Green Bay Packers in der Sezierstunde

Die Green Bay Packers sind einer der alljährlichen Underachiever der NFL.

Diese Behauptung mag überraschen angesichts von acht aufeinanderfolgenden Playoffqualifikationen zwischen 2009 und 2016 – mit dem ersten Verpassen seit Äonen in der letzten Saison, als man den Großteil der Saison auf Superstar-QB Aaron Rodgers verzichten musste.

Jedoch ist die Bilanz der Packers vor allem angesichts des unglaublichen Quarterback-Talents Rodgers tatsächlich etwas mau:

  • 2009 Wildcards – gescheitert in einem enthemmten Offensiv-Kracher gegen Kurt Warners Cardinals
  • 2010 Superbowlsieg – nach 10-6 Regular Season, die dominanter war als es die am Ende knappe Playoffqualifikation erwarten ließe
  • 2011 Divisionalsone and done nach 15-1 Regular Season
  • 2012 Divisionals – zerlegt von Colin Kaepernicks 181-Rushing Yards Nacht
  • 2013 Wildcards – mit 8-7-1 in einer unterirdischen NFC North in die Playoffs gerutscht, in der ersten Runde zuhause von San Francisco besiegt
  • 2014 Semifinale – Der Meltdown von Seattle
  • 2015 Divisionals – nächste epische Niederlage bei Arizona in der Overtime
  • 2016 Semifinale – in Dallas noch knapp gewonnen, aber dann in Atlanta unter die Räder gekommen.

Und letzte Jahr ohne Rodgers mit der ersten losing season seit 2008. „Schlecht“ ist diese Gesamtbilanz nicht. Es ist sogar besser als das, was die New Orleans Saints mit einem ähnlich guten QB erreicht haben. Und dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass insgesamt mehr drin wäre.

Green Bay nutzte seit Jahren die vielen Stellhebel nicht, die sich einer NFL-Mannschaft bieten: Man kaufte fast nie von der Free-Agency ein. Man ließ DefCoord Dom Capers weiterwursteln obwohl seit 2011 nie mehr eine gescheite Defense am Feld stand. Man mied die Tight-End Position nach Jermichael Finleys Karriereende wie die Pest. Und man überließ Headcoach Mike McCarthy anstandslos das Play-Calling, selbst nach dem katastrophalen Ausscheiden in Seattle in der Saison 2014/15, als McCarthy es versäumte, die bereit liegenden Sargnägel einzuschlagen.

Jetzt wird alles anders!

Zumindest fast, denn McCarthy durfte Headcoach bleiben. Aber drum herum wurde in Green Bay ordentlich aufgeräumt.

So kam es im Front-Office zur Wachablöse: Ted Thompson dankte halb gewollt, halb gedrängt, nach 13 Jahren als General Manager ab und wechselt in die Strategieabteilung. Er trägt ab sofort den Titel des „Senior Advisors for Football Operations“ – die alte Masche: Möglichst hochtrabende Bezeichnung für eine möglichst unbedeutende Beraterstelle.

Das Sagen haben ab sofort die Jungen, namentlich zum GM beförderte bisherige Personalchef Brian Gutekunst (eine interne Lösung). Gutekunst vollzog sofort einen Kurswechsel und sorgte NFL-weit für Erstaunen, als er auf dem Transfermarkt begann, Free Agents einzukaufen.

Die Fänge in seiner ersten Offseason sind durchwegs bekanntere Namen: TE Jimmy Graham (aus Seattle), TE Marcedes Lewis (aus Jacksonville), DE Muhammad Wilkerson (von den Jets) und CB Tramon Williams (ein Rückkehrer, zuletzt Cardinals, war 2006-2014 neun Jahre lang ein Packer). Sie stoßen in einen Kader, der seit Jahren nur noch Blutauffrischung durch Rookies erfahren hatte.

