Tampa Bay Buccaneers in der Sezierstunde

Sezierstunde heute mit einer der merkwürdigeren Mannschaften des letzten Jahres, den Tampa Bay Buccaneers. Sie schmierten auf 5-11 Siege ab. Dabei wäre deutlich mehr drin gewesen. Jetzt steht eine harte Saison bevor.

Tampa war mit einem Pythagorean von 6.7 Siegen und 3-7 Bilanz in One-Score Spielen eine Mannschaft, die mit 5 Siegen am Ende unter Wert geschlagen wurde. Das Hauptproblem war dabei nicht der viel kritisierte QB Jameis Winston, sondern die Kombination aus problematischem Laufspiel, horrender Defense und fulminant schlechten Special-Teams.

Beispiele?

  • Offense – Offensives Laufspiel war mit 39% Success-Rate zwar immerhin die #16, aber mit nur 7.5% explosiven Runs (über 10 Yards) das zweitlahmste der NFL.
  • Defense – Tampa kassierte 7.3 NY/A gegen den Pass, #31 der NFL.
  • Defense – Tampas Sack-Quote in der Defense war mit 3.9% die mit Abstand geringste der NFL (Buffalo mit 4.6% die #31)
  • Defense – 6 36 Yards pro Drive kassiert, #32 der NFL. 2.13 Punkte pro Drive kassiert, ebenso #32.
  • Special Teams – 9 von 34 Field Goals verschossen und 3 verfehlte Extrapunkte. Das Kicking-Game kostete die Buccs im Vergleich zum Erwartungswert 14.5 Punkte! Mindestens die Partie gegen New England wurde allein von den Kickern verloren.

Zu allem Überdruss gesellte sich absonderliches Play-Calling der Offense-Coaches Koetter (Headcoach) und Monken (OffCoord), die sich nicht recht entscheiden konnten, was sie in der ersten Halbzeit callen wollten:

  • 1st & 10 im ersten Viertel: 63% Run-Rate (!!), obwohl das Laufspiel mit 38% Run-SR gegenüber dem Pass (71% Pass-SR) komplett abstank.
  • Das änderten die beiden mit kompletter Kehrtwende im zweiten Viertel: Plötzlich 58% Pass-Rate, 75% davon aus 11-Personnel, was zu mickriger 43% Success-Rate führte. Schlimmer: Tampas Run-Rate bei 2nd & 10 im zweiten Viertel lag bei 61% (NFL-Schnitt in diesem psychologisch markanten Down: 58%).

Folge: Im zweiten Spielviertel viele lange 3rd Downs und ein monatelanges, dickes Problem. Punkteverhältnis über die Saison im zweiten Viertel: -47 Punkte (ohne Spiele gegen die Backup-QBs von Chicago und Miami sogar -79). Jenes zweite Viertel kostete die Buccs am Ende der Saison zumindest eine .500 Bilanz. Zu häufig war man nach der Pause im Catch-Up Modus und versuchte nur noch verzweifelt, aufzuholen.

Wie reagierte das Front-Office?

Es ließ die Coaches gewähren, weil man wohl nicht riskieren will, dass QB Jameis Winson im dritten Jahr schon wieder einen neuen Trainerstab bekommt. Dafür investierte GM Licht heftig in beide Seiten der Schützengräben sowie in Runningback und Secondary:

  • Offense Line: C Ryan Jensen wurde für dicke Kohle geholt und verdrängt den in der Mitte der Anspiellinie indisponierten Ali Marpet auf Left-Guard. Dazu stößt mit 3rd Rounder Alex Cappa ein Rookie für die Tiefe dazu.
  • Runningback: Ronald Jones II in der 2ten Runde im Draft – ein fangstarker Back.
  • Defensive Interior: DT Vita Vea kam als 1st-Round Pick an #12 im Draft, die DL Beau Allen und Mitch Unrein als Free Agents vom Transfermarkt.
  • Defensive End: DE Jason Pierre-Paul per Trade aus New York und DL Vinny Curry aus Philadelphia. Sie erlauben, verschiedene Stunts/Twists im Passrush zu spielen um etwas Feuer zu entfachen.
  • Defensive Backfield: CBs MJ Stewart und Carlton Davis waren jeweils 2nd Rounder, die für Frischblut in der Secondary sorgen sollen.

