NFL Kaufe-und-verkaufe-Spiel in der Analyse

Im Gegensatz zu den anderen großen US-Sportligen wie der NHL, NBA oder MLB war die NFL historisch gesehen nie eine Liga der großen Trades. Es gab einige Ausnahmen, die Trading-Deadline zur Saisonmitte hatte nie die Bedeutung wie in den anderen Ligen.

Doch im neuen CBA gibt es die Möglichkeit, auch in der NFL Salary-Dumping zu betreiben und in den letzten Jahren hat sich der Trend verstärkt, dass Teams im Ansatz Tanking betreiben um sich für den nächsten NFL-Draft und somit die mittelfristige Zukunft bestmöglich aufzustellen.

Trading-Deadline der laufenden Saison ist erst nächste Woche, aber es gab schon in dieser Woche die ersten auffälligen Trades. Lass sie uns mal en detail anschauen.

RB Carlos Hyde: Browns -> Jaguars (5th Round)

Der mutmaßlich unwichtigste Trade der letzten Tage: Hyde war in dieser Saison bis jetzt Clevelands Lead-Back gewesen und soll nun in Jacksonville wohl eine Art temporären Fournette-Ersatz geben.

Für Cleveland ist der Abgang kein Verlust: Ich hatte Hyde zwar seit Jahren immer als relativ brauchbaren Ballträger angepriesen, aber seine Carries waren zumindest heuer ein krasser Ausreißer nach unten für die Browns. Vergleichen wir mal die wesentlichen Browns-Backs des Jahres:

  • Hyde: 114 Carries, 3.6 YPC, 32% Success-Rate, -0.07 EPA/Run
  • Chubb: 34 Carries, 7.5 YPC, 47% Success-Rate, 0.24 EPA/Run
  • Johnson: 20 Carries, 5.4 YPC, 36% Success-Rate, 0.00 EPA/Run

Dazu hat Hyde keinen Wert als Ballfänger (6 Catches für 29yds vs. 18 für 187yds bei Johnson). Hyde mag durch die vielen Carries in Sachen Effizienz benachteiligt gewesen sein, aber der Unterschied zu den Kollegen ist eklatant. In Cleveland scheint die Nick-Chubb Zeit angebrochen – angesichts seiner Effektivität in zugegeben kleiner Testmenge Zeit für Vorfreude.

Hyde in Jacksonville macht mir Angst. Es riecht nach noch mehr 1st-Down Carries in die Mauer und nach endgültigem Offense-Kollaps bei vielen langen 3rd Downs.

WR Amari Cooper: Raiders -> Cowboys (1st Rounder)

Der auffälligste Trade dieser Woche – und einer mit Ansage: Cooper, 1st-Rounder von 2015, galt seit letztem Sonntag als mögliche Trade-Ware. Raiders-Coach Jon Gruden gibt damit auch endgültig seine Gedanken zum Kader in Oakland preis: Er hält ihn für Bullshit. Gruden, mit 10-Jahresvertrag ausgestattet, denkt ganz offensichtlich nicht in Dimensionen „2018-2019“, sondern über 2020 hinaus. Er hält den aktuellen Kader für nicht wettbewerbsfähig. Dafür verkaufte Gruden kurz vor Saisonbeginn bereits Star-DE Khalil Mack, der – so Grudens Denke – eh nicht mehr auf der Höhe ist, wenn die Las Vegas Raiders 2021 endlich dort sind, wo er sie haben möchte (er ist dann 30).

Oakland verliert mit Cooper einen Spieler, der seit zwei Jahren nix mehr gerissen hat, der jedoch als Rookie durchaus herausragende Zahlen geliefert hatte. Doch das ist 3 Jahre her. Dafür haben die Raiders nun gleich drei 1st Rounder im Draft 2019 (eigenen, Cooper + Mack) und zwei weitere 2020 (eigenen + Mack2).