Dazu wurde DefCoord Capers in den Ruhestand geschickt und durch den interessanten Mike Pettine ersetzt. Pettine stand in New York und Buffalo für exzellente, aggressive Defense, die nicht lange fackelt und durch Zone-Exchanges für Verwirrung in der Offense sorgt. Ihm wurde via Draft mit aktiven Trades ordentlich Munition gegeben: Zweimal Cornerback und einmal Linebacker in den ersten drei Runden.

Der letzte wesentliche Neue ist ein Rückkehrer: OffCoord Joe Philbin, ein Vertrauer von Aaron Rodgers, der das Scheming in der Offense übernehmen soll. Philbin wird als Prellbock zwischen den Alphatieren Rodgers und McCarthy installiert, wo es über die Jahre immer wieder zu semi-öffentlichen Reibereien gekommen war. Mit solchen Dingen kennt sich Philbin seit seiner Zeit als Dolphins-Chefcoach bestens aus.

Offensive Ausrichtung

Green Bay ist in der Rodgers-Ära eine Offense der vielen Anspielstationen. Das war schon vor zehn Jahren so, als Rodgers noch ein unerfahrener Grünschnabel hinter einer löchrigen Offensive Line war. Aber das Credo war immer: Die beste Protection sind möglichst viele Anspielstationen.

Das sorgte in Green Bay für manchmal problematische Offense in der Redzone – dort, wo Physis gefragt ist und Passspiel aus 12 und 21 Formationen viel besser funktioniert als die in Green Bay so beliebten Spread-Aufstellung mit 4 oder 5 Receivern. Nun haben die Packers in einer einzigen Offseason den langjährigen WR1 Jordy Nelson abgegeben und gleich zwei Tight Ends eingekauft: Graham und Lewis.

Theoretisch würde ein Move Richtung mehr 2-WR Sets Sinn machen, aber wir dürfen nicht vergessen, dass Green Bay nach Arizona die krasseste Spread-Offense in der NFL spielt: 2016 hatte man 27% der Snaps mit 4 oder mehr Receivern, 2017 waren es noch immer 17% zumindest in den Spielen, in denen Rodgers fit war (mit Hundley waren es deutlich weniger).

Wie realistisch ist es, dass Philbin die Offense, die 2016 in 80% der Fälle mindestens 3 WR am Feld hatte und 2017 mit Rodgers immer noch in 76% der Fälle, jetzt umstylt und mit mehr heavy personnel auflaufen lässt?

Auf der anderen Seite: wenn schon so viele Wide Receiver – wen haben die Packers überhaupt zum Aufstellen? Nelson sah 16% der Anspiele – er war zwar tief nicht mehr gebräuchlich (nur 3 Completions in 17 Versuchen), aber auf kurzen Distanzen brachte er noch Wert. Sein Ersatz wird vielleicht Geronimo Allison (7% der Anspiele, allerdings nur 6x tief).

Fix gesetzt sind Davante Adams (21% der Targets, 10/22 deep completions, 54% SR overall) und der Slot-Guy Randall Cobb (17% Targets, auf tiefen Routen mit 2/9 Catches nicht zu gebrauchen, aber mit 75% Success-Rate über die kurze Spielfeldmitte eine 1st-Down Maschine. Dahinter ist so vieles offen, dass aktuell auch nicht auszuschließen ist, dass der deutschstämmige WR St. Brown (Draftee in der 6ten Runde) einen Roster-Platz bekommt.

Zu erwarten ist auch ein verstärkter Einsatz der Runningbacks (RB Jamaal Williams mit 35 Targets letztes Jahr) und natürlich von TE Jimmy Graham.

Defense

Egal wie negativ sein Name nach der unglücklichen Zeit als Headcoach der Browns und zwei folgenden Jahren in Arbeitslosigkeit konnotiert sein mag: Pettine als DefCoord ist eine coole Verpflichtung. Sie wird nach Jahren der Passivität einen Schub nach vorne bringen.

Die Defense braucht mehr Stabilität gegen den Lauf, mehr Aggressivität im Pass Rush und mehr Tiefe in der Deckung.

