Baltimore Ravens in der Sezierstunde

Die Baltimore Ravens verpassten 2017 mit 9-7 Bilanz knapp die Playoffs. Eine „komplette Mannschaft“ waren sie nicht, aber man kann die Saison der Ravens auch so sehen: Ihr Pythagorean war mit 10.5 Siegen fast identisch mit jenem der Pittsburgh Steelers (Pythagorean von 10.6).

Leistungsmäßig war man mit dem vermeintlichen AFC-North Dominator Pittsburgh also auf Augenhöhe. Den Unterschied zwischen der 13-3 Bilanz der Steelers und dem 9-7 der Ravens machte die Close-Game Bilanz: Baltimore verlor 4 seiner 6 One-Score Games, Pittsburgh gewann 8 seiner 10.

Die Steelers hatte man im Dezember in einem viel beachteten Sunday-Night Game auch am Rande einer Niederlage: Man verlor nur unglücklich 38-39. Und am allerletzten Spieltag wurde man durch eine 4th&12 Hail-Mary der Bengals aus den Playoffs geworfen.

Joe Flacco

Und das alles, obwohl Baltimore vielleicht die eindimensionalste Offense der NFL spielte. Man war extrem passlastig, obwohl das Passspiel so gut wie nichts einbrachte. Der Mann, der auf die Fresse bekommt wie kein anderer: QB Joe Flacco. Flacco hat in den fünf Jahren seit seinem unfassbaren Superbowl-Run nur eine gescheite Saison (2014/15) hingelegt und vor allem 2017 überwiegend unansehnliche Grütze gespielt.

Eine Auswahl? Flacco war mit 5.2 NY/A im Passspiel die #29 der NFL, hatte nur 40% Success-Rate (NFL: 44%) und war im 3rd Down mit Würfen für im Schnitt 2.1 Yards hinter die Anspiellinie einer der konservativsten QBs der NFL. Interessanterweise gehen die Ravens mit dem Raketenarm Flaccos auch kaum mehr tief – so „tief“ ist Flacco mittlerweile gesunken, dass man ihm nur noch Kurzpassgewichse auf engstem Raum zutraut.

Nicht bloß deshalb wagte GM Ozzie Newsome im Draft den Eier-Move und holte auf #32 in der 1ten Runde QB Lamar Jackson, den phänomenalen Playmaker-QB von den Louisville Cardinals. Jackson ist der beste Athlet auf Quarterback seit Michael Vick.

Ob Jackson schon 2018 regelmäßige Einsätze bekommen wird, steht noch in den Sternen. Aber es muss betont werden, dass sich die Ravens den ähnlich mobilen RG3 als Backup holten, und dass sowohl OffCoord Marty Morhinweg (Donovan McNabb, Michael Vick 2010) als auch Assistant-HC Greg Roman (Kaepernick in San Francisco, Tyrod Taylor in Buffalo) bereits erfolgreiche Offenses mit mobilen Quarterbacks gezimmert haben.

Flaccos Arbeitsplatz ist also in Gefahr: Wo ihn über die letzten Jahre nur sein horrender Vertrag rettete, ist es ab März 2019 für die Ravens billiger, ihn zu cutten als ihn zu behalten. Und damit rettet ihn nur noch ein vernünftiger Saisonstart vor dem Aus.

Offense-Moves

Newsome gab der Offense immerhin neue Waffen: TE Hayden Hurst und TE Mark Andrews wurden in den ersten beiden Runden neben Jackson einberufen. Dass es gleich zwei Tight Ends wurden, ist typisch für den einstigen Tight End Newsome, der über seine komplette Laufbahn als GM immer wieder diese Position in den Mittelpunkt seiner Offenses gestellt hatte (Shannon Sharpe, Todd Heap, dann später Dennis Pitta und Ben Watson).

Auf Wide Receiver wurde Tabula Rasa gemacht. Nach einer Saison mit desaströsen 35% Success-Rate aus 11-Personnel wurden sowohl WR Mike Wallace als auch WR Maclin gecuttet und WR Perriman (ex-1st Rounder) angezählt, und durch ein neues Trio ersetzt: WR Crabtree aus Oakland, WR Willie Snead aus New Orleans, WR John Brown aus Arizona. Es wird jedoch nicht lange dauern, bis Baltimore erkennen wird, dass nicht die Receiver, sondern Flacco, das Problem sind.

