Die Passspiel-Mappe nach 5 Wochen NFL-Saison 2018

Wir haben im Frühjahr über kurzes und tiefes Passspiel diskutiert. Lass uns heute mal einen Blick auf die Pass-Identität der NFL-Mannschaften nach den ersten fünf Wochen 2018 werfen.

Dabei unterscheiden wir zwischen kurzem Passspiel (Anspielziel bis 5 Yards jenseits der Anspiellinie), mittellangem/intermediate Passspiel (Target ist 6 bis 15 Yards downfield) und richtig tiefem Passspiel (Target wird 16 Yards oder tiefer angespielt). Wohlgemerkt: Es geht dabei nicht um 16 Yards Raumgewinn; es geht um den Ort des Catches.

Damit unterscheide ich zwischen der im Frühjahr getätigten Auswertung, in der alles bis 15 Yards als Kurzpass durchging, während alles darüber als tiefer Pass galt. Auf die Anregung von Leser Brady12 hatte ich die Distanzen aufgesplittet und entdeckt, dass wir durchaus massive Unterschiede herauslesen können, wenn wir zwischen sehr kurzem Passspiel (bis 5 Yards) und der Mitteldistanz (6-15 Yards) unterscheiden.

In der Sektion „Häufigkeit“ habe ich die Prozentsätze geliefert, wie häufig jedes Team jede Zone attackiert.

In der Sektion „Pass-SR%“ werden die Erfolgsquoten (Success-Rates) des Passspiels pro Zone ausgewiesen; NB: Als „Erfolg“ gilt in dieser Sektion jeder Passspielzug, der positive EPA (Expected Points) gebracht hat; Sacks sind ausgeschlossen.

In der Sektion „EPA/Pass“ weise ich aus, wie viele EPA (Expected Points Added) ein Pass pro Zone gebracht hat.

Wenn ein Tyreek Hill einen 3yds-Dumpoff für 60 Yards zum Touchdown trägt, gilt das in dieser Auswertung als Kurzpass (short), aber SR% und EPA werden anhand des Resultats des Spielzugs bemessen.

Pass-Offense

PAss-Mappe Offense

Pass-Mappe Offense nach Week 5/2018

Wir sehen ganz generell: Die NFL hat die höchste Success-Rate, wenn sie über die Mitteldistanzen wirft, also zwischen 6 und 15 „Air-Yards“: 61% der Passspielzüge über diese Zonen bringen positive EPA.

Doch einen Erfolg zu erringen, ist nicht alleiniges Ziel eines Downs. Es geht in der NFL auch darum, einen Big-Play zu erzielen, also einen „großen Erfolg“. Big Plays schlagen sich u.a. in sehr hohem Gewinn an erwarteten Punkten durch einen Spielzug aus – also einer hohen EPA.

Und hier zeigt sich: Während Kurzpassgewichse bis 5 Yards entlang der Anspiellinie für die NFL vor allem ein Treten auf der Stelle bedeutet (EPA = 0.07 pro Pass), bringt das tiefe Passspiel die Offense weiter: Ein Beitrag von +0.50 Punkten pro tiefem Passspielzug. Ich werde irgendwann auch auf das erhöhte Risiko (z.B. in Form einer Interception) eingehen, aber EPA ist die Summe aus allen möglichen Ergebnissen eines Spielzugs – und EPA sagt: Tiefes Passspiel zahlt sich mehr aus als mittellanges und viel mehr als kurzes.

Wir sehen in dieser Aufstellung: Die Chiefs sind eine der wenigen starken Kurzpass-Offenses nach fünf Wochen: Sie werfen zwar nur in 44% der Fälle kurz, aber ihre wuseligen Play-Maker wie WR Hill oder WR Watkins machen daraus das Maximum: Mit 65% haben ihre Kurzpässe die mit großem Abstand höchste Erfolgsquote, und sie sind noch krasser bei EPA unterwegs: Ihr Vorsprung vor der zweitbesten Kurzpass-Offense ist fast so groß wie der Unterschied zwischen #2 und #30.

Wir sehen auch: Die Rams sind nur Durchschnitt, wenn sie kurz werfen, aber ein Monster, wenn der Pass weiter als 5 Yards in der Luft ist.

Wir sehen auch: Atlanta ist ein sehr starkes Intermediate-Passteam, aber diese Saison ist man eher durchschnittlich im tiefen Passspiel.

