Detroit Lions in der Sezierstunde

Umbau der Detroit Lions nach dem Verpassen der Playoffs in der letzten Saison. Eine 9-7 Bilanz konnte Head Coach Jim Caldwell nicht retten – er wurde direkt im Anschluss an die letzte Saison gefeuert und durch den ehemaligen DefCoord der Patriots, Matt Patricia, ersetzt.

Coaching

Caldwell mag kein begeisternder Typ gewesen sein, aber er holte aus dem Lions-Kader nahezu das Maximum heraus, was möglich gewesen war: Drei Winning-Seasons mit zwei Playoff-Teilnahmen in vier Jahren – eine derartige Bilanz können in der jüngeren Lions-Vergangenheit nur wenige Coaches nachweisen und sind nach Jahren in der Cap-Hölle ohne Frontalangriff auf den Transfermarkt auch aller Ehren wert.

Am wichtigsten: Caldwells Mannschaften wurden selten abgeschossen, und QB Matthew Stafford wurde vom rücksichtslosen Gunslinger zu einem vollständigen Quarterback diszipliniert. Es mag diskutabel sein, ob Stafford statistisch wirklich ein besserer QB ist als zu Jim-Schwartz Zeiten, aber am Feld operiert er viel mehr als Ballverteiler als vor der Caldwell-Ära.

Das alles konnte den schweigsamen Caldwell nicht retten. GM Bob Quinn, ein Mann der New England-Schule, holte sich mit Patricia einen alten Buddy ins Haus. Patricia holte nun zwar mit DefCoord Paul Pasqualoni einen seiner ehemaligen Lehrmeister, behielt aber der Kontinuität wegen OffCoord Jim Bob Cooter, mit dem Stafford exzellent zu harmonieren scheint.

Matthew Stafford

Unter Cooter war Stafford eineinhalb Jahre lang wie „Ferrari in der Garage“: Ein Mann mit Turbo-Wurfarm, der fast nur Kurzpässe durfte um keine dummen Interceptions zu riskieren. Doch in der letzten halben Saison entwickelte sich Stafford in der Cooter-Offense mehr und mehr zum kompletten QB, der Woche für Woche immer weiter von der Leine gelassen wurde und teilweise sensationelle Deep-Ball Offense spielte.

Stafford war 2017 auf kurzen Distanzen (Anspielziel innerhalb 15 Yards um die Anspiellinie) relativ genau NFL-Durchschnitt, was Pass-SR% angeht. Aber downfield sieht die Geschichte anders aus: In insgesamt 97 tiefen Wurfversuchen holte Stafford eine um 14% bessere Success-Rate als der NFL-Durchschnitt heraus. Oder anders: Stafford hatte 56% Success-Rate auf tiefen Würfen – ein sensationeller Wert.

Cooters Aufgabe für 2018: Habe keine Angst vor deiner eigenen Courage. Stafford kann von der Leine gelassen werden, Stafford sollte von der Leine gelassen werden – vor allem im 1st Down. Dort war Detroit 2018 mit 52% Laufspiel im NFL-Schnitt unterwegs – und verschenkte mit nur 43% Success-Rate zu viele Yards (Pass-SR im 1st Down: 52%).

Problemkind Laufspiel

Als hilfreich sollte sich erweisen, dass der zentrale Schwachpunkt der Lions-Offense – das Laufspiel – mit Verve angegangen wurde. Laufspiel in Detroit war letztes Jahr mit 32% Success-Rate desaströs – und das war kein Einzelfall: Seit 2013 hat keine Mannschaft ein annähernd ineffizientes Laufspiel wie Detroit. Nun wurden Moves noch und nöcher gemacht:

  • Draft 1st Round C/OG Frank Ragnow
  • Draft 2nd Round RB Kerryon Johnson
  • Einkauf von RB Legarrette Blount aus Philadelphia

Dafür wurde der umstrittene Center Swanson an die Jets abgegeben. Das bedeutet auch Verzicht auf Passrush, die andere große Schwäche im Lions-Kader. Man kann mit Opportunitätskosten argumentieren, die gegen die teure Verpflichtung eines 1st Round Centers und 2nd Round Runningbacks sprechen, aber auf der anderen Seite: Welche besseren Optionen außer Pass Rush hätte Detroit gehabt? Bringt Ragnow die PS auf den Boden, hat Detroit eine nominell starke Line:

LT Tyler Decker (1st Round 2017)
LG Graham Glasgow
C Frank Ragnow (1st Round 2018)
RG T.J. Lang (teurer Free Agent 2017)
RT Ricky Wagner (teurer Free Agent 2017)

Es wäre also falsch zu behaupten, dass Quinn in den zwei Jahren seit Amtsantritt die seit Jahren schwelende Offense-Line Problematik ignoriert hätte. Vielmehr muss man nun konstatieren, dass in nur wenigen Mannschaften mehr Ressourcen in die Offense Line investiert wurden… was den Runningbacks Ausreden nimmt. Das momentane Backfield der Lions ist nach den vielen Verpflichtungen nun sogar überbevölkert:

