Akademische Viertelstunde – Woche 6

Ein Spieltag der Upsets: Gleich sieben höher gerankte Teams verloren gegen vermeintliche Außenseiter. College Football ist also auf Hochtouren.

Red River Rivalry

#19 Texas feierte einen massiven 48-45 Sieg in quasi allerletzter Sekunde gegen #7 Oklahoma. US-Medien feiern den Sieg als endgültige Rückkehr der Longhorns auf der Bühne der Großen.

Die Partie war nichts für schwache Nerven: Texas führte zur Pause 24-17, nachdem man alle vier Drives mit Scores beenden konnte (3 TD, 1 FG), während Oklahoma eine Interception und einen Punt einstreute und sich somit in ein Loch grub.

Im dritten Viertel setzte sich die Dominanz der Texas-Offense fort: Touchdown, Punt, Touchdown, Touchdown für Texas, das eingangs des Schlussviertels 45-24 führte – aber im Schlussviertel eine fulminante Aufholjagd der Sooners zuließ und nach dem Ausgleich mit 158 Sekunden auf der Uhr noch einmal konterte und 9 Sekunden vor Ablauf der Uhr das entscheidende Fieldgoal schoss.

Texas machte 501 Yards Offense, Oklahoma 532, aber Oklahoma hatte zwei Turnovers (plus einen Fumble im allerletzten Spielzug). Ich hatte es geschrieben: Tom Herman versteht es hervorragend, seine Mannschaften als Underdog auf einen Favoriten einzustellen. Und es war erstaunlich, mit welchem Selbstverständnis die Offense um QB Sam Ehlinger immer wieder das Feld runtermarschierte und Oklahoma an die Wand spielte.

Es war auch erstaunlich, wie locker Texas das zwischenzeitliche Comeback der Sooners abprallen ließ und nicht nervös wurde, in der allerletzten Minute noch einmal konterte. Texas hüpft in den AP-Rankings für diese Woche dann auch hoch auf #9 und wird wieder als Big-Player wahrgenommen.

In Oklahoma dagegen herrscht Katzenjammer. Die Offense lieferte eine grandiose Partie vor allem im Schlussviertel ab, als man besagte 21 Punkte Rückstand aufholte, doch die Defense stoppte niemanden und kassierte im allerletzte Drive doch noch ausreichend Yards um Texas das entscheidende Fieldgoal mit auslaufender Uhr zu ermöglichen.

DefCoord Mike Stoops wurde dann auch mehr oder weniger direkt nach Spielende gefeuert. Stoops war der Bruder von Bob Stoops, dem langjährigen Oklahoma-Headcoach, der seit eineinhalb Jahren nur noch als Art Mentor im Hintergrund für den aktuellen Headcoach Lincoln Riley fungiert.

Stoops‘ Entlassung werten viele nun als endgültige Machtübernahme Lincoln Rileys, der sich in Norman nicht mehr dreinquatschen lassen will (wobei Riley über Bob Stoops nur Positives zu sagen hat). Interimsmäßig könnte nun Bob Diaco (ex-Notre Dame Coach, aktueller Analyst im Trainerstab) übernehmen.

Doch Riley ist auch abseits dieses Moves spannend, poppt sein Name doch immer häufiger auf den Zetteln von NFL-Arbeitgebern auf. Die Liebe für Riley ist einfach erklärt: Riley ist jung und einer der spannendsten Offensiv-Minds im Football. Er lässt mit Oklahoma großartigen Offensiv-Football spielen, was auch in der NFL nicht unbeachtet bleibt.

Er wird immer wieder als möglicher NFL-Headcoach Kandidat ins Spiel gebracht – oder zumindest als hochbezahlter Offensive Coordinator. Die Denke dahinter ist simpel: Viele Offizielle sehen, welch großartige Erfolge Mannschaften mit innovativen Offense-Coaches einfahren und begeben sich auch die Suche nach „ihrem“ Shanahan/McVay. Bloß gibt es in der NFL nicht mehr so viele namhafte Offense-Coordinators zu haben. Josh McDaniels ist einer, doch sein Ruf ist belastet. Ein anderer wäre Todd Monken, der in Jacksonville mit einem im besten Falle suspekten QB viel macht. Doch welche anderweitigen, coolen Optionen gibt es?

So fällt schnell der Name von Lincoln Riley. Wie wahrscheinlich ist es, dass Riley den Sprung in die NFL wagt, jetzt wo er zum wiederholten Male sieht, dass er keine National-Championship taugliche Defense in Norman auf die Beine stellen kann? Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Team wie die Cleveland Browns mit einer Monster-Offerte im Jänner lockt?

Upsets galore

Texas vs. Oklahoma war nicht das einzige Spiel, in dem das niedriger gerankte Team bzw. ein ungeranktes Team ein höher geranktes Team schlug. Es gibt gleich deren sechs weitere Upsets zu vermelden:

  • #22 Florida Gators 27, #5 Louisiana State Tigers 19.
  • Mississippi State Bulldogs 23, #9 Auburn Tigers 9.
  • Texas A&M Aggies 20, #13 Kentucky Wildcats 14 (OT).
  • #14 Stanford Cardinal 21, Utah Utes 40.
  • #20 Michigan State Spartans 19, Northwestern 29.
  • #25 Oklahoma State Cowboys 42, Iowa State Cyclones 48.

