Passspiel und Runningbacks – Die Mär vom 3rd Down Back

Heute unter der Lupe: Das geflügelte Wort des „3rd Down Backs“.

Der 3rd Down Back ist in der NFL bekannt als er fangstarke Runningback, der im als „Passing-Down“ bekannten 3rd Down als zusätzliche Anspielstation eingewechselt wird. Der Plan sieht meist so aus: Runningback ist in der frühen Phase des Spielzugs ein Blitz-Protector, schlingelt sich dann aus der Pocket und stellt eine Notfall-Option für den Quarterback: Eine kurze, sichere Receiving-Option, wenn downfield alles zusammenbricht. Und im Idealfall trägt der Runningback mit seiner Qualität als Ballträger das Ei noch zum neuen 1st Down über die Linie.

Nun wettert mit Warren Sharp ein von mir über die Jahre sehr geschätzter Statistik-Querkopf seit langem gegen den „3rd Down Back“. Eine seiner wesentlichen Fragen in den letzten Jahren bezüglich der Intelligenz von Play-Callern war: „Wie oft setzen die Coaches die Runningbacks im Passspiel in 1st und 2nd Down ein?“

Sharps Begründung: Im 3rd Down haben Runningbacks eine schlechte Effizienz. Also bitte: Setzt sie früher ein und verschwendet sie nicht im 3rd Down, wo sie eh nichts bringen und zudem einen schlechten Pass-Blocker / Blitz-Protector geben.

„Schlechtere „Effizienz“ im 3rd Down stimmt erstmal, wenn wir auf der Oberfläche draufschauen. Sehen wir uns die Effizienz von Runningback, Tight Ends und Wide Receivern in 3rd Downs an, verstehen wird, was Sharp meint:

  • RB: 19% Targets, 32% Pass-SR, 6.1 YPA
  • TE: 18% Targets, 41% Pass-SR, 6.6 YPA
  • WR: 64% Targets, 41% Pass-SR, 7.3 YPC

Doch während ich mit Warren Sharp konform gehe, dass Passspiel auf Runningbacks nicht nur auf die 3rd Downs beschränkt sein sollte, sehe ich in der Aussage „im 3rd Down verschwendet, von intelligenten Coaches vor allem im 1st und 2nd Down eingesetzt“ eher kritisch. Let me explain.

Passspiel, Runningbacks und Down & Distanz

Schauen wir uns die folgende Tabelle mit den Anspielstationen in den letzten zwei Jahren an. In der ersten Spalte sehen wir die Spielsituation (Down, Down&Distanz). In der zweiten Spalte den Anteil an Targets (Anspielen), die der Runningback bekam; in der dritten Spalte die Pass-SR% des Runningbacks. In der vierten und fünften Spalte vergleiche ich die Pass-SR% des Runningbacks mit jener von Tight Ends und Wide Receivern (immer aus Sicht des Runningbacks, eine negative Zahl bedeutet der RB ist schlechter als TE oder WR). In der sechsten Spalte die YPA (Yards per Attempt) des Runningbacks, hernach wieder vergleichen mit TE und WR.

Passspiel und Runningbacks - Spielsituationen vs. TE / WR

Passspiel und Runningbacks – Spielsituationen vs. TE / WR

Die Erkenntnisse:

  • Es stimmt, Runningbacks haben im 3rd Down geringere Effizienz als in 1st und 2nd Down. Und sie haben geringere Effizienz als TE und WR – in 1st, 2nd und 3rd Down.
  • Aber: Auch TE und WR sind in 3rd Downs weniger effizient als in 1st und 2nd Down. Alle drei Positionen verlieren an Effizienz, wenn auch der Runningback um 2% stärker.
  • Der deutlichste Unterschied in der Effizienz zwischen Backs und TE/WR tritt erst ab Distanzen über 10 Yards auf (2nd & 11+, 3rd & 11+).
  • Nach Yards/Attempt ist der Runningback gegenüber TE / WR kontant im Hintertreffen.

Schauen wir uns nun die Anspiel-Effizienz pro Down in allen Distanzen zwischen 1 und 10 Yards an, ergibt sich folgendes Bild:

Passspiel und RB - SR vs TE-WR Down 1-10

Passspiel und Runningbacks – Alle Downs bis 10 Yards Distanz

Fazit: Runningbacks sind in allen drei Downs einen Tick ineffizienter als Tight Ends und Wide Receiver, wenn es um das Fangen von Bällen geht. Der Schlüssel hierbei: „in allen drei Downs“. Es ist bestimmt nicht so, dass Runningbacks in 1st und 2nd Down besonders effizient wären um dann plötzlich im 3rd Down völlig einzubrechen.