New Englands Passverteilung (53% kurz, 29% mittel, 18% tief) ist exakter NFL-Durchschnitt. Aber die Patriots sind bislang richtig schwach im tiefen Passspiel: #30 nach Success-Rate bei tiefen Pässen und gar nur #31 nach EPA.

Dafür dominiert Brady dieses Jahr wieder auf den Mitteldistanzen, wo New England Top-5 nach SR% und #1 nach EPA ist. Also: Als Gegner bist du 2018 nicht unglücklich darüber, wenn du Brady dazu zwingst, tief zu gehen.

Ein sehr ähnliches Profil haben übrigens die Miami Dolphins – schau dir die Tabelle an!

Spannend ist Houston: Die Texans sind schwach im Kurzpass-Spiel und im tiefen Passspiel, aber maximal erfolgreich auf den Mitteldistanzen. Und sie wissen es: Sie werfen die zweitmeisten Pässe zwischen 6 und 15 Yards.

Auffällig ist der Split bei den Jets: Sie werfen am drittmeisten über die Mitteldistanzen, aber mit 38% Success-Rate und -0.41 EPA/Pass sind sie mit weitem Abstand jeweils die #32 auf den Mitteldistanzen nach Effizienz. Irgendetwas stimmt also mit dem Play-Design der Gang-Green nicht.

Pass-Defense

Lass uns gleich auch mal einen Blick auf die Defenses werfen. Dafür müssen wir kurz umdenken:

  • Success-Rate ist nun die “Defensive Success Rate”. Entsprechend besagt eine 41% Success-Rate der Arizona Cardinals Defense gegen Kurzpässe aus, dass ihre Defenses in 41% der Fälle die Offense zu negativer EPA gehalten hat. Ein hoher Wert ist somit wie schon oben als gut zu betrachten.
  • Bei EPA/Play sind hohe Werte nun natürlich schlecht: Eine Defense, die viele Expected Points pro Spielzug kassiert, ist keine gute Defense. Entsprechend sind hohe EPA-Werte in der nachfolgenden Grafik rot gefärbt.
Pass-Mappe Defense

Pass-Mappe Defense nach Week 5/2018

Wir sehen zum Beispiel, dass die Seahawks eine durchaus starke Pass-Defense haben, wenn der Gegner weiter als 5 Yards wirft. Bloß gegen Kurzpässe ist Seattle mit nur 36% Defensive Success-Rate noch relativ schwach.

Relativ ausgeglichen stark auf allen Distanzen sind Dolphins, Rams und auch Ravens. Auch New Englands Pass-Defense ist 2018 bis jetzt besser als ihr Ruf: Durchschnittlich auf kurzen Distanzen, doch je ca. 13% besser auf mittleren und tiefen Distanzen.

(Kuriosum am Rande: So unterschiedlich Patriots und Dolphins aussahen, als sie gemeinsam auf demselben Platz standen, so ähnlich sind sich die Zahlen dieser beiden Passspiele in Offense und Defense.)

Hingegen sehen wir, dass die Buccs-Defense immer, wenn es tiefer als 5 Yards geht, hoffnungslos verloren ist.

Die Saints-Defense ist auf allen Ebenen verloren. Aber weil die Offense total dominiert, ist New Orleans trotzdem 4-1.

Wir sehen auch, wo der klare Schwachpunkt der Steelers-Defense liegt: Im Verteidigen der Underneath-Routen zwischen 6 und 15 Yards: Pittsburgh gelingt in nur 22% der Fälle ein Gewinn gegen die gegnerische Defense. Die Steelers-Defense kassiert 0.79 EPA pro Passspielzug auf dieser Distanz, #32 der Liga. Dagegen ist man gegen kurzes und tiefes Passspiel jeweils gut gewappnet.

Die Titans sind nach Success-Rate ähnlich gepolt wie die Steelers: Schwach auf Mitteldistanzen, extrem stark gegen Kurzpass und tiefen Pass. Doch wir sehen auch: Tennessee gibt hohe EPA/Pass gegen deep-Passing auf: Das liegt zum Teil an der noch niedrigen Testmenge: Tennessee hat erst 7 tiefe Pässe gesehen. Zwei davon gingen allerdings für 56 und 75 Yards Touchdowns.

