NFL-Start 2018 für den Gelegenheitszuschauer

Heute Nacht startet die 99te NFL-Saison mit der Partie Philadelphia Eagles – Atlanta Falcons (ab 02h20). Für die einen geht es um die Titelverteidigung, für die anderen um den Grundstein zur Qualifikation für eine etwaige Heim-Superbowl: Das Endspiel dieser Spielzeit findet am 3. Februar 2019 im Mercedez Benz Dome in Atlanta statt.

Die großen Geschichten

Größte NFL-Story dieser Tage ist der seit vielen Monaten schwelende „Hymnenstreit“ zwischen der NFL, ihren Spielern und der Trump-Regierung. Die zentrale Figur in dieser vor Scheinheiligkeit triefenden Pathos-Diskussion, Colin Kaepernick, ist weiterhin ohne Job – obwohl just der aktuelle Titelträger, die Philadelphia Eagles, mit wesentlichen Protestfiguren wie Malcolm Jenkins oder dem weißen Chris Long bewiesen, dass offene Meinungsmache den sportlichen Erfolg nicht verhindert.

Kaepernick, der Geächtete, verdingt sich dieser Tage als Redner auf Wohltätigkeitsveranstaltungen. Doch just vor wenigen Tagen feierte Kaepernick ein Comeback auf der großen Bühne: Kein geringeres Unternehmen als der Sportartikel-Gigant Nike präsentierte Kaepernick im Zuge seiner neuen Kampagne unter dem Slogan Believe in something, even if it means sacrificing everything“:

Gerade die Marke Nike als Hauptausrüster der NFL ist ein mächtiger Verbündeter für Kaepernick und selbst Trump-Ergebene wie Dallas-Cowboys-Owner Jerry Jones trauen sich nicht, den Move zu kritisieren.

Kaepernick bleibt natürlich ohne Job – aber sein Stempel ist überall zu spüren. Nicht bloß hat er US-weit einen Stein ins Rollen gebracht. Der Hymnenprotest bleibt auch zu dieser Saison ein großes Thema. Die NFL verbietet ihren Spielern unter Androhung von Pauschalstrafen zur Hymne niederzuknien. Dafür müssen Spieler nicht mehr stramm zur Hymne stehen: Sie können auch, wie bis 2009 üblich, in der Kabine bleiben, während der gemeine Amerikaner zur Hymne seinen Hot-Dog am Stand abholt.

Regeländerungen

Der Protestverbot zur Hymne ist die eine große Änderung, die der NFL auf den Kopf fallen wird, weil das Thema nicht von der Agenda verschwindet. Die andere ist der Change an der Kickoff-Regel, die aller Wahrscheinlichkeit zu mehr anstelle weniger Kickoff-Returns führen könnte:

Die meisten weiteren Modifikationen an den Regel verfolgen wie die Kickoff-Regel das Ziel, Sicherheit für die Spieler zu erhöhen. So soll es ab sofort ein Foul sein, wenn ein Spieler mit dem Helm voraus in den Mann geht – die x-te Abänderung an den Hits, die auch für Ballträger gilt. Doch in der Preseason hagelte es Kritik an der Regelauslegung, die nur Defense, nicht Offense, bestrafte.

Und auch die obligatorische Stellschraube an der „Catch-Regel“ wurde gedreht: Der going to the ground Passus ist ab sofort gestrichen; für den Receiver reichen in Zukunft Catch, Ballkontrolle und dann ein „Football-Move“. Dazu zählt die NFL einen dritten Schritt, Hand ausstrecken um TD/1st Down zu erzielen, Ball in den Arm nehmen oder Stiff-Arm gegen Verteidiger.

Die Refs

Ich bin nicht sicher, ob sich die Catch-Regel subjektiv lösen lässt. Schließlich sorgt nur die Hymne in NFL-Gefilden für noch mehr Zündstoff als die Frage, was ist eine komplettierte Reception? Einer der bekanntesten Referees mit der schwierigsten Catch-Entscheidungen war Gene Steratore, der drei berühmte Catch-Entscheidungen traf:

Steratore, der coolste NFL-Referee unter der Sonne, kehrt der NFL nun den Rücken und wird TV-Experte. Er ist einer von vier bekannten Schiedsrichtern, die in der Offseason zurückgetreten sind. Die anderen sind Ed Hochuli, der Mann mit den monströsen Oberarmen eines Linebackers, Terry McAuley, Leiter dreier Superbowls, und Jeff Triplette, der Seuchenvogel unter den Refs, der mehr oder weniger „zurückgetreten wurde“.

