Houston Texans in der Sezierstunde

Eine der faszinierenden Mannschaften vor der anstehenden Saison: Die Houston Texans. 2017 auf 4-12 Siege abgestürzt, aber vor der anstehenden Saison dennoch mit großen Hoffnungen. Diese nähren sich vor allem aus dem Umstand extrem vieler Rückkehrer aus dem Krankenstand sowie dem mutmaßlich einfachsten Schedule für die Saison 2018.

Wie viel Pech hatten die Texans in der letzten Saison?

DE J.J. Watt und DE Whitney Mercilus verabschiedeten sich in Woche 5 auf die Injuried Reserve. QB Deshaun Watson, die Entdeckung der letzten Saison, folgte ihnen vier Wochen später mit einem Kreuzbandriss im Training. Houston war die #30 nach Adjusted Games-Lost in der Offense und die #26 in der Defense, u.a. die #31 in der Defensive Line.

Der einzige wesentliche Roster-Spot in der Offense neben den Runningbacks, der als #18 der AGL halbwegs verschont blieb, war die Offensive Line, die jedoch spätestens nach dem Verkauf von LT Duane Brown an die Seahawks in der Startformation dermaßen blamabel selbst im ersten Anzug besetzt war, dass auch die Stammformation als Desaster durchgeht.

Wie schlecht war die Offensive Line? 40% QB-Pressure Rate overall, #32 der Liga – und die beiden Stamm-QBs Watson (42% Pressure-Rate) und Savage (39% Pressure-Rate) waren die 1t- und 4t-meist unter Druck gesetzten Quarterbacks der NFL. Resultat, obwohl Watson aus 6 QB-Pressures nur 1 Sack aufgab: 54 Sacks gegen die Offense, 9.3% Sack-Rate, #31 der Liga (nur Indianapolis war schwächer).

Viel Munition hatte das Front-Office in der Offseason nicht, da man die wesentlichsten Draftpicks bereits im Vorfeld verkauft hatte: Den 1st-Rounder (#4 overall) hatte man 2017 an Cleveland verkauft um Deshaun Watson kaufen zu können, den 2nd Rounder (#35) ebenso an Cleveland, um den Monster-Vertrag von QB-Flop Osweiler loszuwerden.

Also blieben Free Agency und spätere Draft-Runden, und dort holten die Texans gleich mehrere Offensive Liner, die theoretisch starten könnten:

  • C / OG Zach Fulton aus Kansas City
  • OT Seantrel Henderson, formerly Bills
  • OG Senio Kelemete aus New Orleans
  • OT Martinas Rankin in der 3ten Runde Draft, allerdings plagt sich Rankin seit Wochen mit einer Fußverletzung herum und wird kaum zum Saisonstart fit sein

Sehr viel mehr gab der eher maue Markt auf Offensive Line auch nicht her – also kann man fast von einem „All-in“ der Texans aus Offensive Line sprechen. Passivität kann man sich also nicht nachsagen lassen.

Entwickle QB Deshaun Watson

QB Watson war die Offenbarung des Jahres – und seine Rückkehr nach Kreuzbandriss ist der Hauptgrund, weshalb aus Houston doch deutliche Vorfreude auf die anstehende Saison zu vernehmen ist. Watson, schon zu College-Zeiten einer meiner All-Time Favoriten, war der große Lichtblick einer über weite Strecken mäßigen NFL-Saison 2017. Sein Shootout mit Russell Wilson in Seattle war das sensationelleste Spiel der kompletten Regular Season.

Wilsons Dominanz schlug sich auch auf dem Stat-Sheet wieder:

  • NY/A: Watson 7.1 – Backups 5.0
  • ANY/A: Watson 7.2 – Backups 4.4
  • TD%: Watson 9.3% – Backups 2.9%
  • Pass SR%: Watson 53%, Backups 43%

Dazu war Wilson ein phänomenaler Scrambler: 36 Rushes, 61% Success-Rate für 7.5 Yards pro Rush. Kein Quarterback inklusive Cam Newton hatte ähnlichen Wert als Läufer.

Angesichts solcher Zahlen ist es kaum zu glauben, dass O’Brien letztes Jahr mit Savage als Starter in die Saison gehen wollte. Doch so gut Watson war, so viel Arbeit kommt auf ihn und den Coaching-Staff um Bill O’Brien jetzt zu: Denn es wird sich kein Gegner mehr finden, der sich von Watson übertölpeln lässt. Es sind zwar nur 7 Spiele – aber es sind 204 Pässe und 36 Läufe als Tape. Das reicht der NFL für gewöhnlich, um aufzuschließen.