Die Packers sind vieles angegangen: Front Seven mit dem Einkauf von DT Wilkerson aus New York und dem 3rd Rounder Oren Burks auf Linebacker, Pass Rush mit Pettines Einstellung und Secondary mit der Verpflichtung von drei neuen Cornerbacks: CB Jaire Alexander (1st Rounder Draft), CB Josh Jackson (2nd Rounder Draft) und CB Williams über den Transfermarkt. Dafür wurde DB Quinton Rollins an die Browns abgegeben.

Alexander, Jackson und Williams stoßen in einen Kader, der überdies noch den jungen Kevin King (Draftee 2017) bereithält. Es sollte nun ausreichend Cornerbacks für eine vertiefte Rotation geben. Vielleicht wird Jackson sogar auf Safety geschoben. Insofern durchaus realistisch, dass die berüchtigten Coverage-Breakdowns der Packers der Vergangenheit angehören.

Vorne wird spannend werden, ob Pettine die 2-Man DL von Vorgänger Capers übernimmt, oder ob er sich mehr in Richtung 3-Man oder 4-Man DL orientiert. Tiefe hätte er mit Wilkerson, Daniels, Clark, Evans, Looney und Lowry mittlerweile genug – und die OLBs Matthews bzw. Perry werden a) nicht jünger und b) waren häufig verletzt.

Ausblick

Organisatorisch und zumindest in der Defense ist das durchaus ein Richtungswechsel, den Green Bay hier vollzieht. In einer immer enger werdenden NFC wird es jedoch auch in der Offense zumindest eine Kurskorrektur brauchen, die über „Aaron Rodgers ist zurück“ hinausgeht.

Rodgers zu haben ist super und vielleicht das größtmögliche Upgrade in einem NFL-Kader. Aber es allein wird nicht reichen. Die Offense-Coaches müssen das Play-Calling optimieren um alle Optionen auszureizen. Green Bay muss…

…hie und da auf 4th Down Conversion gehen, auch früh im Spiel.
…verstärkt aus 12 und 21 Formationen werfen und die Runningbacks und Tight Ends auch in der gegnerischen Redzone im Passspiel einbeziehen.
…höhere Lauf-Quote in 2nd&short Situationen callen, vor allem in der Redzone.

Die Packers sind für einen Generalangriff in der NFC nicht schlecht aufgestellt, aber die Konkurrenz ist groß und mein Vertrauen in einen Coaching-Bolzen von McCarthy in der Crunch-Time ist größer als mein Vertrauen in ein gut gecalltes Playoffspiel. Ich würde Green Bay durchaus als guten Playoff-Tipp in der NFC sehen – aber für die Superbowl muss mehr her: Es braucht Divisionssieg und Heimspiel in den Playoffs, es braucht einen Rodgers in Topform und es braucht einen Offensiv-Coach mit Eiern in der Hose.

6 Kommentare zu “Green Bay Packers in der Sezierstunde

  1. Schöne Zusammenfassung der Offseason.

    Was etwas zu kurz kommt: Das Running Game hattest du gar nicht erwähnt, könnte aber durchaus spannend zu sehen sein, wer denn der nominelle Nr.1 RB wird (so fern alle gesund bleiben) und ob es dieses Jahr gelingt mal wieder ein vernünftiges Laufspiel aufzuziehen…

    Hinweis: Damarious Randall wurde an die Brows abgegeben. Rollins ist noch immer bei den Packers 😉

  2. zur McCarthy-Situation: positiv ist, dass es nun keine Ausreden mehr gibt wenn auch diese Saison „verschwendet“ wird. Negativ hingegen dass McCarthy jetzt nur noch von Team-Präse Murphy gefeuert werden kann, der GM hat keine Möglichkeit den HC zu sacken – man hat mit dem Übergang zu Gutekunst auch die Zuständigkeiten geändert.
    Und Mark-„Playoffs are enough“-Murphy wirkt wenig hemdsärmelig.

  3. Divisionssieger ist möglich, allerdings Kopf an Kopf gegen die Vikings. Eventuell leichter Vorteil im Schedule für die Packers.

