Philadelphia Eagles in der Sezierstunde

Als die Philadelphia Eagles mit Backup-QB Nick Foles im Februar im offensivgewaltigsten Spiel der NFL-Geschichte ihren ersten Superbowl-Titel holten, konnte man nicht anders als zu denken: „Das kann der Beginn einer Ära sein.“ Der Grund liegt auf der Hand: Die Eagles sind nicht nur Titelverteidiger und haben dank Doug Pederson progressives Coaching. Sie haben auch und vor allem mit ihrem Backup-QB gewonnen. Der etatmäßige Starter, Carson Wentz, spielt unter Rookie-Vertrag. Das allein schenkt den Eagles 25 Mio. mehr Platz unter der Salary-Cap. Oder anders: Die Eagles sind im maximalen Superbowl-Modus unterwegs.

Eagles-Offseason Aktivität

Das Coole an der Eagles-Offseason: Sie haben Kaderqualität gehalten. Abgänge von DT Allen und Vinny Curry wurden durch die beiden Einkäufe von DT Ngata und DL Michael Bennett aufgefangen. LB Kendricks‘ Abgang Richtung Cleveland tut nur solange weh, solange man sieht, dass Kendricks eh nur noch in 60% der Snaps am Feld stand (LB Bradham ist der LB1 mit 90%) – Kendricks wird durch Bradham und Jordan Hicks adäquat ersetzt.

Auf Tight End rüstete man mit Rookie-TE Goedert (2te Runde Draft) auf und holte mit den WRs Wallace und Wheaton eher Upgrades gegenüber den an Chicago abgegebenen TE Burton und an Carolina verkauften WR Torrey Smith.

Auf Runningback verlor man Blount und Barner, aber da man Ajayi im Kader hat, Corey Clement sich als fantastischer Pass-Catcher in den Playoffs erwies und Darren Sproles von Verletzung zurückkehrt, sollte man auch auf dieser Position gesattelt sein.

Nun gilt es, auf 2017 aufzubauen. Philadelphia war eines der erfolgreichsten Offense-Teams des Jahres, aber viel an diesem Erfolg hing am großartigen 3rd-Down Play von QB Wentz. Ich schrieb schon letztes Jahr über die kaum zu haltende Effizienz von Wentz in kritischen Downs sowie darüber, dass Philly durchaus noch über Potenzial im Passspiel verfügt. Doch lass uns erstmal das Play-Calling der Eagles 2017 loben.

Wie gut war das Play-Calling der Eagles?

Der Lackmus-Test:

  • 1st & 10: Eagles mit 58% Pass-Quote (NFL-Schnitt: 47%), #1 der Liga. Pass-SR 58%, Run-SR 50%.
  • 2nd & short: 18% Pass-Quote (NFL-Schnitt: 32%). Pass-SR 50%, Run-SR 67%.
  • 2nd& 10: 48% Pass-Quote (NFL-Schnitt: 58%). Pass-SR 31%, Run-SR 26%.
  • 3rd & short: 38% Pass-Quote (NFL-Schnitt: 46%). Pass-SR 67%, Run-SR: 53%.
  • 3rd & 5-10: 90% Pass-Quote (NFL-Schnitt: 92%). Pass-SR 39%, Run-SR 50%.

Also: Passlastigstes Team der NFL im noch immer als Run-Down verkannten 1st Down. Durch ihre aggressive Herangehensweise mit so viel Passspiel im 1st Down legten die Eagles das Tempo vor, trugen das überholte Mantra „establish the run“ zu Grabe und installierten das Mantra „etablish the lead“: Im Schnitt führten die Eagles 2017 zur Pause mit 14.7 zu 8.3.

Im 2nd & short, ein klares Running-Down, fackelte Headcoach Pederson nicht lange und ließ in 82% der Fälle laufen. Folge: 67% der Runs verwerteten zum 1st Down. In den Playoffs knüppelten die Eagles in 7/7 kurzen 2nd Downs mit Lauf zum neuen 1st Down. Auch im 3rd Down waren die Eagles wie gefordert lauflastiger unterwegs als es die NFL vorgibt – obwohl es durchaus Potenzial gäbe, die 53% Run-SR im 3rd&short zu verbessern.

Wo gibt es Potenziale?

Downfield-Passing und 1st/2nd Down Passing. Philly hatte keine überzeugende Passing-Offense in 1st und 2nd Down, wenn es downfield ging: Um 8% geringere Pass-SR als der NFL-Schnitt wenn es in den ersten beiden Downs tief ging (immerhin 90 Versuche!). Dafür war die Effizienz im 3rd Down gigantisch: 8.5% Pass-SR über NFL-Durchschnitt, auch tief über die Hälfte der Pässe angebracht.

