Michigan Wolverines 2018 Preview | Der letzte Michigan-Man auf dieser Welt

Schon die Trainerlegende der Michigan Wolverines, Field Yost, schrieb in den 1940er Jahren:

“But do let me reiterate the spirit of Michigan. It is based upon a deathless loyalty to Michigan and all her ways; an enthusiasm that makes it second nature for Michigan men to spread the gospel of their university to the world’s distant outposts; a conviction that nowhere is there a better university, in any way, than this Michigan of ours.”  (Field Yost)

Ein Paragraf, der ganz gut zusammenfasst, was die University of Michigan kennzeichnet: Der Glaube an die eigene Stärke. Die bedingungslose Loyalität zur eigenen Universität, der besten Universität der Welt. Der Aufruf, diese Werte an kommende Generationen weiterzureichen. In kurz: Der Glaube an den „Michigan Man“.

Der kommt in der Folklore des College Football häufig vor. Zu markant waren die Michigan Wolverines in ihrer Entwicklung über die vergangenen fast 140 Jahre. Legendäre Typen wie eben Field Yost (umtriebiger Coach 1901-1926) oder Bo Schembechler („offensive football means three yards gain and a cloud of dust“) zeichneten über viele Generationen das Bild einer Universität, ja eines ganzen Bundesstaates, der sich von niemandem was vormachen lässt. Der seinen eigenen Weg geht und notfalls mit ihm untergeht.

Doch eigentlich kennt der Michigan Man keinen Untergang. Dafür ist er sich seiner Sache viel zu sicher. Das zeigt er auch allen. Daher gilt er in den Vereinigten Staaten oft auch als Verkörperung des an Arroganz grenzend selbstbewussten Midwesteners. Doch sie machten häufig auch ernst: Schembechler, feuerte einst einen Coach des Basketballteams noch in der Umkleidekabine, als bekannt wurde, dass dieser Ende der Saison die Farben wechseln und nach Arizona gehen würde – und verkündete anschließend: A Michigan Man will coach this team.

Michigan hat nicht die meisten Landesmeistertitel gewonnen – in der AP Ära nach dem Zweiten Weltkrieg waren es nur deren zwei: 1948 und der geteilte Titel von 1997 (übrigens mit Backup-QB Tom Brady). Michigan holte auch nur drei Heisman-Trophys.

Doch mit dem Personenkult um Yost, Schembechler und den Michigan Man, mit dem gigantischen „Michigan Stadium“, im Volksmund „Big House“ genannt – dem mit 115.000 Plätzen größten Stadion der Vereinigten Staaten – und mit der innig gepflegten Feindschaft zum anderen Giganten des Mittleren Westens, Ohio State, haben sich die Wolverines in der Landschaft des US-Universitätssports eine ganz eigene Marke geschaffen. Eine Marke, die am ehesten noch von Notre Dame und Alabama gekontert werden kann.

Das Michigan von heute

Jim Harbaugh ist die aktuelle Verkörperung des Michigan-Man: Selbstbewusst und intensiv, rastlos und bis zum Gebrechen arrogant die Eier raushängend wo auch immer er umgeht. Harbaugh ist als einstiger Quarterback der Wolverines sogar ein ehemaliger Student der Universität und mit einigen epischen Schlachten eine heiß geliebte Figur in der riesigen Anhängerschaft der Wolverines.

Harbaugh wurde 2015 als Heiland geholt, nachdem mehrere Head Coaches in Ann Arbor gefloppt waren: Lloyd Carr, der den bis dato letzten National Title 1997 geholt hatte, war 2007 nach mehrjähriger sportlicher Talfahrt gegangen worden und durch den kompletten Außenseiter Rich Rodriguez ersetzt worden.

Rodriguez, einer der Pioniere der spread/option Offense und ausgewiesener Gegner des Michigan-Man Hypes, war zu viel Kulturschock für die in der Vergangenheit hängen gebliebene Fanschar – und er wurde nach nur drei Jahren mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt.

Sein Nachfolger Brady Hoke verkörperte alle klassischen, von Yost und Schembechler geforderten „Michigan“-Eigenschaften – bis auf eines: Seine Teams spielten wie in den 1970ern, und sie blieben Mittelmaß. Hoke wurde gefeuert und hinterließ die bange Frage, ob sich Michigan nicht doch zu sehr der Entwicklung im American Football verschlossen habe. Ob man nicht doch früher oder später mit der Zeit gehen sollte.

Doch der Heiland ließ nicht lange warten: Harbaugh, der innerhalb weniger Jahre mit den Stanford Cardinal und San Francisco 49ers zwei langjährige Gurkentruppen an die Spitze gecoacht hatte, wurde im feinen Frisco aus dem Trainersessel geekelt und nahm ohne Umstände den vakanten Posten bei Michigan an. Für Michigan wie für Harbaugh war der Move perfekt – die Chance, es noch einmal allen zu zeigen.

Harbaugh konnte den Mittelfinger Richtung 49ers ausstrecken – und Michigan selbigen in Richtung aller Air-Raid und Spread/Option Hippies.

