NFL-Quartalsrundschau 2018

Ein Blick auf Bears und Buccaneers sowie auf die wesentlichen Erfolgsfaktoren einiger Mannschaften im ersten Saisonviertel – mit dabei: Einige Fehlstarter und ihre Aussichten auf den weiteren Saisonverlauf.

Am Samstag schrieb ich über den Druck für Bears-QB Trubisky, gegen die indiskutable Buccs-Defense endlich eine NFL-reife Leistung zu zeigen. Trubisky antwortete mit einer 6-TD Vorstellung, der besten Leistung seiner Karriere.

Trubiskys Karriere ist damit weder gerettet noch ist er der plötzlich beste QB der NFL. Zu schwach ist die Tampa-Defense, deren Probleme sehr tief gehen – so tief, dass die Buccs-Verteidigung zum gegenwärtigen Zeitpunkt als Medizin für alles Offensive durchgehen muss. Bucs-Nation hat einen Blick auf die Fehler geworfen, die Tampas DefCoord Mike Smith unterlaufen sind:

  • Grundphilosophie des bend but don’t breaks: Mit starker Run-Defense und konservativer Deckung Big-Plays verhindern und den Gegner vor sich halten.
  • Eine der letzten 2-Gap lastigen Schemens in der NFL, mit einem 1st-Round Rookie-DT, dessen primäre Aufgabe Blocks fressen im 2-Gap System ist.
  • Personell ein unstrukturierter Mix zwischen 1-Gappern (McCoy, David, Pierre-Paul, Alexander) und 2-Gappern (Vea, Gholston, Curry)
  • Zu viel Fokus auf Run-Defense, zu wenig darauf, die gegnerische Pocket zu attackieren und das gegnerische Passspiel zu stören.

Defense-Minds wie Wade Phillips oder Dan Quinn haben seit Jahren auf 1-Gap Defense umgestellt: Volle Attacke auf die Löcher, Zug zum QB, anstelle sich in aufwändigen 1-vs-1 Matchups im Run-Blocking aufzuhalten. Smith ist alte Schule – und somit womöglich nicht mehr zeitgemäß in der offensivgewaltigen NFL der Gegenwart.

Also, Trubisky: Aufpassen. Es war ein Trümmerhaufen von Defense. Das Gute: Trubisky hat diesen kaputten Gegner in seine Einzelteile zerlegt, wie man es von einem Top-QB erwarten würde. Aber es werden härtere Tests kommen.

Passspiel-Report

In jeder Fan-Stube und in jedem Front-Office außer jenen der Buccs und Giants ist mittlerweile angekommen, dass die heutige NFL vom Passspiel dominiert wird. Die wesentliche prognostische Statistik ist dabei Net Yards per Attempt (NY/A), Netto-Yards pro Passversuch inklusive der Sacks.

Schauen wir uns mal das Pass-Differenzial an: Die Differenz zwischen den offensiven NY/A und den defensiven NY/A jeder Mannschaft. Die Korrelation dieses Pass-Differenzials zur Sieg/Niederlagen Bilanz beträgt 0.57.

Pass-Differenzial 2018, Week 4

Wir sehen: Nur ein einziges Team hat positive Bilanz trotz negativem Pass-Differenzials: Die Carolina Panthers, die jedoch nicht nur das zweitbeste Laufspiel der Offense haben, sondern auch 5% der gegnerischen Pässe abfangen.

Die Rams, eines von zwei verbliebenen 4-0 Teams, sind die #1 nach Pass-Differenzial. Der andere 4-0 Team sind die Chiefs: Sie haben die 3t-explosivste Pass-Offense und sind damit im Pass-Differenzial noch immer die #6, obwohl nur sechs Mannschaften eine schlechtere Pass-Defense auffahren.

Das Gegenstück sind die Baltimore Ravens, deren Pass-Offense mit 6.7 NY/A nur Mittelmaß ist, die aber mit 4.7 NY/A jeden Gegner wie Tebow aussehen lassen. Sie sind damit die #4 nach Pass-Differenzial und mit 3-1 Bilanz einer der besten Starter in dieser Saison.

Fast identisch zu den Ravens: Jacksonville. Ebenso 3-1.

Arizona und Buffalo, die #31 und #32 nach Pass-Differenzial, haben zusammen 1 von 8 Spielen gewonnen.

