Chicago Bears in der Sezierstunde

Ein Blick auf die Chicago Bears, oft als dark horse für die kommende Saison genannt.

Warum?

Gründe dafür gibt es viele. Chicagos 5-11 Bilanz der letzten Saison unterschätzte das wahre Leistungspotenzial der Mannschaft: Nach Pythagorean war man ein Team 6.2 Siegen – und man verlor 5 der 7 one score games. Natürliche Regression wahrscheinlich.

Der ultrakonservative (um nicht zu sagen: überholte) Head Coach John Fox wurde entlassen und durch das dynamische Offense-Duo Matt Nagy (neuer Headcoach) / Mark Helfrich (neuer OffCoord) ersetzt. Sie bringen neuen Schwung und moderne Ideen in die Offense.

Der Skill-Player Pool in der Offense wurde mächtig aufgerüstet: WR Allen Robinson kommt als neuer WR1 aus Jacksonville, WR Tyler Gabriel als geschwindige WR2-Option aus Atlanta, Anthony Miller als Slot-Option aus der 2ten Runde Draft und TE Trey Burton aus Philadelphia.

Offensivwaffe Cohen ist für Nagy sowas wie der „neue Tyreek Hill“.

QB Mitchell Trubisky geht in sein zweites Jahr. Mit neuem Offense-Scheme, neuen Skill-Playern, starkem Laufspiel und mehr Erfahrung sollte er einen Quantensprung nach vorne machen.

DefCoord Vic Fangio, Stratege hinter einer bereits starken Defense, wurde dagegen behalten. Ihm wurde mit LB Roquan Smith einer der faszinierenden 1st-Round Prospects in den Kader gedraftet.

Verletzungspech: Chicago war unter Fox so verletzungsgepeinigt wie kein anderes Team: 2016 abgeschlagene #32. 2017 die #31 mit der #26 Offense und #30 Defense.

Und schwupps – schaut die Zukunft plötzlich rosarot aus.

Offense

Nagy und Helfrich stehen ganz klar für WR-lastigere Formationen und schnellere Offense. Sie stehen vor allem für variablere, schwerer auszurechnendes Play-Calling. Helfrich verfügt zudem aus dem College Football über enormes Wissen, was RPO (Run/Pass Options) angeht – und wir wissen, dass Trubisky ein mobiler Bursche ist.

Sie werden Trubisky häufiger als 50% in Shotgun-Formation stellen, zumal Trubisky aus dem College vor allem Shotgun kennt. Aber viel wichtiger: Sie werden nicht wie unter Fox ganz klar als „Shotgun = 87% Passspiel“ und „under Center = 76% Laufspiel“ einzuordnen sein. (Die NFL wirft in Shotgun nur zu 77% und läuft under Center nur in 67% der Fälle). Zum Vergleich: Nagy spielte in Kansas City in mehr als 2/3 der Fälle Shotgun und ließ dabei nur zu 70% werfen.

Das trifft sich gut mit Chicagos Stärken, denn ein vergleichsweise eher hohe Lauf-Quote aus Shotgun gilt als eine der Stärken des exzellenten Bears-RB Jordan Howard.

Außerdem: Chicago wird unter den neuen Coaches mehr 11-Personnel in Chicago spielen, gerade jetzt, wo Wide Receiver wie Sand am Meer eingekauft wurden: 2017 hatte Chicago mit nur in 41% der Aufstellungen 11-Personnel. Dabei warf die Offense fast immer: 77% Pass-Quote. In anderen Formationen wurde fast immer gelaufen: 12 Personnel (Pass-Quote nur 39%), 13 und 22 (Pass-Quoten unter 15%) waren eindeutige Indikatoren für Laufspiel.