Drei Jahre sind seither vergangen – und Harbaugh muss langsam aufpassen: Seine Resultate sind nicht „schlecht“, doch für den ganz großen Durchbruch reichte es noch nicht. 2015 in seinem Debütjahr war die Mannschaft noch nicht reif. 2016 scheiterte er um Millimeter im heißen Lokalderby gegen den Erzfeind Ohio State. Und 2017 schaffte es eine blutjunge Mannschaft in zu vielen knappen Spielen nicht, das Ruder herumzureißen.

Sich wiederholende Geschichte in allen 3 Jahren: Niederlage gegen Lieblingsfeind Ohio State.

Ebenso wiederholende Geschichte: Quarterback-Probleme.

Sub-Kapitel: Dabei war die Defense doch sensationell!

Ein Quarterback! Ein Quarterback!

2018 verspricht insofern Besserung, weil Harbaugh nicht nur mit einer Mannschaft an den Start geht, die bedeutend erfahrener ist als die Ausgabe 2017. Der noch wichtigere Punkt ist: Harbaugh hat vermutlich zum ersten Mal in Michigan einen richtigen Quarterback von Format zur Verfügung.

2017 Stats

Siege        8-5
AP final     UNRANKED
Pass-Off     5.2 NY/A #119
Run-Off      5.2 YPA   #49
Pass-Def     4.5 NY/A   #2
Run-Def      4.5 YPA   #38

2018 Outlook

Preseason FPI          #11
Schedule FPI            #5
Conference Odds       10:1
National Title Odds   16:1

Der Mann hört auf den Namen Shea Patterson und kommt als Transfer-QB von Ole Miss, wo derzeit Chaos und ein Machtvakuum herrscht, in das niemand zu schlüpfen verspricht. Und so wechselte Patterson schneller als er seinen Vornamen aussprechen kann, nach Michigan. Wie wichtig der Move ist?

Michigans Offensiv-Passspiel der letzten Jahre war desaströs. Letztes Jahr erspielte die Pass-Offense 5.15 NY/A – Platz 119 von 130 in der FBS. Sowohl die QBs Speight, O’Korn als auch Peters hatten keine 55% Completion-Rate und warfen 4% INT-Quote.

Der einstige Top-Recruit Patterson kommt aus einem QB-freundlicheren System. Er hatte immerhin 7.6 NY/A (#16 der FBS), komplettierte 64% seiner Pässe und warf nur 3.5% INTs. Hinter Pattersons Dominanz muss man ein Sternchen setzen, weil sein Backup Ta’amu noch bessere Zahlen fabrizierte (über 8 NY/A), doch man kann mit fast 100%iger Sicherheit zum ersten Mal in der Harbaugh-Ära ein annehmbares Offensiv-Passspiel erwarten.

Und das ist vermutlich das einzige, was Michigan wirklich braucht. Denn Laufspiel ist hinter einer grundsoliden Offensive Line dank der RBs Higdon/Evans gegeben (5.2yds/Carry) und im Receiving-Corp verfügt man in WR Tarik Black und WR Donovan Peoples-Jones über zwei einstige 5-Star Recruits, die ihr Potenzial schon aufblitzen ließen, und zwei erfahrene Sicherheits-Optionen in Slot-WR Grant Perry und TE McKeon.

Grandiose Defense

Doch vor allem: Man verfügt über eine verlässlich grandiose Defense. Diese ist seit Jahren fantastisch, aber seit DefCoord Don Brown nach Michigan wechselte, legte sie noch einmal einen Zahn zu:

  • #2 Pass Defense mit 4.5 NY/A
  • #38 Run Defense mit 4.5yds/Carry

Platz 38 klingt nach „nicht überragend“? Mag sein, aber man muss sich vor Augen halten, dass Michigan fast immer in Nickel-Defense spielt und damit von niemanden über Luftweg zu bezwingen ist – und vor allem: Michigans Defense war 2017 extrem jung: 2/4 der Defense Line waren entweder Freshmen oder Sophomores, 2/4 der Linebacker, 6/9 der Defensive Backs.

All diese Spieler werden 2018 mit einem Jahr an Erfahrung ins Rennen gehen. Abgänge gibt es keine, dafür einen gewaltigen Talent-Nachschub, den man in den zweiten Halbzeiten einbauen kann um die Stammkräfte zu entlasten und Erfahrung für die Zukunft zu sammeln.

Die Stars in der auch optisch durch ihre Aggressivität anmutigen Defense seien an der Stelle dem Leser auch noch bekannt gemacht:

  • CB Khaleke Hudson, der eine ähnliche Rolle einnimmt wie früher Jabrill Peppers. Hudson ist eine Art Safety/Linebacker Hybrid, der vor allem als Nickel-Back aufläuft und unfassbar viele Plays macht
  • DE Chase Winovich und DE Rashan Gary an den Flanken der Defense Line, die über 35 Tackles für Raumverlust und 15 Sacks machten
  • LB Devin Bush mit über 100 Tackles, davon 10 für Raumverlust
  • S Josh Metellus sowie CB David Long und CB Brandon Watson

Es wäre eine kleine Überraschung, wenn Michigan Ende 2018 nicht unter den Top-5 der Defenses aufscheinen würde. Und angesichts solcher Dominanz braucht die Offense dann wirklich nur noch akzeptables Quarterback-Spiel um im Big-Ten Rennen ganz vorne mitzumischen.