Der Ausreißer in dieser Aufstellung sind die Atlanta Falcons, deren Pass-Defense nicht so verheerend ist wie man annehmen würde: 6.4 NY/A im Passspiel zuzulassen, ist in der NFL 2018 sogar besser als Durchschnitt. Aber die Falcons sind nur 1-3. Warum?

Weil sie gegen die Eagles 5x an der Goal-Line gescheitert sind. Weil sie gegen die Saints den Overtime-Münzwurf verloren und gegen die Bengals sieben Sekunden vor Schluss mit einem Punkt Differenz verloren. Ich weiß, es ist keine populäre Meinung, aber: Die Falcons sind zwei Plays und einen Münzwurf von 4-0 Bilanz entfernt. Und obwohl ihre Defense nicht gut aussieht: Die Advanced-Stats sehen die Sache optimistischer.

1st Down Report

Blicken wir noch auf das 1st-Down Play-Calling in der ersten Halbzeit nach dem ersten Viertel der Saison.

1st Down - Week 4.png

Ich machte im Frühjahr eine 1st-Down Studie und stellte fest, dass die Mannschaft viel zu lauflastig im 1st Down unterwegs sind. Resultat nach vier Wochen NFL 2018: Die Coaches haben nachjustiert. Sie werfen diese Saison in bislang 52% der Fälle. Das sind 5% mehr als in den letzten drei Jahren im Schnitt.

Es kann noch zu früh sein für Jubelschreie und natürlich ist die Testmenge noch eher gering, aber kann es sein, dass die NFL mit 18 neuen Offensive Coordinators dazugelernt hat?

Ein exzellentes für ausgewogenes Play-Calling sind auch hier die Rams, die zu 55% werfen und sowohl in Passspiel als auch im Laufspiel sensationelle Effizienz einfahren. „Ausgewogen“ ist dabei nicht stur 50%, sondern der Punkt, an dem Lauf und Pass grob dieselbe Effizienz bringen.

Man kann sogar Argumente aufbringen, dass Sean McVay noch einen Tacken mehr werfen sollte um den Vorteil im Passspiel noch krasser auszunutzen. Scary.

Was wir auch sehen: Die Eagles bleiben sich treu. Obwohl sie mit QB Foles und einem rekonvaleszenten QB Wentz in den ersten vier Wochen eher maue Pass-Effizienz aufwiesen, sind sie wurfstark: Nur drei Teams werfen im 1st Down häufiger.

Eines davon sind die Vikings, die passlastigste Offense im 1st Down. Vor einem Jahr war Minnesota im 1st Down zu stark lauforientiert. Der neue OffCoord John DeFilippo (der übrigens aus Philadelphia kommt) ist wesentlich anders gepolt als sein Vorgänger Shurmur – und er lässt in satten 69% der Versuche werfen. Ich werde allerdings den Verdacht nicht los, dass DeFilippo teilweise durch das desaströse Vikings-Laufspiel bedingt dazu gezwungen ist, so viel zu werfen.

Das ist vielleicht ungewollt, doch der Effekt ist trotzdem positiv:

  1. Der Pass ist mit 54% Success-Rate wesentlich erfolgreicher als das Laufspiel.
  2. Vikes-Laufspiel im 1st Down ist durch die hohe Pass-Quote eher als Freak-Play anzusehen, was der Run-Effizienz hilft: 41% Success-Rate. In allen anderen Spielsituationen ist Minnesotas Laufspiel nur zu 32% erfolgreich.

Natürlich ist Minnesota nur 1-2-1, aber man sollte nicht vergessen, dass die Vikings ein Spiel durch eklatante Fehlkicks verloren und ein weiteres auswärts gegen die Rams bestreiten mussten. Die Defense-Probleme der Vikings mögen zu absurd sein, als dass Minnesota noch als ernsthafter Titelkandidat anzusehen ist. Aber das 1st-Down Playcalling ist bestimmt nicht der Grund für den missratenen Saisonstart.