11-Personnel. Philadelphias Passspiel aus 11-Personnel war eher mau mit 42% Success-Rate, dafür stark aus 12-Personnel mit 2 Tight Ends: 49%. Vor allem die Receiver schwächelten aus 11-Personnel:

  • Alshon Jeffery 41% SR, 7.0 YPA
  • Nelson Agholor 46% SR, 8.3 YPA
  • Torrey Smith 31% SR, 6.1 YPA

Smith ist Geschichte. Er wird durch Mike Wallace ersetzt. Aber ehrlicherweise sollten die Eagles überlegen, in Zukunft verstärkt aus 12-Personnel zu werfen bzw. mehr Pässe an die Runningbacks und Tight Ends zu verteilen: TE Ertz mit 55% SR, RB Ajayi als Passfänger mit 48%, RB Clement mit starker Saisonendphase mit 55%.

Die Eagles waren die #7 nach Effizienz bei Pässen auf Runningbacks (50% Success-Rate) und die #5 bei den Tight Ends (56%), dafür nur die #16 bei den Wide Receivern (47%). Und trotzdem warfen sie vor allem Pässe auf ihre Receiver (60% Targets auf WR), kaum auf ihre Runningbacks (nur 15%, nahe Liga-Schlusslicht).

Idealerweise sieht die Offense der Eagles 2018 also im Play-Calling ähnlich aus wie 2017, doch mit mehr Fokus auf TE und RB, weniger Fokus auf die Receiver.

Defense

Man sollte sich nicht täuschen lassen von der Vorstellung in der Superbowl, als Philadelphias Defense gegen eine enthemmte Patriots-Offense über 600 Yards und 33 Punkte aufgab: Die Defense von Jim Schwartz war eine der besten des letzten Jahres: 5.7 NY/A gegen den Pass waren #7 der Liga, 64% Run-SR waren #3. Vor allem: Die Defense gab kaum Big-Plays auf: Nur 6.5% der Pässe wurden für 20 und mehr Yards komplettiert.

Die Defensive Line ist eine der tiefsten im Lande: DT Cox spielt seit Jahren auf MVP-würdigem Terrain und DE Brandon Graham war nicht bloß durch seinen entscheidenden erzwungenen Fumble ein wesentlicher Titel-Contributor. Bennett ist ein neuer Inside-Rusher für klare Passrush-Situationen, Ngata ein wertvoller Rotationsspieler gegen den Lauf.

Auf Cornerback konnte man CB Peterson getrost ziehen lassen, weil CB Sidney Jones als Slot-CB einsatzbereit aussieht. Das Outside-CB Pärchen Darby/Mills erwies sich schon 2017 als verlässlich und in der Tiefe patroullieren die Safetys McLeod, Jenkins und Corey Graham. Diese Secondary war einer der wesentlichen Erfolgsfaktoren von 2017: Sie gaben dem Passrush die Millisekunde mehr Zeit für Druck zu sorgen und sie deckten hernach gut genug um nicht wieder trotz 50 Sacks doch über 6.5 NY/A zu kassieren.

Ausblick

Es gibt hinreichend Gründe dafür, die Eagles als Faktor im Titelrennen anzupreisen:

  1. Sie sind wie gemacht für einen heißen Saisonstart: Sie sind in allen Heimspielen favorisiert und gehen erst in Woche 11 auswärts bei den Saints zum ersten Mal als leichter Außenseiter ins Spiel. Der Schedule ist schwieriger als 2017, aber machbar. Man bekommt in der zweiten Saisonhälfte allerdings mit Jacksonville, Saints und Rams drei schwere Auswärtsspiele vor die Brust gesetzt. Trotzdem ist das nur ein mittelmäßig schwerer Spielplan.
  2. Dann, man muss es noch einmal betonen: Wentz kommt zurück.
  3. Die Eagles arbeiten offen mit Analytics und sollten somit die eine oder andere aufgezeigte Schwachstelle im Play-Calling und in der Nutzung des Offense-Personals zu nutzen wissen.
  4. Sie spielen in einer NFC East, in der Dallas ohne Receiving-Corp antritt, Washington mit grunderneuerter Offense aufläuft und die Giants auf einen 37-jährigen abbauenden Eli Manning setzen.

Fazit: Die Playoffs sind fix eingeplant. Im Prinzip sind die Eagles dafür gebaut, auf eine Titelverteidigung hinzuarbeiten, aber ein solches Ziel kann in der brutalen NFC nur mit Glück und dem Ausschöpfen aller verfügbaren Potenziale erreicht werden. 2017 glückte der Coup, weil man in den Playoffs gegen Atlanta und New England zwei kritische Defense Big-Plays machte. Die Wiederholung des Titels ist nicht planbar, aber durchaus möglich.

4 Kommentare zu “Philadelphia Eagles in der Sezierstunde

  1. Die Sezierstunden sind für mich immer ein Highlight, vielen Dank für die Analysen zu den Teams.
    Kommt noch eine Sezierstunde zu den Cincinnati Bengals, bzw. wird es zu allen Teams eine Sezierstunde geben?

  2. @abc: Höchstwahrscheinlich leider nein. Morgen kommt noch eine kurze Sezierstunde über eine andere Mannschaft, dann geht es in Richtung Season-Previews.

  3. Pingback: Das waren die Sezierstunden 2018 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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