College Football 2018 vor dem November

Woche 9 ist geschlagen. Sie sortierte einige Playoff-Träumer endgültig aus. Übrig bleibt ein Feld, das viele als langweilig bezeichnen – doch so langweilig ist das Rennen gar nicht. Vielmehr haben wir noch immer relativ viele Wege vorgezeichnet – und wir haben noch gar nicht in Betracht gezogen, dass es fast immer zu wenigstens einem echte Upset kommt.

Cocktail-Party

Kein Upset erlebte am Samstag #7 Georgia, das den Lokalrivalen #9 Florida in Jacksonville deutlich 36-17 plättete. Die Partie war dabei relativ lange auf dem Score-Sheet offen, doch am Ende setzte sich die physische Überlegenheit von Georgia durch. QB Fromm lieferte eine fehlerfreie Partie (17/24, 3 TD) und das RB-Duo Swift/Holyfield walzte sich zu 175 Yards in 32 Carries durch die am Ende müde gespielte Gators-Defense.

Doch nicht alles ist gut im Georgia-Land: Der Passrush war eher mau, die Run-Defense sieht nach wie vor wackelig aus, und spätestens sobald ein Quarterback vom Schlage Tagovailoa kommt, riskiert die Secondary, auseinandergenommen zu werden. Und dann kommt diese bizarre Offense-Sequenz, als Georgia nach einem Florida-Fumble an der eigenen 1 Yards Line (!) ein 1st & Goal von der 1 bekam und folgendes fabrizierte:

  • 1st Down: RB Holyfield in die Mauer (Offside Florida)
  • 1st Down Replay: RB Holyfield in die Mauer
  • 2nd Down: RB Swift für -1 Yard
  • 3rd Down: Pass in die Endzone, incomplete. Refs pfeifen eine DPI, die UF-Coach Mullen in Rage versetzt
  • 1st Down: QB-Sneak für nada
  • 2nd Down: QB-Sneak, wieder nada
  • 3rd Down: RB Holyfield für 0 Yards an die 1
  • 4th Down: Fieldgoal

Es war eine der wenigen Situationen, in denen ich ein Fieldgoal beim 4th&1 an der gegnerischen 1 nachvollziehen kann: Sieben Snaps, null Yards.

Top-10 Teams

Noch dominanter war die unmittelbare Konkurrenz: #2 Clemson (furioser 59-10 Kantersieg bei FSU), #3 Notre Dame (lockeres 44-22 gegen die Navy) und #8 Oklahoma (51-14 gegen K-State) hielten sich schadlos.

Weitere One-Loss Teams, die im Soll blieben: #12 Kentucky (15-14 gegen Mizzou) und #14 Washington State (41-38 gegen #24 Stanford).

Dafür verabschiedete sich #6 Texas aus der Reihe der Playoff-Anwärter: Texas verlor 35-38 bei Oklahoma State – eine Partie, die in Headcoach Tom Herman den Longhorn-Bullen reizte – so sehr, dass man dem Mann zu einem Wochenendkurs in Anger-Management raten möchte. Gegenüber Mike Gundy kommentierte das emotionale Finish und die vielen Zwitschereien im Anschluss furztrocken:

Etwas Klarheit für das Playoff-Rennen

Wer im College Football schon vor Beginn des Chaosmonats November zu viel ob der Playoff-Szenarien spekuliert, riskiert, sich hinterher bloßstellen lassen zu müssen. Aber wir sind hier auf einem Blog. Spekulieren gehört zu unserem Job. Also: Stand heute würde ich nur noch die Top-8 im AP-Ranking (das erste Ranking des Playoff-Komitees kommt heute) mit ernsthaften Playoff-Ambitionen führen.

