Arizona Cardinals in der Sezierstunde

Es bedarf keiner großartigen Einleitung: Die Arizona Cardinals stehen vor einer Übergangssaison und sind dennoch – oder gerade deswegen – eine durchaus spannende Geschichte.

Letztes Jahr landete man bei 8-8 Siegen – ein dezenter Erfolg, zumindest gemessen am unfassbaren Verletzungspech in der Offensive: In der AGL-Liste (Adjusted Games Lost) war man die #28 auf Quarterback (Carson Palmer machte nur 7 Spiele), #32 auf Running Back (David Johnson ging im ersten Spiel out for season) und #29 auf Offensive Line: Summiert wurde kein Team schwerer vom Verletzungsteufel getroffen.

Rücktritte

Nach der Saison brachen dann die ersten Bausteine der letzten Jahre weg: Palmer und Head Coach Bruce Arians traten jeweils zurück.

Palmer war immer einer meiner Lieblings-QBs, insbesondere weil er dem damaligen hässlichen Entlein Cincinnati Bengals quasi über Nacht Hoffnung einimpfte – ehe er sich im ersten Playoffspiel schwer verletzte und hernach in Cincinnati und Oakland nie mehr der gleiche war.

Seinen dritten Frühling erlebte Palmer dann ausgerechnet in der Wüste von Arizona. Palmer und Arians waren 2015 verantwortlich für die letzte wirklich spektakuläre Deep-Ball Offense der NFL: Ein Festival an tiefen Bomben, das bis ins Conference-Finale führte, mit einem epischen Playoff-Knaller gegen die Green Bay Packers.

Arians war über Jahre einer der aggressivsten Coaches in der NFL. Er ließ häufig aus offenen Formationen werfen, hatte selten Angst vor seiner eigenen Courage. Allerdings kann man Argumente aufbringen, dass Arians es zumindest 2017 dann doch übertrieben hat: Denn obwohl die Offensive Line ein komplettes Torso war, zerrüttet von Ausfällen und Positionswechseln, ließ Arians in insgesamt 28% der Snaps aus Formationen mit mindestens 4 Wide Receivern spielen – kein anderes Team hatte auch nur 15% Offense-Snaps mit mehr als 3 WR.

Die Folge war vor allem in der zweiten Saisonhälfte unansehnliche Offense. Das verwundert niemanden, wenn mit Blaine Gabbert ein QB aufläuft, bei dem heranrauschende Passrusher erwiesenermaßen panische Angst hervorrufen. Wenn schon Gabbert, dann bitte mit Max-Protection. Sah Arians anders. Wohl auch deshalb waren die Cardinals am Ende nicht gänzlich unglücklich über das Abtreten von Arians, einen der ältesten verbliebenen NFL-Coaches.

Die neuen Bosse

Der neue Headcoach ist Steve Wilks, bislang DefCoord der Carolina Panthers. Wilks ist noch eine relative Unbekannte: Seine Statements zur Offense gingen besorgniserregend in Richtung „we want to establish the run“. In der Defense hieß es mal: Wir lassen sie so, wie sie ist, dann Wir wollen eine aggressive 4-3 wie in Carolina spielen.

Mehr wissen wir über den neuen OffCoord Mike McCoy. McCoy gilt nicht als Coach, der sich einem „System“ verschrieben hat. Vielmehr ist McCoy ein Mann, der seine Offense dem vorhandenen Spielermaterial anpasst – wie auch anders, wenn er es bislang mit so unterschiedlichen Quarterback-Typen wie Rivers, Peyton Manning und Tebow zu tun hatte?

Was McCoy allerdings eindeutig kennzeichnet: Er designt sein Passspiel fast ausschließlich aus 11 und mit Abstrichen 12 Personnel. Sprich: Eine Abkehr von den ganz krassen Formationen, dafür viele Aufstellungen mit 3 WR. Das trifft sich im Falle der Cardinals 2018 gut, denn der mutmaßliche Starting-QB der ersten Wochen, Sam Bradford, ist mit „Glasknochen“ am eindeutigsten beschrieben – und es könnte wenige riskantere Moves geben als Bradford hinter einer Wackel-OL zum Abschuss freizugeben.

Was also nun?

