Date mit der Vergangenheit – Woche 11

Date am Donnerstag heute mit einer Partie, die man unter „Flashback“ verkaufen kann: Seattle Seahawks (4-5) vs. Green Bay Packers (4-4-1).

Flashback zum einen, weil diese beiden Mannschaften mit dem „Fail-Mary“ Spiel 2012 sowie dem NFC-Championship Game 2014/15 (bis heute der meistkommentierte Blogeintrag auf dieser Seite) zwei All-Timer geliefert haben, die zu den markantesten Spieler unserer Dekade zählen.

Die Fail-Mary beendete den Referee-Lockout – den Schiedsrichterstreik, der die NFL wochenlang in Atem gehalten hatte und das Produkt „NFL“ ins Lächerliche zu ziehen drohte, weil die milliardenschwere NFL keine adäquaten Gehälter für ihre Spielleiter zahlen wollte. Das Bild, wie der eine Schiedsrichter Touchdown und der andere Touchback anzeigt, ist einer der ikonischen NFL-Momente unserer Zeit.

Das Fail-Mary Spiel war gleichzeitig das „Coming-Out“ der Seattle Seahawks, einer bis dahin Jahrzehnte lang im Mittelmaß siechenden Franchise. Wenige Monate später prügelte Seattle der NFC in den Playoffs einen gehörigen Schrecken ein – ein Schrecken, der ein Jahr später zum Superbowl-Sieg führte.

Gleichzeitig markiert das NFC-Finale ein weiteres Jahr später den Anfang vom Ende für die Blütezeit beider Mannschaften. Es war die Partie, die Mike McCarthy im Alleingang verschenkte – weil er nicht den Mut hatte, mit dem besten Quarterback der Liga seine Drives zu Ende zu spielen und am Ende fulminant dafür bestraft wurde.

Jenes NFC-Finale ist noch heute eines der Spiele, bei denen mir bei allen leuchtenden Momenten, die es produziert, gleichzeitig die Galle hochkommt. Sicher ist: Game-Management ist nicht die einzige Aufgabe eines Head Coaches, und wir sprechen bei einigen Mathletics-Konzepten tatsächlich von Dingen, die kein Mensch (auch kein Statistiker) intuitiv erfassen kann.

Doch gleich mehrmals an der gegnerischen 1 ein Fieldgoal zu schießen, war schon im Jänner 2015 blanker Wahnsinn. Leider ist bei mir dieser Tag der erste, der mir beim Gedanken an die Wörter „Mikeund  McCarthy“ in Erinnerung gerufen wird. Nicht die revolutionäre Packers-Offense von 2009 oder 2010, die unter dem Motto „bessere Protection erreichst du nicht mit mehr Blockern, sondern mit mehr Anspielstationen“ mit ihren 4WR-Konzepten die NFL über Jahre an die Wand spielte.


Aber die Partie ist auch Flashback, wenn wir heute auf das Spielfeld schauen. Denn sowohl die komplett auf Running-Game basierende Seahawks-Offense als auch die völlig statische Packers-Offense schauen in Zeiten von Jet-Sweep und Orbit-Motion wie Relikte aus einer vergangenen Zeit aus.

Sowohl Seahawks-OC Brian Schottenheimer als auch Packers-Playcaller McCarthy sind Fossile, die seit Jahren nichts mehr zu Entwicklung des Footballsports beigetragen haben. Wir sehen heute noch einmal Football aus der Vergangenheit.

Es ist auch eine Nacht des nahenden Abschieds: Sowohl McCarthy als auch Hawks-Coach Pete Carroll könnten ihre Mannschaften am Ende der Saison verlassen – durch Eigeninitiative (Carroll ist 67) oder Fremdeinwirken (McCarthy droht die Entlassung).

Was uns noch immer bleibt: Die fantastischen Individualtalente auf Quarterback: Sowohl Russell Wilson als auch Aaron Rodgers haben die 2010er Jahre entscheidend geprägt. Nicht bloß haben beide eine Superbowl gewonnen. Sie haben die Ästhetik der Quarterback-Position verändert. Beide sind erstklassige Läufer, beide haben die Tendenz, Spielzüge in die Länge zu ziehen und bei Broken-Plays so richtig aufzublühen.

