NFL 2018 – Scheinwerfer auf Woche 2

Ein Rückblick auf eine unterhaltsame Woche 2. Der Spaß an der NFL ist zurück! (kein Spoiler Monday Night Game)

Die NFL hat zwei neue Lieblinge: QB Ryan Fitzpatrick (12.9 NY/A, 8 TD, 1 INT) und QB Patrick Mahomes (10.4 NY/A, 10 TD, 0 INT), die in den ersten beiden Wochen die Anzeigetafeln zum Glühen gebracht haben.

Fitzpatrick ist dabei die noch größere Überraschung, weil er als Mitt-Dreißiger und nach einer NFL-Karriere als Wandervogel nun plötzlich seinen dritten Frühling zu erleben scheint. Die Orgie an tiefen Bomben, die Fitzpatrick mit den Buccs serviert, komplett gänzlich aus heiterem Himmel. In Woche 1 war es die Defense der Saints, die niemand ernst nimmt. Aber in Woche 2 war es die Superbowl-Defense der Eagles, die #2 Defense von 2017.

Wenn Fitzpatrick so weitermacht, ist nicht auszuschließen, dass er den Starter-Posten auch nach der Rückkehr von Jameis Winston (noch ein Spiel gesperrt) behalten wird. Was aktuell in der Buccs-Fanszene das bevorzugte Szenario wäre – aber was ich nicht verstünde. Schließlich deutet alles darauf hin, dass Fitzpatrick in Kürze wieder im Mittelmaß verschwinden wird.


Noch eindrucksvoller als Fitzpatrick ist Mahomes, der gerade seinen dritten NFL-Start hinter sich hat. Was Mahomes in den ersten beiden Wochen an Show abgeliefert hat, war schon ganz groß. Gegen die Chargers servierte Mahomes 4 TD. Am Sonntag in Pittsburgh waren es deren sechs.

Und es waren keine Zufallsprodukte. Es war Offensiv-Football aus dem obersten Regal. Überraschend ist dabei, wie häufig Kansas City aus „empty formations“ ohne Runningback im Backfield spielt – es ist die Formation, die der „Air Raid“ QB Mahomes bereits aus dem College wie seine Westentasche kennt. Dabei spielt Kansas City nicht mit 5WR, sondern häufig genug aus 11-Personnel – was dank RB Kareem Hunts Skill-Set als Wide Receiver möglich ist.

Mahomes hatte gut und gerne 20 Pässe aus empty formation und es ist eine Augenweide, wie er die Safetys lenkt und selbst mit Druck in der Fresse die Bomben raushaut. Pittsburgh versuchte alles um Mahomes in den Griff zu bekommen, schickte Blitzes, tarnte seine Deckungen als Mann oder Zone, doch Mahomes war nicht zu verwirren.

Bei Mahomes ist es nicht nur die Schönheit seiner flachen Würfe. Es sind auch die Arbeit mit seinen Augen, die sachten Bewegungen in der Pocket. Nur einer seiner 6 TD kam von außerhalb der Pocket, der Rest entsprang innerhalb der beschützten Zone.

Mahomes wirkt nicht wie ein Jungspund, sondern wie ein austarierter Routinier. Das ist die größte Überraschung an der Entwicklung: Noch vor einem Jahr hatte er als ungezügelter Hengst gegolten, dem man erst einmal beibringen musste, dass nicht jeder Pass in jede Deckung eine gute Idee ist (ich hätte ihn z.B. nicht so hoch gedraftet). Doch Andy Reid scheint seinen Superschüler nun in einem Jahr auf der Bank extrem viel beigebracht zu haben.

Und Reid hat Mahomes einen Supporting-Cast beigestellt, der sich gewaschen hat. Man muss sich das einmal vorstellen: WR Sammy Watkins wäre in locker 2/3 der NFL der beste Skill-Player im Kader, doch in Kansas City ist er vermutlich nur die #3 hinter dem pfeilschnellen Tyreek Hill und TE Travis Kelce. Dazu Hunt, der mit seiner Versatilität einer der Schlüssel für die offenen Formationen ist.