Defense

Die Defense ließ Newsome personell eher unangetastet. Sie war auch einer der Stars der letzten Saison mit u.a. 5.5 NY/A gegen den Pass und fast 4% INT-Quote. Dabei war mit CB Jimmy Smith einer der besten Verteidiger des Jahres lange Zeit verletzt. Problem für Baltimore 2018: Smith steht zu Saisonbeginn vor einer mehrwöchtigen Sperre wegen wiederholter Dopingvergehen (NFL verkündete gestern 4 Wochen Sperre).

Doch Baltimore hat auf vielen Ebenen Abwehrstars: DL Brandon Williams, OLB Suggs (sofern er mit 34 noch durchhält), LB Mosley, CB Smith und das Safety-Pärchen Weddle/Jefferson. Um die Defense würde ich mir trotz des Abgangs von DefCoord Dean Pees (Pensionierung) keine Sorgen machen. Das Know-How auf dieser Seite des Spielfelds ist in Baltimore seit Jahren unangetastet.

Ausblick

Theoretisch sind die Ravens ein Playoff-Anwärter. Die 34 Defense-Turnovers von 2017 werden sich zwar kaum wiederholen lassen, aber dafür sind Defense und vor allem die exzellenten Special Teams gut genug um die Mannschaft zu 9-7 Siegen zu tragen, selbst wenn Flacco wieder Gurkenball spielt. Die AFC kennt zwar mittlerweile auch außerhalb der AFC North ein paar Wildcard-Kandidaten und an Pittsburgh werden die Ravens nicht vorbeikommen, aber es braucht nur etwas Close-Game Glück um es in der AFC als #6 zu schaffen.

Doch die Playoffträume sind nur Peanuts für die Mannschaft von John Harbaugh: Richtig interessant wird die Saison aber sowieso erst, sollte man irgendwann Lamar Jackson einwechseln. Und die Wetten stehen gut, dass Jackson Spielzeit bekommen wird.

4 Kommentare zu “Baltimore Ravens in der Sezierstunde

  1. Peas wollte in den Ruhestand, hat aber dann doch bei den Titans angeheuert. Viele sehen sein Playcalling als Ursache für die vielen Close-Game Niederlagen und beinahe Niederlagen.

  2. passt zwar nicht ausschließlich zu den Ravens ist aber dennoch interessant zu lesen. Ein Artikel der anhand von Carl Nicks und Lawrence Tynes den Umgang der Buccs mit der Ansteckung des (resistenten) Staphylokokken Virus (MRSA) beschreibt. Es wird sicher noch andere Teams geben wo es ähnlich unachtsam und auf dem Rücken der Spieler ausgetragen wird, wenn sich ein Spieler damit ansteckt. Aber es ist schon krass wie durch mangelnde Hygiene ProBowl Karrieren ein abruptes Ende finden können und die Franchise kümmert es kaum…

    https://www.canalstreetchronicles.com/2018/8/22/17767198/the-cautionary-tale-of-carl-nicks

  3. @Dave:

    Ursache für die vielen Close-Game Niederlagen

    Eine gewagte Sicht, wenn deine Offense eine Effizienz in Tebow-Regionen an den Tag legt und die Defense…
    … mit 5.4 NY/A die #4 gegen den Pass ist
    …mit 4% INT-Quote die #2 bei Defensive INTs ist
    …#6 bei Yards/Drive
    …#5 bei Punkten/Drive
    …#4 bei Touchdowns/Drive
    …#9 bei 3’n’outs pro Drive
    …#7 bei Punkten/Redzone Besuch
    …#10 bei Touchdowns/Redzone…
    in fast allen entscheidenden Statistiken Top-5 oder Top-10 ist, während sie den 2t-teuersten Quarterback der NFL durchschleifen muss und das halbe Jahr ohne Defense Liner und den besten Cornerback auskommen muss.

  4. Pingback: Das waren die Sezierstunden 2018 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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