Zwei Goodies für heute

Green Bays Defense ist am schwächsten, wenn sie 21-Personnel verteidigen muss: In immerhin 53 Spielzügen diese Saison hatten die Packers gegen diese Formation nur 35% Defensive Pass-Success Rate und kassierten 13.7 NY/A gegen den Pass. Gegen den Lauf? 43% Success-Rate und 5.0 YPC. Problem für die Seahawks: Sie spielen kaum aus 21-Personnel: Nur 27 Snaps. Wird Schottenheimer diesen potenziellen Vorteil erkennen?

Spannend wird auch, wie viel Mike McCarthy aus 11-Personnel laufen und werfen lassen wird. McCarthy tendiert mit 3WR am Feld, extrem oft zu werfen – nicht gänzlich erfolglos (51% Pass-SR, 7.9 NY/A), doch das Laufspiel ist ein heimlicher Winner in dieser Situation: 60% Success-Rate und 5.0 YPC. Seattles Defense hat durchaus Schwächen in der Verteidigung von Laufspiel aus 11-Personnel.

Ich plädiere vor allem dafür, dass McCarthy in kürzeren Yardage-Situationen nicht aus Heavy-Personnel, sondern aus 3WR-Formationen laufen lässt um die Matchup-Vorteile seiner Offense zu nutzen. Eine Entscheidungshilfe lieferte in den letzten Wochen RB Aaron Jones mit hervorragenden Carries – haben die Trainer hingeschaut?

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8 Kommentare zu “Date mit der Vergangenheit – Woche 11

  1. Wie realistisch ist ein McCarthy-Exit am Black Monday denn nun wirklich? Langsam glaube ich nimmer dran, nur weil eine Saison unter den Erwartungen läuft und manche Pundits es herbeischreiben. Die Ansprüche seitens des Packers-CEO Murphy wirken gering („Playoffs are enough“) und er wäre der einzige der MM sacken könnte – GM Gutekunst kann das ob der teaminternen Hierarchie gar nicht.

    Außerdem: sollte man das heutige Matchup gewinnen scheint mir am Ende ein 10-5-1 und eine NFC-WC für GB machbar.

  2. McCarthys Entlassung steht zumindest schon seit längerer Zeit im Raum, nicht nur erst seit dieser Saison. Nachdem man letzte Saison schon die Playoffs verpasste und die Aussichten in diesem Jahr ähnlich rosig sind, dürften auch die vermeintlich geringen Ansprüche nicht wirklich erfüllt sein.

    Viel mehr sind es aus meiner Sicht aber die anderen Umstände, die das Problem ausmachen; im Artikel wurde ja schon die statische Offense angesprochen, die man nun bereits seit mindestens 2 Jahren erkennen kann. Gleichzeitig hat man einen der großen QBs unserer Zeit, dessen Prime man scheinbar völlig verschwenden möchte und einen fähigen RB mit einem average in der Top 3 der NFL, den man die meiste Zeit und vor allem in wichtigen Situationen auf der Bank lässt.

    Ich will Rodgers nicht aus der Gleichung rausnehmen, auch er ist nicht mehr in Bestform und zeigt Leistungen, die man pre-2016 nicht von ihm kannte. Aber MM ist ein großer Teil des Problems und aus meiner Sicht der einzige Impuls, den man der Franchise in absehbarer Zeit geben kann, um mit Rodgers nochmal Richtung Superbowl zu steuern. Vielleicht hilft in dieser Hinsicht ja auch die Erfahrung aus der Abkehr von Dom Capers, die zumindest einen halbwegs vielversprechenden Relaunch der Defense mit jungen Spielern relativ erfolgreich eingeläutet hat.

  3. @euterpe: Auf das reine Ergebnis zu schauen, wäre kurzsichtig. Jeder sieht, dass Green Bay die gleichen Probleme seit Jahren mit sich schleppt. Jeder sieht, in welche Richtung andernorts die Post abgeht.

    Als Anhänger der Lions wäre ich von McCarthys Weiterbeschäftigung angetan. Als Football-Fan bestimmt nicht.

  4. Wenn das die Situation ist wo GB nur noch 1 TO, dann verstehe ich warum sie keine Flagge geworfen haben. Wobei das TO Management auch nicht gut war in Hälfte Zwei.

    Dachte das ganze Spiel über das Seattle das nicht für 2 gehen nach dem TD auf die Füße fällt, da es so ein 4 Punkte und kein 3 Punkte Spiel war. Ist es aber nicht.

    Und ohne den Fumble im ersten Spielzug hätte GB gar keine Chance gehabt in die Nähe eines Sieges zu kommen.
    Wobei der letzte Punt bei 4&2 auch fragwürdig war.

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