Die Cardinals werden 2018 natürlich nicht freiwillig abschenken, aber es gibt durchaus Motive, die Saison nicht als „do or die“ zu betrachten, sondern sie zu nutzen um den Umbau zu forcieren:

  • 8-8 war letztes Jahr bei allen Verletzungen eine eher glückliche Bilanz; u.a. war man 6-2 in Ons-Score-Games. Man hatte also nicht ganz die Qualität eines echten Playoff-Anwärters.
  • Bradford ist nur der Platzhalter für den via Draft 2018 geholten QB Josh Rosen, der zum Einlernen bereitsteht.
  • In der Defense verliert man wichtige Leistungsträger der Vergangenheit wie LB Dansby, FS Mathieu oder CB Justin Bethel und hat nicht mehr ganz die Tiefe alter Tage.
  • Der Spielplan für 2018 ist brutal: Warren Sharp sieht Arizonas Schedule als schwersten der NFL: #2 für die Offense, #2 für die Defense.

Die ersten Moves für den Umbau hat man in der Offseason bereits gesetzt. Zum einen hätten wir die bereits angedeuteten Wechsel auf dem Trainerposten und auf Quarterback. Doch auch abseits davon hat man in der Offense Maßnahmen getätigt.

Das beginnt bei den Investments in die Offensive Line, wo man mit OT Andre Smith (aus Cincinnati) und OG Justin Pugh (von den Giants) zwei neue Starter kaufte – beides keine Superstars, aber wesentliche Upgrades gegenüber den Backups, die letztes Jahr spielten. Die erste Reihe der Offensive Line liest sich damit zumindest nominell veritabel: LT Humphries (2017 nur 7 Starts), LG Iupati (nur 5 Starts), C Shipley, RG Pugh, RT Smith. Das ist schonmal besser als alles, was die letzten zwei Jahre vorhanden war.

Auf Runningback kehrt David Johnson, 2016 zum Star und heimlichen NFL-Offense MVP gereift, zurück. Johnson beendete letztes Jahr noch nichtmal das erste Saisonspiel. Und auf Quarterback ist Bradford selbst mit seinen Verletzungssorgen im Hinterkopf ein massives Upgrade gegenüber Stanton/Gabbert aus der letzten Saison.

Spannend wird die Verteilung der Snaps im Receiving-Corps werden. Der ewige WR Larry Fitzgerald wird mit 35 nicht jünger, hat 2017 aber stattliche 95% der Snaps gespielt und noch stattlichere 168 Targets gesehen. Hinter Fitzgerald gibt es Fragezeichen, die so weit gehen, dass in einem theoretischen 11-Personnel Lineup der Rookie-WR Kirk als fixer Starter eingeplant werden muss.

Und: Wer gibt den Tight End? Gresham letztes Jahr war mit 46 Targets bestenfalls eine Notlösung. Ist es der junge Seals-Jones (UDFA 2017, dessen erste Ansätze vielversprechend waren)? Oder findet die Zweckentfremdung statt und Arizona stellt das Franchise-Maskottchen Fitzgerald als gefakten Tight End auf?

So viele Fragen – und wir sind noch gar nicht auf das Kronjuwel der 2018er-Offseason eingegangen: QB Josh Rosen, der als 1st-Rounder im Draft kam und der den verdutzten Cardinals in den Schoß fiel, nachdem Buffalo überraschend den „anderen“ Josh, Josh Allen, gedraftet hatte.

Rosen, ich habe es schon einmal betont, passt perfekt ins provinzielle Arizona, wo nicht jede seiner (manchmal kontroversen) Aussagen auf die Goldwaage gelegt wird und wo es an Tabloids mangelt, die sich tagelang den Kopf über den angeblich zu intelligenten (!) QB Rosen zerbrechen. Also: Rosen, potenzieller Unruheherd in einem Markt wie New York, wird in Arizona nur sportlich ein Thema sein – und das ist gut für die Franchise.

Es ist nicht zu erwarten, dass Arizona Rosen sofort ins kalte Wasser wirft. Zu wertvoll ist Rosen, zu groß sind gerade zu Saisonbeginn die Zweifel an der Qualität der Offensive Line und der Anspielstationen. Dennoch: Dass Bradford nur einen Einjahresvertrag bekam, spricht Bände: Bradford wird seine Knochen einige Wochen lang hinhalten, bis man ausreichend Vertrauen in Rosens Reife aufgebaut hat. Spätestens zu Saisonmitte dürfte Rosen dann auflaufen.

