Jacksonville Jaguars in der Sezierstunde

Die Jacksonville Jaguars waren letzte Saison Überraschungsgäste im AFC-Finale. Ob sich das dieses Jahr wiederholen oder verbessern kann, hängt davon ab, ob der Trainerstab die richtigen Schlüsse ziehen kann.

Das Front-Office hat bereits Schlüsse gezogen:

Die erste wesentliche Entscheidung der Jaguars-Offseason war das Committment zu QB Blake Bortles, der es letztes Jahr vom enteierten Bankdrücker zurück zum Stamm-QB schaffte und völlig überraschend sogar eine brauchbare (wenn auch nicht „gute“) Saison spielte.

Die nächste wichtige Entscheidung: Man behielt OffCoord Nathaniel Hackett, dessen katastrophales Play-Calling die Jaguars eine 10-Punkte Führung mit Ballbesitz im AFC-Finale kostete.

Dann wurde OG Andrew Norwell für viel Kohle aus Carolina geholt um das komplett ineffiziente Laufspiel über die Mitte zu stärken. Und schließlich verzichtete man auf eine Vertragsverlängerung von WR Allen Robinson (2017 fast komplett verletzt) und feuerte WR Allen Hurns und ersetzte dieses Duo durch die Billig-Lösungen WR Moncrief / TE Seferian-Jenkins.

Die Offense der Jaguars ist damit trotz Norwells Einkauf die 6t-billigste der NFL, während die Defense mit 123 Mio. Cap-Space die teuerste ist. Jene Defense war nicht nur der Treiber der starken Saison 2017, sondern wurde nun auch noch mit massiven Neueinkäufen gestärkt: Rookie-DT Taven Bryan in der 1ten Runde, FS Ronnie Harrison in der 3ten Runde und das CB-Pärchen Hayden/McDougle als Ersatz für den zu teuren Aaron Colvin für die Tiefe in der Secondary.

Erfolgsfaktoren von 2017

Es dürfte sich herumgesprochen haben: Die Pass-Defense war der Star der Runde. Jacksonville ließ bloß 4.8 NY/A gegen das Passspiel zu, ein Wert, der NFL-weit zuletzt 2011 unterboten wurde. Noch besser: Jacksonvilles Defense erzwang 21 Interceptions oder eine phänomenale INT-Quote von 4.1% (Jacksonvilles Gegner wagten nur eine Pass-Quote von 56% gegen die Jaguars, daher liest sich der absolute Wert nicht episch).

Doch Vorsicht: Interceptions sind massiv für den Ausgangs von Spielen, aber volatil. 2016 hatten die Jaguars zum Beispiel noch bloß 7 INTs erzwungen.

Und weiter: Die Defensive-Pass SR% betrug fulminante 62%. Das heißt, nur 38 von 100 Pässen führten gegen Jacksonville zum Erfolg. Schwächen hatte diese Defense einzig in der Verteidigung von Pässen auf Runningbacks (#29) und gegen das Laufspiel – doch selbst in der Rushing-Defense verbesserte man sich nach dem Mid-Season Trade für Bills-DT Dareus von 5.2yds/Carry (#32 der NFL) auf 3.7yds/Carry (#7 der NFL).

Der Gewinner des Turnover-Duells gewinnt in der NFL 80% der Spiele. Die Jaguars vermieden es mit ihrer fulminanten Ballhawk-Defense, Eigenfehler in der Offense zu produzieren und jagten 49% der Offense-Plays als Laufspielzüge das Spielfeld runter – oder anders: Halte den Ball von QB Bortles fern und gewinne mit Defense und viel Running Game das Spiel.