Schwieriger Spielplan

Das größte Fragezeichen liegt im Schedule begraben. Der ist heftig für Michigan: Ohio State, bei allem Hype um den Urban-Meyer Verlust, bekommt man am letzten Spieltag der Regular Season wieder auswärts serviert. Aber schon zuvor muss man eine Reihe an knackigen Gegnern bespielen:

  • Woche 1 @Notre Dame (Preseason-FPI: #6)
  • Woche 7 vs Wisconsin (FPI: #12)
  • Woche 8 @Michigan State (FPI: #10)
  • Woche 10 vs Penn State (FPI: #9)
  • Woche 13 eben @Ohio State (FPI: #4)

Das sind fünf Teams aus den Top-12 des Preseason Football-Power Index (FPI) von ESPN – in Summe der fünftschwerste Spielplan der College Football Saison (nach UCLA, FSU, LSU und Texas). Gegen einen solchen Spielplan ist es fast ausgeschlossen, ohne Stolperer durchzukommen. Im schlimmsten Fall gibt es für Michigan enge Spiele, von denen 2-3 den „falschen“ Ausgang nehmen. Und schon bist du nur 9-3 und alles hinterfragt Harbaugh und ob es nicht doch noch irgendwo einen besseren „Michigan-Man“ (wie zum Beispiel den noch rückwärtsgewandteren Les Miles) gäbe…

…aber im Idealfall klickt die Pass-Offense, walzt die Defense alles nieder und fallen die Dominosteine in knappen Spielen dann auch mal für Jim Harbaugh – und Michigan findet sich nach Weihnachten in den Playoffs wieder.

6 Kommentare zu “Michigan Wolverines 2018 Preview | Der letzte Michigan-Man auf dieser Welt

  1. Wirklich sehr schöner Artikel zu einem Program, das sich in einer extrem spannenden Position befindet. Eine Sache möchte ich aber anmerken, denn damit könntest du in Amiland wohl die Fans von zwei der ganz großen Fanbases ziemlich hart triggern. Der Ausspruch „three yards and a cloud of dust“ stammt nicht von Schembechler, sondern von Woody Hayes (https://en.wikipedia.org/wiki/Woody_Hayes#Ohio_State). Der war zwar vier Jahre lang Schembechlers Chef in Columbus, aber ansonsten der legendäre Trainer von Michigans Erzfeind Ohio State und sogar Schembechlers Kontrahent im „Ten Years War“. Will nicht päpstlicher sein als der Papst, aber in Columbus und Ann Arbor würde man das sicher nicht so gerne lesen. 😀

  2. @BlauGelb: Danke für die Korrektur, das hatte ich genau umgekehrt im Kopf.

    Philosophisch könnte man den Satz durchaus Schembechler zuordnen, wenn man sich alte Videos anschaut. Offense der beiden war nahezu identisch. Die gegenseitige Abneigung ist wohl vor allem „sie stoßen sich ab weil sie gleich gepolt sind“.

  3. Ja, kann absout verstehen, dass man da mal durcheinander kommt, denn phiosophisch kann man den Satz sicher auch Schembechler zuschreiben. Michigan hat Ende der 60er gesehen, wie Ohio State die vergangenen eineinhalb Jahrzehnte erfolgreich war und hat wohl auch deshalb einen von Hayes‘ ehemaligen Assistenten angeheuert.
    Und persönlich kamen die beiden glaube ich auch bis zum Ende ganz gut klar, denke die Rivalität war da vor allem zu den Teams und Unis. Wobei da gerade Hayes ja vorne mit dabei war, angeblich soll er ja auf nem Recruiting Trip einem Assistenten mal verboten haben, in Michigan an die Tanke zu fahren, obwohl der Sprit knapp wurde. Aber Hayes wollte dem Staat Michigan nicht einen Cent mehr geben als notwendig, deshalb solll er gemeint haben, dass sie das Auto eher bis über die Grenze schieben würden. Bestätigt ist aber natürlich das schöne „because I couldn’t go for three.“, als er gefragt wurde, weshalb er bei einem hohen Sieg gegen Michigan in der Garbage Time eine 2-Point-Conversion versuchte.

  4. Auf Amazon Prime gibt es eine Staffel von All or Nothing mit der Saison der Wolverines von 2017. Hier werden auch die Michigan Men thematisiert. Seitdem ist mir Harbaugh fast schon sympathisch.

  5. Pingback: Notre Dame Fighting Irish 2018 Preview | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  6. Pingback: College Football 2018 – Opening Weekend Preview | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.