Aus Dallas-Sicht ist der Trade ein Eingeständnis organisatorischer Inkompetenz: Man hat schlicht keinen wettbewerbsfähigen WR-Corp auf die Beine gestellt. Das wussten wir schon vor Saisonstart – der Hauptgrund, wieso ich Dallas eher negativ gesehen hatte. Mit einem Trio Hurns/Beasley/Thompson kommst du selbst im passgewaltigen 2018 nicht weit. Entsprechend verloren sah QB Prescott über weite Strecken aus.

Nun einen 1st-Rounder für einen zwar hinlänglich als talentiert bekannten, aber seit Jahren höchst wechselhaften Receiver hinzublättern – noch dazu einen Receiver, der schon nächstes Jahr unter der 5th-Year Tag spielen wird – ist ein höchst fragwürdiger Move.

Aber aus Dallas ist man sowas gewohnt. Jerry Jones blätterte zu meinen Anfangszeiten im Football mal gleich zwei 1st-Rounder für den bestenfalls mittelmäßigen WR Joey Galloway hin. Und Jerrys überambitionierter Mega-Trade für WR Roy Williams (3 Picks, inkl. 1st-Rounder) war der einzige Lichtblick in der legendären 0-16 Saison der Detroit Lions 2008.

Das durchschnittliche der vier Galloway-Jahre in Dallas sah 53 Catches für 590 Yards und 3 TD, Williams beendete seine Cowboys-Karriere mit 1324 Receiving-Yards und 13 TD in zweieinhalb Jahren.

DT Damon Harrison: Jets -> Lions (5th Rounder)

Teil 1 des Giants-Ausverkaufs: „Snacks“ Harrison für erstaunlich billige Kohle nach Detroit. Harrison spielte die letzten 7 Jahre in New York, erst bei den Jets, dann bei den Giants. Er gilt als mäßiger Passrusher, aber als hervorragender Run-Defender.

Detroit rangiert in der laufenden Saison als #20 nach Defensive Run-Success Rate halbwegs im Mittelfeld der NFL, doch nach aufgegebenen EPA ist man nur die #30 von 32 Mannschaften. Vor allem über die Right-Guard Position – ein vom Defensive Tackle kontrolliertes Gap – waren die Lions verwundbar. Über diese Seite war New Yorks Run-Defense (mit Harrison) doch wesentlich besser unterwegs:

Detroit-Giants-Run-Defense-Woche-7

Und: Harrison hatte in der laufenden Saison schon 16 Defensive-Stops gegen den Run (also Tackles für negative EPA). Detroits bester Mann war bislang A’Shawn Robinson mit 14.

Warum nur 5th-Rounder? Erklärung 1: Salary-Cap. Die Giants sparen durch den Harrison-Verkauf in dieser Saison 4.6 Mio an Cap-Space, was angesichts des anstehenden Umbaus 2019 gut bekommt. Erklärung 2: Run-Defense ist zwar nicht völlig irrelevant, aber im Vergleich zur Pass-Defense der wesentlich (!!) unbedeutendere Teil der Verteidigung. Eine gegenwärtige NFL-Verteidigung sollte nicht mehr dafür gebaut sein, den gegnerischen Lauf zu stoppen.

Insofern hoffe ich als Lions-Anhänger, dass Harrison vor allem dann zum Einsatz kommt, wenn man sehr eindeutig mit einem Lauf rechnen muss, denn als Passrusher bringt Harrison kaum Wert.

CB Eli Apple: Giants -> Saints (4th Rounder 2019, 7th Rounder 2020)

 

Und nochmal die Giants hinterm Tresen – und diesmal ist es weniger ein Salary-Move, sondern wohl mehr Selbstaufgabe: Man hatte einfach kein Vertrauen mehr auf den faulen Apfel.

 

Aus Saints-Sicht gefällt mir die Idee eines Apple-Einkaufs durchaus – vor allem zu diesem niedrigen Preis: Apple war 2016 ein 1st-Rounder Cornerback und galt als Rookie dann auch als relative Sensation. Er birgt also Potenzial, vor allem gepaart mit seinem alten College-Teamkollegen CB Marshon Lattimore, der 2017 eine hervorragende Saison spielte, aber in dieser Saison der einzige Saints-CB von Format war.