Das reichte um erstmals seit über einem Jahrzehnt die AFC South zu gewinnen. Doch die 10-6 Bilanz täuscht: Nicht bloß war die AFC South qualitativ erbärmlich. Der ganze Spielplan der Jags war ein Witz: Der einfachste Schedule der NFL mit einem Durchschnittswert von .433 als Gegner. Das ist, als würde man auf neutralem Feld mit 3 Punkten Vorsprung pro Spiel in die Partie gehen. Oder als würde man gegen einen durchschnittlichen Gegner nur Heimspiele austragen.

Und noch ein versteckter kritischer Faktor: Fumble-Glück. Jacksonvilles Offense behielt 14 der 23 Fumbles, während die Defense 12 von 22 eroberte. Macht 26 aus 45 oder 58% eroberte Fumbles. Nur für sechs Teams lief es noch besser.

Also: Viele Interceptions in der Defense und Glück mit Fumbles – machte 33 Turnovers der Defense bei nur 23 der Offense. Jacksonville war +10 bei Turnovers, nachdem man 2016 das Turnover-Duell noch mit -16 verloren hatte.

Was ist mit Fournette?

Ausdrücklich kein Erfolgsfaktor war Laufspiel über RB Leonard Fournette. Der Rookie-RB machte zwar in nur 13 Spielen 1040 Yards und 9 TD, aber seine Rate-Statistiken sind schwach: 2% geringere Success-Rate als der NFL-Schnitt, gar 4% schwächer im 2nd Down.

Satte 50% von Fournettes Carries hatten maximal 2 Yards Raumgewinn – und das gegen den einfachsten Rushing-Schedule der NFL. Fournette war am besten eingesetzt als Ballfänger (54% Success-Rate).

Trotzdem verheizten den Coaches Fournette mit 57% 1st-Down Rushing-Quote und unfassbaren 95 2nd-Down Rushes (Jacksonville hatte nur 361 2nd Downs). Der Gegner wusste, wann Fournette kommen würde und würgte ihn erwartungsgemäß ab.

Was nun?

Jacksonville bekannte sich in der Offseason zu QB Bortles. Damit deckelt man das Potenzial der Offense erstmal beträchtlich. Doch auch mit Bortles auf QB gibt es Potenzial für OffCoord Hackett, das Play-Calling zu verbessern:

  • Mehr Passspiel aus 12 und 21 Personnel. Die Bortelsche Pass-SR% als 11 Personnel lag bei bloß 43% mit 11 INTs in 326 Versuchen. Trotzdem warf Jacksonville 60% seiner Pässe aus 11 Personnel Formation. Dabei wäre Bortles in Sets mit 2 RBs oder 2 TEs wesentlich erfolgreicher gewesen: 57% Erfolgsquote in 12-Personnel und 60% Erfolgsquote in 21-Personnel. Die RBs Fournette (53% Pass-SR), Yeldon (47%) und Grant (71%) waren allesamt Treiber des Passspiels.
  • Besserer Einsatz von RB Fournette. Wie schon oben angeschnitten: Fournette brachte als Ballträger eher wenig. Das lag auch am Einsatzgebiet: Der präferierte Play-Call lautete „Fournette“ in folgenden Situationen: 1st Down, 2nd & short, 2nd & middle, 2nd & long, 2nd & 11+, 3rd & short. Kurzum: Fournette wurde in 2nd Downs unnötig verheizt. Seine Erfolgsquote für 2nd-Down Situationen war exzellent in kurzen Situationen (1-2 Yards: 86% Erfolgsquote), aber desaströs an 2nd & 3: 23% Success-Rate. Gefordert ist eine höhere Pass-Quote im 2nd Down um Fournette für 3rd Downs zu schonen.
  • Mehr 1st Down Passing. OK – das kennen wir mittlerweile. Selbst mit einem QB Bortles ist der Pass im 1st Down die bessere Alternative. Jacksonville war mit 57% Run-Rate in der 1ten Halbzeit eines der lauflastigsten Teams in der NFL. Dabei brachte der Lauf nur 43% Erfolgsquote, während Bortles-Pässe zu 55% erfolgreich waren.
  • Intelligenteres Verwalten von Führungen. Jacksonvilles 1st-Down Rushing-Rate mit Führung in der zweiten Halbzeit lag bei 80% (NFL-Schnitt: 69%). Dabei war der Lauf nur zu 38% erfolgreich. Der Pass brachte 71% Erfolgsquote – logisch, wenn sich die Defense fast sicher auf Lauf einstellen kann. Noch krasser: Spielte Jacksonville nach der Pause mit Führung nicht 11-Personnel, waren nur 8 von 74 Spielzügen ein Pass.