Und eine letzte Beobachtung: Auch auf diesem Sheet sieht Atlantas Pass-Defense nicht so katastrophal aus wie man annehmen möchte. Auf allen Distanzen etwas über oder unter Durchschnitt. Das liest sich natürlich auf dem Scoreboard etwas anders, wo die Falcons fast regelmäßig 35 und mehr Punkte kassieren.

Aber noch ist früh in der Saison. Wir können noch nicht mit definitiver Sicherheit behaupten, dass die tiefe Passverteidigung der Cowboys suckt oder dass Aaron Rodgers verlernt hat, tiefe Bälle zu werfen. Aber wir haben einen ersten Eindruck der Pass-Identität der einzelnen Mannschaften.

Eine allgemeine Bemerkung noch zu den EPA-Zahlen vor allem beim tiefen Passspiel: Es mag sein, dass tiefes Passspiel die höchsten Gewinne bringt, aber dass kann auch daran liegen, dass wir in dieser Aufstellung Sacks ausschließen (müssen): Sacks sind wahrscheinlicher in einem Spielzug mit längeren Routen.

Da bei einem Sack unmöglich bemessen werden kann, wo die Anspielstation gewesen wäre, kann es natürlich sein, dass einige Plays nur deshalb in Sacks resultierten, weil der Quarterback eben nicht den kurzen Pass nahm, sondern tief gehen wollte – und mit dem Wurf zu spät kam.

6 Kommentare zu “Die Passspiel-Mappe nach 5 Wochen NFL-Saison 2018

  1. 2 Dinge: NE hatte bis letzte Woche keinen WR der tief gehen konnte, das ändert sich nun mit Gordon. vielleicht kommt dann auch ein wenig tiefes Passpiel wieder.

    Was du bei den Titans schon angemerkt hast: sample size im tiefen Pass. Vllt ist es ja ein Zeichen für eine gute Verteidigung wenn die Gegner garnicht erst tief gehen kann? z.B. weil der Passrush fix da ist.

  2. Mal eine blöde Frage: Gibt es bei diesen MultiMillionen-Unternehmen wie es die NFL-Franchises sind nicht Leute vom Schlage korsakoff die den ganzen Tag nichts anderes machen als solche Stats auszuwerten? Solche Dinge wie die, die hier gerade diskutiert werden müssten dort doch überall bereits bekannt sein? Oder liege ich da so falsch?

  3. @Beige: Sie werden diskutiert, aber lange nicht „überall“. Es gibt Mannschaften, in denen werden Zahlen als Unterstützung oder gar Treiber genutzt. Es gibt aber auch die Dinosaurier wie z.B. David Gettleman oder Brian Schottenheimer, der diese Woche wieder so ein Glanzstück geliefert hat:

    Wenn man sich die Entwicklung des Footballs anschaut, kann man verstehen, warum so viele Köpfe noch in der Vergangenheit verharren (Passspiel kam erst relativ spät so massiv auf, davor dominierte jahrzehntelang das Laufspiel).

    Wenn man sich aber die Zahlen ansieht, die schon vor 10 Jahren so eindeutig waren wie sie es heute sind, ist es fast nicht begreiflich, dass so wenige dieses Analysematerial nutzen, zumal es noch nichtmal besonders hohe Ansprüche an den Analysten stellt. Einen Oberschüler mit Excel/Pivot Kenntnissen einstellen würde reichen. Und ein etwas offener Geist.

    Aber es gibt Hoffnung: 20 Jahre lang blieb z.B. die 1st&10 Pass-Quote in der 1ten Halbzeit trotz erdrückender Indizienlage fast konstant: Nur 47%-48% Passspiel, obwohl das Analyse-Material locker 55% hergegeben hätte. Noch 2017 war die Pass-Quote 47%.
    Ich schrieb im Frühjahr drüber: https://sidelinereporter.wordpress.com/2018/05/16/das-versagen-der-nfl-coaches-im-1st-down/

    2018 der Quantensprung nach vorn: 53% Pass-Quote in 1st Half 1st&10 Situationen. 5 Wochen ist allerdings noch eine Momentaufnahme. Aber der Start stimmt hoffnungsvoll. Und ist einer der wesentlichen Treiber hinter der Offensiv-Explosion.

    Zu lange haben Kommentatoren immer auf die „mangelnde Execution“ der Spieler oder die mangelhafte Wurftechnik beim QB udgl. hingewiesen – und zu selten auf das stark verbesserungswürdige Play-Calling.

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