Defense

Defense ist das Kerngebiet von Headcoach Wilks, dessen zonen-basierte Defense in Carolina allerdings anders gestrickt war als die hopp-oder-topp Defenses der Cardinals unter den DefCoords Bowles und Bettcher. Es soll aber eine 4-3 Base Defense werden.

Große Investments in die Defense wurden in Arizona diesmal nicht gemacht – eher muss man schauen, die Abgänge zu kompensieren: LB Dansby, CB Bethel und FS Tyrann Mathieu wurden ziehen gelassen. Beide sind nicht 1:1 ersetzt worden.

Im Pass Rush verlängerte man mit DE Chandler Jones. Eine echte Alternative zu Jones hat sich noch nicht aufgedrängt. Im Interior-Passrush scheint man auf die Entwicklung von DT Nkemediche zu bauen, der in zwei Jahren noch nicht viel gezeigt hat – der aber vor allem auch keine Waffe gegen den Lauf ist. Nicht wirklich überzeugend besetzt sehen die Nose-Tackle Position (Pierre oder Gunther?) und die andere DE-Flanke aus (Golden ist kein klassischer Edge-Rusher).

Eine theoretische Schwachstelle ist auch Cornerback, wo man in Patrick Peterson einen erstklassigen Manndecker hat, aber dahinter kaum Tiefe. Dass sich der aus Kansas City geholte Marcus Cooper etabliert, ist die aktuelle Wunschvorstellung. Die andere, dass man in der Zone-Coverage eh nur einen echten Star-CB braucht und die anderen das schon mit Scheming gebacken kriegen.

Die Wildcards sind LB/FS Deone Bucannon und LB Haason Reddick. Ersterer ist als ehemaliger Safety ein schneller Mann im Stile eines Shaq Thompson, der unter Wilks in Carolina reifte, aber mutmaßlich zu leicht für einen echten Schlüsselspieler in Run-Defense. Reddick dagegen ist vor allem jung: Letztes Jahr mit Pauken und Trompeten gedraftet, aber wechselhaft als Rookie. Reddick ist kein echter Strongside-Linebacker. Ist es also Bucannon? Ist er wirklich kräftig genug dafür gebaut?

Man kann also gespannt sein: Wilks kommt aus einer völlig anderen Schule an Defense: In Carolina war vieles um massierte Front Seven gebaut – Cornerbacks galten als eher austauschbar. In Arizona gibt das Spielermaterial eine derartige Defense eigentlich nicht her. Wie wird es Wilks also anlegen? Auch hier wirkt es ein bissl nach Schaun’mer mal was dieses Jahr geht und nächstes Jahr greifen wir dann richtig an.

Ausblick

Wie schon geschrieben: Ein Jahr des Umbruchs. Das sehen auch die Wettbüros so und geben auch aufgrund des knackigen Schedules nur 5.5 Siege aus – was mir niedrig erscheint. Denn Umbruch oder nicht: Arizonas Kader ist nicht schwach besetzt. Er hat nur an der einen oder anderen Stelle beschriebene Schwachpunkte bzw. Fragezeichen.

Doch egal wie viele Siege es am Ende sein werden: Arizona wird die Saison als Erfolg verbuchen, wenn man es schafft, QB Rosen erfolgreich in die Mannschaft zu integrieren und wenn sich auf Wide Receiver der eine oder andere Jungspund als Hoffnungsträger erweist.

Talent ist im Kader fraglos vorhanden. Es ist nicht undenkbar, dass Arizona schon nächstes Jahr mit viel Tamtam in die NFL-Saison geht und als dark horse gehypt werden wird. Allein: Dass man schon dieses Jahr die Playoffs in Angriff nehmen kann, scheint eher unrealistisch.

2 Kommentare zu “Arizona Cardinals in der Sezierstunde

  1. Ein Vergleich mit den Buffalo Bills ging mir gerade durch den Kopf auf letzte Saison bezogen, mit deiner Einschätzung der Cards.
    Unbeschwert in die Play Off gezogen, abseits aller Vorhersagen.
    Wer wohl das Überraschungsteam der neuen Saison wird?

  2. Pingback: Das waren die Sezierstunden 2018 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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