Kansas City Chiefs in der Sezierstunde

Die Kansas City Chiefs von Headcoach Andy Reid stehen vor einer faszinierenden Saison.

Hauptgrund dafür ist das Quarterback-Wechsel: Alex Smith, Chiefs-QB der letzten fünf Jahre, wurde nach Washington verkauft und wird durch QB Patrick Mahomes (1st-Rounder 2017) beerbt. Damit läutet Reid das Ende des Sicherheitsdenkens ein, das die letzten Jahre in Kansas City gegolten hatte: Bloß keine Interceptions werfen, um das Spiel dank besserer Turnover-Bilanz zu gewinnen. Ein Gewinn des Turnover-Duells führt in der NFL in 80% der Spiele zum Erfolg. Es brachte auch den Chiefs gute Regular-Season Bilanzen ein:

  • 2013: OFF 18 (7 INT), DEF 36 = +18 (11-5 Siege)
  • 2014: OFF 17 (6 INT), DEF 14 = -3 (9-7 Siege)
  • 2015: OFF 15 (7 INT), DEF 29 = +14 (11-5 Siege)
  • 2016: OFF 17 (8 INT), DEF 33 = +16 (12-4 Siege)
  • 2017: OFF 11 (5 INT), DEF 26 = +15 (10-6 Siege)

Fünf Jahre Reid, vier Jahre mit +14 oder mehr Turnover-Bilanz, vier Jahre mit 10 oder mehr Siegen. Das eine Jahr, in dem der Coup mit den Turnovers nicht glückte, verpasste Reid das einzige Mal 10 Siege und die Playoffs. Doch selbst dieses Jahr war mehr dadurch gekennzeichnet, dass die Defense keine 25+ Turnovers erreichte. Die Offense war also nie „schuld“.

Doch eine No-Risk Strategie ist auch immer eine No-Fun Strategie bzw. eine Strategie, die zwar ein gewisses Grundniveau nicht unterschreitet, aber auch nicht die größtmöglichen Höhenflüge ermöglicht. Und so war das „Ceiling“ der Chiefs unter Smith immer gedeckelt.

Nun also Mahomes – ein physisch super-talentierter Werfer, den du gewiss nicht so weit wie möglich unter Verschluss halten möchtest. Mahomes bietet die Chance auf bessere Effizienz-Zahlen als Smith, birgt aber auch das Risiko von mehr Interceptions. Interceptions per se sind nicht nur als „schlecht“ zu erachten. Sie sind sozusagen der Trade-Off für eine risikoreichere Strategie, die im Idealfall mehr Yards und Punkte einbringt, aber eben hie und da auch zu Fehlern führt.

Reid scheint sich für diesen aggressiveren Weg entschieden zu haben, als er 2017 gleich zwei 1st-Rounder verkaufte um Mahomes nach Kansas City draften zu können. Mit einem Mahomes in der Aufstellung könnte es für die Chiefs nun auch weitere Änderungen nach sich ziehen – nicht nur, weil mit OffCoord Matt Nagy die Mannschaft verlassen hat.

Offense

Kansas City passte sich schon 2017 etwas dem NFL-Schnitt an 11-Personnel an: Nur in 3rd Downs war man deutlich weniger in 11-Personnel aufgestellt (60% der 3rd Downs) als der Rest der NFL (76% in 3rd Downs) – in 1st und 2nd Down lief die Offense in etwa so oft aus 11-Personnel auf wie das durchschnittliche NFL-Team (53% vs. 54%).

Doch wo Reid noch anders tickte als der Rest der NFL: In 1st und 2nd Down spielte er viel häufiger Tight Ends an als der Rest der Liga – siehe hier die Target-Quoten in 1st und 2nd Down:

  • RB: Chiefs 22% – NFL: 23%
  • TE: Chiefs 32% – NFL: 21%
  • WR: Chiefs 46% – NFL: 56%

Dabei waren diese eher seltenen WR-Anspiele extrem erfolgreich: 56% Erfolgsquote für die Wide Receiver bedeuteten die 2t-beste Success-Rate der NFL. Und das, obwohl die Andy-Reid Offense dafür bekannt ist, weniger auf Individualtalente, sondern vor allem auf Scheming zu bauen, wenn es um die Receiver geht.

Doch hier scheint Reid umgedacht zu haben: TE Kelce, der 91% der Snaps sah und starke 58% Success-Rate hatte, bleibt natürlich ein wichtiger Faktor. Doch die dritte wesentliche Änderung nach QB und OffCoord für 2018 ist der Einkauf von WR Sammy Watkins, der für 3 Jahre und 48 Mio. Dollar aus Los Angeles kommt.

Watkins war 2014 für zwei 1st-Rounder von Buffalo in die NFL gedraftet worden. Seine Karriere war geplagt von etlichen Verletzungen und graupen-Quarterbacks und gilt bereits als relative Enttäuschung. Doch Watkins‘ lichte Momente waren sehr hell. Andy Reid wird dafür sorgen, dass Watkins zu einem Star in der Chiefs-Offense wird – ob tief oder über kürzere Routen.