Überhaupt muss man Watkins im Auge behalten. Watkins‘ NFL-Karriere war bislang durch QB-Instabilität in Buffalo und für seine Talente ungünstiges Scheme in Los Angeles gekennzeichnet. In Kansas City spielt er eine zentrale Rolle, nicht nur als Receiver aus verschiedensten Formationen, sondern auch als Waffe bei Jet-Sweeps.

Natürlich ist es gerade bei solch jungen Spielern wie Mahomes nicht auszuschließen, dass Regression zur Mitte einsetzt. Aber gemessen an dem, was Mahomes in den ersten beiden Wochen gezeigt hat, kann man zumindest behaupten, dass er legit aussieht: Da ist natürlich Scheming dabei, aber viele seiner Pässe entspringen seinem natürlichen Wurftalent. Und seine Pocket-Arbeit ähnelt bereits der eines Routiniers. Andy Reid kann sein Play-Book in den nächsten Wochen beruhigt sukzessive ausbauen.

Chargers und Steelers waren für Mahomes auch schonmal nominell keine schlechten Defenses. Am Sonntag kommt San Francisco, doch dann folgen 8 heiße Spiele: @Broncos, Jaguars, @Patriots, Bengals, Broncos, @Browns, Cardinals und @Rams, ehe die Chiefs an Thanksgiving ihren Ruhetag einlegen. Kommt Mahomes gegen diese satten Defenses heil durch, ist er for real.

Fitzpatrick und Mahomes waren aber nur die Spitze des Eisberges – auch hinter diesem Duo hagelte es starke QB-Leistungen: 16 Quarterbacks am Sonntag hatten ein QB-Rating über 100, gar 21 über 95. Chase Stuart setzte das in Relation: Aaron Rodgers‘ Karriere-Rating ist 104. Wir erleben also ein Jahr nach dem Untergang des Offensiv-Football schon wieder dessen Renaissance.

Beeindruckt am Sonntag war ich z.B. von Kirk Cousins: Da waren wunderschöne Pässe dabei. Natürlich hat Cousins auch noch Abstimmungsschwierigkeiten, aber er navigierte schön durch die überbevölkerte Pocket und zeigt brillante Chemie mit WR Diggs. Und sein TD-Pass für Thielen war eines der Highlights der Saison.

Auch Blake Bortles: Saubere Leistung. Im Spiel hatte ich den Eindruck, dass Bortles relativ frei werfen konnte, doch lt. ESPN war er in 44% seiner Snaps unter Druck. Vielleicht ist das ganze dem Eindruck geschuldet, dass Bortles etliche völlig offene Receiver hatte.

Ein paar andere Beobachtungen:

  • QB Roethlisberger analysierte seine aktuelle Schwäche unter dem Gesichtspunkt, dass er rechts downfield Verbesserungspotenzial habe. Das Zahlenmaterial gibt genau das nicht her: Roethlisberger tief rechts mit +11% Success-Rate im Vergleich zum Liga-Schnitt. Die Schwachstelle ist tief Mitte, wo Ben nur 1/3 Pässen anbringen konnte, und tief links, wo er nur 3/9 anbrachte.
  • Pittsburghs andere Schwäche: Sie ignorieren bislang Passspiel auf die Runningbacks: Nur 13% der Pässe gehen in deren Richtung, obwohl Connor mit 62% Success-Rate die #4 der Liga ist und 9.9 YPC macht (#2). Stattdessen sucht Roethlisberger in 72% seiner Versuche die Wide Receiver (Höchstwert der Liga) – für nur 42% Erfolgsquote, #25.
  • Die Detroit Lions haben keinen guten Saisonstart hingelegt. Laufspiel ist weiterhin mausetot, und das Passspiel ignoriert bislang die TE-Position: Nur 6% der Anspiele gingen zu den Tight Ends. Dagegen gibt es zu viele wertlose Dump-Offs für die Runningbacks: Nur 35% Erfolgsquote für Riddick und Co.

1st & 10 Play-Calling

Lass uns mal das Play-Calling im 1st&10 anschauen (immer erste Halbzeit – ohne Monday Night Game!).

