Atlanta Falcons in der Sezierstunde

Schon gestern haben wir einen Blick auf die Offensiv-Problematik der Atlanta Falcons in den letzten Saison geworfen. Heute der Blick auf die Schlüsse, die die Verantwortlichen gezogen haben. Die Sezierstunde über die Falcons, deren 2017er-Saison mit einer Enttäuschung endete.

Aber mal ehrlich: Den Superbowl-Hangover nach dem totalen Tiefschlag gegen New England vermieden zu haben, ist eigentlich schon ein Erfolg. 2018 ist ein Jahr, in dem wieder angegriffen werden kann.

Offense

Die Additionen waren OG Brandon Fusco, der fix als Right Guard eingeplant ist, und 1st-Round WR Calvin Ridley. Ridley ist insofern interessant, weil man ihn so früh im Draft gezogen hat – an einer Stelle, an der man durchaus hätte Defensive Line oder Pass Rush nehmen können.

Ridleys Einberufung gibt Hinweise darauf, wie Atlantas Front-Office zu ticken scheint: Offense-Power hochhalten, früh Punkte vorlegen, und in der Defense mehr Fokus auf Geschwindigkeit als auf Physis – denn wenn der Gegner aufholen muss, wird sowieso nur noch geworfen, kaum mehr gelaufen. Mit dieser Methode stürmte Atlanta vor zwei Jahren in die Superbowl – mit einer deutlich grüneren Defense.

Ridley ist als dritter Wide Receiver nach dem famosen Julio Jones und Mohammed Sanu eingeplant. Damit wird verstärkter Fokus auf 11-Personnel gelegt – jene Formation, die Atlanta zwar die letzten Jahre in noch nichtmal 50% der Fälle ansagte, aber die 2017 eine der größten Problemzone im Vergleich zur epischen 2016er-Saison war.

Ridley ersetzt quasi 1:1 den an die Bears abgegebenen Tyler Gabriel, dessen Abgang nach einer enttäuschenden 2017-Saison schon durch „Addition durch Subtraktion“ durchginge. Gabriel war ein guter WR3 in 3-WR Sets, aber unterirdisch als WR2 in 2-WR Sets. 2-WR Sets, also 12 und 21 Personnel, sind Atlantas größte Trümpfe. Kann sich Ridley hier vernünftig einbringen, wird die Offense funktionieren.

Eine „under the radar“ Einberufung im Draft war RB Ito Smith in der 4ten Runde. Er deutet auf einen baldigen Abgang eines der beiden Star-Backs Freeman/Coleman hin.

Die Wege für OffCoord Steve Sarkisian sind vorgezeichnet:

  • Mehr Passspiel im 1st Down – vor allem mehr tiefes Passspiel.
  • Weniger Fokus auf Julio Jones in der Red Zone. Mehr Fokus auf Tight Ends und Runningbacks, mehr 12 und 21 Personnel in der Redzone.
  • Diversifizierung der Aufstellungen von Julio Jones.

Der Verlauf von 2017 zeigte, dass Sarkisian durchaus dazugelernt hat: In der zweiten Saisonhälfte war Atlantas Offense deutlich deep-ball orientierter, vor allem im 1st Down. Allein: Jones blieb mit insgesamt 25 Redzone-Anspielen unerklärlich klar der Fokus in der Redzone (nur 40% Success-Rate für Jones). Gegen die vielen exzellenten Pass-Defenses führte das nie zum gewünschten Erfolg.

Sarkisian hatte nun eine Offseason lang Zeit, sich dessen bewusst zu werden. Die Wetten stehen gut, dass Atlantas Offense in dieser Saison einen mächtigen Satz nach vorne macht und trotz brutalem Schedule wieder ausreichend Punkte vorlegt, dass es tief in die Playoffs gehen kann.

Defense

Zumal sich die Defense formidabel entwickelt hat: 2017 stellte man am Saisonende die #12 Defense nach meinen Metriken. Die krasse Effizienzverbesserung mit zunehmendem Saisonverlauf blieb verdeckt vom schwachen Saisonstart und der kränkelnden Offense weitgehend unbemerkt.