  • RB Legarrette Blount – neuer Einkauf vom Transfermarkt, Brecher-Typ, der Gegner überläuft. Hatte gute Jahre in New England und zuletzt eine gute Post Season/ Superbowl in Philadelphia, war aber bei einem kurzen Intermezzo in Pittsburgh ein Flop und hat den Ruf, „System-Back“ und ein schwieriger Typ zu sein. War in Philadelphia der ineffizienteste der vielen Backs, sei es aus Shotgun, wie aus normaler Formation.
  • RB Kerryon Johnson – Draftee aus der 2ten Runde 2018. Guter Inside-Runner, brauchbarer Receiver, aber relativ lange Krankenakte und natürlich: Teuer für einen Runningback.
  • RB Ameer Abdullah – Explosiver Runningback, aber bislang in der NFL enttäuschend ineffizient. Spielte letztes Jahr in nur zwei Spielen mehr als 50% der Offense-Snaps, nach Thanksgiving nur noch 39 Snaps (ca. 12% der Snaps).
  • RB Theo Riddick – fangstarker Back. 2017 in 45% der Snaps eingesetzt, hat seinen Platz im Kader fast sicher. 48% Success-Rate als Receiver in den ersten beiden Downs.
  • FB Nick Bawden – Rookie aus der 7ten Runde, wurde extra gedraftet, weil Patricia/Quinn einen Fullback im Kader haben wollten – sozusagen ein „New England Bonus“. Fällt aber mit schwerer Verletzung für das Jahr aus.
  • RB Tion Lewis, RB Dwayne Washington, RB Zach Zenner – Die Ergänzungsspieler für die Kadertiefe. Könnten eventuell auch im Practice-Squad überwintern.

Acht Runningbacks – es ist ausgeschlossen, dass Detroit mit allen in die Saison geht. Blount, Johnson und Riddick haben ihre Plätze fast sicher, Bawden ist nach seiner Verletzung ein Fragezeichen. Gut möglich, dass der enttäuschende Abdullah schon nach zwei Jahren in der NFL seinen Platz verlieren wird, nachdem er letzte Saison immer sporadischer eingesetzt wurde, je länger die Saison dauerte.

Offense 2018

Ein verbessertes Laufspiel kann Detroit nur helfen: Es ermöglicht höhere Run-Quoten in kurzen 2nd und 3rd Downs. Detroit hatte 2018 notgedrungen hohe Passquoten in diesen klaren Rushing-Situationen:

  • 2nd & short: 64% Pass-Quote (NFL: 32%) und 71% Pass-SR
  • 3rd & short: 69% Pass-Quote (NFL: 46%) und 45% Pass-SR

Im 2nd Down fiel die Laufspielproblematik dank des superben Passspiels noch nichtmal wirklich auf, doch in kurzen 3rd Down Situationen schenkst du mit 45% Success-Rate zu viele neue Angriffsserien her. Effizientes Laufspiel bringt in solchen Situationen mindestens 70% Erfolgsquote bei besserer Balance.

Passspiel hatten wir schon – nur eine wesentliche Neuerung: TE Ebron wurde gefeuert. Mit ihm gehen nur 38% Success-Rate bei 80 Anspielen. Die neu eingekauften TEs Willson (aus Seattle) und Toilolo (aus Atlanta) waren auf ihren vorherigen Stationen nicht als Receiving-Monster bekannt. So wird Detroits Offense im kommenden Jahr noch stärker von ihrem (extrem starken) WR-Trio Marv Jones / Golden Tate / Kenny Golladay abhängig sein.

Detroit war unter Cooter nie „formations-variabel“: 91% der Lions-Aufstellungen letztes Jahr waren entweder 11-Personnel (74% der Aufstellungen) oder 12-Personnel (17% der Aufstellungen). Gar 95% der Passspielzüge kamen aus einer dieser beiden Formationen. Ohne einen veritablen Tight End im Starting-Lineup und ohne den verletzten Fullback wird sich das in der anstehenden Saison eher nicht ändern – vermutlich wird es nur noch krasser.

Doch wenn Detroit aus 11-Personnel effizienter laufen kann als in der vergangenen Saison (eben nur 30% Success-Rate, also viele verschenkte Downs), sollte sich die Performance der Offense eher steigern als verringern.

Defense

Wie bereits angeschnitten, war Defense in der Offseason nicht im Fokus der Lions. Fixierung des katastrophalen Laufspiels hatte (nicht zu Unrecht) Priorität. Was man in der Defense machte, war „punktuelle Verstärkung“.