Tatenlosigkeit sieht also anders aus. Tampas Problem war insbesondere in der Defense nie mangelnde Star-Power: DT McCoy, LBs Kwon Alexander & Lavonte David sowie CB Brent Grimes gehören zu den besten Individualisten in der NFL. Aber es fehlte an Tiefe, und wenn Tampa dann wie 2017 als #28 Defense der Adjusted-Games Lost Liste rausgeht, war der Kollaps vorprogrammiert.

Pierre-Paul mag vielleicht nicht mehr der Superstar alter Tage sein, aber er wird für eine Präsenz neben dem atemberaubenden McCoy (letztes Jahr 47 QB-Pressures und 6 Sacks, obwohl sich alle Gegner auf ihn allein konzentrieren konnten) sorgen. Das könnte Räume schaffen für den bislang gefloppten ehemaligen 2nd-Round Passrusher Noah Spence (Rückennr. #57). Curry, Allen und Unrein sind keine Top-Athleten, aber solide Arbeiter für die Tiefe.

In der Secondary bleibt die Hoffnung, dass der 34-jährige Grimes noch ein Jahr durchhält und CB Vernon Hargreaves (1st Rounder 2016) es vielleicht doch noch packt. Hargreaves könnte allerdings durch einen der Rookie-Corner in den Slot verdrängt werden.

QB Winston und die Offense

Trotzdem konzentriert sich fast alles auf die Offense – klar, wenn QB Jameis Winston vorne dran steht. Winston ist seit seiner College-Zeit bei FSU einer der bekanntesten und gleichzeitig umstrittensten US-Sportler, was vor allem an seiner Persönlichkeit abseits des Platzes liegt. Winston war schon am College mit Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung konfrontiert gewesen – die Geschichte wiederholte sich nun im dritten NFL-Jahr. Folge: Er wurde von der NFL für drei Spiele in 2018 gesperrt. Genau das Störfeuer, das Tampa braucht.

Winston, der Spieler, hat noch nicht ganz den Durchbruch zum Top-5 QB geschafft, aber er hat viele lichte Momente. Beispiele?

  • Winston war 2017 mit 9 NY/A deutlich effizienter als Backup Fitzpatrick (6.2 NY/A) und seine INT-Quote ist längst nicht so verheerend wie man ob seines riskanten Spielstils annehmen würde: 2.5%, genau NFL-Durchschnitt.
  • Winston warf im Schnitt die längsten Pässe der NFL: 10.62 Yards (Wentz #2 mit 9.91 Air-Yards pro Wurf) und erreichte damit in 40% der Würfe ein neues 1st Down, #1 der NFL.
  • Winston ist einer der aggressivsten 3rd-Down Passer: er wirft 53% seiner Pässe über die Anspiellinie, #5 der NFL. Seine Erfolgsquote kann sich sehen lassen: 49%, nur Garroppolo und Wentz waren etwas besser.
  • Winstons Pass-SR% außerhalb des desaströsen zweiten Spielviertels war mit 55% die beste der NFL. Und das gegen den 9t-schwersten Passing-Schedule.

Winston ist noch kein kompletter QB. 15 Fumbles sind relativ viel und über Downfield Mitte ist seine Success-Rate horrend. Doch Winston, dem Spieler, einen Bust-Label anzuhängen, könnte vermessener nicht sein. Vielmehr ist Winston an der Schwelle, einer der Top-Quarterbacks der Zukunft zu werden.

Der Sprung könnte trotz Sperre schon 2018 kommen. Das Personal gibt einen Sprung nach vorn her. Neben dem Einkauf von C Jensen zur Stärkung von Mitte Offense Line ist die auffälligste Änderung der Wechsel auf Runningback. Der kaputte RB Doug Martin wurde gen Oakland abgegeben und durch Rookie-RB Jones II ersetzt; Jones soll ein guter Pass-Catcher sein – Passspiel auf Runningbacks war eine der Schwächen von 2017 (nur 42% Success-Rate, #19).