Teams, denen man ins Gesicht schreien möchte „wirf doch endlich!“ sind:

  • Atlanta Falcons: 58% Erfolgsquote für den Pass (#10 der Liga), aber im Laufspiel sind nur zwei Teams erfolgloser als Atlanta mit seinen 35%. Angesichts dessen sollte Sarkisian häufiger werfen lassen als in 54% der Fälle.
  • Jacksonville Jaguars: 67% Erfolgsquote für den Pass, nur 38% für den Lauf. Und trotzdem lässt OffCoord Hackett nur in 48% der Fälle werfen! Vielleicht hilft es, dass RB Fournette nun erstmal mit Verletzung draußen ist.
  • Houston Texans: 55% Success-Rate für das Passspiel, nur 42% für den Lauf. Trotzdem ist Houston das dritt-lauflastige Team der NFL im 1st Down. Doch immerhin scheint der Trainerstab gelernt zu haben: Vor zwei Wochen sah Houstons 1st-Down Calling noch hoffnungslos aus. Seither ließ O’Brien in 55% der 1st-Downs vor der Pause werfen – mit überwältigendem Erfolg: 73% Erfolgsquote für die Texans in den letzten beiden Spielen im Passspiel. Deshaun Watson sieht also nicht bloß im Game-Tape viel besser aus als zu Saisonbeginn. Die Zahlen untermauern den Fortschritt.
  • Tennessee Titans: Der krasseste Fall der Liga! 59% Erfolgsquote für den Pass, #8 der Liga. Nur 27% Erfolgsquote für den Lauf, #32 der Liga. Und trotzdem lässt der neue OffCoord LaFleur bislang in fast 2 von 3 Fällen im 1st Down laufen!

In Tennessee ist zu beobachten, ob LaFleur wirklich so eine Pfeife ist oder ob der verheerende Split vor allem mit dem Verletzungsproblemen bei QB Mariota zusammenhängt. Einmal genesen, sollte mit Mariota in der Aufstellung die Pass-Quote höher werden. Und damit die Titans noch besser werden (TEN ist eh schon mit 3-1 gut gestartet, aber es ist ein wackeliges 3-1).

Auch Denver und Washington dürfen sich ruhig trauen, häufiger zu werfen. Und auch wenn New Orleans, Oakland und auch Cincinnati alle weit über Liga-Durchschnitt werfen lassen, so kann man ihnen allen argumentieren, dass sie noch immer nicht genug werfen: Bei allen ist das 1st-Down Passing derart effizient, dass man nur noch höhere Pass-Quoten fordern muss.

Hier sehen wir übrigens auch, warum ich oben die Carolina Panthers als „laufstark“ angepriesen habe: Carolina ist tendenziell lauflastig im 1st Down, aber als eines der wenigen Teams mit Recht. Die Panthers sind in nur 1 von 3 Pässen erfolgreich, aber sie bringen sensationelle 71% der Runs zum Erfolg – obwohl sich der Gegner angesichts von 57% Lauf-Quote auf das Ground-Game einstellen kann.

Brutale Teams sind im Übrigen die beiden Kontrahenten im Sunday-Night Game: Pittsburgh und Baltimore. Sie sind die #2 und #3 der passlastigen Teams im 1st Down. Baltimore ist bei den Effizienzen eine etwas abgespeckte Version der Steelers, die in diesem ersten Saisonviertel wirklich extrem unterwegs sind – hier eine kurze Studie der Steelers:

  • 67% Pass-Quote im 1st Down
  • Aber grottenschlechte Effizienz: 29% Pass-SR%, #31 und 28% Run-SR%, ebenso #31

Kein Team ist in dieser Saison bislang schlechter darin, das Tempo vorzugeben als die Steelers. Dass Pittsburgh trotzdem bis jetzt in keinem Spiel zur Halbzeit zurücklag (vs CLE 7-0, vs KC 21-21, vs TB 30-10, vs BAL 14-14), grenzt angesichts dieser Zahlen an ein Wunder. Doch Pittsburgh macht dies mit einer extremen Big-Play Quote im Passspiel in 2nd und 3rd Down wieder wett: 10 von 58 Pässen dort gingen weiter als 20 Yards.

Die verheerende Success-Rate im 1st Down sowie die hohe Big-Play Quote in den folgenden Downs erklärt aber auch, warum die Steelers so „streaky“ spielen: Gegen die Chiefs nach einem Viertel 0-21 zurückgelegen, dann in einem Viertel 21 Punkte wettgemacht. Gegen Baltimore 0-14 nach einem Viertel, dann 14 Punkte bis zur Pause aufgeholt. Gegen Tampa 24 Punkte im zweiten Viertel gescort.