Die Saints haben bislang eine der schlechtesten Pass-Defenses in der NFL. Sie kassieren
7.8 NY/A (#30 der Liga) und fangen nur in 0.9% der gegnerischen Pässe eine Interception. Lattimore wie Kollege Ken Crawley waren bislang eher bescheiden unterwegs – vor allem Crawley als CB2 war ein Desaster:

  • Targets: Lattimore 27, Crawley 37
  • Yds/Pass: Lattimore 9.9 (#53), Crawley 12.6 (#60)
  • Defensive Success-Rate: Lattimore 52% (#29), Crawley 30% (#61)

Apple spielt keine überragende Saison, aber mit 7.4 Yards/Target und 48% Defensive Success-Rate stellt er sich doch deutlich besser als an als Crawley und sollte ein Upgrade sein.

New Orleans manifestiert damit seine Idee vom „Win Now“ Modus: Im Prinzip läuft die Saints-Draftklasse von 2019 bereits heuer über das Feld: Der 1st-Rounder wurde via Trade für DE Davenport ausgegeben, der 3rd Rounder für QB Teddy Bridgewater, nun der 4th Rounder für Apple. Im Idealfall stellt Apple einen verlässlichen Counterpart als CB2 in der Saints-Defense. Im Worst-Case opferten die Saints einen Mid-Round Pick für einen charakterlich schwierigen Backup, der unter der Rookie-Wage fast nichts kostet.

Die Giants dagegen sind längst im Modus 2019. Die laufende Saison ist mit 1-6 für die Grütze (was niemand ahnen konnte) und der der Analytics-Bewegung extrem unaufgeschlossene GM David Gettleman sieht langsam die Felle davonschwimmen. Nur noch leise Worte mehr von wegen „es war richtig, in der besten QB-Klasse seit Jahren an #2 einen Runningback zu draften, denn toughes Running Game ist noch immer entscheidend“.

Weitere Trading-Kandidaten in New York sind offenbar DE Vernon und CB Jenkins, wobei Jenkins mit seinem Vertrag deutlich einfacher zum Verkaufen sein sollte.


Theoretisch könnten auch aus anderen Mannschaften noch einiges an Trades folgen – auch, weil man im bestehenden CBA zukünftige Contract-Guarantees an den Käufer weiterreichen kann.

Cardinals-CB Patrick Peterson wurde oft genannt, soll sich in Glendale aber mit den Verantwortlichen ausgesprochen haben und bleiben. In Oakland soll FS Karl Joseph auf der Kippe stehen. Einen Trade, den ich favorisieren würde: WR Golden Tate aus Detroit: Hat auslaufenden Vertrag, wird teuer zum Verlängern und ist jenseits der 30. Vielleicht können die Lions einer anderen Mannschaft einen 3rd-Rounder für Tate abluchsen, nachdem sie eh nicht viel zum Verlieren in der 2018er Saison haben.

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3 Kommentare zu “NFL Kaufe-und-verkaufe-Spiel in der Analyse

  1. Moin, gute Analyse.
    Schau immer gerne hier vorbei, auch wenn’s manchmal schon sehr in die Tiefe geht. Aber früher oder später steige ich auch da dahinter.
    🙂
    P.s. Schau mal bitte die Überschrift zum Harrison Trade an, da is glaub ich was schief gelaufen.

  2. Der Cooper Trade ist für mich die erste nachvollziehbare Aktion von Gruden in Oakland. Mittlerweile gibt es ja gar keine Position in Oakland mehr die in NFL Qualität besetzt ist, von daher ist für mich fraglich ob ein Rebuild bis 2020 möglich scheint bzw. Gruden tatsächlich soviele Jahre Zeit erhält (auch wenn sein Vertrag angeblich voll garantiert ist). Als GM und Owner hätte ich aufgrund der vielen „wenn“ ziemliche Bauchschmerzen.

  3. Pingback: NFL Power Ranking – Woche 8 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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