#1 Alabama (8-0)
#2 Clemson (8-0)
#3 Notre Dame (8-0)
#4 LSU (7-1)
#5 Michigan (7-1)
#6 Georgia (7-1)
#7 Oklahoma (7-1)
#8 Ohio State (7-1)

#9 UCF (7-0) wird auch dann keine Chance haben, wenn es tatsächlich zum zweiten Mal in Folge ohne Niederlage durchkommen sollte. #11 Kentucky (7-1) hat genau dann eine Chance, wenn es gegen Georgia und im SEC-Finale gegen Alabama/LSU gewinnt – also keine.

#10 Washington State (7-1)? Selbst als möglicher 12-1 Pac-12 Champ fehlt den Cougars vermutlich jegliches Spielplan-Argument, das für eine Playoff-Einladung nötig ist. Über ihre alle Argumente diskutieren wir – wenn überhaupt – in ein paar Wochen.

Bleiben also die Big-8. Sie bestehen aus 3x SEC, 2x Big Ten sowie je einmal ACC, Big 12 und aus dem Independent Notre Dame.

Es ist ausgeschlossen, dass beide Big-Ten Vertreter in die Playoffs kommen, aber recht wahrscheinlich, dass es einer schafft (der Sieger aus Michigan vs. Ohio State am 24.11.).

Es ist ausgeschlossen, dass alle drei SEC-Teams in die Playoffs kommen. Aber fast sicher, dass mindestens eine, vielleicht erneut gar zwei, SEC-Truppen in die Playoffs kommen.

Clemson und Notre Dame haben beide eine hervorragende Chance, weil sie noch ungeschlagen sind und einen machbaren Schedule vor der Brust haben. Vor allem bei Clemson nicht auszuschließen, dass sie sogar mit einer Niederlage eingeladen werden.

Für Oklahoma sehe ich nur noch eine Außenseiterchance, selbst wenn sie mit 12-1 Bilanz die Big 12 gewinnen – zu gering wird die Big 12 geschätzt.

Schauen wir uns die einzelnen Teams also genauer an – dabei weise ich jeweils die Playoff-Wahrscheinlichkeit von ESPN sowie die Qualität der Mannschaften im ESPN Football-Power Index (FPI), der sowas wie die „wahre Stärke“ simulieren will, aus.

Die relativ sicheren Tüten

Clemson (#2 FPI, 93% Playoff-Chance)

  • Louisville (#93 FPI)
  • @Boston College (#30 FPI)
  • Duke (#38 FPI)
  • South Carolina (#35 FPI)
  • Evtl. ACC-Finale

Clemson hat noch nicht verloren, dafür noch drei Heimspiele gegen Durchschnittstruppen vor sich. Im ACC-Finale wartet im schlimmsten Fall ein Team, das um Platz 40 im FPI klassiert ist (Virginia Tech z.B. #45). Clemson wird also in keinem Fall mit einem hochwertigen Schedule prahlen können. Doch 13-0 reicht in jedem Fall.

Möglich ist sogar, dass man mit 12-1 in die Playoffs kommt. Die ACC ist noch immer eine Power-Conference und Clemson hat in den letzten 3 Jahren ausreichend Bonus gesammelt um sich den in den USA so oft betitelten benefit of doubt zu verdienen.

Notre Dame (#8 FPI, 66% Playoff-Chance)

  • Northwestern (#43 FPI)
  • FSU (#57 FPI)
  • Syracuse (#40 FPI)
  • @USC (#41 FPI)

Über Notre Dame schrieb ich schon im Sommer: Starkes Team, aber brutaler Schedule. Wie sich herausgestellt hat, war der Spielplan gar nicht so schwierig, aber mit Michigan hat man ein Top-5 Team geschlagen. Eine 12-0 Saison ist in Reichweite, und man hat kein lästiges Conference-Finale zu bestreiten, das die Party nur noch versauen kann.