Das Gute: Es gibt klare Anhaltspunkte, woran man bei Watson arbeiten muss. Zum einen ist es seine Performance unter Druck, wo Watson fast 1.5 Yards/Versuch weniger zustande brachte als ohne Druck. Den einen Teil der Lösung bringt die verbesserte Offensive Line. Den anderen Teil brächte eine veränderte Aufstellung. Houstons Offensiv-Personal 2017 war analog dem NFL-Trend sehr 11-Personnel lastig (74% der Texans-Pässe wurden aus dieser Formation geworfen), aber die Effizienz ließ zu wünschen übrig:

  • 11-Personnel: 74% der Pässe, 38% Success-Rate
  • 12-Personnel: 12% der Pässe, 52% Success-Rate
  • 21-Personnel: 7% der Pässe, 49% Success-Rate
  • 20-Personnel: 6% der Pässe, 44% Success-Rate

Sets mit 2 Tight Ends waren die mit Abstand erfolgreichste Pass-Formation für die Texans. (im Übrigen war auch das Laufspiel aus 12-Formation mit 46% Success-Rate klar erfolgreicher als aus 11-Personnel: 38% Success-Rate). Die Erklärung hierfür liegt auf der Hand: Schwache Protection wird etwas solider mit mehr Blockern. Wobei der TE Stephen Anderson auch durchaus als immer besserer Receiver durchgeht.

Auch WR Nuk Hopkins war in 12 und 21 Personnel eine Augenweide: 30 Anspiele, 21 Success für sagenhafte 70% Erfolgsquote. Das passt zu Hopkins, dem es scheißegal ist, gegen wen er antreten muss und wie stark sich der Gegner auf ihn konzentrieren kann – Hauptsache, der QB bekommt genug Zeit zum Werfen, dann geht bei Hopkins im 1-vs-1 mit dem Cornerback immer etwas.

Eine weitere Auffälligkeit bei Watson: Er war ein okayer Deep-Passer, aber kein überragender: Entlang der rechten Flanke und über die tiefe Mitte 13% bessere Success-Rate als der NFL-Schnitt, aber an der linken Flanke 8% schlechter als die NFL (siehe Grafik). Und nein, das liegt nicht daran, dass Hopkins fast immer rechts aufgestellt war: Im Gegenteil, Hopkins wurde von Watson tief rechts 10x angespielt, tief links nur 5x.

Eine weitere Auffälligkeit in Watsons Passspiel offenbart der detaillierte Split an Passversuchen und Success-Rate pro Down:

Deshaun Watson - Passing 2017.PNG

Watson war ein hyper-aggressiver Werfer im 1st und 2nd Down mit jeweils über 30% Deep-Pässen, aber vergleichsweise äußerst konservativ im 3rd Down mit nur noch 16% Deep-Ball Quote. Nicht nur in Quantität war Watson konservativ, auch in der Länge der Würfe: Über 60% der Anspielziele waren hinter der Anspiellinie. Im Schnitt landete Watsons 3rd-Down Pass 3.2 Yards hinter der Anspiellinie – Territorium Alex Smith oder Derek Carr.

Das ergibt von Watson ein Gesamtbild einer Rookiesensation mit klaren Verbesserungsmöglichkeiten. Watson muss sein Passspiel besser temperieren: Weniger hopp-oder-topp in den ersten beiden Downs (auch um den Ball schneller auszubekommen und weniger dem Druck ausgesetzt zu sein), dafür mehr Aggressivität im 3rd Down. Dazu ist das tiefe Passspiel über seine Blind-Side nur suboptimal – ob es an seiner Wurfbewegung oder anderen Dingen liegt, ist schwer zu beurteilen.

Defense

Houstons Defense war 2017 nur die #29 nach meinen Metriken, inklusive mit 7.1 NY/A gegen den Pass die #30. Der durchaus etwas maue Pass-Rush wird Verstärkung durch die Rückkehrer Watt & Mercilus bekommen und im Defensive Backfield wurden einige Einkäufe getätigt, die einer Pass-Deckung helfen sollen, die 10% deep-ball Completions hinnehmen musste (Completions über 20 Yards), #28 der Liga:

  • FS Tyrann Mathieu als Free Agent aus Arizona
  • CB Aaron Colvin
  • SS Justin Reid im Draft (3te Runde).

Mathieu war nun zwei Jahre nicht mehr voll auf der Höhe, weil von vielen Verletzungen geplagt… die Cardinals würden behaupten „ruiniert“: Sie feuerten ihn aus eigenen Stücken nach Ende der letzten Saison. Doch Mathieu war in seinen 2-3 fitten Jahren immer einer der besten Verteidiger in der NFL. Er ist ein potenzieller Superstar.

Nicht unlustig ist die Einberufung von Justin Reid im Draft: Reid ist der Bruder von Eric Reid, dem bei den 49ers in Ungnade gefallenen Safety. Eric war einer der lautesten Hymnenprotestler – bekanntlich ist Texans-Owner Bob McNair einer der strammsten Hymnensteher mit den lautesten Beschimpfungen in Richtung Aktivisten.

