Wie sich die Zeiten ändern: Urban Meyer steht vor dem Rauswurf (Update 23.08.)

Update 23.08.2018 – Meyer wurde nicht entlassen, sondern für sagenhafte 3 Spiele zum Saisonstart suspendiert. Das, obwohl Meyer als notorischer Lügner enttarnt wurde, der sich für sein Geschwätz von gestern schon heute nicht mehr interessiert. Hier der Link zum 23-seitigen Dokument, das weitere Schmuckstücke wie Sex mit der Sekretärin, besoffene Autofahrten, abgebrochen Entzugskuren, Puffbesuche und gelöschte SMS umfasst.

Ohio States Board of Trustees tagte 11 Stunden im Ringen, Meyers Fortbestand als Buckeye-Headcoach zu rechtfertigen und kratzt damit am eigenen Denkmal. Meyer bleibt im Namen des Sieges Chef im Haus.

Die Zeiten ändern sich also wirklich: Ohio State heißt nun Urban State University. Aber wird Meyer den Fall wirklich unbeschadet überstehen oder ist er ein Fall von „Ist der Ruf erst ruiniert…“?

Der Fall

(Artikel vom 06.08.2018)

Die Ohio State University hat letzte Woche ihren Football-Headcoach Urban Meyer vom Dienst suspendiert („paid administrative leave“). Der Vorwurf lautet Tolerierung von Gewalt gegen Frauen. Der Beschuldigte ist Zach Smith, bis vor kurzem WR-Coach bei Ohio State und enger Vertrauter Meyers. Er soll jahrelang seine Frau geschlagen und missbraucht haben.

Der Fall ist insofern Aufsehen erregend, weil Meyer als einer der erfolgreichsten College-Football Coaches aller Zeiten gilt. Er gewann mit Florida (2x in der Tebow-Ära) und Ohio State den Landesmeistertitel und ist damit einer von nur drei Coaches, die den National Title mit zwei verschiedenen Teams holen konnte.

Meyer holte Ohio State in den letzten fünf Jahren aus einer mehrjährigen Sinnkrise und formte die Buckeyes wieder zum ganz großen Player. Doch Meyer eilt seit jeher der Ruf voraus, es bei moralischen und juridischen Problemen nicht ganz so genau zu nehmen – solange die Beschuldigten einen wesentlichen Beitrag für Siege an Samstagen leisten: So wurden zu einer Florida-Zeit über 30 Spieler verhaftet – Meyer sprach jedoch kaum Sperren aus. Er sperrte u.a. RB Bobby Rainey, der eine eindeutige Morddrohung an seine Freundin schickte („Time to die, bitch“) für sagenhafte vier Spiele.

Der aktuelle Fall

Doch diesmal ist de Fall anders gelagert. Diesmal geht es nicht um 18-jährige Spieler. Diesmal geht es um einen Coach – einen der Typen, die die 18-jährigen formen sollen. Eigentlich.

Zach Smith war kein Unbekannter. Bereits 2009 hatte er seine schwangere Frau krankenhausreif geprügelt – was weder den (wissenden) Meyer noch die (wissende) Ohio State University daran hinderte, Smith als WR-Coach einzustellen.

Doch der aktuelle Fall könnte Meyer nun den Kopf kosten: Smiths Frau stellte Mitte Juli Anzeige wegen häuslicher Gewalt – in diesem Zuge wurden auch Fälle aus dem Jahr 2015 publik. Meyer wollte noch Anfang letzter Woche von nichts gewusst haben, was Smiths hausinterne Prügeleien nach 2009 angeht – was er auch auf dem Symposium der Big Ten Conference so darlegte. Im College-Football Sprachgebrauch würde sowas als „Vernachlässigung der Aufsichtspflicht“ ausgelegt.

Doch dann kam es am Donnerstag noch schlimmer: ESPNs Brett McMurphy wies in einem ausführlichen Facebook-Bericht (!) direkte Textnachrichten zwischen Smiths Frau und seiner eigenen aus dem Jahr 2015 nach, die eindeutig mit häuslicher Gewalt getaggt waren. Vernachlässigung der Aufsichtspflicht wird in solchen Momenten zu Tolerierung von Gewalt gegen Frauen und öffentliches Belügen der Medien – mehr als einem einzigen eindeutigen Entlassungsgrund.

In vergleichbaren Fällen nichts unternommen zu haben, kostete in den letzten Jahren ganzen Trainerstäben – ja Legenden – bei Penn State (Pädophilie-Skandal um Sandusky/Paterno), Michigan State (bei den Basketballern) oder Baylor (Vergewaltigungen von Studentinnen) ihren Job und brachte sportliche Leitungen bei Colorado oder FSU an den Rand der Entlassung.

Meyer musste am Freitag zugeben, von 2015 doch gewusst zu haben und sah sich gezwungen, Zach Smith aus dem Trainerstab zu entlassen.

Doch das ist nur der Anfang.

Wie wird nun Ohio State reagieren, sollte sich der Verdacht gegen den Star-Coach Meyer erhärten? Amerikas College-Sportwelt blickt nun nach Columbus: Vor acht Jahren wurde Meyers Vorgänger Jim Tressel wegen geringerer Vergehen geschasst – allerdings war die personifizierte gestrickte Jacke Tressel kein Coach vom Schlage Meyers. Wird Ohio State ein Exempel statuieren und den Erfolgsgaranten Meyer rausschmeißen?

Kann die Universität überhaupt noch anders als Meyer loszuwerden?

Was zeigt uns das?