Natürlich bestehen auch Fragezeichen: Robinson kommt von Kreuzbandriss zurück, und wenn alle drei mutmaßlichen Starting-Receiver plus TE Burton neu sind, wird es Einspielzeit brauchen. Zudem ist Burton aus Philadelphia keine Stammrolle gewohnt und der Backup-WR Kevin White (1st Rounder von 2015) hat nach zahlreichen Verletzungen in drei Jahren so gut wie nie gespielt.

Zudem hat Trubisky in seiner Rookiesaison nur über die Spielfeldmitte adäquate Zahlen geliefert; über die Seitenlinien sind seine Effizienzzahlen horrend. Generelle Schwäche oder durch Coaching und vernünftiges Play-Calling zu beheben?

Und der letzte Punkt: Trubisky war unter Druck einer der schlechtesten QBs der NFL: Unter 4.5 NY/A. In der Offense Line spielt mit Daniels vermutlich nun ein Rookie, was Risiken birgt. Aber kann Erfahrung und quickeres Spielzugdesign Trubisky vor allzuviel Druck schützen (2017: 34% QB-Pressure Rate, was eher hoch ist).

Defense

Fangios Defense wird relativ unverändert in die neue Saison gehen: LB Smith als neuer Play-Maker und DT Earl Mitchell wurden gedraftet bzw. gekauft und verstärken die #14 Defense nach meinen Metriken. Die Schwächen lagen vor allem in 3rd-Down Defense (#21) und in der geringen INT-Quote (nur 1.5% INTs resultierte in nur 8 INTs). Das sind volatile Statistiken.

Mit DE Floyd hat man einen explosiven Passrusher, in DE Lynch zumindest eine ernst zu nehmendende Alternative an der anderen Flanke, in den LBs Smith/Trevathan zwei starke Off-Ball Linebacker, mit den CBs Fuller/Amukamara zwei starke Manndecker und im Safety-Pärchen Amos/Jackson gute tiefe Absicherung. Das ist ein Grundgerüst, auf dem sich aufbauen lässt, vor allem, sollte man mal eine Saison ohne Ausfall der halben Starting-Unit auskommen.

Das eine große Fragezeichen vor Beginn der Preseason: Mit Roquan Smith befindet man sich noch in Vertragsstreitigkeiten. Gemessen an dem, was die NFL immer wieder an Verträgen aushandelt, ist es geradezu lachhaft, woran es bei Smith scheitert. Smith verliert nun wertvolle Aufbauarbeit und sorgt für unnötige Störfeuer.

Ausblick

Die positiven Vibes um die Bears sind nachvollziehbar: Chicago 2018 hat viele Ingrendienzien eines Sleepers. Der wesentlichste Faktor ist natürlich die Hoffnung auf einen Leistungssprung bei Trubisky, der eigentlich optimal vorbereitet wurde: Trainerneulinge und Spielereinkäufe waren exzellent und zielen genau in Richtung Trubisky.

Mitchell muss nur noch liefern.

Was zur Zurückhaltung auffordert, ist allerdings die NFC North Division, wo mit Green Bay und Minnesota zwei Brocken spielen, die nicht einfach zu überholen sind. Wildcard-Rennen wäre natürlich auch eine coole Sache, doch nachdem in der NFC West vermutlich zwei und in der NFC South im worst case sogar drei Mannschaften um Wildcard kämpfen können, wird eine Playoff-Qualifikation für Chicago schon eine deftige Sache.

Aber, hey: Wenn in der NFC nun auch noch Chicago ernsthaft mitmischt, kann kein Mensch etwas dagegen haben. Selten ein so hochwertiges Conference-Rennen erwartet wie die NFC 2018.

2 Kommentare zu “Chicago Bears in der Sezierstunde

  1. Pingback: Das waren die Sezierstunden 2018 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  2. „Fangios Defense wird relativ unverändert in die neue Saison gehen“.
    Update. Willkommen Khalil Mack.
    Wie ich jetzt hoffe, dass Trubisky diese Saison irgendetwas auf die Reihe bringt. Nur ein ganz kleines bisschen, dann ist wird Chicago echt schön anzuschauen…

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