DefCoord Mike Vrabel wurde vom Divisionsrivalen Tennessee als Headcoach abgeworben, also wird wieder Vrabels Vorgänger Romeo Crennel das Tagesgeschäft im Defense-Design übernehmen. Vrabel galt als Coordinator, der zu häufig in Base-Personal auflaufen ließ und seine Talente nicht immer ideal einsetzte (DE Clowney z.B. mit ca. 8 Snaps/Spiel in Deckung anstatt in Passrush).

Wesentlichster Abgang auf Spielerseite ist LB Cushing, der aber eh fast immer verletzt war; McKinney und Cunningham haben sich schon die letzten Jahre als adäquate Ersatzleute präsentiert.

In der Spitze ist Houston in der Defense personnel auch exzellent besetzt: DE Clowney, Mercilus und Watt als Pass Rusher in der Front Seven ist ein Traumszenario, selbst wenn Watt nie mehr seinen Level 2012-2015 erreichen sollte. Auf Cornerback ist man mit einem Trio Jackson / Joseph / Colvin ebenso auf dem Blatt hervorragend besetzt – mit einem Kevin Johnson als ehemaligem 1st Rounder in Hinterhand (Johnson galt als Nickelback als Flop). Dazu Mathieu. Aber bei allen der Zusatz: Wenn sie fit bleiben. Allzu tief besetzt ist die Defense hinter dem ersten Anzug im Prinzip nicht.

Ausblick

QB Watson, WR Hopkins, DE Clowney, DE Watt, FS Mathieu – Fünf Namen, die in NFL-Kreisen für Zungenschlecken sorgen. Und dennoch bleibt den Texans seit Jahren der Durchbruch versagt: Früher war das Quarterbacking abstrus – 2017, als man zum ersten Mal einen QB hatte (wenn auch nur für wenige Wochen), kollabierte die Defense unter allzu vielen Verletzungen.

Nun hat man gemessen an dem, was man zur Verfügung hatte (eben nur späte Draftpicks und wenig Cap-Space), eigentlich positive Moves gemacht: Offensive Line aufgebolstert, preiswerte Defensive Backs mit Upside verpflichtet. Das Front-Office hat seinen Job also gemacht.

Nun liegt es an den Coaches, die richtigen Schlüsse aus dem Zahlenmaterial zu ziehen: Offense weg von 3-WR Sets designen, hin zu mehr 2-WR Sets mit 2 Tight Ends oder 2 Runningbacks, Watson im 3rd Down mehr von der Leine lassen, Watsons Schwäche auf deep left anzugehen.

Auf Verletzungsglück kannst du in der NFL von heute nur hoffen, nicht dafür planen. Der Kader ist nicht allzu tief, aber wenn diesmal mehr Stars heil durch die Saison kommen, ist auch ein gutes Resultat drin – bis hin zum Divisionssieg: Denn obwohl die AFC South nicht mehr der Jammerhaufen von früher ist, haben die Texans noch immer den einfachsten Schedule der Liga: #32 Offense und #32 Defense nach Warren Sharp.

Dass sich ein Team innerhalb eines Jahres vom Bodensatz zum Playoff-Aspiranten hocharbeitet, ist in der NFL nicht selten. Die Houston Texans haben viele Ingrendienzien einer solchen Mannschaft. Divisionssieg nicht ausgeschlossen.

5 Kommentare zu “Houston Texans in der Sezierstunde

  1. Die AFC South ist für mich die ‚Unbekannte‘, die das Zünglein an der Waage spielen kann gegen ihre Gegner in der AFC East und NFC East. Deshalb auch keine Ahnung wem ich den Divisionssieg zutraue. Tennessee, Jacksonville oder Houston.

  2. Gute Analyse, die meine Erwartungen, aber auch meine Bedenken gut erfasst. Und endlich mal jemand, der die O-Line Moves der Texans zu würdigen weiß, es tun viele ja so, als wenn die Texans Watson nicht beschützen wollten.

    Einzige Anmerkung: unser Nickel-Back war in den letzten Jahren Kareem Jackson, der ebenso wie der letztjährige Rookie DeCout auf Safety eingesetzt werden soll. Kevin Johnson konnte seinem First Round Pick durch Verletzungen nie wirklich gerecht werden. CB ist für mich deshalb recht dünn besetzt, könnte mir gut vorstellen, dass einer aus dem Safety-Trio Matthieu, Reid und Jackson dauerhaft Nickel-Back spielen muss, obwohl die Aussage der Trainer anders lautet.

  3. Noch ein von den Erbsen abgezählter Einwand: oben im Text kommen Wilson und Watson an und an durcheinander 😉

  4. Pingback: Das waren die Sezierstunden 2018 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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