Du glaubst, der Blick nur auf die erste Halbzeit greift zu kurz? Nun, das zur Halbzeit führende Team ist in der laufenden Saison (31 Spiele) bislang 22-6-2 (einmal remis zur Pause). Zur Pause zu führen bedeutet nicht bloß einen Vorsprung zu genießen, sondern auch das Tempo für die zweite Halbzeit zu diktieren und dem Gegner damit ein Play-Calling aufzuoktroyieren. Insofern sollten Mannschaften verstärkt schauen, eine Führung zur Pause zu erarbeiten.

1st Down - Week 2

Houston Texans mit nur 23% Pass-Quote im 1st Down – und angesichts der 0% Erfolgsquote ist diese Ratio sogar noch in Teilen verständlich! Bill O’Brien und sein Trainerstab haben viel Arbeit vor sich, wollen sie die in die Binsen zu gehende Saison noch zu retten versuchen. Miserables bzw. missachtetes Passspiel im 1st&10 sorgt im weiteren Spielverlauf für lange 2nd und 3rd Downs und somit zu weniger Effizienz.

Ein krasser Fall ist der Texans-Gegner vom Sonntag: Tennessee. Unter dem neuen OffCoord Matt LaFleur, von dem man sich viel versprochen hatte, ist Tennessee mit nur 32% Pass-Quote noch lauflastiger wie unter dem indisponierten Vorgänger Mularkey. Der krasse Split kommt zustande, obwohl das Titans-Passspiel mit 67% Erfolgsquote sogar noch eines der erfolgreichsten wäre, und das Laufspiel mit 23% unterirdisch! LaFleur steht angesichts dieses Fehlstarts schon unter Beobachtung.

Dallas Cowboys? Nur 33% Pass-Quote, obwohl das Running Game unfassbare 0% Erfolgsquote aufweist. Es lebe der Franchise-Runningback!

Auch die Giants sind ein Fall für den Franchise-Runningback: Nur 43% Lauf-Quote im 1st Down. Somit war das Sunday Night Game zwischen Giants und Cowboys eine Exhibition zweier überholter Mannschaften, die nicht mit der Zeit gegangen sind. Folglich werden beide Probleme bekommen. Barkley hatte übrigens am Sonntag 14 Catches für verheerende 80 Yards. Dafür brauchst du keinen #2 Overall Pick auszugeben.

Die Falcons sind mit 50% Pass-Quote etwas besser, aber angesichts einer desaströsen Rushing-SR% von 25% sollte Sarkisian viel häufiger werfen lassen (50% Pass-SR).

Auch die Raiders: 80% Erfolgsquote für das Passspiel im 1st Down, aber nur 52% Pass-Quote. Was überdurchschnittlich ist. Aber nicht genug.

Wie man es richtig macht, bewiesen am Sonntag die Jaguars: 59% Pass-Quote im 1st&10 in der ersten Halbzeit. Damit gab man das Tempo vor und legte gegen die mächtigen Patriots eine klare Führung hin, die man bis Spielende nicht mehr aufgab. Jacksonville hatte nach einer kurzen Schwächephase von OC Hackett (zwei überaus lauflastige Drives in Q4) dann auch die Traute, im Schlussviertel bei seinem Plan zu bleiben. Das macht sich gut für die Playoff-Aussichten der Jaguars.

Und wie ich schon einige Male schrieb: Es zeigt sich, dass Jacksonvilles Offense besser funktioniert, wenn RB Fournette draußen bleibt. Denn dann spürt Hackett nicht den Druck, Fournette 30x den Ball in die Hand zu drücken. Vielleicht sollte Jacksonville seinen „Franchise-Back“ in den nächsten Wochen traden – es lässt sich sicher ein Team finden, das einen 1st Rounder für Fournette hinlegt.

Besorgnis erregend unterwegs sind die Packers: Nur 23% Success-Rate für das Passspiel im 1st Down. Rodgers kaschiert vieles mit starken 3rd Downs, aber für eine dominante Saison brauchen die Packers in den nächsten Wochen besseres Passspiel im 1st Down.

Und letzte Beobachtung: Die Eagles. Philadelphia blieb in den ersten beiden Spielen auch mit Backup-QB Foles seinem Plan einer passlastigen 1st-Down Offense treu: 65% Pass-Quote ist die fünfthöchste der NFL. Bloß war Foles äußerst ineffizient: 35% Success-Rate. Dass am Sonntag Carson Wentz zurückkehren soll, kommt keine Minute zu spät für die Eagles.