Das SEC-Trio

Alabama (#1 FPI, 82% Playoff-Chance)

  • @LSU (#10 FPI)
  • Mississippi State (#15 FPI)
  • The Citadel (FCS)
  • Auburn (#18 FPI)
  • Evtl. SEC-Finale

Georgia (#3 FPI, 43% Playoff-Chance)

  • @Kentucky (#28 FPI)
  • Auburn (#18 FPI)
  • UMass (#107 FPI)
  • Georgia Tech (#37 FPI)
  • Evtl. SEC-Finale

LSU (#10 FPI, 12% Playoff-Chance)

  • Alabama (#1 FPI)
  • @Arkansas (#82 FPI)
  • Rice (#130 FPI)
  • @Texas A&M (#17 FPI)
  • Evtl. SEC-Finale

Das Trio infernale in der SEC. Alabama hat den Vorteil des ungeschlagenen Records und kann sich damit qua Record, aber auch qua seines Status als Dynastie am ehesten eine Niederlage erlauben.

Am Samstag spielt Alabama bei LSU – es ist quasi das „Endspiel“ um den Gewinn der SEC West und somit die Qualifikation für das SEC-Finale. Gewinnt Alabama, ist es praktisch durch. Alabama hat mit Mississippi State und Auburn im Nachgang noch zwei Gegner mit jeweils 2-3 Bilanz in der SEC, aber beide sind für den FPI noch immer qualitativ Top-20 Teams. Es sind also keine „Cup-Cakes“ – doch Alabama ist trotzdem gegen beide klar favorisiert (15-17 Punkte).

Der kniffligste Fall tritt dann ein, wenn ein ungeschlagenes Alabama in einem SEC-Finale gegen ein One-Loss Georgia spielen sollte – und verliert. Georgia mag vor ein paar Wochen von LSU auf die Rübe bekommen haben. Für den FPI ist es aber noch immer das drittbeste Team im College Football.

Georgia hat sein SEC-Finalticket noch nicht in der Tasche – es muss am Samstag nach Kentucky, das ebenso erst eine Niederlage auf dem Konto hat. Doch Georgia reist mit 81% Sieg-Wahrscheinlichkeit an, ist also klarer Favorit. Ein Sieg, und dem SEC-Finale steht nichts im Wege. Als sicher gilt: Will Georgia in die Playoffs, wird es vermutlich einen Sieg über Alabama im SEC-Finale brauchen, da Georgia als 11-2 Team ohne Conference-Titel schlechte Karten hat.

Wenn hingegen LSU in die Playoffs will, muss es auf dem Weg dorthin wohl Alabama und noch einmal Georgia schlagen. Das ist der Hauptgrund, wieso ESPN für LSU nur eine 12%ige Playoffchance sieht. Doch auch qualitativ sieht der FPI Louisiana State als #10 noch nicht ganz im obersten Echolon angekommen.

Also: Alabama ist mit 13-0 fix drin, mit einer vagen Chance bei 12-1 (oder aber auch 11-1 ohne Conference-Titel). Georgia und LSU sind nur dann dabei, wenn sie mit 12-1 die Conference gewinnen.

Big Ten

Michigan (#5 FPI, 36% Playoff-Chance)

  • Penn State (#7 FPI)
  • @Rutgers (#108)
  • Indiana (#62 FPI)
  • @Ohio State (#6 FPI)

Ohio State (#6 FPI, 25% Playoff-Chance)

  • Nebraska (#64 FPI)
  • @Michigan State (#21 FPI)
  • @Maryland (#47 FPI)
  • Michigan (#5 FPI)
  • Big Ten Finale

Für sich gesehen haben sowohl Michigan als auch Ohio State Stand heute eher geringe Playoff-Aussicht. Aber weil diese geringen Quoten vor allem dadurch genährt werden, dass diese beiden fast ebenbürtigen Mannschaften noch gegeneinander spielen müssen und dass sie hernach im Big-Ten Finale wohl nur gegen einen Sparringspartner (Northwestern aktuelle #43 nach FPI) spielen müssen, ist es extrem wahrscheinlich, dass es eine der beiden Mannschaften in die Playoffs schafft.