Bortles hat 2018 einen recht stark veränderten Receiving-Corp bei der Hand: Robinson ist weg und mit Hurns auch der erfolgreichste WR von 2017 (61% Erfolgsquote). Ein heimlicher Breakout-Kandidat könnte Keelan Cole sein, letztes Jahr vor allem als tiefe Option in 3rd Downs eingesetzt. Cole hatte vor allem in 12 und 21 Personnel sensationelle Werte.

Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob OffCoord Hackett die richtigen Schlüsse ziehen wird: Für 12 oder 21 Personnel braucht man Runningbacks und Tight Ends, doch Jacksonville gab seinen besten Tight End Marcedes Lewis ab und holte mit Seferian-Jenkins einen TE mit nur 42% Success-Rate als Ballfänger.

Dafür draftete man mit DJ Chark einen 2nd-Round WR für die tiefen Bälle und holte WR Moncrief aus Indianapolis. Jacksonville hat zwar mit Yeldon, Fournette und Corey Grant drei gute Ballfänger auf Runningback, aber nur einen Tight End von Format und gleich fünf Wide Receiver, die auf Bälle warten (Lee, Westbrook, Cole, Moncrief, Chark).

Dazu deutet der aggressive Einkauf von OG Norwell auf noch mehr Fokus für Laufspiel hin. Und das ist gefährlich: Denn damit verheizt man wertvolle Plays – Jacksonville kann seine Offense von 2017 nur dann erfolgreich wiederholen, wenn die Defense wieder 4.0% INT-Quote und über 30 Turnovers macht. Darauf kannst du nicht wetten.

Ausblick

Dank seiner kompletten Defense ist Jacksonville trotzdem ein möglicher Playoff-Kandidat in der wackeligen AFC. Aber Vorsicht: Die Defense war letztes Jahr als #2 der AGL außerordentlich verletzungsresistent. Sollte hier der Teufel einschlagen und den einen oder anderen Starter vom Feld nehmen, wird es zwar keinen Kollaps geben, aber wahrscheinlich auch keine 4.8 NY/A gegen den Pass mehr.

Und dann ist die Offense gefordert mehr zu machen als 2017. Wird das reichen – schon in einer AFC South, in der Tennessee bereit für einen großen Leistungssprung scheint, in der möglicherweise QB Andrew Luck zurückkehrt und in der Houston mit etwas Glück eine mögliche Überraschung stellt?

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4 Kommentare zu “Jacksonville Jaguars in der Sezierstunde

  1. Mein Topkandidat für den inoffiziellen Titel „Enttäuschung des Jahres“ – einfach weil ich glaube, dass die Jaguars nicht nochmal soviel Spielglück (siehe oben) haben werden. Tipp: 6-10

  2. die Probleme werden einerseits die verbesserte Division sein. Texans ohne Verletzungspech!?, Colts wieder mit Luck!?, Titans haben auch einen großen Umbruch hinter sich gebracht!?

    Dazu noch das QB Problem. Ich wäre ja aus Jaguars Sicht sehr gespannt wie sich die Backups der anderen Teams so tun. (zB: Bridgewater, oder andere die vl. schneller als erwartet von Rookies verdrängt werden).

  3. Pingback: Das waren die Sezierstunden 2018 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  4. Pingback: Furchtlose NFL-Vorschau 2018/19 | Die Kronprinzen | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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