4th Down Play-Calling

Houston gegen Tennessee in Q4 6:50 bei Spielstand 17-17 ein 4th&8 an der TEN 37. Bill O’Brien ließ punten. Tennessee antwortete mit dem Drive zum entscheidenden Fieldgoal.

New England: 4th&inches an der NE 18, Q4 8:01 bei Spielstand 13-24: Belichick lässt punten anstatt den besten Sneak-QB aller Zeiten Brady das eine Yard ausspielen zu lassen.

8 Kommentare zu “NFL 2018 – Scheinwerfer auf Woche 2

  1. Ich hätte Mal ne Frage: wie kommt es dass Unentschieden nach Verlängerung so absurd selten sind? Ich Frage, weil ich den Vergleich mit dem Fußball (jaja, Äpfel und Birnen, aber seis drum) ziehe – da gab’s ja auch Mal das golden Goal. Aber gefühlt ging ja auch damals öfter eine golden Goal Verlängerung ins Elfmeterschießen (nicht so häufig bestimmt wie ohne). Ist die Seltenheit von Unentschieden im American Football einfach „nur“ den Regeln geschuldet oder gibt’s da vielleicht halbwegs valides statistisches Material (gut, die Stichprobe dürfte sehr sehr klein sein), das darauf hinweist dass in Unentschieden die Spieler besonders vergeigen? Und lässt das dann bei genauerer Betrachtung den Schluss zu dass NFL Spiele die Remis enden durch massive Fehler in der Verlängerung bestimmt sind? Kann man die These „für ein Unentschieden in der NFL braucht es grobe fehler“ durch Zahlen belegen oder muss es bei der gefühlten wahrnehmung bleiben?

  2. Bei Kirk Cousins darf man allerdings nicht vergessen, dass er 2 INT wirft, von denen eine durch eine krasse Fehlentscheidung am Ende nicht ins Gewicht fällt. So reden wir von 425 YDS, 4 TD und eine INT statt 284 YDS, 3 TD und 2 INT.

  3. @flyhalf im Fußball gibt’s nur Scores die 1 zählen und die sind viel seltener. Im Football gibt es mehr verschiedene Scores. Außerdem kann man im Football wenn man knapp zurück liegt for the win gehen.

    All das geht im Fußball nicht.
    Ironischer weiße gibt es im Fußball dafür gar keine unentschieden nach Verlängerung. Das macht man nur wenn ein Sieger gefunden werden muss. Dann gibt’s hinterher Elfmeter schießen.

  4. Ich habe nun die Grafik mit Pass-Ratio und den Success-Rates online gestellt. Ein Versehen, dass sie am Morgen nicht live war.

    Monday-Night Fame fehlt, so sind Seattle und Chicago nur mit Spieltag 1 vertreten.

  5. Geht schön rund gerade in der NFL!
    Patriots traden für Josh Gordon… NATÜRLICH die Patriots… Bin gespalten was man von dem Trade halten soll. Einerseits ist ein Receiving Trio Gronk, Gordon und Edelman schon eine Hausnummer, aber Gordon bringt einen Rucksack mit. Dann aber wenn jemand so einen Mann durchscleifen kann, ist es Belichick.
    Aber auch die Pats hatten ihre Fails wie Haynesworth oder Ochocinco. Auf alle Fälle interessant…

    AB schwänzt in Pittsburgh Training nachdem, er gestern via Twitter über einen Trade gejoked hat.
    Und D-Jax fordert eine Stammrolle für Fitzmagic in Tampa. Dürfte Winston nicht gefallen 😉

  6. wenn Fitzmagic noch so ein mega geiles Spiel hinlegt wird winston in dieser season nicht mehr spielen. anderseits bei Fitzmagic weis man nie was er so an den Tag legt,könnte sein das er im nächsten game 4 interception wirft.

  7. Pingback: NFL-Quartalsrundschau 2018 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  8. Pingback: Dreiviertelsaisonrundschauer NFL 2018: 1st Down Play-Calling und Offensiv-Skillplayer in der Analyse | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.