Voraussetzung: Sie dürfen sich abseits des direkten Duells keine weitere Niederlage erlauben, sonst bricht Chaos aus. Mit Penn State hat Michigan noch eine Prüfung, allerdings zuhause. Ohio State dagegen muss noch auswärts bei Michigan State ran, das eine hervorragende Run-Defense besitzt. Ohio State muss darüber hinaus gegen den „Urban Meyer Faktor“ ankämpfen: Will das Komitee einen Meyer in den Playoffs vermitteln?

Am Schulhofeck

Oklahoma (#4 FPI, 33% Playoff-Chance)

  • @Texas Tech (#19 FPI)
  • Oklahoma State (#32 FPI)
  • Kansas (#86 FPI)
  • @West Virginia (#13 FPI)
  • Evtl. Big 12 Finale

Oklahoma ist das Zünglein an der Waage: Mit 7-1 Bilanz ist man zur 12-1 Endbilanz verdammt – ein durchaus denkbares Ziel, auch wenn Texas Tech und West Virginia bessere Gegner darstellen als man vermuten würde.

Doch selbst mit „Win Out“ ist Oklahoma keine sichere Wette – zu groß ist die Skepsis der Eliten gegenüber der Big-12 Conference, deren Offensivfeuerwerke man in den Vereinigten Staaten noch nicht als „richtigen Football“ akzeptiert hat.

Dass die NFL mittlerweile wie eine Profi-Version der Big-12 aussieht? Wird 2022 der Letzte akzeptiert haben. Aber wir sind noch in 2018.

Und so braucht Oklahoma wohl Ausrutscher von mehr als einer oben genannten Mannschaft. Hätte ein 12-1 Oklahoma gegen ein 12-1 Clemson eine Chance? Möglich. Aber gegen ein 11-1 Notre Dame, das Michigan geschlagen hat? Vielleicht gegen ein 11-2 Georgia?

Diesen Samstag…

…geht bereits die Post ab. Nicht bloß spielen die Teams eine Stunde früher als gewohnt (also bereits ab 17h, 20h30 usw.), sondern sie spielen auch in etlichen direkten Duellen gegeneinander:

  • #11 Kentucky vs. #6 Georgia (20h30, CBS)
  • #15 Texas vs. #12 West Virginia (20h30, FOX)
  • #5 Michigan vs. #14 Penn State (20h45, ESPN)
  • Northwestern vs. #3 Notre Dame (0h15, ESPN)
  • #4 LSU vs. #1 Alabama (1h, ESPN)
  • Texas Tech vs. #7 Oklahoma (1h, ESPN)

Das wird eine Schicht, in der sie wie die Höllenhunde aufeinander losgelassen werden. Und hinterher wird mindestens einer der Playoff-Anwärter aussortiert sein.

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2 Kommentare zu “College Football 2018 vor dem November

  1. Tolle Arbeit bei dem Stand der Dinge @korsakoff
    Habe es auch schon geschrieben, die 9.Woche war das Vorspiel auf diese Runde der „Höllenhunde“.

    Werde wohl erst bei 11 Kentucky vs. 6 Georgia einsteigen, dass möglicherweise holprig wird, da Kentucky nicht gerade viele Punkte zulässt.
    Georgia bleibt Wackelkandidat, hat noch das Derby gegen Georgia Tech – vielleicht doch die Chance für Oklahoma im PO.

    Northwestern vs. 3 Notre Dame muss auch zuerst gespielt sein, mir scheint, die Wildcats haben gerade einen Lauf und braucht nicht extra motiviert werden.
    Bin gespannt was uns erwartet, hoffentlich bei dem ein und anderen Game knapp mit dramatischen Schlusszenen.

  2. Washington State an 8, Kentucky an 9, Ohio State an 10. Das Komitee scheint Wazzus knappe und kontroverse Niederlage bei USC nicht allzu stark zu gewichten. Damit haben die Cougars eine Außenseiterchance, wenn sie 12-1 gehen und die PAC-12 gewinnen, aber auf Schützenhilfe dürfte WSU trotzdem noch angewiesen sein.

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