Zu beachten ist allerdings, dass Defense einzig für einen Zweck gebaut ist: Führungen zu verwalten. Atlanta spielte schon 2017 in 72% der Formationen Nickel-Defense gegen den Pass, #2 der Liga. Fast alle Spieler definieren sich in erster Linie über Schnelligkeit, weniger über Physis. Die Defensive Tackles Jarrett, Shelby oder Senat sind kleine wuselige Spielertypen, die lieber unter dem Gegner hindurchtauchen als sich ihm in den Weg stellen. LB Deion Jones sieht eher aus wie ein Safety als wie Ray Lewis. Ergo: Muss diese Defense gegen Rückstand und viel Running-Game ankämpfen, wird sie eher verlieren.

Eine weitere Prämisse, die zu beachten ist: Atlantas Defense war 2017 extrem gesund – #1 Defense nach AGL. Nur zwei (!) verpasste Starts. Der Defense-Roster ist nach wie vor nicht der breiteste auch im Sinne von „Kadertiefe“. Fallen Starter aus, kann es schnell bitter werden.

In der Defensive Line z.B. gab es sogar mehr Abgänge als Zugänge: DT Dontari Poe (74% der Snaps), DE Clayborn (10 Sacks, 53% der Snaps) und DE Upshaw (19% der Snaps) wurden ziehen gelassen. Die Zugänge sind zwei eher unbekannte Free-Agent DTs (Zimmer & Garrison Smith) sowie 3rd-Round Rookie DT Deadrin Senat, ein eher klein gewachsener Tackle für die Rotation hinter DT Jarret (75% der Snaps) und DT Shelby (37%).

Die einzigen weiteren wesentlichen Investitionen kamen auf Cornerback: CB Bethel in der Free-Agency und CB Isaiah Oliver aus der 2ten Runde im Draft. Sie sind Versicherungen für etwaige Ausfälle des Stamm-Duos Trufant/Alford (Alford machte letzte Saison 99% der Snaps).

Pass Rush scheint man auf die Entwicklung der Edge-Rusher Vic Beasley und Takk McKinley zu vertrauen, beide noch junge, ehemalige 1st Rounder. Mit Clayborn gingen 10 Sacks die Tür hinaus – aber deren 6 waren eh in einem einzigen Spiel gegen den Backup-OT der Dallas Cowboys gekommen. Beasley und McKinley sind allerdings beide eher eindimensionale Spielertypen – und daher auch eher inkonstant. Findet der Gegner einen Weg, sie zu stoppen, gibt es keinen Plan B.

Ausblick

Drei Knackpunkte:

  • Der schwere Schedule – vor allem an gegnerischen Defenses. Nach Warren Sharp der schwerste Schedule an gegnerischen Pass-Defenses
  • Play-Calling in der Offense: Hat Sarkisian die Zeichen der Zahlen erkannt?
  • Roster-Depth: Wie tief ist der Kader, wenn es mal mehr Verletzungen werden sollten?

Es braucht nicht viel um Atlanta als größten NFC-Favoriten anzupreisen. Die Offense ist Kleinigkeiten davon entfernt, als dominanteste der NFL durchzugehen und die Defense ist exakt dafür gebaut, die Stärken der Offense zu komplementieren.

Mit Matt Ryan hat man den richtigen Quarterback als spielintelligenten Antreiber der Offense, der auch alles schon gesehen hat und durch nichts mehr zu beeindrucken ist. Die Offense könnte etwas banal auf Tight End besetzt sein, aber dafür umso besser auf Runningback und Wide Receiver.

Die NFC 2018 ist brutal eng. Schon aus der NFC South heil auszukommen, wird schwierig werden – doch Atlanta ist in dieser Division die beste Wette. Divisionssieg allein reicht leider noch nicht: In der hammerharten NFC wartet ein potenzielles Playoff-Feld mit Mannschaften wie Vikings, Saints, Rams, Eagles oder Packers. Gegen keine dieser Teams möchtest du auswärts antreten. Für Atlanta wird also bereits die Regular Season zu verfrühten Playoffs: Sammle so viele Siege wie möglich um mit möglichst hohem Seeding in die Post-Season zu stürmen.

Denn Ziel kann es für diese Mannschaft nur eines geben: Super Bowl. Am besten diesmal ohne Herzensbrecher.

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Ein Kommentar zu “Atlanta Falcons in der Sezierstunde

  1. Pingback: Das waren die Sezierstunden 2018 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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