  4. Ich halte McCarthy auch nicht für den besten Trainer der NFL, aber so negativ wie du sehe ich ihn nicht.
    Mit einer ähnlichen Argumentation kann man auch den schon erwähnten Sean Payton, aber auch Mike Tomlin oder Andy Reid attackieren. An allen genannten und an McCarthy gibt es zurecht Kritik, sei es jetzt Playcalling (McCarthy), schlimme Fehler in KO-Spielen (McCarthy, Reid), Abschneiden trotz Top-QB (McCarthy, Tomlin, Payton), aber trotzdem spielen ihre Mannschaften mit einer Konstanz die außerhalb von New England nur wenige HC und Mannschaften erreichen (na gut, die Browns… aber die sind konstant auf dem falschen Niveau 😉 ).
    Eine Rangliste der besten Trainer ist schwierig, weil letztendlich alle mit unterschiedlichen Situationen klar kommen müssen aber wir sind uns sicherlich einig dass wir hier nicht über Trainer wie Lewis bei den Bengals, Caldwell bei den Lions, John Fox oder Jeff Fisher bei den Rams reden.

    Ansonsten bin ich deiner Meinung: GB hatte in den letzten Jahren immer wieder unvollständige Teams, gerade in der Defense. Matthews alleine macht noch keinen Pass Rush, der erste Versuch das Backfield zu stärken (Drafts seit Clinton-Dix) ist schief gegangen und die jungen LBs aus den letzten Jahren verdienen es sicherlich, sich in der NFL zu entwickeln aber für ein Team mit dem Anspruch von GB war der Kader auch dort dünn. TT hat ja immer das Mantra „Build through the draft“ hochgehalten, nur wenn man sich anguckt wie Teams wie die Eagles und die Rams die steigende Cap nutzen um das Team gezielt mit FAs aufzustocken hat man das Gefühl, dass TT da eine Möglichkeit bzw Entwicklung verschlafen hat. Natürlich hätte er nicht in dem Maße einkaufen können wie die Rams und Eagles mit vielen Rookie-Verträgen, aber das hätte er ja auch nicht gemusst um die Packers besser aufzustellen. Dem Kader fehlt ja trotz allem nicht soo viel.

    Um noch einmal auf McCarthy zurück zu kommen: Wenn man sich dann noch anguckt wie häufig Trainerwechsel schief gehen bzw verpuffen (McAdoo, Kötter, Browns, Chicago in den letzten Jahren, Jets, Dolphins) finde ich es vor dem Hintergrund, dass man auch TT einen großen Vorwurf machen kann (und über Capers habe ich noch gar nicht geschrieben, der kommt ja bei dir zurecht auch negativ vor) schon fast absurd über ihn zu diskutieren.

  5. RE: McCarthy. Ich habe immer wieder betont, dass ich McCarthys Arbeit durchaus schätze, solange wir von seiner Arbeit außerhalb des Sonntags sprechen. Natürlich gewinnst du keine Superbowl und auch mit Rodgers keinen Blumentopf, wenn du von Scheming udgl. keinen Tau hast.

    Doch McCarthy machte sich mehr als einmal die gute Vorbereitung mit indiskutablem Play-Calling zunichte. Und daran scheitert Green Bay.

    Ein weiteres Beispiel? Green Bay war 2017 selbst mit QB Hundley in kurzen 2nd und 3rd Downs enorm passlastig. Im 2nd&short mit 48% Pass-Quote die #2 der Liga, im 3rd&short die #6 mit 55% Passquote (NFL jeweils mit rund 32%) – und das, obwohl das Packers-Laufspiel mit 72% Success-Rate weit erfolgreicher war als der Pass (Pass-SR: 55%).

    Das sind Bolzen, die einfach wären auszumerzen. Einfach mal eine halbe Stunde vor den Laptop setzen oder dem Praktikanten mit Brille auf der Nase zuhören.

  6. Pingback: Das waren die Sezierstunden 2018 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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