Es ist vielmehr so, dass Runningbacks auf Distanzen größer 10 Yards bis zur Anspiellinie als Sicherheitsanspiele angespielt werden und so per Definition keine günstige Situation zu bewältigen haben. Die Gründe dafür können vielfältig sein: Team möchte nach Broken-Play noch ein paar Yards retten und den Punt verkürzen. Oder Team möchte das Fieldgoal um ein paar Yards verkürzen.

Belegbar ist diese Behauptung auch anhand der Target-Rates: Denn während Runningbacks in 1st, 2nd und 3rd Down bis 10 Yards Entfernung nur zwischen 17% und 21% der Anspiele sehen, sind es bei 11 und mehr Yards to go plötzlich 34%, 26% und 22% der Anspiele. Also wesentlich mehr Anspiele in einer wesentlich ungünstigeren Spielsituation.

Logisch, dass Runningbacks eine geringere Success-Rate haben.

Für die These der „Sicherheitsvariante“ spricht auch, dass Teams im vierten Viertel bei Rückstand nur 20% der 3rd & lang Anspiele auf den Runningback schießen, mit Vorsprung im Rücken aber deren 27%.

Success-Rate: Vergleich pro Down und Distanz

Auch den Grund, weshalb Plays im 1st Down tendenziell höhere Success-Rates haben als in 2nd und 3rd Downs, können wir erforschen. Nachfolgend die Grafik von oben gegliedert nach den einzelnen Distanzen pro Down, ergänzt um den Prozentsatz an Pässen, der pro Situation geworfen wird:

Passspiel und Runningbacks - ST% vs. TE / WR pro Down und Distanz

Passspiel und Runningbacks – ST% vs. TE / WR pro Down und Distanz

Wir sehen: In 2nd und 3rd Down sind 20% der Situationen länger als 10 Yards, im 1st Down nur deren 5% (denn 1st & 10 ist natürlich das Standard-Down). Ergo: Die Spielzüge im 1st Down sind natürlich im Schnitt kürzer – und haben daher auch höhere Erfolgsquoten.

Wir sehen hier auch: Die günstigste Situation, auf einen Running Back zu werfen, scheinen kürzere und mittlere 2nd Downs zu sein, auf denen Runningbacks zwischen 62% und 68% Success-Rate als Ballfänger bringen, mehr als Wide Receiver und Tight End. Doch der Blick auf die Yards/Attempt Spalte zeigt: Runningbacks fahren auch auf diesen kürzeren Distanzen bedeutend niedrigere Yardage ein. Der Grund ist klar: Teams leben im Glauben, dass bei kürzeren 2nd-Down Situationen der „deep shot“ eine gute Idee ist – denn geht er schief, hast du immer noch „3rd & managable“ um die Angriffsserie am Leben zu erhalten.

Diese „deep shots“ auf WR/TE sind auch der Grund, weshalb Runningbacks in kürzeren 2nd Downs die bessere Success-Rate einfahren. Denn: „deep shots“ auf Runningbacks kennt die NFL nicht. Nur kurze, relativ sichere Pässe mit hoher Completion-Rate.

Fazit

Ich würde also zusammenfassend Warren Sharp widersprechen. Ich halte seine Behauptung für zu oberflächlich. Was diese Analyse aber auch stützt, ist die Behauptung, dass Runningbacks sehr wohl in allen drei Downs eine wesentliche Bedeutung für das Passspiel haben. Sie tragen maßgeblich zum Erfolg einer Offense bei – schon allein dadurch, dass sie in der Aufstellung stehen und eine potenzielle Gefahr als Läufer und Fänger darstellen.

Sie mögen ein paar Prozentpunkte geringere Effizienz einfahren als WR/TE und sie mögen vor allem im Kurzpassspiel eingesetzt werden. Doch sie bieten gleich zwei zusätzliche Dimensionen, auf die sich die gegnerische Defense einstellen muss. Nicht bloß im 1st Down. Nicht bloß im 2nd Down. Auch nicht bloß im 3rd Down. Sondern in allen Downs.

Daher gehört der Begriff des „3rd Down Back“ ersetzt durch den Begriff des „All-Around Backs“.

Ein Kommentar zu “Passspiel und Runningbacks – Die Mär vom 3rd Down Back

  1. Tolle Analyse – dieses Jahr geht es richtig in die Tiefe- gefällt mir sehr.

    Grundsätzlich würde mich interessieren ob es da signifikante Unterschiede zwischen Teams bzw. backs gibt. Kamara kommt mir jetzt in den Kopf, der zumindest nach Augenschein auch tief geschickt wird – diese Hybriden bekommen ja durchaus ihre Aufmerksamkeit- wäre spannend ob dich das analytisch rechtfertigen lässt.

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