Watkins hat den Luxus, nicht als einziges deep threat in dieser Offense agieren zu müssen. Primär wird diese Rolle dem kaum 1,20 großen Tyreek Hill gelten, der die 40-Yards in unter 4.30 Sekunden laufen kann. Hill war schon 2017 einer der gefährlichsten Deep-Catcher mit über 60% Success-Rate. Mit TE Kelce über die Mitte, Watkins und Hill an den Flanken und dem double-threat RB Kareem Hunt (46% Run SR, 51% Pass-SR) im Backfield sowie einem QB Mahomes, der sich nicht davor scheut tief zu gehen, haben die Chiefs nun einen aufregenden ersten Anzug.

Defense

Eines der Mysterien der Defense von DefCoord Bob Sutton war 2017 die katastrophale Run-Defense, die trotz relativ einfachem Schedule mit nur 55% Success-Rate an #31 der NFL landete. Kann es daran gelegen haben, dass die Defense in 42% der Fälle mit sechs und mehr Defensive Backs am Feld stand (nur zwei Teams waren extremer: Chargers und Packers) und daher zu leichtgewichtig war? Oder lag es am Saisonausfall von SS Eric Berry? Oder war ganz einfach LB Derrick Johnson nicht mehr auf der Höhe?

Die Hoffnung liegt auf Berrys Rückkehr sowie darauf, dass die Linebacker Ragland und der aus Dallas eingekaufte Hitchens für bessere Run-Defense sorgen können (Johnson wurde nach 13 Jahren abgegeben).

Wie auch immer: Die Run-Defense war ein Problemfall das ganze Jahr über. Ihre eklatante Schwäche wurde durch die vielen Interceptions der Pass-Defense kaschiert. Aber auch hier machte Reid einen interessanten Move: Er verkaufte CB Marcus Peters erstaunlich billig für einen 5th-Rounder an die Rams. Peters mag Flauseln in der Coverage gehabt haben und als Typ schwierig gewesen sein, aber er zeichnete sich für sage und schreibe 19 Interceptions in drei Jahren kenntlich.

Und wir wissen seit dem Eingangsabschnitt: Turnovers sind wichtig, gerade für die Chiefs. Peters‘ Playmaking ist so einfach nicht zu ersetzen. Ob der im Alex-Smith Trade aus Washington geholte CB Kendall Fuller als Peters-Ersatz taugt, bleibt abzuwarten; Fuller war eher Slot-CB als Outside-CB. Dazu holte man den in Washington und Oakland bestenfalls umstrittenen CB Amerson, der vermutlich ebenso schnell starten muss.

Wirklich viel für personelle Verbesserung hat man also nicht gemacht. Man scheint vor allem darauf zu bauen, dass die Offense Punkt vorlegt und dass man in der Defense keine kompletten Coverage-Einbrüche kassiert. Passrusher Hali ist mit Mitte 30 weg und kein Faktor mehr, aber die Flankenmänner Houston/Ford sind nach wie vor da, und auch DT Jones ist ein guter Inside-Rusher.

Faktor Feldposition

Ein zu erwartender Nachteil: Starting-Field Position. Kansas City war dank der exzellenten Turnover-Bilanz von Offense und Defense ein Team, das über hervorragende Starting-Fieldposition verfügte. 2017 die #3 in der Defense und die #8 in der Offense.

So kassierte man zwar z.B. die 29t-meisten Yards, aber nur die 21t-meisten Punkte pro Drive – und das trotz der schlechtesten Success-Rate der Liga (72% der gegnerischen Angriffsserien endeten in Touchdowns oder neuen 1st Downs).

Fazit

Die Saison in Kansas City wird spannend. Die Chiefs können sich fast sicher nicht mehr darauf verlassen, mit +10 oder mehr Turnovers aus der Saison zu gehen. Viel wahrscheinlicher sind „Growing-Pains“ von QB Mahomes, der mit seiner eher riskanten Spielweise fast sicher über 2% oder mehr INTs werfen wird. Doch auf der anderen Seite bietet Mahomes auch über 2018 hinaus die Aussicht, die Offense auf einen neuen Level zu hieven.

Doch mit mehr Turnovers in der Offense und vermutlich weniger erzwungenen Turnovers der Defense wird es ein Jahr, in dem sich die Chiefs womöglich neu definieren müssen.

Die AFC ist in der Spitze schwach genug besetzt, dass aus den Chiefs damit kein automatischer Streichkandidat wird. Durchaus möglich, dass eine 9-7 Bilanz für eine Wildcard reicht und auch in der AFC West ist ein erneuter Divisionssieg nicht ausgeschlossen: Den Chargers gehen schon in der Preseason wesentliche Starter mit schweren Verletzungen verloren, Oakland hat keine Defense und fragwürdiges Coaching und Denver schleppt QB-Fragezeichen noch und nöcher mit sich.

2 Kommentare zu “Kansas City Chiefs in der Sezierstunde

  1. Pingback: Das waren die Sezierstunden 2018 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  2. Pingback: Furchtlose NFL-Vorschau 2018/19 | Das Niemandsland | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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