Kurzum: Die Steelers verschlafen das 1st Down und sind danach nur mehr darauf bedacht, die verbügelte Scheiße wieder aufzuräumen. Das ist das Schlechte. Das Gute: Das Verbesserungspotenzial ist offensichtlich. Man könnte zum Beispiel mehr auf die Runningbacks werfen: Pittsburgh wirft in 1st Downs nur in 14% der Fälle auf Runningbacks (nur vier Teams ignorieren den RB noch stärker), obwohl die Backs 60% Success-Rate hätten und mit 11.0 yds/Anspiel im 1st Down den 5t-besten Raumgewinn der NFL einfahren.

13 Kommentare zu “NFL-Quartalsrundschau 2018

  1. Vielleicht verstehe ich etwas nicht, aber du schreibst: „Nur ein einziges Team hat positive Bilanz trotz negativem Pass-Differenzials: Die Carolina Panthers,“, aber trifft das auf die Saints nicht auch zu? Sogar mit noch größerer Differenz? Ansonsten Danke für die wir immer gute Und informative Übersicht!

  2. Ich hab da nochmal eine Frage…
    Ab wann ist ein Spielzug im 1st down successful? Wenn ein neues 1st down erreicht wurde? Wenn eine bestimmte Anzahl an yards gemacht wurde? Vielleicht würde es hier im Blog schon mal beschrieben, aber ich kann mich nicht erinnern Das gelesen zu haben…

  3. @Hoast: Daten kommen aus dem NFL Play-by-Play.
    Sofern Personnel-Informationen dabei sind, überwiegend von Warren Sharp (Sharpfootballstats).
    Grafiken mache ich in Excel.

    @Coby McCown/panthers bzgl. Success-Rates
    Die Definition von Success-Rate variiert. Football Outsiders oder Warren Sharp verwenden die o.g. Definition von panthers.

    Mein Power-Ranking z.B., das sich der Run Success Rates bedient, definiert einen „Success“ als ein Play, das positive EPA (expected points added) erzielt hat. Dazu zählen natürlich alle 1st-Down Conversions, aber nicht jeder 4-Yard Run in 1st Downs geht als Erfolg durch. So ist die Success-Rate im Power-Ranking im Schnitt 4-6% niedriger als bei Warren Sharp angegeben.

  4. Ach, das ist spannend- also sind dann dann 4y an der eigenen 20 weniger wert als an der gegnerischen 20 – so in etwa?

    Damit lässt sich natürlich nicht jedes Play sofort einordnen ob Erfolg oder nicht, aber methodisch gefällt mir das besser – alles direkt abhängig von den Punkten anstatt Grenzwerte zu bestimmen

  5. also sind dann dann 4y an der eigenen 20 weniger wert als an der gegnerischen 20 – so in etwa?

    4 Yards Raumgewinn bei 1st&10 an der eigenen 20: -0.09 EPA
    4 Yards Raumgewinn bei 1st&10 an der gegnerischen 20: -0.18 EPA
    4 Yards Raumgewinn bei 1st&10 an der gegnerischen 10: +0.01 EPA

    Ein krasseres Beispiel zur Verdeutlichung:

    1st & 10 an der gegnerischen 30: 10 Yards Raumgewinn bringen in dieser Situation einen Gewinn von +0.35 EP und ein neues 1st Down.

    1st & 10 an der gegnerischen 10: 10 Yards Raumgewinn bringen in dieser Situation einen Gewinn von +1.90 EP und einen Touchdown.

    Eine der Erkenntnisse: Nahe der gegnerischen Goal-Line ist besonders viel zu holen, da der Unterschied zwischen einer Conversion an der Goal-Line oder nicht den Unterschied zwischen 0, 3 oder 7 Punkten macht.

  6. Hmm.
    wenn ich also gucken möchte wie viele NY/A eine Pass D zu verantworten hat finde ich das wo?
    Hast du da mal einen Link?
    Wenn ich NFL Play by Play Stats google finde ich nix.
    LG

  7. Pingback: Passspiel im 1st Down in der NFL 2018 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  8. Pingback: Dreiviertelsaisonrundschauer NFL 2018: 1st Down Play-Calling und Offensiv-Skillplayer in der Analyse | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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