Triplette war eine Flasche, aber erstere drei Refs gehörten zum Besten, was die NFL kannte. Man möchte angesichts der anhaltenden Kontroverse um die Qualität der Spielleitung in der NFL gar nicht dran denken, was in der anstehenden Saison passiert, wenn die besten von der Tribüne oder dem Wohnzimmer aus zusehen.

Übertragungen

NFL ist bei uns mittlerweile einfach zu bekommen. Pro Sieben MAXX/ProSieben bringt den heutigen Opener, jede Woche zwei Abendspiele um 19h (eines im ran.de Stream, eines bei P7/P7Maxx) und eines bei Pz/P7Maxx ab 22h. Memo to me: P7 ist in Italien bei Zattoo empfänglich.

Der Season-Opener wird von „Coach“ Esume und Markus Kuhn kommentiert – ein exzellentes Duo.

Die Partien für den 1ten Spieltag stehen schon fest: 19h Patriots – Texans und 22h Seahawks – Broncos im TV sowie 19h Vikings – 49ers im Stream. Am 2ten Spieltag: Packers – Vikings ab 19h und Jaguars – Patriots ab 22h im TV, Steelers – Chiefs ab 19h im Stream.

Die Nachtspiele gibt es bei DAZN: Thursday Night Game, Sunday Night Game und Monday Night Game. Dazu soll es am Montag nun ein Spiel „on demand“ zusätzlich geben. Goodie: DAZN hat am Sonntag ab 19h den Redzone-Kanal im Angebot. Hier kann man sich zum Gratismonat anmelden.

In Österreich ist PULS 4 mit der gewohnten Coverage dabei: Sonntag-Spiel in der 22h25 Schicht, kommentiert von Walter Reiterer und Michael Eschlböck. PULS 4 geht in seine mittlerweile 10te NFL-Saison. Neu ist die Partnerschaft zwischen PULS 4 und SPOX.com.

Alle Spiele plus Redzone-Channel hat wie immer der kostenpflichtige NFL-Gamepass (Preis in Italien heuer: 174 EUR für das Jahr). In Woche 1 sind für gewöhnlich Kinderkrankheiten zu erwarten, wenn auch nicht ganz so extrem wie letzte Woche zum College-Football Auftakt in der CBS-App oder im ESPN-Player.

Zwei wesentliche Änderungen gibt es in den USA: Thursday Night Football geht von NBC für FOX (Fünfjahresvertrag), was noch mehr Joe Buck / Troy Aikman bedeutet. Gemessen an dem Aufwand, den FOX fährt um die Übertragungen zu pushen (u.a. zwei Sideline Reporter, aber kein korsakoff), kann man erahnen, dass das Donnerstagsspiel sich für FOX zu einer „Marke“ entwickeln soll.

Die andere größere Neuerung ist die Neubesetzung der Monday-Night-Crew bei ESPN: Sean McDonough wechselt nach zwei mäßigen Jahren zurück in den College Football und Jon Gruden verdingt sich nun als Gebrauchtwarenhändler in Oakland. Das neue Duo: Joe Tessitore / Jason Witten. Tessitore ist College-Fans bekannt als die Stimme etlicher Dramen. Witten feiert nach seinem Rücktritt als Profi sein Debüt als Kommentator. Kann er ähnlich einschlagen wie der sensationelle Tony Romo bei CBS?

Zum Sportlichen

Es ist eine NFL-Saison ohne klaren Topfavoriten. In der Offseason konnte man ein Wettrüsten der NFC-Mannschaften beobachten, wo sich Teams wie Philadelphia, Minnesota, Chicago, Rams oder auch Green Bay massive Preiskämpfe leisteten und die Latte für einen Superbowl-Run sehr hoch anlegten.

