus 11-Personnel, was bei 44% Success-Rate 6.958 erfolgreiche Spielzüge bedeutet. Eine 49%-Success Rate hätte 7.749 Erfolge bedeutet – ein Plus von fast 800 Erfolgen. Oder 400 pro Saison. Als mehr als 1,5 Erfolge Plus pro Spiel (256 Spiele in der NFL).

Noch krasser: Formationen mit 4 Wide Receivern haben Erfolgsquoten von knapp unter 40%, während Formationen mit nur 1 Wide Receiver mit 47% Erfolgsquote fast genauso viel einbringen sind wie 11- und 12-Personnel.

Passspiel und Formationen - Alle DownsDie Gründe? Es sind mal wieder Ineffizienzen. Ohne die genauen Defense-Daten zu den einzelnen Spielzügen zu haben, kann man keine 100%igen Schlüsse ziehen. Aber vermutlich wird 11-Personnel häufig mit Nickel und Dime Package gekontert, was brillant auf das 11-Personnel passt. Dagegen sind Formationen mit 2 Runningbacks oder 2 Tight Ends für die typische NFL-Defense von heute schwerer zu verteidigen: Stellst du Nickel-Defense dagegen auf, überläuft dich die Defense. Stellst du Base-Defense auf, haben viele Offenses zu fangstarke Tight Ends und Backs, sind also unberechenbarer.

Die Vorteile für die Offense-Formationen mit weniger Receivern sind aber nicht durchgängig ersichtlich. Im 1st Down, dem wichtigsten, weil häufigsten Down, liegen 3WR und 2WR-Formationen in der Pass-Effizienz fast gleichauf – wohl auch, weil Offenses dort weit weniger häufig in 11-Personnel auflaufen (nur 52%). Wir wissen ja bereits, dass Offenses im 1st Down noch viel zu gerne laufen – und beim Thema Laufspiel denkt der gemeine Coach noch immer an heavy personnel (wir werden das noch überprüfen).

Passspiel und Formationen - 1st Down

Im 2nd Down liegt die Effizienz von 11-Personnel im Passspiel schon klarer unter der Effizienz von 12 und 21 Personnel – und auch die Formationen mit 1WR sind tendenziell besser als jene mit 4WR.

Passspiel und Formationen - 2nd Down

Klar wird der Unterschied schließlich im „Money-Down“, dem 3rd Down. Dann geht es um die Wurst: Passspiel aus 11-Personnel bringt nur noch in 36% der Fälle ein neues 1st Down, während Formationen mit 2 oder weniger Receivern in jeweils mindestens 40% der Fälle ein neues 1st Down bringen.

Passspiel und Formationen - 3rd Down

Liegt das daran, dass 11-Personnel einen strukturellen Nachteil hat, weil es vor allem bei 3rd&long (über 10 Yards) gebraucht wird?

Nope. Natürlich ist 11-Personnel dort die dominierende Formation, doch auch hier haben die wenigen Passspielzüge aus der 12 und 21 Formation bessere Erfolgschancen. Es sind sogar klar bessere Erfolgschancen, wenn man die 2WR mit den 4WR Formationen vergleicht.

Was man sagen kann: Passspiel aus Formationen mit 1 Wide Receiver bei 3rd & lang kannst du ihn die Tonne kloppen: Nicht ein einziger erfolgreicher Versuch.

Passspiel und Formationen - 3rd und lang

Der Vollständigkeit halber: 4th Down. Hier sind die Verteilungen aufgrund der geringen Sample-Size natürlich volatiler. Festzustellen bleibt aber auch hier: Wenn schon Passspiel, dann bringen die 2WR-Formationen mehr ein als 11-Personnel.

Passspiel und Formationen - 4th Down

Was bedeutet all das?

Als Schlussfolgerung bleibt uns: Die NFL setzt natürlich zu recht immer stärker auf Passspiel, gerade in den frühen Downs. Und sie setzt aus nachvollziehbaren Gründen verstärkt auf Formationen mit mehr Wide Receivern, schließlich sind Wide Receiver historisch gesehen die klassischen Ballfänger. Tight Ends und Runningbacks sind erst in den letzten 30 Jahren verstärkt als Empfänger von Pässen eingesetzt worden – vorher waren sie fast ausschließlich Ballträger (im Falle der Backs) oder Blocker (im Falle der Tight Ends).

Das hat sich jedoch gewandelt. Figuren wie Tony Gonzalez, Antonio Gates oder Gronkowski haben die Tight End Position auf ein neues Level gehoben, auf Runningback ist seit Zeiten von Roger Craig oder Ladainian Tomlinson der komplette, weil fangstarke Back salonfähig geworden – ehrlicherweise ist es heute für einen Runningback sogar die wichtigere Qualität, den Ball gut fangen zu können als ihn über die überbevölkerte Spielfeldmitte zu tragen.

Daher sollten Teams überlegen, diese vielseitigen Spieler besser einzusetzen. Eine 12 oder 21 Formation ist schwieriger auszurechnen, weil sie „physischer“ ist als die 11-Formation – ergo können können sich Defenses schwerer darauf einstellen, wenn beim Gegner nicht bloß die Receiver fangen können. In dem Fall gilt: Ersetze einen Receiver durch einen Fullback oder Tight End – wenn der gut fangen kann. Dann hast du einen physischeren Spieler im Blocking und einen ähnlich effizienten Fänger beim Werfen.

Gegen 11-Personnel können Defenses fast nur Nickel oder Dime stellen, es sei denn, du hast wie Carolina oder früher San Francisco (Bowman und Willis) eine fantastische Linebacker-Gruppe, die auch decken kann.

Es bleibt auch festzuhalten, dass der Vorteil der 12 und 21 Personnel-Positionen nur im Passspiel gilt; Laufspiel kommt in Kürze. Und der Vorteil ist auch durchaus nicht so krass, wenn man bedenkt, wie dominant 11-Personnel heute als Aufstellung geworden ist: 3x so häufig wie 12-Personnel und 7x so häufig wie 21-Personnel.

Doch Ineffizienz bleibt Ineffizienz – und so sollten Coaches daran denken, den Gegner zu überraschen mit der eben überraschenden Erkenntnis: Weniger Wide Receiver führen zu mehr Erfolg im Passspiel.

2 Kommentare zu “Formationen und Passspiel: Zwei Receiver sind besser als drei

  1. Wunderschöne Analyse. Freut mich, dass wir mit Kyle einen Coach haben, der genau das erkannt zu haben scheint. Auch wenn man Juice als wichtigem Baustein dafür vielleicht nicht zwingend 20 Mio in 4 Jahren nachwerfen hätte müssen, nur weil er es für das System wert ist.

  2. Pingback: Auf der Jagd nach dem Play-Calling Optimum in der NFL | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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