Die wesentlichsten personellen Änderungen sind die Einkäufe von DT Sylvester Williams (1 Jahr, 3.5 Mio), LB Christian Jones (2 Jahre, 7.75 Mio), LB Devon Kennard (3 Jahre, 18,7 Mio) und CB DeShawn Shead (1 Jahr, 3.5 Mio). Sie bringen etwas Tiefe – vor allem in die Front-Seven, die letztes Jahr extrem ausgelutscht ausschaute (u.a. #31 nach AGL in der Defense Line).

Die interessante Frage ist nun: Wie werden Patricia / Pasqualoni die Defense bauen? Patricia gilt als Mann, der „von hinten“ baut: Defensive Backfield wird höher bewertet als Front Seven. Dazu gilt Patricia als einer der wenigen Defensive-Minds, die wirklich imstande sind, Blocking-Schemen der Offense zu lesen und seine Spieler exakt darauf einzustellen. Oder besser: „Galt“. Denn 2017 waren Patricias Patriots-Defenses gerade in dem Punkt eher enttäuschend – mit dem absoluten Tiefpunkt Superbowl.

Es wird auf eine Hybrid-Defense 3-4 / 4-3 hinauslaufen. Der beste Play-Maker in der Front Seven bleibt DE Ziggy Ansah, Detroits einziger Pass Rusher, der Gegner im 1-vs-1 zu schlagen vermag. Ansah Freiheiten zu verschaffen, wird eine der wesentlichen Aufgaben für 2018 werden. Ansah spielt unter der Franchise-Tag, d.h. er könnte Detroit im nächsten Jahr verlassen.

Im Rest der Front-Seven vertrauen die Lions offensichtlich auf Entwicklung von jungen Spielern wie dem vielversprechenden DT A’Shawn Robinson (geht in sein zweites Jahr) oder dem Superstar-in-the-making, LB Jarrad Davis, dessen Rookiesaison eine der großen Erfolgsgeschichten war. Doch Davis ist verletzungsanfällig. Muss er aussitzen, sieht Detroits Linebacker-Corp gleich düster aus. Umso wichtiger, dass neue Role-Player wie DT Williams oder LB Kennard einschlagen.

Fazit

Verhaltener Optimismus für 2018 in Detroit. Es sieht fast so aus, als haben sich Quinn/Patricia in ihrer ersten gemeinsamen Offseason dazu entschieden, personell in die Beseitigung der brutalen Offense-Schwachstellen zu investieren und in der Defense 2018 als trial & error Jahr einzustufen: Schauen, welche Spieler zu Patricia passen, nächstes Jahr dann adjusten.

Die Moves zur Verbesserung des Laufspiels wurden gemacht. Die Anleitung zur noch besseren Einbindung von Staffords Stärken sind geschrieben. Die Offense sollte auch gegen einen schweren Schedule zu den besseren in der NFL gehören.

Die Frage ist, was die Defense macht. Personell ist man vermutlich etwas tiefer besetzt als zuletzt und hat in Patricia einen durchaus kompetenten Headcoach. Doch wird man erneut 32 Turnovers fabrizieren und damit Spiele eng halten können? Oder wird die zu erhoffende, leichte Effizienzverbesserung in der Defense von weniger Turnover-Glück aufgehoben bzw. sogar ins Negative gezogen?

Dazu kommt die schwere NFC North Divsion: Minnesota im All-in Modus mit klaren Verbesserungsmöglichkeiten im Play-Calling, Green Bay mit Rückkehr von Aaron Rodgers und einem auf Headcoach und Skill-Player aufgerüsteten Chicago mit Trubisky im zweiten Jahr. Kann Detroit hier wirklich mitreden oder muss man schon gegen die rote Divisionslaterne ankämpfen? Müsste ich wetten, würde ich auf 7-9 für die Lions tippen.

2 Kommentare zu “Detroit Lions in der Sezierstunde

  1. Vielen Dank für die vielen Beiträge wieder 🙂

    Als einer der jedes Lions Spiel schaut, hatte ich subjektiv den Eindruck das Caldwell oft in engen/knappen/stressigen Situationen die falschen Entscheidungen getroffen hat. Er hatte Glück das er mit Stafford und Prater zwei exzellente Spieler auf spielentscheidenden zu haben, welche dies oftmals wett machen konnten.

    Vorsichtiger Optimismus trifft es eigentlich ganz gut. Man hofft (wie jedes Jahr) das nun endlich das Laufspiel besser wird (die selben Hoffnungen wie Abdullah gedraftet wurde als auch wie er von Verletzung zurück kam). Was mich jedenfalls mal positiv stimmt ist das mal einer geholt wurde für 2&1 und 3&1.
    Ebron schaffte leider nicht den Durchbruch, vielleicht könnten die RB ähnlich wie bei den Patriots noch mehr ins Passspiel eingebaut werden. Die Divisionskonkurrenz ist stark mal abwarten ob die Lions Offense in möglichen Shootouts mithalten kann.

  2. Pingback: Das waren die Sezierstunden 2018 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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