Die Zeiten haben sich geändert. Noch vor wenigen Jahren war häusliche Gewalt ein kleines Geheimnis, ein Kavaliersdelikt, über das man im Namen des Sieges gnädig hinwegschaute. Frauen, die Gewalt, sexuelle Belästigung oder Vergewaltigung zur Anzeige brachten, wurden als geldgeile Schlampen bezeichnet. Täter wurden begnadigt und verwarnt, oder wie in Meyers Standardprozedur noch nichtmal gesperrt.

Doch nun steht der nach Saban erfolgreichste Coach im College Football, der 73 von 81 Spielen bei Ohio State gewonnen hat, wohl vor dem Rauswurf. Siegen über alles ist im Jahr 2018 kein vertretbares Credo mehr. Der öffentliche Druck wird dafür sorgen, dass immer mehr solcher Fälle zum Vorschein kommen – und im Idealfall in Zukunft gar nicht mehr passieren.

17 Kommentare zu “Wie sich die Zeiten ändern: Urban Meyer steht vor dem Rauswurf (Update 23.08.)

  1. Ganz spannend im dem Zusammenhang ist die erste Staffel von Hard knocks mit den Ravens- dort wird gezeigt, wie die Spieler ein Coaching bekommen zum Umgang mit Frauen, die Geld haben wollen mit Berufung auf Vergewaltigung, häuslicher Gewalt, etc.

    In der Tat – wie sich die Zeiten geändert haben…

  2. Brett McMurphy steht zwar noch bis nächste Woche bei ESPN auf der Payroll, er arbeitet aber nicht mehr für ESPN, weil sie ihn entlassen haben. Von „ESPNs Brett McMurphy“ zu sprechen ist also nicht ganz richtig, er selbst macht sich bei Twitter ja auch regelmäßig über ESPN lustig.

  3. Trotz aller Sympatie und Freude am Football geben solche „Randerscheinungen“ doch nur das Spiegelbild einer verlogenen und korrumpierten US-Gesellschaft wieder. Mordend und zerstörend auf unserer Erde unterwegs, die Macht huldigend vor dem Game mit patriotischem Gesang und Flagge, will diese „Zivilisation“ den Sittenrichter abgeben, -was für eine verlogene moralische Sinnesart.

  4. Das ist natürlich immernoch deflection und asscovering the Uni.
    Ich würds nicht nach unten Treten nennen beim best bezahlten Angestellten des Landes Ohio aber die Uni wusste ja auch schon seid Jahren davon.
    Urban Meyers Frau die nachweislich davon wusste arbeitet ja in der Sport Administration und da war das also auch bekannt.
    Natürlich muss Urban Meyer den Wichser entlassen und Anzeigen aber da haben noch ganz andere Leute die Füße still gehalten.

  5. wirklich schade für Urban Meyer hoffe das die Buckeyes trotzdem eine tolle season spielen.

  6. Was ist daran Schade für Urban Meyer. Da ist der Typ doch wohl sowas von selbst dran Schuld. Und dass Erfolg über Moral, Ethik und Anstand steht, zieht sich ja scheinbar durch seine Karriere. Viel eher sollte man begrüßen, dass Leute, die, nur des Erfolges Willen, über jegliche Schweinerei weggucken, damit immer weniger durchkommen und, wenn es auffliegt, die Konsequenzen zu tragen haben…

  7. @blub: Natürlich ist es auch die Uni, die ihren Arsch zu retten versucht. Aber – und das ist die wesentliche Änderung zu früher: Sie wird nun gezwungen, ihren Arsch zu retten.

    Der Fortschritt ist, dass die Scheiße nun zum Vorschein kommt. Dass das nur mit Hilfe öffentlichen Drucks geschieht, ist klar. Aber das war in vielen anderen Bereichen auch so.

  8. Schade für Urban Meyer das seine Karriere wohl mit diesem Fall endet, natürlich abartig was da ständig verschwiegen wird nur um den Football Sport nicht zu gefährden. Ist halt wie in der NFL wo die Spieler ihre kriminelle Energie freien lauf lassen,wird nicht umsonst von manchen Fans als die National Felon League bezeichnet

  9. Ja und daran ist der Kerl halt einfach sowas von selber schuld. Wer meint, Gewalttäter decken zu müssen, nur um sportlich erfolgreich zu sein, mit dem hält sich mein Mitleid doch arg in Grenzen, wenn er dann wegen sowas seine Karriere zurecht an den Nagel hängen darf. Zumindest Vorübergehend. Schade um das verlorene Trainertalent und das Football Know-How von Meyer, ja. Aber nicht Schade um die Person. Meine Meinung.

  10. Die Sache ist auch die, dass er Smith vermutlich nicht gedeckt hat, um erfolgreich zu sein. Zach Smith galt nicht als außerordentlich guter WR-Coach, seine wichtigste Qualität ist/war es, der Enkel von Earl Bruce zu sein. Bruce war nicht nur als Nachfolger vom legendären Woody Hayes selbst HC bei Ohio State, er war auch der persönliche Mentor von Urban Meyer (Meyer hat in den 80ern als Graduate Assistant unter Bruce angefangen). Die ganze Anstellung von und Loyalität zu Zach Smith war also wahrscheinlich in erster Linie purer Nepotismus.

  11. Pingback: College Football 2018 – Trainerkarussell und Favoriten | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  12. Artikel ergänzt um die Auflösung des Falls. Meyer verpasst die ersten drei Saisonspiele vs. Oregon State, Rutgers und TCU (alles Heimspiele), bleibt aber Cheftrainer in Columbus.

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