Wo die NFL Ausgeglichenheit auf hohem Niveau repräsentiert, ist die AFC ein Tummelplatz für Ambitionslose und im Prinzip Dreiklassengesellschaft: New England und Pittsburgh vorneweg, dahinter ein Mittelfeld mit Teams wie Houston (dem ich am ehesten Chancen auf einen Ansturm gen AFC-Spitze zutraue), Chargers, Baltimore, Jacksonville, Tennessee, Kansas City, Denver oder Cincinnati und einem relativ schwach besetzten Bodensatz.

Spannend: Gleich 18 Mannschaften haben ihre Offense Coordinator gewechselt, und wenn wir von der verheerenden QB-Situation in Buffalo absehen, dürften gleich 31 Mannschaften mit gutem Gefühl auf Quarterback in die Saison gehen: Entweder der letztes Jahr verletzte Star ist wieder zurück, oder es läuft ein junger Rookie auf, der für Entzücken sorgt. Oder wird sind Jacksonville, dem einzigen Ort, an dem man sich mit Blake Bortles (der 25 Mio. garantiertes Gehalt in den verlängerten Rücken geschoben bekam) zufrieden gibt.

In der großen, 4-teiligen Furchtlosen Vorschau habe ich die einzelnen 32 Mannschaften en detail herausgearbeitet:

Meine Tipps zur anstehenden Saison seien an der Stelle auch gleich noch einmal platziert:

  • NFC: Eagles / Falcons / Packers / Rams – Vikings / Saints
  • AFC: Patriots / Texans / Steelers / Chargers – Titans / Ravens

Superbowl: Neuauflage der letzten Saison. Wieder gewinnen die Eagles. Ich weiß, öder Tipp. Wollen wir auch MVPs tippen? Aaron Rodgers.

Heute Nacht

Eagles gegen Falconsda war im letzten Jänner doch was! Atlanta beendete seine zweite Saison en suite mit Herzbrecher, als man in der letzten Spielminute ein 4th & 2 an der Goal-Line versemmelte und damit gegen den späteren Champion Philadelphia ausschied.

Eagles-QB damals wie heute: Nick Foles, der eigentlich Backup. Foles wird heute starten, weil der etatmäßige Franchise-QB Carson Wentz nach Kreuzbandriss im letzten Dezember noch nicht ganz fit ist. Der Move ist eine Vorsichtsmaßnahme der Eagles – und wie vorsichtig, wenn man bedenkt, dass im Fall der Fälle schon heute das Rennen um das NFC-Seeding im Jänner beginnt!

Foles muss auch auf WR Alshon Jeffery verzichten, der noch 1-2 Wochen ausfällt. Atlanta dagegen scheint in Bestbesetzung anzutreten. Philadelphia ist in den Wettbüros als leichter Favorit gestartet (mit 2.5 Punkten), aber seit der Bekanntmachung von Wentz‘ Ausfall ist der Spread gen Atlanta gewandert. In einigen Wettbüros gilt als Atlanta nunmehr als mit bis zu 1.5 Punkten favorisiert.

5 Kommentare zu “NFL-Start 2018 für den Gelegenheitszuschauer

  1. Ich freue mich auch. Hat sich bei korsakoff denn die TV-/Internetsituation entspannt oder bist du nach wie vor in Großteilen auf die schrottige NFL Gamepass-Technik angewiesen?

    Und wie ist generell dieses Jahr deine Motivation die Saison zu verfolgen? Die Recht ausführlichen Vorschau-Artikel lassen da gutes erwarte 🙂

  2. „Sie können auch, wie bis 2009 üblich, in der Kabine bleiben, während der gemeine Amerikaner zur Hymne seinen Hot-Dog am Stand abholt.“

    Sätze wie diese sind der Grund, warum deine Blogs themenunabhängig wohl die besten ever sind, mal abgesehen davon dass diese auch inhaltlich über jeden Zweifel erhaben sind.
    Absolut meinen Respekt und Dank für deine Inputs 🙂

  3. @Beige09: Gamepass wird heute Nacht zum ersten Mal angemacht, insofern kann ich noch wenig dazu sagen.

    Motivation ist immer da. Die Frage ist wie immer mehr, was ich „in time“ unterkriege.

  4. Pingback: Sonntagsvorschauer, Woche 1 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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