Dazu hat Tampa ein unterschätztes TE-Duo: Cameron Brate (53% Success-Rate in 77 Anspielen) und vor allem den exzellenten O.J. Howard (nur 39 Anspiele, aber 57% Success-Rate). In Sets mit 2 Tight Ends, also 12-Personnel, war Tampa 2017 ein lauflastiges Team (55% Lauf-Quote) – dabei war das Passspiel aus dieser Formation extrem erfolgreich: 55% Pass-SR vs. 32% Run-SR aus 12-Personnel. Wenn es da nicht *pling* beim Offense Coordinator macht…

Und dann bleiben noch die Wide Receivers: Die deep threats Evans und Desean Jackson sowie die jungen Wilden, Chris Godwin (58% Success-Rate) und Humphries (57% Success-Rate). Alles gute Leute – und Evans, Godwin und Humphries haben ihre beste NFL-Zeit noch nicht gesehen.

Ausblick

Liest sich das Ganze sehr optimistisch? Zu optimistisch?

Vielleicht. Obwohl es viele Lichtblicke in Tampa gibt und obwohl genau die richtigen Probleme adressiert wurden, sprechen einige Faktoren gegen die Buccs: Zum einen gibt es kaum einen schwereren Weg als jenen der Buccs: NFC South, AFC North, NFC East, dazu Positionsspiele gegen die austrebenden 49ers und Bears. Warren Sharp schätzt das als 2t-schwersten Schedule des Jahres ein.

Zum anderen hege ich Misstrauen gegen das Play-Calling der Offense-Coaches sowie hat DefCoord Mike Smith seit Jahren keine anständige Defense mehr gecoacht. Geht der Saisonstart schief, könnte der komplette Trainerstab schnell lame duck Status erlangen.

Und natürlich: Winston ist drei Spiele mit Sperre draußen. Zum Saisonstart…

Tampa ist in den Wettbüros in 12 Spielen als Außenseiter gelistet, darunter in allen Auswärtsspielen. Normalerweise wissen die Wettbüros mehr als wir. In einer AFC-Division würde ich den Buccs durchaus die Playoffs zutrauen, doch in der NFC wird es schwer. Es wird schon schwer, Platz 3 in der Division zu holen, auch wenn diese Mannschaft viele Ingrendienzien eines Sleepers hätte – zumindest auf dem Papier.

7 Kommentare zu “Tampa Bay Buccaneers in der Sezierstunde

  1. Deine Sezierstunden waren immer schon gut aber dieses Jahr haben sie noch mal zugelegt. Insbesondere die Sezierstunden der Lions und Jaguars sind klasse, freu mich schon auf die Saints Sezierstunde!

  2. Ich glaub dir sind ein paar Zahlen durcheinander gerutscht.
    Es waren 7.4 NY/A in der defense und 6.0 yards per play nicht per drive.
    (laut pfr)

  3. @blub: Kann sein, dass die Zahlen nicht 1:1 mit PFR zusammenstimmen, weil ich ab 98% Sieg-Wahrscheinlichkeit cutte. Grund: Prevent-Defense udgl. Bin aber geneigt, diese Einschränkung wegen zu geringem Erkenntnisgewinn wieder aufzuheben.

    RE: Yards per Drive. Es sollte 36 Yards pro Drive heißen. Sorry.

  4. Vielleicht versteh ich ja was falsch, aber nur 3 NY/A gegen den pass zu kassieren wäre doch super?!?
    Rang 31 in der Passdefense waren sie, aber halt mit 7.3 NY/A (+- garbage time, das machts nicht aus)

    JAX hat Gegner in 2017 bei 4.8 NY/A (passing)gehalten.
    da ist vielleicht garbage time drin, aber 3NY/A passverteidigung sieht einfach falsch aus.

    vielleicht bedeutet die Abkürzung doch was ganz anderes?

  5. Pingback: Das waren die Sezierstunden 2018 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  6. Pingback: Furchtlose NFL-Vorschau 2018/19 | Das Niemandsland | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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