Florida gewann gegen LSU mit viel Defense, doch erst im Schlussviertel trennte sich die Spreu vom Weizen: LSU-QB Joe Burrow fabrizierte einen Pick-Six mit 105 Sekunden auf der Uhr, den Brad Stewart zum 27-19 in die Endzone zurücktrug. Den anschließenden letzten Verzweiflungs-Drive beendet Florida mit einer weiteren INT.

Für Florida ein ganz dicker Sieg, hat man dadurch schließlich die Chance, in der SEC East tatsächlich die Finalqualifikation zu schaffen – alles was es braucht, ist ein glänzender Tag gegen Georgia am Halloween-Wochenende.

LSU hatte nie viele Playoff-Chancen – so geht es dir, wenn du als 1b-Kaliber in ein und derselben Saison gegen Alabama und Georgia antreten musst. Nun verlor man bereits gegen Florida.

Auburn lieferte eine offensiv enttäuschende Vorstellung gegen Mississippi State – es hatte sich in den letzten Wochen angekündigt. Auch Kentucky, das bisherige Überraschungsteam in der SEC, ging erstmals baden, weil die Offense um QB Terry Wilson und den komplett kalt gestellten RB Barry Snell zu wenig produzierte und man anschließend in der Overtime ein Fieldgoal verschoss.

Dazu ein weiterer Big-Win für Iowa State, das letztes Jahr Oklahoma schockte. Heuer war es Oklahoma State.

Die, die nicht gestrauchelt sind

#1 Alabama gewann 65-31 gegen Arkansas, aber hernach gab es durchaus Diskussionen ob der gezeigten Defense-Leistung. So ist das bei Nick Saban, wo ein Sieg mit über 30 Punkten gegen einen Conference-Rivalen bereits für Bauchschmerzen sorgt.

#2 Georgia siegte locker 41-13 gegen Vanderbilt.

#3 Ohio State ungefährdet beim 49-26 gegen Indiana.

#4 Clemson mit einem Statement beim 63-3 über Wake Forest.

#6 Notre Dame meldet sich im Playoff-Rennen immer lauter zu Wort und muss nach dem 45-23 Kantersieg über #24 Virginia Tech als legitimer Halbfinal-Anwärter wahrgenommen werden.

#8 West Virginia siegte souverän 38-22 gegen Kansas, trotz dieser „bend but also break“ (O-Ton @maschemist) Defense-Einlage bei einem 3rd&15:

Ein kurioser Spielzug: Sämtliche Verteidiger droppen nach hinten, den Offense Linern kannst du noch das WTF von den Lippen ablesen – und trotzdem kassiert West Virginia das 1st Down. (*) bei genauem Hinsehen sieht man, dass die 6 DL einfach nach hinten traben. „In Coverage gehen“ wäre eine glatte Fehlinterpretation. Sie wussten ganz einfach nicht, was sie dort hinten treiben.

#10 Washington cruiste gegen UCLA zu einem souveränen 31-24 Sieg, der am Ende durch zwei Garbage-Time TD für UCLA knapper ausfiel als es der Spielverlauf vermuten lässt.

#12 Central Florida ist wie schon letztes Jahr auf Trip „Perfect Season“, fertigte SMU 48-20 ab.

#15 Michigan mit einem 42-21 über Maryland, das in der Affäre McNair nicht zur Ruhe kommt.

#16 Wisconsin überrollte das weiterhin sieglose Nebraska 41-24.

#17 Miami/FL war gegen FSU lange nervös, gewann am Ende nach Aufholjagd noch knapp 28-27 gegen die Seminoles – aber viel Vertrauen erwecken die Canes mit solchen Vorstellungen nicht.

#21 Colorado mit einem 28-21 gegen Arizona State.

#23 NC State ist immer noch ungeschlagen nach einem 28-23 gegen Boston College. Next Up: Clemson.

Die Nummer 1

Am Wochenende verstarb 91-jährig ein Mann, den in den USA nur wenige kennen, der aber die meisten Siege in der Geschichte des College-Footballs eingefahren hat: John Gagliardi, zwischen 1953 und 2012 der Headcoach des Saint John’s College in Minnesota – einem Division III Footballteam. Gagliardi fuhr in insgesamt über 60 Jahren als Cheftrainer 489 Siege ein, wohl auf lange Zeit ein nicht einzuholender Rekord.

Division III unterscheidet sich von dem FBS-Football, wie wir ihn kennen, beträchtlich: Es gibt keine Scholarships und Gagliardi konnte über viele Jahre im Training „non contact“ spielen – etwas, wofür er berühmt wurde und wofür ihn viele seiner ehemaligen Schützlinge lieben. Auch ist die Vergötterung einzelner Führungsfiguren in der Division III doch beträchtlich geringer – so hat die Uni weder ein Stadion nach ihm benannt oder ihm eine Bronzestatue auf den Campus gestellt.

Nächste Woche

Drei Kracher:

  • #13 LSU vs. #2 Georgia – Ende für den Schongang von Georgia. Für LSU die Chance, sich nach der Pleite am Wochenende sofort wieder für die Top-10 in Stellung zu bringen.
  • #17 Oregon vs. #7 Washington – Oregon hat bereits bewiesen, gegen die Großen mithalten zu können. Washington ist bislang weniger dominant als erwartet.
  • #12 Michigan vs. #15 Wisconsin – Für Michigan die Chance auf einen ganz fetten Dreier. Für Wisconsin ist ein Sieg ein Muss, will man die winzige Playoff-Chance am Leben halten. Doch man gibt in Wisconsin momentan über 6 yds/Play auf.

Da kann das Feld ordentlich durchgeschüttelt werden.

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